Im Südosten des Landes stand ein uraltes Rumpfgebirge. Flach gewölbt war es, vom Wasser und Regen bis auf den Sockel zerstört. Senkte seine Oberfläche nach Westen unter die weiten eingeebneten Beckenlandschaften. Vulkane hatten die alten granitischen Massen durchbrochen. Dies war die Hebung der Cevennen, das Hochland der Auvergne, Fores, Lyonnes. Bergströme durchbrausten die welligen Plateaus, enge Felstäler, Basalt- und Trachytkegel, Lager von Schlacken Aschen. Ein Krater senkte sich hundert Meter ein. Von den Gletschern des Gotthard kam die Rhone herunter. Gießbäche verstärkten sie. Sie jagte durch Engpässe, tauchte ihr schlammiges Wasser in den sichelförmigen Genfer See. Tiefblau trat sie aus dem Becken. Und wie sie den Jura durchbrochen hatte, kam ihr von Norden die sanfte Saone entgegen. Wasser mischten sie mit Wasser, rollten nach Süden. Breiter und breiter strömte der Fluß durch die lavendel- und myrtenduftende Ebene. Die Nachbarländer schickten ihm neue Wasser zu. Noch einmal traten die Felsen der Alpen, die ihn erzeugt hatten, an seine Ufer. Dann öffnete sich das Stromtal. Versumpfende Ufer. Rollkiesel über dem flachen Bett. Kieselfelder bis zum Meeresgestade, ödes Deltaland. Die trägen Wasser schwollen verendeten im Meer.
Garonne, der wasserwälzende Strom im Westen durch das Schwemmland, zwischen sanften Hügeln und Weinbergen. Weiß blau rosa schimmernd im Süden die Ketten der Pyrenäen. An der atlantischen Küste warf der Wind einen Wall auf, die Landes; nahm Sand von der spanischen Küste, die das Meer zernagte, häufte sie zu Dünen im Norden.
Wenige Stadtschaften trug das weite Gebiet der beiden südlichen Flußbecken. An den Meeresufern strahlte drohten Marseille und Bordeaux. Toulouse an der Garonne zog seinen schmetternden Kreis. Die Städte stiegen wie die nördlichen mit der Masse ihrer Bewohner in die Tiefe. Auf den Flächen des fruchtbaren Landes nördlich der Pyrenäen, den Schuttablagerungen der Eiszeitgletscher, schlichen Siedler. Die palmen- und orangenbestandene Ebene der Provence bewohnten sie, hielten sich an den Ufern der starken Flüsse.
Noch bevor der Kampf um Grönland beendet war, verließen kleine Scharen der britischen Siedler die Inseln, auf denen man sie ausrotten konnte. Im Norden und um sie herum stiegen die Städte in die Tiefe, da berührten Gruppen der wandernden Schlangen das untere platanenbewachsene Flußtal der Garonne und das fette Weideland. White Baker stieß mit ihren Scharen in das Land, das einmal Melise, die grausame Königin von Bordeaux, beherrscht hatte. In das Becken zwischen den Pyrenäen, dem östlichen Gebirgsmassiv und dem Ozean flossen sie ein. Bewegten sich in den warmen Auen der Charente, unter grünenden Edelkastanien, dunklen Ulmen, den Laubkronen der Nußbäume, auf Wiesen und Rebenrücken. In den Forsten, besonnten Gauen, endlosen verwilderten Getreideflächen verloren sie sich unter die alten halbspanischen und afrikanischen Siedler.
Von den Stadtschaften losgelassen blühten sie im Tal der Charente, um das breite Bett der Garonne. Die Schlangen hatten von der britischen Insel ihre dunklen Lehren von der Wanderung in der Liebesumarmung und Entrückung mitgebracht. Um Perigueux und Bergerac bis zur Mündung der Gironde, wo die schwelgenden Römer Wälle gebaut hatten, bewegten sie sich, zwischen Sanftmut und Überschwang schwankend, Männer und Frauen. Die Finsternisse Nebel kalten Winde Fröste der britischen Insel waren nicht hier. Die Gewalten der Stadtschaften waren verschwunden. Hier war nur der Mistral furchtbar, die schmetternden Gewitter des Frühlings und Sommers, und die Springflut, die vom Ozean in die Mündung der großen Gironde lief und über die Äcker hinschlug. Schlafende Wildnis, Gartenfluren, goldener Ginster, zertrümmerte Straßenzüge. Ab und zu ein Blitz, vor dem sie sich duckten; die Flugzeuge und Wagen der in die Tiefe gesunkenen Stadtschaften, von der Erde rafften sie Sand- und Steinmassen, von den weichen Felsen klöppelten sie Stücke ab, fuhren sie in den Boden für die Mekifabriken. Die am Meer sahen auch die großen Luftfrachter, die regelmäßig täglich die Salze Säuren Steinlasten von Norden hertrugen. Von keinem gehindert siedelten sich die Fremden auf dem reichen Boden an. In Gehöften siedelten sie, auf den gras- und rebenbestandenen Fruchtäckern, den alten Sümpfen und Schwemmland, auf pflanzenbewucherten Bodenanschwellungen, unter dem hochstämmigen Kirschlorbeer, neben wilden dichtzweigigen Akazien, die ihre Blattbüschel über kleine Bäche ausluden.
Und wie die Menschen über den weichen dunstenden Boden gingen, der Wein und die Bodenwürze in sie stiegen, war ihr Drang zueinander nach der langen Entfremdung tief. Es gingen nach den Schlangen mit White Baker Gruppen nach Gruppen flüchtiger Siedler, britischer flandrischer fränkischer jütischer über den Boden, und wurden wie sie ergriffen. Dieses grenzenlos Heutige Frische Sicherneuernde. Jeder Lufthauch erregend sich zu entäußern, umzustülpen.
Servadak saß allein unter einem sattgrünen Kirschlorbeer, der junge noch gelbblasse Mensch, und lockte Light-for-me, Mein-Licht, die Frau, die am Dordogneufer neben ihm siedelte. Ach sie sollte zu ihm kommen. Sie war schon oft mit ihm in das Dickicht gegangen, wo eine heilige Hütte stand, hatte mit ihm die süße Wanderung angetreten. Er lockte immer von neuem, die braune Light-for-me ließ es sich gefallen. Er saß bewegungslos unter dem knorrigen astverschlingenden Kirschlorbeer. Sie lachte zwischen den Erbsenstauden: „Servadak, du sitzt an dem Baum, als wärst du seine Wurzel. Sieh einmal über dich: er wächst schon so grün aus dir.“ „Light-for-me, du hast schon genug gearbeitet.“ „Sieh meine Arme, Servadak, wie dick sie sind. Jeden Tag werden sie dicker. Sie werden noch platzen. Ich freue mich.“ „Für wen tust du so viel.“ „Und wenn ich Kinder bekomme, Servadak, wer wird ihnen zu essen geben.“ „Ich werde sie füttern. Und die andern auch.“ „Ich hab Arme, Servadak, und es sind meine Kinder. Ich sitz’ nicht unter dem Baum. Sieh meine Erbsen an.“ „Komm zu mir, Light-for-me.“ „So sagen auch die Erbsen: komm zu mir. Und meine Hähnchen. Und die Trüffeln.“ „Komm zu mir, Light-for-me. Mein Augenlicht. Meine Weide. Ich sitze nur hier, doch nur für dich, sehe deinen Acker an, bin froh, daß du darüber gehst. Sieh meine Erbsen. Taugen die nichts?“ Sie lachte: „Schlecht sind sie. Rotes Unkraut ist dazwischen. Ich helfe dir nicht, wenn es Schoten gibt.“ „Komm näher.“ „Willst du mit mir in die Hütte gehen? Aber ich will nicht.“ „Nur näher sollst du kommen.“ „Aber was hilft es, Servadak.“ „Mir hilft es. Mir hilft es, wenn du nur einen Schritt näher kommst.“ „Ach, lieber Freund. Ich bin traurig, wenn ich dich sehe. Du bist so blaß. Und wie lange sind wir schon von Bedford weg.“ „Ich bin schon hundert Jahre von Bedford weg. Als ich dich an der Kreideküste im Norden sah, waren die hundert Jahre um. Das war gestern. Oder heute. Heute hab ich dich zum ersten Male gesehen. Eben sehe ich dich zum ersten Male. Komm zu mir, Light-for-me.“ „Ach, was rufst du nur, Servadak. Wenn ich auf mein Erbsenfeld gehe, bist du wie die Drossel da.“ „Aber der Drossel antwortet eine andere.“ „Ich antworte doch auch.“ „Keine Drossel bist du. Nicht antwortest du mir.“ Er streckte einen Arm nach ihr aus. Sie senkte den Kopf an den Stauden, weinte, zupfte an den Stöcken, lief langsam, dann rascher zu ihm, ließ sich von ihm, der vor ihr hinfiel, küssen, küßte ihn sanft auf Mund und Augen.
Er lockte sie wieder am andern Tag, wieder am andern Tag. Zart war sie immer da, braunschwarzes Kräuselhaar, das schlanke Figürchen, immer rege, leicht ermattend, der Blick erst schwach ergeben um Bäume Erden Menschen, täglich mehr wie die Herrin strahlend und offen. Sie trug die strenge Arbeitstracht der britischen Siedler, graue braune lange Jacke, schwarze Frauenhosen, lose, um die Knie und Knöchel gebunden. Als sie sich den bunten Foulard um den Hinterkopf wand, stand er unter dem Kirschlorbeer auf. „Ja, Servadak! Und dir bringe ich etwas. Eine bunte Jacke. Sieh doch, was sie für bunte Jacken tragen.“ „Wer trägt bunte Jacken?“ „Die Schlangen. Die Männer. Viele.“ „Light-for-me, ich bin ja gar keine Schlange.“ Sie erschrak, kam näher: „Sag das nicht, was sagst du. Wir sind es doch alle.“ „Du weißt es selbst.“ „Nein, nicht weiter sprechen. Ich will nicht hören. Mach mir nicht bange.“ „Was willst du mir geben, ein Tuch? Eine Jacke? Wenn du willst, wenn sie von deiner Hand ist, will ich sie tragen.“ „Ich dank dem Himmel, daß du willst. Ach Servadak, steh doch auf von dem Baume: du wirst nicht besser unter dem Baum. Du siehst blaß aus wie wenn du eben aus London gekommen wärst.“ „Hundert Jahre bin ich aus London weg. Es ist nicht wahr, daß ich noch blaß bin. Ich arbeite, sieh meine Reben an, mein Licht.“ „Ich bring’ dir die bunte Jacke.“ „Und komm du!“ Sie war bei ihm. „Was faßt du mich an, Servadak. Sollst deinen Kittel ausziehen. Sieh, das ist grüne Wolle. Gefällt sie dir? Sie ist schön. Ach wirst du aussehen.“ „Ich werde gut aussehen? Zeig. So. Wie sehe ich aus?“ „Gut, gut. Herrlich. Sieh dich doch selbst an.“ „Ich will sie immer tragen.“ „Nein, du darfst mich nicht immer anfassen. Ich muß dich doch betrachten. Bist du nicht schön. Wirst du mit mir morgen singen gehen?“ Und sie führte ihn fröhlich durch seinen Acker, rief die Bohnenranken an, zeigte ihn dem Kirschlorbeer: „Jetzt wird Servadak dir untreu, Lorbeerbaum. Jetzt sitzt er nicht mehr bei dir. Er braucht Licht. Er will sich bewegen. Er muß stolzieren.“ Sie führte ihn auf ihr Feld: „Das ist Servadak. Wie gefällt euch seine bunte Jacke. Ist sie nicht schön wie mein Foulard. Komm, ich setze dir eine frische Bohnenranke an den Hals. Nun Rankchen, was sagst du zu Servadaks Jacke?“ „Gib mir die Ranke her.“ „Laß sie doch an deinem Hals.“ „Ich will sie in meine Hand nehmen. Sie ist von dir. Du hast sie gepflegt. Und wenn sie welk ist, halte ich sie zwischen den Handtellern und bis in meine Schultern hinein lebt sie, nein lebst du.“ Sie drehte aufseufzend den Kopf beiseite. „Was ist, mein Licht.“ „Nenne mich anders.“ „Du bist doch mein Licht.“ „Nenne mich anders. Ich möchte Krokus heißen oder Lüftchen oder – ich bin Majelle, wie ich immer war.“ „Du bist traurig.“ „Ja, du magst meine Ranke nicht, Servadak, magst nichts. Ich nehme sie dir schon ab.“ „Mein Licht.“ „Sag Majelle zu mir. Du magst das Licht doch auch nicht.“ „Oh!“ „Oh. Ja, oh, Servadak, mein Nachtfalter. Oh bist du krank von London.“ „Ich habe so viel, so viel Menschen entbehrt, Majelle. Jetzt habe ich dich. Sei mir nicht gram.“
Die braune Majelle blieb ganz für sich, kein Wort sagte sie bei den großen Zusammenkünften zur Diuwa, der Führerin dieser Gruppe der Schlangen. Oft kam Servadak, lud sie zu der Hütte ein; sie machte glücklich und traurig die Wanderung mit ihm. Wartete, ob er sich verändere. Aber von jeder Wanderung kam er wilder sehnsüchtiger zu ihr. Ihr Acker lag dicht bei Servadaks. Seine Blicke lagen halbe Tage auf den Baumstämmen dem Boden den Schoten Artischockenkraut Gewürzblumen ihres Ackers. Immer wartete sie, ob er die Kräuter Obstbäume ansehe, ob er sich über ihre Hühner freue. Er freute sich, aber sein Lächeln zeigte, er freute sich über sie. Dicht bei ihren Feldern lag ein ruhiger See. Sie schwamm wonnig in dem lauen flachen Wasser, Servadak jauchzte neben ihr; sie ließ sich im Wasser von ihm küssen umschlingen, sah sein glutverzehrtes Gesicht. Sie lief in ihre Hütte, warf sich: „Oh was was was was soll ich tun! Was soll ich tun! Ist er nicht krank. Ich möchte ihm gut sein, er ist schrecklich. Er leidet. Er verschlingt mich. Was soll ich tun.“
Zur Diuwa, der milden glanzäugigen ließ sie sich führen. Die lachte: „Weißt du, Majelle. Ich will dir sagen: du wohnst weit von uns allen entfernt mit deinem Servadak. Würdest du näher wohnen und öfter zu uns kommen, wüßtest du schon: das kommt tausendfach vor. Es ist bei Männern und Frauen nicht sonderbar. Sie sind so froh alle, einer den andern zu haben. Nach so langem Entbehren. Und nun überfroh.“ „Ich bejammere ihn ja, Diuwa. Er arbeitet. Was er muß, arbeitet er. Aber nichts betrachtet er. Er ißt, ohne zu schmecken. Ich habe es gesehen, als er bei mir saß: es hat ihm nichts ausgemacht, ob ich ihm Gurke oder Senf oder gebackene Trüffeln gab. Er schluckt lacht und ist froh.“ „Weil du da bist.“ Majelle weinte: „Ja weil ich da bin. Aber ist er nicht wahnsinnig.“ „Du Kind. So sind viele.“ Majelle weinte: „Hilf mir doch, Diuwa. Er ist gut, Servadak. Er hat grausig in London gelitten. Er kannte nichts als Maschinen und das Spiel und Lungern. Er hat es mir erzählt. Und dann ist er zu uns gekommen. Wie schön konnte es bei uns werden. Und es wird nicht.“ Diuwa hielt die junge Majelle auf dem Schoß, sann: „Eins will ich dir sagen. Als du von London kamst: dies mußt du nicht glauben, daß du allen Schmerz zurückgelassen hast. Majelle. Der Schmerz das Unglück ist nicht nur in London. Das kommt überall mit, wo man den Fuß hinsetzt. Sogar hierher, wo alles weich wie ein Garten Eden ist, hier an der Garonne.“ „Ich fürchte mich vor dem Schmerz nicht.“ „Du könntest Servadak rasch töten, Majelle, wenn du mit ihm in der Hütte bist auf einer Wanderung. Willst du das. Ja. Das haben schon manch andere getan, Mädchen und Männer. Es ist keine Qual. Es ist kaum ein Schritt, du weißt es selbst, zwischen einer Wanderung mit dem Geliebten und dem Hinsterben. Es ist er nicht, dein Freund, dieser Servadak, das stirbt. Wenn er entrückt ist, an deinem Leib sich zurückbiegt, sich fallen läßt, sich verströmt, hat er nicht mehr die Seele Servadaks. Du ersparst ihm nur die Rückkehr. Laß ihn drüben. Jetzt bist du still.“ Lange war Majelle still, auf dem Schoß der Führerin, an ihre Brust verkrochen. Hauchte: „Das kann ich nicht.“ „Ich weiß schon. Weil du dann selbst mit ihm wanderst.“ Geduckt saß Majelle. „Gut, Kind. Wir wollen etwas anderes denken.“ Majelle an ihrer Brust atmete: „Er ist so zart. Mein Nachtfalter; kann ihm nichts tun.“ „Wir denken etwas anderes.“ Majelle umhalste die Frau: „Du bist mir böse, Diuwa.“ „Nicht spielen, lieber Schmetterling. Willst du mir deinen Nachtfalter überlassen?“ „Dir?“ „Vielleicht zähme ich ihn. Vielleicht ist er eine Schlange, eine richtige mit Giftzähnen, und ich muß ihm den Ring vom Fuß nehmen.“ „Soll ich’s tun? Tu ihm nichts. Du hilfst.“
„Servadak, Diuwa läßt dich bitten.“ „Ich gehe nie mehr zu den andern, Majelle, mein Licht. Nie mehr. Willst du mich wegschicken.“ „Sie will dich sehen.“ „Ach, ich darf jetzt zu dir kommen. So lange habe ich an meinem Lorbeerbaum gesessen. Nun bin ich bei dir. Ich weiß, du hast mich verklagt. Majelle, du bist zur Diuwa gegangen und hast um Hilfe gegen mich gebeten. Es tut mir nicht weh. Du hast mich ja vor mir selbst so oft angeklagt. Aber ich kann doch nicht von dir lassen. Ich muß dir ein Geständnis machen meine Hand, mein Hals, mein Kräuselhaar, mein Planet, meine Sonne, meine Erde, meine Nacht, mein Tag. Ich kann dir nur den zehnten Teil sagen von dem, was ich zu dir fühle. Ich wagte es ja auch nicht mehr. Aber ich kann es nicht rückhalten.“ „Drück mich nicht so, Servadak, süßer Servadak.“ „Jetzt schämst du dich, weil du bei der Diuwa meinetwegen warst.“ „Was willst du mir denn sagen, Servadak, süßer Servadak. Du fliegst ja so.“ „Gleich.“ „Warum machst du denn die Augen zu, Servadak, süßer Servadak.“ Er hielt sie auf der Bank fest umklammert, den Kopf neben ihrem Kopf: „Jetzt – mache ich die Augen nicht wieder auf. Nie wieder.“ „Ach tu’s doch. Mach sie doch auf.“ „Nie mehr.“ „Laß mich los, Servadak.“ „Nie mehr.“ „Was soll das.“ „Nichts. Die Gehilfen der Diuwa von den Schlangen werden mich holen. Einmal werden sie mich doch holen. Sie haben schon andere geholt. Ich habe es gehört.“ „So laß mich doch los.“ „Nein, Majelle, ich bin da. Da. Bei dir. Bei deinem blauen und grünen Foulard, komm, ich wickle ihn mir noch um den Hals. Jetzt ist dein Fleisch bei meinem. Sie müssen mich von dir abhacken. Ich habe dich. Hier meine Knie an deinem, mein Kopf an deinem.“ „Mich los, Servadak. Ich ersticke.“ „Ich ersticke dich nicht.“ „Ich falle.“ Und sie stürzten von der Bank, auf die weiche Graserde. „Majelle, süßes Leben, ich weiß alles, was kommt. Es mag recht sein, was kommt, aber ich will es nicht erdulden. Eia, eia, da bist du.“ Er schnaubte, wühlte an ihr. Sie schrie. „Jetzt wirst du schreien, mein Leben.“ „Was habe ich dir getan, Servadak. Ich war immer gut zu dir. Ich habe dir im Garten geholfen. Wie oft bin ich in der Hütte mit dir gewesen.“ „Wenn du da warst, war es gut. Wenn du nicht da warst, war es vorbei. Jetzt ist es gut. Ich habe mich vor Sehnsucht verbrannt. Ich fühle sie fast noch, wo ich dich umschlungen halte. Ich will sie nicht mehr ertragen. Ich kann nicht mehr. Sei gut und ergib dich drein, Majelle, verfluche mich nicht.“ „Ich sterbe, Servadak, in deinen Armen. Du darfst mich hier nicht umarmen. Zerreiß meine Kleider nicht.“ Er stöhnte litt, war im Entzücken begraben: „Der hier bei dir liegt, ist Servadak. Dem nichts geschehen wird. Du kannst ihn töten. Greif nach meinem Gartenmesser, bring mich um. Ich gehe nicht mehr von deinem Hals. Ich bleibe immer hier. Immer. Immer.“ „Hilfe. Wer hilft mir.“ Sie wimmerte nur noch. Dann zog sie mit einem hohen Seufzer die weißen Lippen von den Zähnen hoch. Lag schlaff ohnmächtig.
Nach einer Weile erst merkte der brünstig Verwühlte ihr Verstummen. Er stemmte sich auf, schlug sich ihren leichten Körper über die Schulter, wanderte zu seinem Feld herüber, legte sie in seinem Holzhaus auf das Bett. Wie sie sich aufrichtete. Wie sie um sich blickte. Er lag am Boden, lächelte sie an. „Was ist. Wo liegst du?“ „Bei dir, Majelle.“ Sie sprang auf, ihre Blicke durch den Raum: „Das ist dein Haus.“ „Ja.“ „Du sollst zur Diuwa.“ „Ich sollte. Und statt dessen ist Majelle zu mir gekommen.“ „Nein; ich will gehen.“ „Du bleibst jetzt immer bei mir, Majelle. Immer bleibst du jetzt bei mir.“ „Ich gehe auf mein Feld.“ „Das kannst du. Das wirst du. Es ist auch mein Feld. Dieses Haus ist dein Haus und mein Haus. Hier wohnst du jetzt.“ „Nein.“ „Gewiß wohnst du jetzt hier, Majelle. Ich kann nichts anderes erlauben. Du kannst nicht verlangen, daß ich mich umbringe. Hier habe ich dich. Und behalte dich.“ „Du bist krank.“ „Es kann sein. Ich kann nicht ohne dich leben.“ „Und ich?“ „Du bist Majelle, mein Leben, ein Stück meines Körpers. Jetzt bist du hier und wirst immer bei mir sein. Wie ein Baum und sein Schatten gehören wir zusammen; man kann sie nicht auseinanderreißen.“ Er zitterte, seinen Arm hatte er um ihre Hüfte. Sie wußte nicht, wer er war. Ihr war zum Schreien vor Schmerz. Sie drehte sich zu ihm, legte die Hände auf seinen Kopf, zog sein Gesicht zu sich, küßte es, blickte es an, bettelte klagte schüttelte ihn: „Nun, Servadak! Du bist doch mein Freund. Servadak! Du bist doch mein süßer Stamm unter dem Kirschlorbeer. Komm hin, setz dich da. Ich werde mich neben dich setzen. Du siehst zu mir herüber. Du hörst meine Hühner gackern und rufst ihnen zu. Du wirfst nach den Spatzen mit Steinen, damit sie meine Schoten nicht aufpicken. Der Lindenbaum blüht neben meinem Häuschen. Servadak. Du! So wonnig ist alles.“ „Nur du bist wonnig.“ „Sag das nicht. Hör mich doch. Oh du ängstigst mich so. Du bist doch auch mein Glück.“ „Du bist mein einziges Glück.“
Da schrie sie auf in Entsetzen, so gell, daß er sie ließ und stehen blieb. Sie huschte an die Tür, drehte sich um zu ihm, der sich entgeistert am Bett hielt, lief noch einmal zu ihm. Er murmelte mit dem Blick eines Stiers, der den Todesschlag empfängt: „Nicht weggehen. Oh, Majelle. Nicht weggehen“, und hob keine Hand. Sie rang sich noch ab, wie sie ihn auf das Bett gelegt hatte, er ließ mit sich tun –: „Ich will in mein Haus. Ich komme bald wieder zu dir.“ Und dann ging sie leise, drückte still die Tür ins Schloß, stand horchend an der Tür, stürzte auf ihr Feld. Auf der Wiesenfläche vor ihrem Häuschen warf sie sich zwischen den aufflatternden Hühnern und Tauben hin, beschwor ihren Schmerz stille zu sein, weinte schluchzte sich die Brust müde.
Und dann mußte sie ihr Kopftuch nehmen, ihr Gesicht war rot und dick: „Diuwa, ich bin zu dir gekommen. Ich selber. Servadak, mein Freund, wollte nicht. Ich weiß nicht, was werden soll. Heile ihn. Hilf uns. Mach mit uns, was du willst.“ „Du hast geweint. Was willst du?“ „Ich weiß nicht, was ich will.“ „Nun sitz ganz still. Nicht weinen. Nicht wieder weinen, Majelle, du Feder, du Seide. Bleibe, was du bist. Kennst du den Abenduntergang, Majelle, am Meer, nach der Gironde zu, wo drüben Bordeaux liegt. Da sind gewaltige Farben, schwimmt alles von Gold und Blut, braust und donnert durcheinander. Und das Meer kann nicht stille halten; die ganze Wasserfläche zittert und die Luft; das Glühen, Purpur. Und dann wird es stiller. Dann siehst du von deinem Hügel mit einmal Bäume. Sind Bäume aufgetaucht aus dem Boden; die verborgenen schwarzen Äste gegen den hellen Himmel. Waren vorhin auch da, aber du hast sie nicht gesehen. Und während du hinschaust, wie sie verschnörkelt sind, die dicken Stämme umfaßt, alles schwarz –, bleicht der Himmel. So weißlich leer wird er. Aber auch das scheint nur so, im ersten Augenblick; er ist nicht weiß. Die bläulichen zarten Farben sind schon da, Striche und Dünste wie gehaucht –, ein rötliches Violett, es ist schon ganz ins Weiße aufgelöst, ich sehe es Abend um Abend, wie es vom Meer über uns hingeht. Da stehst du zuletzt und jetzt sind die Bäume ganz da: Die Felder und Hügel liegen vor dir. Dunkel, ins Dunkle eingerundet, und immer tiefer mit uns selbst ins Dunkle einsinkend. Majelle, so kommt man immer zu mir: mit diesem purpurnen und goldenen Glanz. Es gibt keine Felder, keine Bäume, keine Trüffeln Artischocken Erbsen. Man weiß nichts von Hühnern. Nur Purpur Donnern Untergang Tod. Was machen deine Gräser und Schoten, Majelle? Ich bin Diuwa. Wir sind an der Garonne, von London und den britischen Inseln vertrieben.“ „Ich will dir sagen, Diuwa, ich bin so gekränkt, daß ich mich vor mir schäme. Ich bin durch Servadak so beleidigt und entwürdigt. Ich fühl’ es nur, ich weiß fast nicht wodurch. O ich muß mich bezwingen.“ „Es gibt Hühner auf dem Feld. Was machen sie? Sollen sie weglaufen und sterben. Du hattest Artischocken gepflanzt.“ „Und meine Bäume sind gut, und die Tiere sind gut, und der Tag ist gut. Und alles wäre gut und Servadak. Nein“, sie winselte plötzlich, drückte sich an die Frau, die die Augen weit öffnete – „er war gut. Tu ihn weg von mir. Es muß geschehen. Ich kann dir nicht sagen warum. Führ ihn weg. Ich will nicht hassen. Ich verliere mich, euch alle.“ „Aber ich will es tun, Majelle. Ist das nun das Purpur oder das Violett und die Bäume.“ „Wegtun, Diuwa. Meinen süßen Freund, nimm ihn. Ich kann mich nicht halten. Tu es für mich.“
Die Drosseln, die sie beide oft gehört hatten, sangen. Die Tauben flatterten von ihren Plätzen auf. Die Boten der Schlangen traten in Servadaks Haus, der sie schon erwartete. „Nehmt mir den Ring nicht ab“ ächzte er, als sie an seinem Fuß nach dem Schlangenabzeichen griffen. Sie führten ihn nach Westen in eine andere Siedlung. Wie ein Brand, den man in einen stürmischen Schornstein tut, verbrauste er. Der würzige dunkelrote Medokwein lief durch ihn. Servadak sprang, sein Leib wurde gedehnt. Majelle war fern, blieb fern.
Gewaltiges Blutrot über Bordeaux, zitternde, in Flammen verbrennende verprasselnde Wasserfläche. Vergilbender Himmel, hinbleichende Luft, große wie ein Riesenschiff aus dem Meer anwogende Nacht. Rebgelände Bäche Menschensingen. Und durch Servadak lief der Wein. Die Sterne glommen. Da waren Kastanien, dunstende Rosenbüsche, Magnolien. Das gab es. Das alles gab es. Servadak bog sich in seiner Hütte auf dem Stroh. Wann würde er die Überfahrt von London beenden. In ihm weinte es: Ganz hinten an der Garonne gab es – wen? Light – for – me. Majelle. Sie ging über ihren Acker, um den Kirschlorbeer, Kräuselhaar, offene braune Augen. Nicht daran denken. Wegtun Majelle.
Um Toulouse, im heiteren Gebiet der milchweißen Magnolien, der Jukkastauden mit den gelben hängenden Glocken, bewegte sich Venaska, eine schlanke Frau von braungelblicher Hautfarbe und schwarzem dichten Haar. Sie war in dieses Gebiet der Schlangen von Süden gekommen. Der Schnitt ihrer Augen, die Modellierung ihres Gesichts war mehr malayisch als europäisch. Manche nannten sie Mondgöttin. Sie nahm in der milden Fruchtflur der jungen Garonne bald einen ähnlichen Platz ein wie Diuwa im Norden. Mit ihren ruhigen sicheren langsamen Bewegungen, die ein kühlwarmer Leib ausführte, – zierliches Knochengerüst, flaumzarte Haut – drang sie unauffällig in alle Kreise der Schlangensiedler. Ein leicht mokantes Lächeln um die vollen Lippen. Das Gesicht von einem stillen Ernst bedeckt, der ganz seelenhaft war, so seelenhaft, daß die ihr begegneten betroffen waren, zugleich beschämt und erfreut, und sich leicht von ihr führen ließen. Mit einer kleinen Zahl Frauen und Männer, die ihr anhingen, wohnte sie eine Zeitlang am breiten Canal du Midi, am Flüßchen Saune. Man kannte sie nicht, wenn man sie in der sommerlichen gelben Siedlertracht herumgehen sah, die sie anlegte, obwohl sie nichts tat. Man arbeitete ja für sie, brachte ihr von den Fischereiplätzen Hummer, kleine schmackhafte Sardinen, fetten Lachs. Man stritt sich, wer ihr von seinem Feld die süßlich feine Gurke, die Aubergine bringen sollte. Wer den Wein brachte, trank ihn mit ihr. In gelben losen Siedlerhosen ging sie herum, mit der weiten Bluse, an der Brust grüne und schwarze Bänder, ging umschlungen mit Männern und Frauen, sah hier auf zu der fetten Weideflur bei den Hirten, ging lächelnd und träumend unter dem Geplauder ihrer Begleitung die gewundenen Hügelwege, spielte mit den langen Korallohrringen, winkte mit ihrer gelben Hand einer Bäuerin im bunten Kopftuch. Warf ihnen schon weitergehend über die Schulter einen Blick aus ihren dunklen aufstrahlenden Augen zu: das Herz stand ihnen still. Wer vor ihr stand, wen sie ansprach, besonders Frauen, war erregt gebannt. Alle hatten das Verlangen, nach der kühlen festen immer leicht zuckenden Hand. Und war Venaska vorbei, so kam ihnen vor, im Hals, in der Brust, als wäre ihnen etwas geschehen. Sie liefen rasch, es war ihnen zum Ersticken in ihren Kleidern, ihre Augen glänzten. Sie mußten sprechen schwatzen; ihre Herzen klopften rasch, sie kamen nicht zur Beruhigung. Einmal hatte im Norden, zwischen den Kieferwaldungen und Seen der Mark die herrische Marion Divoise gelebt, die Balladeuse, die Mädchen und Männer an sich lockte, ohne daß sie wußte, wie das kam, und die ängstlich sah, wie man auf sie zudrängte, und erregt einsam blieb. Die braungelbe Venaska gab nichts von sich, was sie nicht fühlte. Oft wenn sie mit einer fremden Frau stand, mit ihr Blick in Blick über einem Zaun, einem Busch, die Hand hinüberstreckend, wurde sie blaß, biß sich die Lippen, wandte sich verwirrt ab. So schwächte sie, was sie von sich gab. Von Island fuhren durch das arktische Meer zwischen den Schiffen des Expeditionskorps die großen Frachter, die Hallen mit den ausgespannten leicht surrenden glimmenden Turmalinnetzen. Fische Vögel zogen um die schwimmenden Frachter, Tang Algen wuchsen aus dem Meeresboden; nachts leuchteten die Schiffe, stießen sich von der Meeresoberfläche ab. So wandten sich die Menschen auf den Hügeln und an den Ufern des Canal du Midi und der Saune von ihrem Boden, von der Egge der schlanken aufrechten Gestalt zu, die wie ihresgleichen war, und deren Blick Stimme ihnen mit schmerzhafter Schärfe ins Herz zuckte.
Man hatte ihr, die aus der Marseiller Gegend heraufkam und erzählte, sie wollte nicht mit den Stadtschaften in die Erde gehen, ein flaches Siedlerhaus aus Buchenholz gezimmert unter einer alten Mauer. Feigenbäume mit lockeren dunklen Kronen hielten sich an dem alten Gestein, schüttelten jenseits die bräunlichen Zweige herüber. Dunkelgrün waren ihre Blätter, rauh mit Borsten, an der Unterseite hell weichhaarig. Die birnförmige violette Frucht hielt Venaska oft zwischen den Händen, rollte sie, hob sie zum Kinn. „Das ist ein Gott, wißt Ihr, eine Göttin. Ist so glatt außen, wird noch dunkler, braun schwarz. Und inwendig ist grünes Fleisch, rotes Fleisch, das schmeckt wohl. Die Nüsse hält sie damit, die Früchte. Das ist die Feige, meine Göttin.“ Sie nestelte sich in das schwarze Haar Zweige mit der jungen Frucht, beschenkte die anderen mit den kostbaren von ihr bestrichenen behauchten Blättern. So ging sie an der sanft fließenden Saune, schlank und biegsam auf hohen Beinen mit leicht vorgewölbtem Leib. Wem sie im Vorüberziehen den Arm um die Schulter legte, ernst und sonderbar fremd, der fühlte, verzaubert in ihr glattes Gesicht blickend: er hatte noch nie gewußt, was ein Weib ist. Fast, was ein Mensch ist.
Sie war ohne Scham. Als wenn sie sich bedrückt fühlte, warf sie am Tag oft ihre leichte Jacke ab, bewegte sich, ging mit nacktem wiegenden Oberkörper, bräunliches ebenmäßiges Gebäude, umhauchte Brusthügel, tiefdunkel flach. Und dann, in Menschennähe, waren ihre Arme nur Ranken, die etwas suchten, worum sie sich winden sollten. Ihre Brust atmete leise, gleichmäßig und immer glückvoll. Andere menschliche Ranken, Arme von Männern und Mädchen, schlangen sich mit ihren zusammen. Venaska, Blick in Blick mit dem andern ruhend, gurrte, sprach lieblich, kehlte. Sie wußte nicht, wie streng sie wirkte. Das andere, das an ihrem Körper hing, schauerte in Entzücken, öffnete hingegeben, schon nicht mehr drängend, die Lippen. Hatte in rasch verschwindenden Sekunden einen Hang, sich zu lösen, abzuziehen. Venaskas Augen fingen an, sich zu weiten, tiefschwarz mütterlich leidend zu gluten. Ein Erliegendes hatte sie an ihrer Brust. Dem streichelte sie die Schultern, die Ohren, den Hinterkopf, strich über seinen Nasenrücken; ihre Augen blitzten auf. Es kam ein Augenblick, wo das andere schlief in ihren Armen, ihre Berührung erduldete. Was war das für ein Wesen, das seinen hingleitenden Körper umrang, ihn befühlte, Armfläche gleitend über Rumpf und Schenkel, mit jedem Teil seines Leibs verlangte in dem andern zu wurzeln. Als wäre Venaska eine Blase und spritzte aus Stichen und Rissen. Dies Andrängen Zubodenrollen Herumgleiten Herabgleiten Heraufgleiten Sichannageln Abreißen Abwerfen. Das herrische zornige Schreien Keifen wie mit einem Wesen, das nicht anwesend ist, das Sprudeln Stöhnen Keifen Flehen Drohen Wüten. Und wieder Abzittern Lächeln sanftes Flüstern Betteln schmeichelndes Umschlingen. Ruckweises Erstarren, wie wenn die Kraft sich in ihr anstaute. Der Leib versteifte sich bis zu den gestreckten Zehenspitzen, den gebogenen Fingern, den nach rückwärts gedrehten Armen, als vermöchte er sich nicht zu entladen. Und dann ächzendes erschütterndes blindes Hinbrechen, Wolken Blitze Gewitter lodernd. Das Wesen aber an dem Körper der braunen flutenden Venaska wurde bewegt, gehoben wie ein Schiff auf dem Meer. Sein Leben aufgewühlt. Sein Körper rang sich zu behaupten. Der Unterschied von Tod und Leben verschwand. Das schluckte ertrinkend stürmisch die Süße. Zuckte an der tosenden Venaska. Ihre Leiber brausten aneinander.
Und während noch der andere Körper rauchend lag, hob sich Venaska mähnenschüttelnd von ihm ab, stand an einem Pfosten, atmete, tiefer, tiefer. Als wäre die Luft ein Getränk, nahm sie sie zu sich, schlenderte auf den Hof, senkte die Hände in das dunkle Feigengebüsch, ließ die Blätter und Äste um sich schlagen. Kam als die fließende weiche Venaska hervor, die die schlanken Schenkel im Gehen bewegte, den glatthäutigen wiegenden braunen Leib trug, spöttisch lächelnd. Musik sogar ihr tonloser Ruf, Schrecken Sehnsucht um sie. Sie legte ihr karmoisinfarbenes Hemd über, das goldgestickt war, saß im Gras, der bunt behängte schlafende Vulkan.
Toulouse war in die Erde gestiegen. Die zerfallenden Straßentrümmer Anlagen Forste überzogen die Siedler. In Toulouse setzte sich Venaska nieder. Die Steine Schienen der versunkenen unterirdisch tosenden Riesenstadt ließ sie von den Scharen, die sie mit sich zog, beseitigen. In dieser Ebene wollte sie sitzen, die dunklen Berge der Pyrenäen sehen, die weißgefurchten Kämme am Horizont, bei der uralten prunkenden Serninkirche, die die Stadtschaft nicht angerührt hatte. Die Schlangen bei ihr wußten nicht, was sie zu der Stadtruine zog. Venaska mochte gern zwischen den stummen zersprengten Mauern, in den toten langen Straßen gehen, ihre Schritte furchtsam behorchen. Neugierig umschlich sie Schuttmassen der Fabriken, versteckte sich, wenn Frachtflieger der Stadtschaft in der Luft waren. Entzückt, selig sich anschmiegend stand sie an dem kalten Gestein der Serninkathedrale; sie liebte das gewaltig aus dem Boden strebende Gebäude. Oft sagte sie: dies Gebäude, seinetwegen säße sie hier, das so herrlich sei, und sie wache, daß ihm nichts geschehe.
In den Reichen der Diuwa und Venaska dehnten sich Schlangen und fremde Siedler aus. An der Garonne und der breiten Rhone gediehen sie. Neben den flachen Fabrikhallen Ruinen, standen die römischen Triumphbogen mit Inschriften über aufrührerischen Hallen. Zwei- dreitausendjährige römische Amphitheater bauten ihre Ränge und Treppen an Hügeln auf. Beim grauen Avignon stürzte der Domfelsen gegen die blaue Rhone ab; die düsteren neununddreißig Türme der Papstburg oben waren zerbröckelt, von Pinien Eichen Blütenbüschen überwachsen. Siedler, kranke genesende, aus den brüllenden krampfenden europäischen Stadtschaften legten ihre Leiber an das unerschöpfte Land zum Sterben oder Auflodern. Venaska zog im karmoisinfarbenen goldbestickten Hemd durch das üppige Tal der Garonne bis in die Gegenden, die die starke Melise beherrscht hatte. Sie weckte die Landschaft auf. Ein Schmelzen um Venaska. War sie vorbei, so knirschten die Menschen vor Verlangen. Etwas Blindes Schreiendes wurde in manchen Widerstrebenden erregt; das riß sie fort. Raubsüchtig gingen Männer und auch Frauen umher. Von der Geheimlehre der Schlangen, von der Wanderung und ihrer Heiligkeit, wollten sie nichts wissen. Das Niederstürzen von Mann und Weib war ihnen eine Lust. In der Gegend des alten Bistums Perigueux sperrte ein Mann, der sich Siwri nannte, sechs Frauen wider ihren Willen in sein Gehöft mit Hilfe seiner Mutter ein. Er war eben genesen, stark, nicht jung; man sagte, seine Mutter hätte ihn angespornt. Die Frauen ließ er für sich arbeiten. Andere Frauen quälte er zu seiner Freude. Er zeigte auf Schritt und Tritt, daß er Frauen für nichts achtete. Die Schlangen waren machtlos gegen ihn, da er sich ihnen entzog.
Gestalten, nicht Mann und nicht Weib, zeigten sich in der Garonnelandschaft aus mehreren der hier vagierenden Rassen. Das war die höchste Bezauberung, die viele erfuhren. Weiße, auch gelbbraune Menschen mit weicher Rundung der Schultern. Graziös bewegten sie sich auf den Wegen unter dem Blütenregen der Akazien, schlenderten über die Wiesen, stiegen in die Forste. Die Städte hatten vielen Mißwuchs begünstigt; man hatte unter den Krankheiten und dem schweren Zugrundegehen wenig auf Einzelnes geachtet. Jetzt warf die Landschaft üppig diese Wesen hin, die als Mädchen gingen, wie sie aufgewachsen waren, die fülligen Becken leicht wiegend, manche scheu und ihr Geheimnis nicht offenbarend, manche in verwegener Mischung der Tracht: die Kappe und Feder eines Mannes auf dem Haar, dabei Brüste, die in Wölbung und Umriß unter der straffen Bluse hervortraten. Sie schwärmten auf Mädchen aus, die sie erst nicht erkannten, sich launig von ihnen halsen ließen. Und im zarten Andrängen ließen sie die Sonderbarkeit ihres Geschlechts fühlen, fühlten bebend und heiß die Erschütterung und Bannung des Mädchens, der Frau mit, die nicht wußte, was sie genoß, die eine Freundin und einen Geliebten umschlang. So starke Würze hatten sie noch in keiner Umarmung empfunden. Und junge Männer wurden heftig zu Mischwesen getrieben, die sie für schnippische Frauen hielten. Ein fremdartiger Reiz lockte. Sie fielen vor diesen Mädchen hin, waren erschreckt, im Geheimsten aufgerührt, fassungslos, wie das Rätsel, der weibliche Jüngling, sich in ihren Armen bewegte, drängend und saugend. Viele erschienen auf dem grünen Boden und erregten die Mädchen und Jünglinge. Welche Schrecken Verwirrungen Tränen erregte das rothaarige Wesen Tika On, das purpurn und rosa gekleidet von der Auvergne herunter kam, nichts arbeitete, sang und das die Venaska selbst erschütterte. Ein wildes Geschöpf war Tika On, mit heller Knabenstimme sang sie, lachte. Über ihr Geschlecht war sie selbst nicht klar. Sie küßte hitzig Männer und Frauen. Es genügte ihr, die Menschen zu umschlingen, um sie in Ekstase zu bringen. Meist riß sie sich gehässig von dem los, der von ihr mehr verlangte. Und wer gewaltsam nach ihrem Leib griff, ließ sie selbst los, so schrecklich schrie weinte sie, lief in stundenlanger Verstörung weiter. Als wenn das Geschlecht an ihr eine furchtbare Wunde wäre. An Venaska hängte sie sich, die immer milde und süß war. Schließlich mußte die Frau in Toulouse sie von sich abreißen. Zum erstenmal sah man an der braunen zarten spöttischen Frau ein Grauen. Ihre Beängstigung war so tief, daß sie andere zu Hilfe rufen mußte, die bei ihr wachten, das rote Wesen, die Tika On, von ihr fernhielten. Die keifte bei der Holzhütte an der Serinkathedrale, wo Venaska in diesen Wochen wohnte. Die Venaska weinte: „Sie fühlt, wer sie ist. Sie ist eben im Begriff es zu fühlen. Ihr müßt mir nicht böse sein, ich kann ihr nicht helfen. Sie ist in der Geburt; ich kann ihr nicht helfen.“ Tika On umschwärmte noch monatelang die Venaska, verscholl im Norden.
Der König Karl von Valois, vor einem Jahrtausend in einer nördlichen Landschaft begraben, riß sich lechzend aus den Wäldern los, tauchte in das Gestrudel. Jauchzte tobte wie einstmals. Die Forsten, in denen er einmal gejagt hatte, waren wild zugewachsen. In die Schneeberge der Auvergne, am Plomb de Cantal, brach er zur Wildschweinhetze ein, strudelrasselte am Talboden der Allier, suchte Händel. Seine Adlernase glühte von Wein. Eseln schlug er die Köpfe ab.
Heiße Wesen wurden auf die Landschaft geworfen, von dem Menschengewimmel hochgerissen. Die Bodengeister, seit Jahrhunderten in die Hölzer und Steine getrieben, wogten wie ein Bienenschwarm über einem Kleefeld auf, drangen, schlangen sich, quollen in das warme treibende Menschenblut, flossen in helle und schwarze glänzende glatte Haare ein, ließen es sich in springenden Männerknien, vollen Weibesbusen wohl sein. Nicht ein einzelner Mensch genügte dem wüsten la Mole, der unter Steinen bleich und dünn geworden war, nachdem ihm, wie er noch die ersten Knochen hatte, jede Messe eine neue Geliebte geschenkt hatte –, bis ihm sein König den Kopf abschlug. Die Jahrhunderte hatte er gelauert, schon war er fast abgestorben. Da schwoll dieser Wolkenbruch über den verdorrten Boden. Frenetisch schoß er auf die Leiber, die er besetzte. In sechs Menschen lief la Mole, dem ein rasch erloschener Mann einmal den Kopf abgeschlagen hatte. Sechs Leiber regierte er. Ein Cyklop war er, die Leiber wechselte er. Er hauchte in ihnen, trieb sie wie einen Wagen, ließ sie wie schlechte Maschinenteile fallen. Blaise de Montluk, blitzjung, der Gaskogner, stieg ohne Hut aus dem Wasser der Garonne, in der er vor einem Jahrhundert ertrunken war. Das Wasser hatte ihn nicht verspülen können. Er zuckte über die kieferbestandenen Ufer, stolzierte als kecke Dirne mit knappem Busen über die gelben Äcker und zwischen den Weinbergen, suchte in die flüchtige Tika On zu fahren. Dann stürzte er eines Mittags im prallen Sonnenschein einem schwarzen Hengst in den Hals und jagte mit ihm. Es dünstete und schauerte über das vertrocknete Land. Venaska zog von Flur zu Flur, die Diuwa sänftigte an der Garonne.
In den Cevennen, an dem kräuterreichen grünen Rasenkegel des Puy-de-Dôme erschienen die ersten Islandfahrer, in das aquitanische Tiefland sickerten sie. Kleine Gruppen lederbekleideter ernster noch matt blickender sehnsüchtiger Menschen. Langsamer wanderten sie und trieben ihre Pferde, wie sie unter dem blauen und blaueren Himmel den Fruchtboden der alten verwitterten Lavaschichten betraten, meilenweite Gärten sich auftaten, Rosenbüsche Gelb und Purpur warfen. Blühende Touraine. Waldbedeckte Flußufer. Frischgerodete Erdfläche. Die Islandfahrer, die Männer und Frauen, die auf den Ölwolken gestanden hatten, schnupperten, blickten um sich, schüttelten sich unter dieser Luft. Welches fremde Wühlen. Mißtrauisch trieben sie durch die schimmernde Landschaft. Kylin, die grüne Loire hinter sich lassend, stand auf dem Felsen Amboise, durchirrte die Höhlen Klüfte Gänge des Gesteins. Gefangene nach Gefangenen waren hier versickert; sie tosten um ihn, trieben ihn hinaus. Aufsässigen hatte man auf den strahlenden Plätzen die Köpfe abgerissen, blauäugige Blondinen hatten dazu gelacht. Idatto seufzte neben Kylin: „Dort hinten ist Süden. Ich möchte hier fort. Und dort wage ich mich nicht hinein.“ „Idatto, fürchte dich nicht vor dem Nebel. Da war Brand und Nebel im Norden, durch den wir mußten. Da ist einer im Süden.“ „Ich sehe es. Aber es reißt an mir. Ich will keine Versuchung.“ „Wir müssen hinein, enthalte dich nicht. Wir sind durch Island gekommen. Fürchte dich nicht. Da war ein Nebel, und hier ist ein Nebel.“
Langsam zogen sie durch die Landschaft. Sie waren zu Marduk nicht durchgedrungen. An der Loire erzählte man sich von White Baker. Sie hatte noch die Kraft gehabt, die britischen Siedler nach dem Festland hinüberzuführen, sank dann in sich zurück. Wie ein Baum, der lange üppig geblüht hat und dann alternd Borke um Borke ansetzt, sich selbst vermauert, ein Visier über sein Gesicht schiebt, seine Wurzel verhölzert versteinert, so grub sich White Baker ein, an der warmen Gironde, nahe der Diuwa. Wie ein Käfer fiel sie in das Moos und ließ die weichen Lagen über sich zusammenrollen. White Baker bewegte sich an dem Fluß wie die andern, griff auf den Äckern, in den Gärten zu. Hatte aber einen leeren großen Ausdruck, der wie Ernst schien. Rot runzellos ihr Gesicht. In der Kammer bei der Diuwa saß sie stundenlang, blickte durch die offne Tür, ließ den Wind um sich wehen. Die braune Siedlertracht trug sie; ihre schwere fette Hand ruhte auf dem Tischchen, auf dem zusammengeknäult Kräuter Halme lagen, darunter ein zerrissenes weißes Seidenkleid, gebündelt mit einer Lederschnur. Der knöcherne Krähenschnabel Ratschenilas hing daran. An der Wand bauschig völlig unversehrt das brokatene Senatorenkleid. Von der Diuwa geschützt war sie. Hatte sich zum Sitz von berauschenden Geistern gemacht, die nur sie verstand.
Nahe dem ehemaligen Montauban schwirrte die rote Tika On in Kylins Gruppe. „Welchen Vogel hat man uns geschickt“ staunte der harte Kylin, ließ sie gewähren. In seiner Gruppe war schon eine Unruhe, ein süß leidendes Bedrängtsein. Kylin sah, wie man sich wehrte. Tika On, die rothaarige, hatte einen Stachel in sich. Sie mußte sich an menschliche Glieder hängen, sich versuchen. Als Kylin sie die Frauen seiner Gruppe umschlingen sah, Idatto vor ihr hinfiel, zog er sich einen halben Tag zurück. Dann tat er, als hätte er Verlangen nach ihr. Schnurrend, mit dem Kreischen der Erregung folgte die Wilde in ein Buschwerk. Dort erdrosselte er sie.
In dem Gesträuch zwischen gelbem Ginster und Brennesseln fanden ihn abends Männer, die ihn suchten, bei dem kleinen verkrampften roten Körper. Sie wollten den Körper anfassen, wegheben, um ihn zu begraben. Kylin drohte: „Nicht anrühren. Ruft die anderen. Wo sind die Frauen.“ Er wartete, bis Frauen und Idatto kamen. „Wer ist das? Seht! Tika On, die rothaarige. Ein Weib oder ein Mann. Seht sie noch einen Augenblick an. So! Seid ihr ertappt? Ins Gebüsch mit ihr!“ Er selbst rollte den Leib tiefer ins Gebüsch, kam hervor, blaß: „Ich hab’ sie erwürgt. Weißt du, Idatto, warum ich sie erwürgt habe.“ Idatto in Tränen, bitter mit zuckendem Mund: „Sie war keine Verbrecherin.“ „Das ist’s. Ich wußte es. Der Nebel. Er packt dich. Aber wir sind gegen ihn nicht wehrlos. Ich nenne ihn bei Namen, ich sehe ihn, dann ist er weg.“ Idatto biß sich die Lippe, weinte laut, hatte das Gesicht hinter seinen Fäusten. Eine kleine Schwarzhaarige brach in plötzliches Schluchzen aus. Streng beobachtete sie Kylin. Er brüllte rot anschwellend: „Habt ihr gesehen, was hier gelegen hat? Ihr habt es noch nicht genug gesehen. Bringt sie wieder her. Ja. Her!“ Er riß das Buschwerk zurück von dem kleinen liegenden Körper: „Da ist sie. Ich habe sie erdrosselt. Hab’ es getan. Was habt ihr darauf zu sagen, Idatto? Und du?“ „Bedeck sie doch, Kylin.“ „Ich hab’ den halben Tag hier gelegen bei der Leiche; ihr habt sie noch lange nicht genug gesehen.“
Ein bärtiger bronzefarbener Mann trat auf Kylin, nahm ihm die Zweige des Busches aus der Hand: „Es ist nicht leicht für Idatto und für andere. Wir wollen nicht mit ihnen rechten. Und wer weiß, wie unsere Wege gehen. Laß ihnen Zeit.“ Da stand Kylin still, kreuzte die Arme auf der Brust: „Das Land fordert Opfer; es kann nicht genug Menschen schlucken. Es ist gut, ein Brandmal am Arm zu haben; es ist gut auch daran zu denken.“ Vor ihm schluchzte trotzig Idatto an der Schulter des bärtigen Mannes: „Sage du, war Tika On eine Verbrecherin? War sie nicht lebendig, ein Lebendes, vor dem ich hinfallen darf?“ Kylin murmelte etwas, Flimmern in den Augen. Er ging rasch fort. Vor Beginn der Nacht wollte man den Leichnam verbrennen; Kylin schrie: „Die Flamme? Keine Flamme! In die Erde. Ich sage: in die Erde.“
Eine Spannung und Entfremdung trat zwischen Kylin und seiner Gruppe ein und wuchs, je mehr sie südlich stießen. Sie wollten sich in der fruchtbaren Landschaft hier und da niederlassen, aber Kylin schob sie kalt und ohne Erklärung weiter. Viele dieser gehärteten Menschen schmolzen, wie sie sich über dem Land verbreiteten. Rechts und links blieben sie in den Siedlungen. Sie pflügten sangen lachten mit den Starken Wonnigen an der Garonne, im Languedoc, an den Rhoneufern. Sie kamen sich erlöst vor. Die Urtiere verloren erst jetzt ihr Grauen, Island ließ sie los.
Wie ein Zeichen hatte Kylin an der Schwelle des Landes den Mord an der Tika On aufgepflanzt; es wirkte nicht. Nur eine Anzahl mit Kylin war sicher. Man sah, daß er rang wie die anderen und litt und nicht sprechen konnte, daß er in einem zornigen Gefühl tiefer und tiefer in das Land hinein verlangte. Ein graublonder langer Backen- und Kinnbart war ihm gewachsen; leicht gebückt ging er. Selten wagte ihn einer anzusprechen.
Und eines Tages hieß es bei Toulouse, daß Venaska in der Nähe sei. Die gelbbraune Frau im karmoisinfarbenen Hemd, goldgestickten Hosen, gab ihm auf dem Erdbeerfeld die Hand. „Venaska, du bist es. Ich irre herum. Ich wollte dich lange sprechen.“ „Und nun hast du mich getroffen.“ „Weißt du, wer ich bin?“ „Nein, ich werde dir einen Namen geben.“ „Laß. Ich bin Kylin. Mit mir sind andere Männer und Frauen aus Grönland.“ „Grönland ist weit. Nun freue ich mich, daß ich dich sehe.“ Sie strich seine Schulter; er erschrak über ihre Sanftheit: „Venaska, ich wollte dir erzählen, was nicht mit Grönland zusammenhängt. Wir sind bei Montauban einer rothaarigen Frau, einem fremdartigen Wesen begegnet, Tika On. Die habe ich erschlagen.“ Sie hielt noch ihre Hand an seiner Schulter, zog sie zurück. Sie beugte den Kopf: „Oh.“ Auf den schwarzen Boden sah sie; still mit schlaffen Armen stand sie, rief matt einen Namen. Zwei Frauen erhoben sich aus dem Feld, liefen neben sie. Klagend schwach Venaska: „Dieser Mann heißt Kylin. Er hat Tika On erschlagen. Bei Montauban ist er ihr begegnet.“ Drohend verwirrt die Frauen. Venaskas Kopf hing auf der Brust. Kylin: „Ich habe nichts mit diesen zu sprechen. Ich will dich allein sehen, Venaska.“ Sie bewegte den Kopf nicht: „Das kann ich nicht. Du wirst mich umbringen.“ „Ich bin kein Mörder.“ „Du bist es. Ich fühle es.“ Sie nahm den Arm einer Frau: „Komm mit in den Hof. Wir wollen uns setzen.“
In ihrem Haus ließ sie die Türen und Fenster offen. Sie setzte sich in einen Winkel. Eine Zeitlang sprachen sie nicht. „Was willst du von mir, Kylin? Du heißt Kylin. Du bist Hojet Sala. Der steile Absturz.“ „Ich muß dich erfahren.“ „Was ist das.“ „Wir sind nach Grönland gefahren, weil man uns schickte, Venaska. Die Stadtschaften, die jetzt zugrundegehen, hatten uns geschickt. Wir waren in Island, einer Vulkaninsel, und über Grönland. Ich selbst habe geholfen den Plan der Senate auszuführen. Das ist das Erste. Das Zweite: es hat uns etwas Furchtbares überschüttet, uns gerüttelt mich und die anderen, die noch leben blieben. Das war das Zweite. Dann haben wir, habe ich zugebissen. Das habe ich, Venaska. Ich wollte das, was mich zuschüttete. Ich habe mich ihm unterzogen. Genauer kann ich es nicht sagen. Und weil ich das getan habe, habe ich Tika On beseitigt. Da blieb nichts weiter übrig. Ich habe sie nicht aufgesucht, sie ist gekommen.“ „Hojet Sala, ich höre nur den Ton deiner Worte. Was willst du von mir.“ Kalt blickte der langbärtige Mann auf sie: „Du bist nicht gekommen. Dich habe ich aufgesucht. Komm näher, daß ich dich fühle.“ „Weißt du, was du sagst.“ „Ja.“ In ihm dachte es: „Dies ist der Nebel. Ich bete an. Wenn ich erliegen soll, so soll es sein. Dann tauge ich nichts. Es kommt nicht auf einen an.“ Sie stand in dem Winkel auf: „Dreh mir den Rücken zu. Sieh mich nicht an.“ Er wartete, immer dachte er: „Es kommt auf mich nicht an.“ Aber nur Sekunden. Plötzlich erweichte er: es ist die Entscheidung; ich wage die Probe; entweder steh ich unter Schutz oder nicht. Er drehte ihr den Rücken zu. Venaska hatte sich nicht aus dem Winkel entfernt. Ihre sanfte Stimme: „Wohl tust du mir, daß ich dich sehen kann. Ich habe dir Unrecht getan. Ich komme schon zu dir.“ Glitt von rückwärts zu ihm, zog ihn ans Fenster, lächelte das Mädchen an, das in die Türe trat: „Bleib nur draußen.“ Sie drückte, in der Mitte des kleinen Raumes stehend, ihr Gesicht an seine stumpfe zerschrammte Lederjacke, umfaßte seinen Kopf mit den Händen. „Ich habe dich vorher tönen hören, Hojet Sala. Jetzt mach ich mich auf die Reise nach Grönland. Da. Mir begegnet nichts. Der steile Absturz schadet mir nicht. Hör draußen! Unsere Vögel. Vögel! Nichts schadet!“ Sie löste sich lächelnd, nahm summend seine Hände: „Angst habe ich doch vor dir, Hojet Sala. Aber du tust mir nichts. In dir keimt etwas für mich. Laß es nicht verkommen.“ „Warum gehst du?“ „Milch bringen lassen.“ Sie trank von ihrem Glas, gab es ihm: „Tu mir die Freude. Damit ich die Angst verliere.“ „Hätte ich etwa“ dachte es in ihm, „die Tika On nicht töten sollen. Ich hätte sie auch so erlegt.“ Er trank aus ihrem Glas. „Und jetzt willst du gehen, Hojet Sala?“ „Ich dachte zwei Tage bei dir zu bleiben. Ich war auf Schlimmes gefaßt, Venaska.“ „Und jetzt?“ „Jetzt gehe ich zurück.“ „Und kommst nicht wieder?“ Er lächelte: „Du hast noch Furcht vor mir, Venaska. Deine Milch war gut, ich trank auch aus deinem Glas. Ich will meinen Freunden sagen –“ „Was?“ „Ich weiß noch nicht. Daß du mich steiler Absturz, Hojet Sala, genannt hast. Und –“ Da legte er sich in seinem Stuhl zurück, faßte seinen Dolch, schloß die Augen. Sie betrachtete ihn lange. Er öffnete die Augen: „Gut war es bei dir. Ich habe keine zwei Tage gebraucht. Ich kam her, ich gestehe es dir, Venaska, mit dir keine Gnade zu haben. Tika On, es lohnt nicht über sie zu sprechen, mußte hin. Ich hatte vor dir Furcht, daß du zunicht machst, was uns in Grönland – geworden ist.“ „Und jetzt? Und wieder jetzt? Erkenne ich dich nicht, Hojet Sala? Gleich wie ich dich sah, wollte ich dir den Namen geben.“ Sie wollte vor ihm hinfallen.
„Küß den Dolch.“ „Das ist der Dolch, mit dem du sie –“ „Nein, mit den Händen tat ich das. Du mußt den Dolch küssen.“ Sie umarmte Kylin, weinte an seinem Gesicht. Er murmelte finster: „Nicht das, Venaska. Küß den Dolch.“ „Muß ich das?“ Er zitterte, machte sich von ihr los, ballte die Faust, seine Augen waren weit: „Küß den Dolch.“ Er hielt ihr den Griff mit dem Vulkanzeichen hin. Sie beugte den Kopf mit der Feigenblüte, zog den Dolch an den Mund. Er keuchte noch: „Wie kannst du es wagen“, und rührte sich nicht. „Geh nicht so, Kylin. Was hab ich getan.“ Er ging aus der Tür, über den Hof. Venaska hinter ihm: „Verzeih mir.“ Erst an dem Fuß des Hügels, auf dem sie wohnte, stellte sie ihn. Er blickte sie nicht an: „Warum läufst du hinter mir?“ Dann war er ruhiger: „Wir haben nichts zu besprechen, Venaska.“ Sie griff nach seiner Hand: „Gib mir den Dolch.“ Sie küßte ihn lange, inbrünstig: „Möge dir jeder Kuß wohltun, lieber Dolch. Mein Kuß wird trocken: vergiß ihn trotzdem nicht.“ Kylin betrachtete den Dolch: „Lieber Dolch, lieber Dolch“, lächelte er, umarmte sie. Sie standen unter einem Oleander: „Zittere nicht. Jetzt nehme ich selber deine Küsse an. Ich weiß wieder, wie süß Menschen sind. Du bist sicher das Süßeste von ihnen. Ruhig, Venaska.“ Sie nahm den Feigenzweig vom Haar, gab ihn ihm. Wie sie vor ihrem Haus war, brach sie in Weinen aus, weinte lange auf der Bank vor dem Haus, von den Frauen gehalten. Kylin kehrte nach wenigen langsamen Schritten zu dem Oleanderbaum zurück, den Feigenzweig an der Brust: „Gesegneter Ort.“ Streichelnd legte er den Zweig von sich an den Boden, berührte die Erde, ging davon.
Östlich von Toulouse auf der Hochfläche von Sidobre warfen sich bei der großen Zusammenkunft der Islandfahrer die ersten Menschen in das Feuer. Den fünf Geopferten ging Idatto voran freiwillig in die Glut. Der Zarte war schon lange nicht mehr bei Kylin; die schmachtenden Geister hatten sich seiner bemächtigt. Er fand nicht den Entschluß, sich von Kylin zu trennen; das Brandmal auf seinem Arm blickte ihn an. Und wie die Flamme brauste auf Sidobre, süß geheimnisvoll und streng, wußte er seinen Weg.
Das Gerede von den Islandfahrern verbreitete sich in den Landschaften. Die strengen bändigenden Feuer sah man bald überall brennen. Der Steile Absturz, wie man Kylin nannte, blieb mit ihnen auf Sidobre. Die Islandfahrer blieben auf Sidobre, bis sie fühlten, daß sie die anflutenden Erdgeister bezwangen. Dann blickten sie weiter um sich. Die reinen niederwerfenden Feuerbrände waren schon weit vor ihnen nach Norden getragen worden. Die Siedler sammelten sich um das Licht; die sicheren harten entschlossenen Menschen, die vom Meere kamen, heischend sich bewegten, überwältigten sie.
Die Islandfahrer drangen durch das ganze südliche Land. Als Kylin sah, daß die Feuer sich nach Norden bewegten, die Siedler sich zusammenballten, verließ er Sidobre.
Er spannte frische Pferde vor seinen Wagen, lenkte ihn, sein Innerstes stählend, auf die erdversunkenen Stadtreiche.
Aus den Erdgewölben, in denen Mentusi und Kuraggara saßen, waren neue Wesen hervorgelaufen; die Giganten hatten sich mit ihren Gehilfen zusammengetan, die ihnen die Türen der Versuchsgewölbe öffnen mußten. Als Wiesel, kleine grauhuschende Mäuse fuhren sie aus den Türen. Flitzten durch die Straßen, immer in Gefahr erschlagen zu werden, kratzten pfiffen vor den Versuchsgewölben. Und nach Tagen flogen sie als Reiher mit dicken Köpfen, schwerhängenden Köpfen über die Plätze der Erdstadt, spreizten die Flügel, streckten die Hälse aus, fuhren durch die Schächte auf. In den Laboratorien mußte man sie in Menschen zurückverwandeln. Da standen sie dann, schüttelten sich, als kämen sie aus dem Wasser hervor, murrten, fanden sich nicht zurecht, machten sich zu einem neuen Sprung bereit. Dumpfer heißgewalttätiger kamen sie aus den Verwandlungen hervor. Ihre Gehilfen und Gehilfinnen waren Männer und Männinnen wie sie. Die Giganten fielen die Gehilfen, wie sie aus den Bädern Feuern Spannungen der Verwandlung stiegen, oft noch in dem Drang des Tierischen an, schlugen sie, zerstörten Apparate. Man hatte schwer die wieder Menschgewordenen zu bändigen. Die Lust, sich in Tiere zu verwandeln, erlosch bei vielen Giganten Londons und Brüssels, als man einige von ihnen erschlagen und in Stücke reißen mußte, wie sie nach ihrer Wiederkehr über die Gehilfen, kostbare Apparate fielen.
Gierig machten sich da Giganten Londons daran, Menschen aufzugreifen, in Massen, in immer größeren Massen, um ihre Kräfte zu zeigen. Vor ihren stierwilden Gehirnen stand die Erinnerung an die schrecklichen Gebilde, die die fallenden zerschellenden Urtiere unter sich geschaffen hatten: die mit Mensch Tier Pflanze Stuhl Tür aufbrausenden kochenden Häuser. Die Fahrt nach Island und Grönland war nicht vergeblich gewesen, die Urkraft war in ihren Händen, sie wollten sich ihrer bedienen. In zwei Wochen vollendete Kuraggara, die Männin, selber in eine Fledermaus verwandelt, in London ein schreckliches Werk. Sie konnte wie ein grönländischer Drache speicheln; ein Tropfen des Speichels lief über den Schleier, den sie, selber geschützt, an ihrem Hals trug. Schon wuchsen unter ihr die Balken, die Eisenträger dunsteten auf und quollen, entsetzlich dicke Menschenarme schwollen lang aus den Fenstern, zerbrachen die Fensterrahmen. Die Gebäude wurden von Fleisch umwuchert. Die unterirdischen Gewölbe mit Menschen, Häusern, Wagen wuchsen zu, durchwühlten einander. Von der Erdoberfläche waren die Menschenmassen vor den Grönlandbestien geflohen; jetzt saßen sie, hingen wie ein Korallenstock unter der Erde. Und Kuraggara, von Tag zu Tag wieder Mensch, jauchzte. Mentusi, Kara Ujuk, Schagitto, Dejas Tessama wurden von ihrem Fieber angesteckt. Über die fliehenden vor Angst wahnsinnigen Menschen im untersten Teil Londons fielen sie, surrten als Kolibri, schrien als Goldfasan Häher Elstern, ließen sich jagen, tropften ihr Gift. Der unterste Teil Londons, die Wasserstadt, wurde von den täuschenden flatternden Tieren begraben, Stein Sand Mensch Eisen ineinander gequirlt. Der Boden dort sank ein; Wasser schwemmte in die Spalten, die Hohlräume, die sich bildeten. Delvil, der Gewaltigste von ihnen, tat den flatternden Tieren Einhalt, erschlug einige von ihnen, kämpfte die anderen, die wieder ihre Gestalt angenommen hatten, nieder. Er drohte ihnen: „Das tat not, daß ich mich für euch mühte. Es tat not, daß wir für euch Menschen nach Island schickten. Der Schleier für euch! Nehmt euch in acht. Vier leben nicht mehr.“ Sie brüllten, was er vorhabe. Er tatzte eisig nach ihren Gesichtern: wenn sie begriffen, was er vorhabe, wäre es ihm recht; vorher sollten sie ihren Verstand bei ihm legitimieren.
Mentusi und Kuraggara, die noch lebten, zwang er zu sich nach Cornwall herüber in die Dartmoorwaldungen. Auf Tieren, die sie sich geschaffen hatten, flachen Riesengeschöpfen, in deren Brustkorb sie saßen wie das Herz der Tiere, flogen sie an. Er zerbrach den Tieren die Hälse: „Kuraggara, das war dein Tier, das braune. Und das war deins, Mentusi. Das sind eure Späße. Damit glaubt ihr mir vor die Augen treten zu können.“ Kuraggara, wie eine Tanne hoch, hatte den Rumpf eines Menschen. Als Baumkänguruh war sie zuletzt gesprungen; braun und behaart war noch ihr Gesicht, schnauzenförmig verschoben Kiefer und Nase, kleine spitze Ohren drehte sie am Hinterkopf vor. Sie stand eingesunken auf den plumpen bekrallten Hinterbeinen, den buschigen Schwanz schlug sie vorn um den Leib. Schläfrig hörte sie auf Delvil. Mentusi hatte den langen rostbraunen Hals eines Gänsegeiers. Mit klatschendem Flügelschlag senkte er sich auf den Steinboden vor Delvil, hob den spitzen Menschenkopf, sträubte die Rückenfedern. Er hauchte dehnte sich: „Schlag nur den Kasten tot. Wir machen uns neue.“ „Du unsauberes Tier. Sieh, was hängt an dir, an deinem Federkragen. Das sind Därme!“ „Gut gesehen. Pferdedärme, Delvil. Die Menschen früher hatten nicht unrecht, Tiere zu fressen, die aus den Leibern anderer kamen. Das schmeckt mir besser als Meki. Ich werde noch Siedler.“ Delvil patzte ihm eine Handvoll Steine an die Stirn. Mentusi schnurrte zurück, lüftete die Schwingen, kreiste mit eingezogenem Hals zweimal um Delvil, ließ sich krächzend nieder.
„Und du, Kuraggara, was stehst du.“ Delvil, ein Mensch von Gestalt, haushoch sie überragend, griff sie am Nacken an: „Schläfst du. Du hast gesehen, wen ich in London totgeschlagen habe. Willst du’s auch. Brauchst nur sagen. Mach dich zu einer Ameise oder zu einer Laus, das ist bequemer für mich.“ „Du bist neidisch auf uns, Delvil. Du gönnst uns unser Vergnügen nicht.“
„Was ist euer Vergnügen.“ Mentusi flog an ihm hoch: „Ist wohl Delvil zu guter Letzt Hüter der Menschen geworden. Was gehen dich die Menschen an. Mich gehen die Läuse und Ameisen ebensoviel an wie die Menschen.“ „Mich kümmern die Menschen auch nicht, du Aasfresser.“ Delvil kollerte über das Steinfeld: „Ich und Menschen. Ich und mich um die Menschen kümmern. Du hältst mich für einen Propheten und Führer. Ich sehe wie Marduk aus. Das ist vorbei, Mentusi. Die kümmern mich nicht mehr. Sie mögen siedeln oder Städte bauen oder Baumborke essen oder Schwefelsäure trinken. Aber trotzdem seid ihr Schufte, du und Kuraggara und Schagitto und die andern, die ich totgeschlagen habe. Ihr könnt spielen soviel ihr wollt. Ihr treibt es zu wild.“ Kuraggara hob sich auf ihren Sohlen auf: „Da war nichts wild. Du gönnst uns nichts.“ Delvil stieß mit dem Knie gegen sie. Sie klapperten unter seinem Steinregen in das Dickicht.
Delvil dachte nur daran zu wachsen. Er verließ die Berge Cornwalls selten. Eine kleine Zahl inbrünstiger Gehilfen hatte er. Dejas Tessama schickte er nach Irland, einen Mann wie er. Sie wollten Grönland und die Urtiere nicht vergessen. Die Kette der Turmmenschen stand noch auf dem Gebirge, am Meer. Mit Inbrunst Weinen Haß betrachtete sie Delvil: „Das waren meine Freunde. Sie haben die Bestien aufgehalten. Wir haben sie opfern müssen.“ An den dunklen traurigen Wesen ging er vorüber. Er ließ sie verfallen, man brauchte sie nicht mehr. Sie vertrockneten zwischen den Steinen und Balken; ihr entsetzliches Gestöhn, tierartiges müdes Blöken hallte monatelang über den einsamen Bergen, über den wüsten Wasserflächen von Schottland nach Skandinavien. Die lockenden Schleierteilchen senkten sich mit den schrumpfenden Riesen. Steinmassen über Menschen- und Tierreste. Herab von den Flößen in die See.
Delvil dachte nur zu wachsen. In Cornwall hielt er wochenlang. Sehr langsam ließ er sich auftreiben; er wollte nicht wie die Turmmenschen mit dem Boden verkitten. Felsblöcke konnten sich um ihn werfen, Wasser Balken. Oft wurde sein Bewußtsein dunkler und man mußte lange anhalten, damit nicht die Geister der Steine die Oberhand über Delvil gewönnen. Als ein ungeheures menschenähnliches Geschöpf schob sich Delvil vor London. Hatte Füße Zehen Knie eines Menschen. Dunkelbraune fellartige Haut. Sein schilfernder Leib trieb Warzen Beulen Brüste vor wie Erker und Kuppeln. Ein glockenartiges armbewegendes Geschöpf stieg aus seiner Magengrube. Aus den Weichen wuchsen schwarze und graue sich ringelnde spielende Schlangenleiber, bewegliche augenöffnende Röhren, die sich um seine Beine legten, um ihn zu liebkosen, die für ihn soffen und fraßen. Die Brust oben schwoll in langsamem Takt. Bäche sogen die Schlangenleiber auf; ihr Bett wurde leer; die Bäche liefen durch Delvils Leib. Er sah die Siedler unter sich laufen: „Krautfresser. Menschen. Das ist die Erlösung der Menschen. Erlösung! Kraut zu fressen! Menschen!“ Die Gräser Bäume Pferde Rinder betrachtete er mit seinem trüben Blick. Der Wind blies um ihn. „Der Wind, das ist etwas. Der Berg.“ Er stampfte um London, weil er sich fürchtete, den Boden zu zerbrechen. Über den sturmbrausenden Kanal stieg er; das Brausen hielt er aus, bis es ihm den Atem benahm. Bei Calais setzte er sich schnaufend hin, rüttelte an Strandfelsen. Ten Keir schweifte um Brüssel. Er sah die Verfinsterung des Himmels, den wolkenhoch anschaukelnden Giganten, hörte das meilenweit vernehmbare Grunzen Gurgeln Wasserrieseln Pfeifen der Schlangen. Voll Ekel floh er unter die Erde.
Trübgierig irrte Delvil über den Kanal zurück, suchte tastend den Weg nach Cornwall. In Fudern schluckte er das Gestein. „Menschen. Krautfresser. Das ist ihre Erlösung.“ Er dachte dunkel: „In der Erde wurzeln. Wie die Berge. Es wird sich alles herausstellen.“ Und kaute mahlte schloß die Augen.
Die Giganten zogen auf Jagd. Kuraggara wollte nach Grönland. „Laß mich über das Meer fahren“ lachte sie den brütenden Mentusi an „komm mit. Ich jage auf Wunder. Du schläfst.“ Mentusi flog auf: „Laß sehen.“
Sie waren zwei Geier, die über das Meer schossen. Sie stießen durch den Sturm, Möwen zerrissen sie und trieben sie sich zu. Das Meer wogte, eine schwarze schillernde Platte, unter ihnen. Sie fuhren herunter, hackten Walen in die Köpfe. Schrie der Sturm: „hi!“ schrien sie: „hi“. Sie durchbrachen den Wind. Eisberge, die weiße Kälte flimmerte unten auf. Kuraggara schleuderte sich lustig in der Luft herum: „Wir sind bald da. Mentusi, wir haben es. Es war kein Drache da. Ist keiner gekommen. Sie sitzen im Eis fest. Wir wollen sie aufstöbern.“
Kein rosafarbenes Licht glomm mehr um sie. Das weiße Dämmern. Wallen des Nordlichts. Da war Jan Mayen. Wo war der Mutumbo, der sich in die Flachsee ein Loch gebrannt hatte, mit den Schiffen sich herabgelassen hatte auf den Meeresgrund. Das tosende Wasser war über ihn gekommen. Das Rosenlicht blühte vom Himmel, in gleichmäßiger Seligkeit machten sie Steinchen, Hölzchen, kleine Wellen, große Wellen zu Geliebten. Dann rollten schwarze Gewitterwolken an, Zyklone; und sie jauchzten noch. Und dann die flimmernde gleißende Wolke der fliegenden Lurche, der langhalsigen mit knochigen Kragen, Füchse in ihrem Gefieder. Spritzen Gießen von Tieren. Dröhnen der durchbrochenen Schiffsmauer. In das gewalttätige Wasser waren sie in einer Minute eingewühlt. Wie Öl die See schillernd über den verschwundenen Schiffen. Vorbei Jan Mayen.
Bergketten tauchten im Ozean auf. „Das ist es“ jauchzte Mentusi, senkte sich. Es waren Inselgruppen. Und neues Wasser, stärkeres Schäumen, Brandungslinien. Weiße Gipfel, flache hüglige Ebenen. Die Geier krächzten, die Schwingen weit entfaltet, unbeweglich, ließen sie sich herab. „Grönland, Mentusi.“ „Kuraggara, ist das Grönland.“ Wonnig kreischte Kuraggara: „Weißt du, was du vergessen hast die ganze Reise? Weißt du? He? Die Drachen.“ „Die Drachen.“ „Ja, Mentusi. Jetzt greifen wir sie an. Hast du sie gesehen. Ich keinen einzigen. Wo sind denn aber die süßen Tiere, die uns solche Angst gemacht haben. Wo haben sie sich denn versteckt und wollen mit uns spielen.“ Sie prustete, tanzte auf dem Schnee, schlug mit den Flügeln, daß der Schnee stob: „Tot! Tot! Verreckt! Krepiert! Verendet! Vernichtet! Drachentod. Komm, wir wollen sie suchen. Ich möchte mit ihnen spielen.“ Sie sausten im Fluge die Berge ab. Schneemassen Eisplatten überall. Durch gelles weißes Licht schossen sie einen Tag, das Land endete nicht, dehnte sich unermeßlich weiß hin. Wie die Schwärze vom Himmel ausgebreitet wurde, Schneegestöber sie blendend einhüllte, lockte Kuraggara: „Ich seh eine Kluft. Wir warten die Nacht ab.“ Müde saßen sie unter einem Fels, schliefen träumten. Sie segelten über dem Meer, hoch in der Luft, die Flügel ausgespannt, ohne Bewegung, und wurden getrieben.
Bei stechendem Sonnenschein wachten sie auf, Kuraggara wollte weiter fliegen. Mentusi, die Federn gesträubt, knurrte: „Warte, ich habe etwas geträumt. Ich will nicht in den Schnee. Wo sind die Drachen. Ich habe geträumt, sie liegen hier.“ Und sogleich fing er an über der Kluft zu kreisen. Der andere Geier ihm nach: „Ich sehe nichts.“ „Sie liegen hier. Unter dem Schnee.“ Sie krallten sich in den Schnee des Abhangs ein, schlugen mit den Flügeln um sich, wehten ihn fort, mit Klauen wühlten und kratzten sie. Der Schnee lag locker. Das Eis war lose bröcklig; es war ein Firn, blau weiß, der sich eben bildete. Sie warfen ihre warmen Körper an das Eis; es rann und floß weg. Wie ihre Klauen ermüdeten, nahmen sie die Köpfe, bohrten und hämmerten mit den Stirnen. Sie wälzten sich wie Räder, bis sich ihre Fänge wieder erholt hatten. Da brach auf einmal knarrend die Eis- und Schneemasse über ihnen von der Abhangsspitze herab. Ein Stück wurden sie abwärts gerollt, fast erstickend unter den Schneelasten. Dann schossen sie seitwärts hoch. In der Luft trafen sie sich: „Bist du es, Kuraggara?“ „Lebst du, Mentusi. Ich kann nicht weiter. Ich kann nicht, Mentusi.“ Sie saßen verschnaufend in der Ebene, eine Stunde. Mentusi jagte auf, zögernd flatterte die andere.
Kreischte Mentusi, war verschwunden. Angstvoll erhob sich die andere, höher, höher. Sah den andern, den Riesengeier. Er hing an der Wand, bewegte sich hackend auf und ab. Sie näherte sich, erschrak. Stieß ein Kreischen wie Mentusi aus. Die Wand war schwarz und braun. Dünner Schnee überrieselte sie. Da ragten die Äste einer Baumkrone hervor. Starke Äste eines schief lagernden niedergebrochenen Baumes. Die kleine Lawine hatte die ganze Wand des Abhangs entblößt. Mentusi lief unten eine sonderbar gewundene Linie ab. Er schrie und hackte. Kuraggara flog herzu. „Das sieh, Kuraggara. Was sich hier biegt. Es bewegt sich nicht. Knochen Wirbel. Da, Rippen. Hier der Kopf, die Augenlöcher.“ „Ein Drache.“ „Einer, meinst du. Hier liegen nur Drachen. Hier liegen sie alle. Es war ihnen zu kalt. Ist aus mit ihnen. Sind eingeregnet, eingeschneit.“ Und sie stöberten den Abhang ab. Er war von einem Wald mit Bärlappbäumen bestanden gewesen. In kalten modrigen Blatt- und Moosmassen rührten sie. Zwischen Geröll Stämmen Blättern lagen Gerippe und Haufen zersplitterter Knochen, Eis dazwischen wachsend, Schnee Wasser Erde darunter rieselnd. Kuraggara schrie, flog auf, schaukelte sich in der Luft über dem Abhang: „Die Drachen, die uns erschlagen wollten. Die Drachen, die die Stadtschaften verwüstet haben. Ha! Ha!“ Mentusi schaukelte sich neben ihr: „Kuraggara, über das Land, über das ganze Land.“ Sausten durch das Schneegestöber durch die Böen des eisigen Windes: „Das ganze Land unsere Fahne. Unsere Siegesfahne. Da liegen sie, da und da und da. Tausende, Millionen! Überall, wo es weiß ist. Der Schnee tut nichts als sie begraben. Und uns –“ Mentusi schnellte sich hoch, kreiste. Kuraggara, lachend: „Uns haben sie ihr Leben gebracht. Gerippe auf Grönland. Leben bei uns. Ha. Wollen noch Schnee fressen. Schnee Schnee.“ Und sie schluckten den Schnee. Der fiel über den Erdteil, versenkte die Wälder bis über die Baumkronen, brach die Stämme nieder, zerrieb sie, löste, was an Tieren zwischen ihnen lag. Auch die Fetzen des verkohlten Riesenschleiers von Turmalin, der ihn einmal beherrscht hatte.
Schrill Kuraggara: „Nun, wie gefiel dir die Fahrt, Mentusi. Ich fresse mir den Magen mit Schnee voll; er ist unser Freund. Jetzt wollen wir zurück. Ich hatte mich auf ein anderes Wunder gefaßt gemacht. Aber auch das gefiel mir.“ „Und mir. Wenn ich erst zu Hause wäre. Wir müssen viel tun, Kuraggara. Ich habe unendlichen Durst, viel zu tun. Tun, tun.“ „Komm. Ein Tag, zwei Tage, wir sind zu Hause.“
Die Berge und Eisfelder vorbei. Den Atlantischen Ozean überflogen, Meridian auf Meridian. Das lungernde Wasser, das schlackernde wehende Fell des schwarzen feuchten Untiers. Klippen und weiße Brandung: die Shetlands Orkneys und Färöer. Schottische Bergketten, die Hochflächen. Kleine Schafherden bewegten sich unten; Menschen Siedler. Tun, mehr tun. Die beiden Geier schrien warfen sich in der Luft. Sie sausten mit zurückgebogenem Hals, blinzelten begehrlich gradeaus: meilenweite Trümmerfelder bis zu den Küsten; das grollende Meer im Süden. Das war London. Die Schimmelpilze der Siedlungen hatten es am Rande überzogen. In die Schächte und Spalten hinab die beiden Geier, den Kopf voran, die Fänge an den Bauch. Sie krächzten.
Und da sie Delvil nicht sahen, taten sie, was sie wollten. Mit dem Geheul von Panthern erfüllten sie die Gewölbe der Erdstadt. Sie vervielfachten sich. Als die erschreckten Menschen die schrägen Spaltenwände hochliefen, die Schächte auffuhren, standen die stampfenden Mammute da. Die Rüssel schwangen sie wagerecht und senkrecht wie Keulen Peitschen Hämmer Steine. Wie sie die Rüssel gedreht über den platten Kopf warfen, die rote Riesenkluft der Mäuler entblößten, weiß heraus die Balken der Stoßzähne, gähnten sie klingend und rollend hell. Der Schall fuhr wie Meereswut über die wimmelnden Menschen, die auseinanderstoben. Die Mammute, die grauschwarzen, tanzten. Schächte traten sie ein. Die Menschen warfen sich aus den Erdkammern hoch. Die weiße Luft, der neblige Himmel war da, blasender Wind und Untiere, wie aus der Grönlandzeit. Sie ließen sich betäubt in die Stockwerke der Erde wieder herunter. Dann hinter ihnen das gräßliche Tiergebrüll, die Giganten. Sie waren außer Rand und Band; ihre Macht hatte sie zum Toben gebracht. Wie konnte man fliehen. Schächte eingestürzt, der Zugang zu den Mekifabriken verschüttet. Durch alle Risse quollen die Menschen herauf, verstopften die Wege. Dem Geheul der Tiere lief man entgegen. Wo das Geheul war, war eine Öffnung. Mentusi und Kuraggara, Gestalt um Gestalt wechselnd, tosten; Glück rasselte in ihren Kehlen: „Tummtumm! tumm tumm!“
Dann ließen sie das kreischende London los, das Strudeln krabbelnder zitternder Menschen. Es durstete sie nach Cornwall zu Delvil. Fünf Giganten waren hinter ihnen her, die letzten, die London gemacht hatte. Zwei hüpften als Heuschrecken, hoch wie ein Mann, rieben die glashellen pergamentenen Flügel gegen die Hinterschenkel, daß Schrillen mit ihnen lief. Sie schnellten sich mit dem letzten spitzwinkligen Beinpaar, flügelausbreitend, hoch, schossen im Satz über die Gesteinshalden. Die drei anderen flogen als gelbe Wolken von Blütenstaub. Der Staub schwankte und löste sich manchmal, dann ballte er sich zusammen, schoß vorwärts wie ein geworfener Stein.
Durch den Dartmoorwald ging Delvil; Cornwall verließ er eben. Eine gelbe Wolke, wie ein Mückenschwarm singend, legte sich weich vor seine großen dunklen Augen. Er hob einen Arm, um den Schwarm zu verjagen. Der legte sich dichter, nach Linden duftend, an, schwoll über seinen Nasenrücken gegen den Mund. Die Schlangen aus seinen Weichen zuckten auf, gegen eine Wolke, die sich um die Hüften legte. Die Schlangen rissen peitschend hochschnellend Spitzen von Tannen ab, zersplitterten Äste. Unter dem Hagel der Baumstücke wichen die Heuschrecken, die sich schrillend näherten, durch den schwarzen Wald. Delvil wandte seinen Rücken gegen die Wolken, nieste wischte sich die Augen mit dem behaarten Arm. Und wie er tief atmete hustete spie, – das Summen näherte sich von rückwärts seinen Ohren, er beugte den Kopf, – zerriß das Gelächter Mentusis und Kuraggaras die Luft. Ihre Flügelschläge sausten über den Tannenspitzen. Sie krächzten; rostbraun ihre gierig vorgestoßenen fast nackten Hälse; die Federn der Halskrempe grau; und sie flatterten in der Luft. Da erkannte Delvil die Giganten, mit denen er kämpfte. Er war auf dem trüben suchenden Wege wieder nach dem Festland gewesen. Er griff mit den Fäusten nach seinen Ohren, an seinen Mund, in die kitzelnden Wolken des Blütenstaubs. Die Massen, die auseinanderglitten, faßte er krampfend zwischen die Finger, quetschte, zerwarf sie, stieß mit den Ellbogen die aufdrängenden, zueinander quellenden Wolken zwischen seine Knie. Da klemmte er sie fest. Der Staub verfärbte sich, wurde rot, glühend. Aus dem Summen war ein rasch abbrechendes Zischen Zwirbeln wie ein Drosselschlag geworden. Die Schlangenmäuler weit gesperrt schnappten schlürften schluckten an der wallenden Masse.
Während die Schlangenleiber kuglig anschwollen und sich wurmartig drehten rollten schaukelnd abplatteten, hob Delvil wieder den mähnebeladenen Kopf, auf dem Tannenäste lagen. Langsam drehte er sich um. Die beiden Gänsegeier, die Weißköpfe, mit schlaff hängenden Flügeln, die Schultern hochgezogen, krächzten ihn von den Baumgipfeln übermütig an. Brüllte Delvil: „Ihr, Kuraggara, Mentusi, ihr seid’s.“ Mentusi lachte: „Sieh dir den Haken an meinem Schnabel an. Damit zerreiß ich dir das Fell.“ Kuraggara: „Ich bin heut schmutzig. Heut war es nicht Pferdeaas. Heute war es Menschenaas.“ Keuchte Delvil. Seine schwarzen feuchten Augen traten hervor. Lange sprach er nichts. Dann brüllte und weinte er: „Das tut ihr. Das tut ihr. Darum ist alles geschehen. Den großen Krieg geführt. Grönland befahren. Die Drachen verjagt.“ Kuraggara hob sich auf den blaugrauen Fängen: „Von Grönland kommen wir. Darum sind wir lustig. Die Drachen haben wir gesehen, unter Eis. Jetzt sind wir die Drachen.“ „Du, Kuraggara, bist. Und du, Mentusi, bist. Und Pferde freßt ihr. Und Menschen freßt ihr.“ Und Delvil weinte. Sein Leib war in einem furchtbaren Schütteln. Die Geier flogen rückwärts. Winselnd und leise fauchend trat aus der Magengrube Delvils der korallenrote Riesenpolyp, die Purpurrose; die Wimpern der hundert Fangarme schlugen heftig; die Fangarme krümmten sich über den Mund. Und plötzlich während die Schlangen Springbrunnen von Wasser in Stößen hochschleuderten, fuhren Steine Baumstücke aus dem würgenden Schlund des leuchtend hochgehobenen starken Polypen; die Arme erzitterten; wie Augen blitzte unter der Mundscheibe ein Kranz blauer Warzen.
„Ich lebe nicht mit euch“, ächzte Delvil, „ich bin nicht von eurem Blut. Nach dem Festland will ich. Ich will zu Marduk.“ Die Geier schrien: „Hähä! Zu Marduk. Willst Kraut fressen. Können dich brauchen. Werden sich freuen.“ Schon krachte und prasselte der Wald, Delvil ging. „Ich – zu Marduk. Ich – zu Marduk.“ Er wimmerte; stürmisch watete er vorwärts. Die Heuschrecken waren verschwunden. Der Blütenstaub lag wogend verzuckend in dicker Schicht über dem Boden. Kuraggara und Mentusi machten sich kreischend Mut, stoben hinter Delvil, saßen auf seinen Schultern, schlugen sich mit den spritzenden Schlangen.
Den brausenden Kanal überschritt Delvil. An der Küste erschien er in Wolken grünschwarz, taumelnd, schreckenerregend. Den Rhein ließ er erst nach einem Tag. So lange tranken seine Schlangen an dem Wasser. Dann goß er seinen Harn in einen See. Der Teutoburger Wald. Den Harz umging er. In das Gewimmel der märkischen Landschaft geriet er; er kannte sie. Wo war Marduk. Das himmelhohe dröhnende Unwesen stand tagelang, langsam abblasend, im Havelland. Die Geier suchten ihn zu reizen. Er schluckte und bewegte sich nicht. Hier hatte Marduk gelebt. Dann rülpste grollte schrie Delvil viele Stunden, bis das Land um ihn menschenleer war. Er ließ sich auf die Knie. Dicht drückte er sein Gesicht an den Boden. Das Haus, in dem er Marduk gesprochen hatte mit der White Baker – wo war White Baker – erkannte er. Einen Geier hielt er bei den Fängen fest: „Mentusi, in diesem Haus ist Marduk. Sein Leib. Den muß ich haben.“ Widerwillig, unter dem Gelächter Kuraggaras gehorchte Mentusi. Träge schwebte er schon wieder zu Delvil hin; in seinen Krallen schaukelte der weiße Körper des Mannes, der die Mark zum bösen Gewissen der Städte gemacht hatte. Unter den Strahlen Zimbos war er gestorben; den Weg zur Erde hatte er gefunden.
Delvil, der Gigant, lag weit nach vorn gestreckt auf den Knien. Gewitter und Sommerregen gingen über ihn nieder. Den gefrorenen Körper Marduks wühlte er in den schlammigen Sand, drückte sich mit seiner Brust, drückte die isländische Urkraft vor seiner Brust an ihn. Er hauchte stöhnte tagelang über dem Boden an der Leiche. Bis sich unter ihm der Körper zu regen begann, der Sand sich ballte, in langen Zügen, dünnen Linien auf den Körper zulief. Wie ein Gewächs stellte sich auf, stieg aus dem Boden der hagere graue Leib des Konsuls. Delvil hob sich. Er häufte mit beiden Armen Sand um den ruckenden nackten Körper, dem der Kopf fest über die Brust gebunden schien. Wie in Pulsschlägen strömten Erdhaufen unter den Armen Delvils auf den Körper zu; die Luft wirbelte und blitzte um ihn. Ihr eigenes Wasser spien die Schlangen Delvils auf den Boden aus. Als die Brust des hochgestiegenen Körpers, um den die Erde sich zu einer Grube vertiefte, zu dehnen wölben heben begann, die Finger sich spreizten, der Leib auf den gebogenen Knien sich aufzurichten mühte, löste Delvil, ein inbrünstiges Grunzen, tiefes Blöken ausstoßend, augenrollend, die Arme von dem Wesen, stemmte sich auf, blieb auf den Knien. Bis an den Hals reichte ihm Marduk, dessen silberweiße magere Beine in dem Sand wühlten.
Delvil flüsterte, es dumpfte über die Ebene: „Marduk! Marduk!“ Er rief. Dringender jappste er: „Marduk, Marduk.“ Das Kinn des Konsuls löste sich von der Brust, der Scheitel stieg auf, die Nase, der Mund trat hervor. Zwei schwarze Augen stierten blicklos auf Delvils Hals. Die Hände bewegte Delvil rufend auf und ab. Heftiger traten unten die Füße. „Ah“ stöhnte der Mund, während der Kopf sich von links nach rechts drehte suchte. Eine Faust schwang Delvil vor dem Gesicht des Wesens auf und nieder. Der Kopf fing an zu folgen, senkte hob sich mit der Faust. Da hob Delvil die Faust langsam vor den eigenen Mund, vor seine Augen. Die Blicke des Wesens waren an Delvils Augen; er näherte sie den Augen Marduks, bewegte sie hin und her. Zugleich drängte er, eine Hand in Marduks Nacken gelegt: „Siehst du, du kennst mich. Marduk, du kennst mich. Ich bin Delvil.“ „Ah“, stöhnte tiefer der Mund, die weiße Unterlippe klappte herunter; zähes Wasser goß sich in einer Flut herunter. Angstvoll das Dröhnen Delvils: „Du bist Marduk. Der Konsul der Mark. Du kennst mich. Ich habe dich sprechen wollen.“ Aus dem Munde des Wesens, das jede Bewegung von Delvils Mund und Augen verfolgte, quoll ein langes „Ah“, dann ein ringendes „Was“ unter Erzittern der Gesichtsmuskeln. Dann röchelte es: „Wer, wer ich.“ Zärtlich Delvil: „Marduk bist du.“ „Ich?“ „Marduk. Ich habe dich geholt.“ „Wer – Marduk?“ „Du. Der Konsul der Mark. Wir haben hier gesprochen vor langen Jahren. Du warst in dem Haus unten.“ „Marduk.“ Das Wesen trat heftig mit den Füßen, blickte herunter zu den Sandstrudeln, stöhnte: „Los. Meine Füße.“ „Blick mich nur weiter an, Marduk. Du wirst wissen, wer du bist. Ich warte auf dich.“ „Ich – weiter. Ich – weiter.“ „Wir haben unten gelegen. Dies ist die Mark, wo du gelebt hast. Jetzt ist Zimbo hier. Der dich beendet hat. Der Schwarze. Achte, was ich sage. Du besinnst dich. Der Uralische Krieg war, du kamst nach Marke.“ Jetzt glättete sich das grauweiße Gesicht des Mannes, seine Lippen schlossen, spitzten sich; Delvil bebte: „Und nach Marke du. Die Menschen, die du geführt hast, leben noch. Sie sind wie du. Es wird dir Freude machen. Blick unter dich. Ist keine Stadt da.“
Der Sand schurrte um Marduk; er blickte herunter, zu Delvils dunklen Riesenaugen zurück, lallte: „Ich kenne. Ich erkenne.“ Delvil jubelte: „Du kennst es. Die Mark. Hier hast du gelebt. Ist keiner an dich herangekommen. Du warst groß.“ Der andere blickte zu den Wolken auf, lallte weniger: „Ich kenne. Ich kenne“, riß an seinen Beinen. Die waren bis zu den Knien im Sand vergraben, mit Adern Nerven Knochen im Sand verwurzelt: „Gehen. Weiter. Ich muß weiter.“ Lachte grunzte Delvil: „Kannst nicht weiter. Warte. Ich mach dich bald frei. Ich bin Delvil. Ein Riese. Du bist es auch. Es gibt kein lebendes Wesen, das ich sprechen möchte, als dich. Ich habe Sehnsucht nach dir. Ich muß dich hören. Du wirst mir antworten.“ „Ich bin ein Riese. Was ist das?“ „Jetzt kann ich die Hand von dir nehmen. Du verstehst mich. Willkommen, Marduk, mein Freund, meine einzige Seele. So erbärmlich sind die Menschen, nichtsnutzig, ohne Stolz. Wir hatten nach Grönland schicken müssen, Marduk, wir wußten uns keinen Rat. Das Feuer ist jetzt bei uns, Marduk, das Feuer.“ Ohne Zucken stand der andere, der weißgraue Riesenleib, vor dem Giganten Delvil, der noch kniete, den Rumpf aufgerichtet, dunkles Auge in dunklem Auge. Marduk suchte mit den Blicken den wüsten wogenden Leib Delvils ab: „Das Gesicht Delvils. Ich war einmal hier. Du sagst Marduk zu mir.“ „Sprich weiter. Es ist deine Stimme.“ „Inzwischen. Inzwischen. Da war Jonathan. Elina. Zimbo.“ „Das Ende. Du bist in seine Strahlen gelaufen.“ „An der Havel.“ „Du kamst nicht heraus, hoho. Bist erstickt. Und jetzt hier.“ „Einen furchtbaren Leib habe ich. Meine Knie stecken im Sand. Im Sand. Ich muß weiter.“ „Tot, Marduk. Du bist wie ich durch das Feuer. Wir haben es aus Island geholt, es kann uns nicht mehr genommen werden.“ Marduks Brust hob sich; seine Augen irrten nach den Seiten: „Ich – leben. Ich lebe wieder.“ „Niemand raubt dir das Leben. Wir haben das Feuer. Für alle Zeit, für endlose Zeit haben wir das Leben. Und nun siehst du es. Marduk, was wollen wir tun?“ Starrte ihm Marduk auf die Stirn, knirschte gurgelte: „Was ist das? Was redest du?“
Richtete sich Delvil auf, die Schlangen soffen an einem Havelsee. Im Wolkennebel wiegte sich, lachknurrte sein Kopf: „Feuer besitzen wir. Das besitzen wir. Unauslöschbares Feuer. Das besitzen wir. Was die Blumen macht, die Tiere und Menschen macht. Was den Wind und die Wolken macht. Was die Gase treibt. Das besitzen wir. Marduk. Alles haben wir in Händen. Ich bin kein Großmaul; ich sage: alles. Dich habe ich machen können. Meki ist nichts; wir brauchen nicht Meki. Wir haben die Urwesen selbst.“ Sein Atem dampfte oben.
Das Gesicht Marduks füllte spannte sich bei Delvils Worten. Die Erde hörte auf in gleichmäßig pulsierendem Schwall auf Marduk zuzurollen, klumpte sich, lag glatt, klatschte in seine Glieder, zu ihm auf. Marduk atmete: „Das ist es. Sprich mehr, Delvil. Ich habe lange nicht gelebt.“ „Nicht so lange. Wir gehen rasch. Nur Jahrzehnte sind vorbei. Es gibt dumme Tiere, deren kann man nicht Herr werden durch Gewalt oder Weisheit. Nur durch List und durch Zufall. Wir haben nichts gesucht und gewollt, waren selbst klein. War die Dummheit groß rechts und links. Unser Glück war doch größer. Auf Island brannten Vulkane, holten wir Feuer aus den Vulkanen. Wußten nicht, was wir hatten. Waren stolz Grönland zu enteisen, die Siedler zu bewältigen. Das Land wurde enteist. Und dann kamen die Untiere, Marduk, hoho, Untiere, zu uns herüber. Die hast du nie gesehen. Lurche Vögel Gallerten, Formen, Formen. Das Feuer hatte sie gemacht. Unsere Stadtschaften zerrissen sie. Die Häuser Bäume Menschen, Totes und Lebendiges klatschten sie zusammen. Das waren Gewaltige. Und wir verstanden noch immer nichts. Taten noch immer nichts, als uns fürchten. Marduk, wir taten vom Morgen bis Abend nichts als uns fürchten. Krochen unter die Erde. Haben die Küsten verlassen, weil der Wust durch den Ozean herankam. Bis wir der Katze auf die Krallen sahen. Marduk, hörst du. Marduk, was haben wir mit den Krallen getan? Abgeschnitten? Wir haben sie der Katze gelassen und uns neue gemacht, längere schärfere. Sieh mich an. Sieh dich an.“ „Ich höre, Delvil. Ich erkenne dich. Ach, die Mark. Da sind die Seen. Die Havel. Ich war hier erstickt. Mein Leib ist wieder lebendig.“ Delvil, das Ungeheuer, ließ sich vorsichtig tastend wieder auf die Knie: „Und nun, befühle dich, was will ich von dir im Havelland. Warum bin ich gekommen. Sieh, was hinter dir fliegt.“ „Geier.“ „Ja, sie, Gänsegeier. Mentusi und Kuraggara. Sie hacken gegen deine Füße. Sie möchten, daß du stirbst. Sie freuen sich ihrer krummen Schnäbel. Wie sie kichern, über uns. Das sind meine Gefährten. Giganten wie ich, Mann und Männin. Und das tun sie, das ist ihr Spaß. Und das, das, das ist aus uns geworden, Marduk! Aus uns Herren! Die die Apparate geschaffen haben, die die Menschen geführt haben. Sie wissen sich nicht aus noch ein. Nach Grönland getobt. London zertrampelt. Brüssel in Stücke. Sie spaßen. Ich, aber ich –“ wie keuchte Delvil, wie hob er um Marduks schwachen schlanken erzitternden Leib die beschwörenden Arme. Er sah nicht, daß Marduk schwächer schwächer wurde, daß er sich die Füße aus der Erde zerrte; im Gesicht wurden die scharfen alten Züge des ersten Marduk deutlich, als träte ein Licht, ein Feuer hinter einer Papierwand hervor, die es verdecken wollte – „Ich bin Delvil, ein Herr. Was hab’ ich in der Hand. Was ich in der Hand habe, weiß ich. Dies ist mir zugefallen. Meine Gefährten sind das nicht. Keinen habe ich. Marduk! Ich habe ein Amt. Und du auch. Rache fühle ich nicht.“ „Bist du so weit, Delvil.“ Finster schluchzend Delvil: „Nicht mißverstehen, Marduk. Du siehst jetzt anders als damals, wo ich zu dir kam. Du bist kein gezeugter Mensch. Ich habe mehr als Apparate hinter mir. Sieh dich und mich an. Du kannst jetzt nicht mehr reden wie damals in deinem Rathaus. Wir haben eine Pflicht. Das Feuer ist auf uns gefallen.“ „Die Dinge haben ihren Willen und ich habe meinen. Laß dich jagen von deinem Feuer. Delvil, schlage die Erde entzwei.“ „Ich bin nicht Kuraggara.“ „Die Erde entzwei. Was willst du anders.“ „Ich will nicht die Erde entzwei schlagen.“ „Ah, du willst nicht. Delvil kommt zu Marduk; er will nicht, was die Apparate und die Kräfte wollen. Ist etwas geschehen mit Delvil. Er hat Marduk geweckt. Es ist etwas geschehen. Hast du gewußt, daß du Marduk weckst?“ „Du bist es ja.“ „Hast du auch die Antwort gewußt, die dir Marduk geben wird. Wer A sagt, sagt B. Du brauchst mich, Delvil. Du bist kleiner als ich, du bist erlegen. Hilflos bist du. Unter Marduk bist du herunter.“
Wilder stöhnte Delvil: „Nicht mißverstehen. Da sind Krautfresser. Menschen, die siedeln und von dir sprechen. Das meinst du nicht. Kraut fressen wie die Kälber, das war nicht deine Meinung. Jetzt ist sie es sicher nicht. Was ich habe, hast du auch. Die Last ist auch deine.“ „Keine Last fühle ich. Wozu kriechst du vor mir. Wühlst mich aus dem Grab heraus. Du mußtest aus England herauskommen und stöhnst. Das hat dir deine Kraft gebracht. Was ist besser an dir, als an Kuraggara.“ „Schmäh nur, schimpfe.“ „Mich anzugreifen. Mich zu holen. Als ich lebte, wagtest du es nicht. Es gelang dir nicht. Es ist dir auch jetzt nicht gelungen. Geh weg. Hol Tote, hol Pharao, Hyäne. Husch, daß dein Feuer dich brennt.“
Es war Nacht. Marduks Körper leuchtete. Aus seinem Mund, seinen Augen, von seinem Finger sprühte mondhaft weißes Licht, zitterte wagerecht in Stößen um ihn. Delvil auf den Knien und Händen vor ihm kriechend, ihn betastend, um ihn kriechend, sah es, fragte nicht, war von Verlangen Bängnis Bitterkeit hingerissen. Die Schlangen unruhig fahrend überspritzten seinen heißen Leib. Das Pressen Krachen Knacken der roten kauenden Meduse nach Pausen des Fauchens. Delvil wühlte angstvoll am Boden. Er drückte Hügel beiseite; die umgelegten Tannen knisterten. Sein Gesicht tauchte er von einer Sehnsucht Ahnung gezogen in Marduks Licht. Der stand in seiner Grube, die sich nicht mehr bewegte. Die Beine zerrten noch an der Erde, bis zu den Knöcheln hatten sie sich befreit. Er atmete heftig, weit den Mund auf, den Kopf zurückgelegt; seine Arme ruderten durch die Luft: „Das ist es. Das kann ich. Die Erde Luft Augen; geht zu; meine Augen. Man hat mich hergeholt. Marduk, laß dich nicht rufen. Dies ist schon vorbei. Auseinander. Süße Leiber auseinander. Auf die Reise.“ Delvil suchte sich ihm mit der dampfenden, von der Urkraft umspannten Brust zu nähern, die Hände auf Marduks Schultern zu legen. Sie drangen nicht an. Seine Brust wurde seufzend schwer; sie wurde zurückgeschoben. Die Hände, Hände erlahmten. Bis in die Arme, wie unter einem Gift.
Marduk schrillte und schlürfte Luft: „Dies Kleid nicht. Marduk, auf die Reise. Marduk, geh weg. Hin!“ Die Geier sausten jauchzend auf den Rücken des hingestürzten Delvil. Luftziehend, in ächzender Begier schleppte, rappelte er sich an die mondhafte Gestalt, die leiser tönte surrte sang „Marduk, Marduk.“ Licht strömte von ihr, dehnte sich, in Punkten, gezogenen Linien über die Landschaft. Dichtere Massen schwammen, wogten von der Gestalt ab, überlagerten Delvils Gesicht und Rücken, bezogen die Bäume, und den schwarz aufgerührten Boden, hauchten um die aufflatternden Geier. „Marduk“ klang die Gestalt eintönig, wallte stob begann sich in Funken zu drehen. In Wut und Grauen tatschte Delvil zu, heulte, wie das Wesen leicht mit höherem Summen abwich, über den Boden glitt. Es war kaum mehr ein Mensch, was da glitt und hinzog, ein See ein Dampf, der sich immer mehr verbreiterte, mit einem menschenähnlichen Kern, der sich lockerte.
Hinrollte donnerbrüllte heulte Delvil: „Heran ihr! Mentusi, hilf mir. Kuraggara, sieh ihn an. Seinen Hals, faß ihn. Seinen Fuß, pack zu.“ In der schwarzen hohen Luft die Fänge und Pranken streckten die Geier, ließen sich blind über dem Wesen mit geschlossenen schlaffen Schwingen abwärts fallen, stürzten ins Leere, brachen in die Tannen. „Faßt ihn“ raste Delvil, ganz aufgerichtet, torkelnd über die Fläche watend, haschend, mit den schweren Beinen tretend.
Die Gestalt zerrann, hob sich wie Silberschuppen, schwach in dem allgemeinen weißen Schein zu erkennen. In dem Schein rutschten Mentusi und Kuraggara vom Sturz tief benommen von den zersplitterten Tannenspitzen die Stämme abwärts. Delvils Schlangen hingen schlaff; die rote Meduse war aus dem Leib gestiegen, schlotterte; weit offen der Mund; ihre wulstige Wandung kehrte sie nach außen. Delvil fühlte einen Schmerz, als würde sein Leib zerrissen. Er keuchte betäubt in das weiße Nebelmeer. Die Geier schwankten bewußtlos mit den Tannen; die Meduse zerrte an seinen Därmen. Da bückte er sich, riß die Tiere auf seinen Arm, taumelte, starr aus den Wolken herunterblickend, rückwärts nach Westen.
Schrie seine Wut gegen den schwarzen Himmel. Noch einmal jenseits der Havel machte er halt, aus der Betäubung sich raffend. Es war nicht denkbar, was geschehen war; auf seiner Brust hatte er den Schleier, der Marduk erweckt hatte. Nach Osten kehrte er um; seine Hüften versagten, schwankten nach den Seiten. Die Meduse, dem weißen Dämmer wieder genähert, stieg, als wollte sie etwas greifen, mit ängstlichen Armen empor, wulstete sich krampfend herunter. Über dem Havelland schwamm der milchig weiße Dunst. Die Bäume unten schaukelten sich langsam im Wind. Ein traumhaftes Zwitschern gaben die verborgenen Vögel von sich. In den Hütten Häusern Scheunen schliefen die Menschen. Die Erwachsenen reckten sich; sie gingen im Schlaf durch eine offene warme Landschaft, von einer weichen Gestalt geführt. Die Kinder im Stroh hatten die Augen geschlossen; ihre Münder zuckten; sie lachten. Und Delvil selber, unter allem Brennen in seinen Därmen, während er schwankte Luft schnappte, fühlte eine Müdigkeit. Die Lähmung war süß. Durch den blutgeschwollenen wolkenhohen Kopf gingen ferne Gedanken, von Menschen, sommerlichen Spaziergängen, von einem Becken mit Goldfischen. Seine Knie hatten die Neigung sich zu krümmen. Und wie er ringend mit rückwärts gebogenem Kopf in den Wolken Luft trank, stürzte er auf die Hüfte. Unerträglich peitschender Schmerz. Der jagte ihn hoch. Nach Westen, nach Westen. Die Geier raffte er auf. Er stürmte durch Hannover. Am Rhein kam er zu sich. Zwei Tage lang schrie er.
Die Geier sausten nach Westen, kehrten in Verwirrung und Wut zu ihm zurück. Auf seinem Kopf saßen sie, während er den Kanal überschritt: „Mentusi, Kuraggara, was soll mir mein Schleier. Was nutzt uns unsere Kraft. Hat er uns besiegt?“ „Er ist geflohen. Wir wollen noch einmal zu ihm kommen.“ „Ich will nicht. Nach Cornwall. Ich greife die Erde an. Das tue ich. Habt ihr ihn gesehen, wie er in Licht aufgegangen ist. Ich zerreiß’ die Erde.“ Kreischend Kuraggara: „Die ganze Erde. Samt den Menschen. Und den Felsen und Meeren.“
In Cornwall aber stand Delvil noch lange Wochen brüllend und weinend: „Er hat Recht. Ich zerreiße die Erde.“ Von Mentusi erfuhren die Giganten, was geschehen war. Delvil knirschte verzweifelt: „Alles heran, was wir haben.“ Und in einem Zerstörungstaumel brachen die Geier und Delvils Gehilfen in die nahen Festlandsstädte ein, die sie noch nicht zertobt hatten. Die Mekifabriken verwüsteten sie. Überall wo sie Teile des Turmalinschleiers wußten, schleppten sie sie heraus. Auf den Hügeln von Cornwall um den stöhnenden Delvil häuften sie sie an.
Dann machten sie sich selbst zurück. Die Geierfedern warfen sie ab. In der Dartmoorwaldung wuchs Delvil. Westlich im Bodminmoor Mentusi. Nördlich am Tawafluß Kuraggara. Einen großen Halbkreis bildeten sie, der nach Norden offen war. Es war Platz für die anderen Giganten. Die Berge der Schleier hatten sie um sich. „Soll ich Grönland machen“ höhnte Mentusi, „wollen wir die Schleier über die Erde hängen und die Erde verklumpen. Soll ich das Meer über Europa schicken. Wollen wir den Pol zum Äquator herunterziehen.“ Delvil dumpfte: „Nach Norden. Alle Kraft nach Norden. Wir sind in Fahrt. Haltet die Kraft bei euch, daß ihr nicht umgeworfen werdet.“ Vom Tawafluß Kuraggara, die aus einem Berg heraus wuchs: „Und wenn die Erde zerreißt, so fahre ich durch die Luft.“ Delvil: „Wachst! Saugt die Erde auf. Nehmt auf die Fahrt mit, was ihr könnt. Norden.“
Und in finsterem Haß richteten die Giganten die furchtbare Wucht ihrer Kräfte um sich nach Norden, gegen das Meer, von wo einmal die Lurche und die Schleier gekommen waren. „Ich schick sie wieder zurück“ schrie Delvil.
Über den Boden aller Landschaften, auf allen Kontinenten Inseln zwischen den aufblühenden und verwelkenden Bäumen, zwischen den schnuppernden laufenden hungrigen und gesättigten Tieren, bewegten sich die sterblichen Menschen. Fühlten ihre Arme, die greifen konnten, nahmen die Säfte an, die ihnen aus der Erde zuquollen. Und dann verdorrten sie. Alterten erschlafften ergrauten. Unheimliche Kräfte arbeiteten an ihnen. Sie hatten nur die stolzen drängenden schwellenden gekannt; jetzt weinten sie. Die Flüsse liefen wie vorher, die Berge mit den Wäldern standen ruhig, die gelbe Sonne kam mit den Tagen herauf, unverändert nachts die blaue Schwärze des Himmels: nur sie gingen hin, wurden weggedrängt.
Es fing an, sie lautlos zu bemalen. Graue Linien wurden um ihre Augen gelegt, die Lippen wurden bläulich blaß. Ein Meißel grub an den Gesichtern, unterschnitt die Jochbögen, trieb sie über den schlaffen Wangen hervor. Die Augen sanft eingesenkt, vermauerten sich, zogen sich kalt zurück. Eine unterirdische Arbeit zerlegte die Nase, legte Gruben über die Nüstern. Sie aßen und tranken, aber es war nichts aufzuhalten. Aus dem feinen Grat der Nase wurde ein breiter Pfad mit starren Wänden und dunklen feuchten Schlünden der Löcher. Die Haut, einmal flaumig, wurde dünn wie Papier über das Gesicht gezogen, eng über das Gesicht, bedrückend wie eine Maske; aus einer Maske sahen die Menschen armselig hilflos hervor. Wie einem Gebäude geschah ihnen, das auf den Grundriß demoliert wird. Sie fühlten es, schwiegen. Und die Kiefern klapperten weiter, mahlten das Brot, zerrissen das Fleisch, taten als wüßten sie nichts, und der Leib unten vertrocknete, verhärtete. Gelb wurden die dünnen knorpligen Ohren; starre Haare wuchsen in Büscheln heraus. Die Münder wurden nackt bloßgelegt, grausam die Lippen gefältet, die Lippen, die blaßroten nassen Bänder. Vom Halse herauf zogen sich Wulste quer und schräg zum Kinn; mit jeder Mundbewegung sich straffend. Knöchern die Hände, die Finger knotig zitternd. Und die Menschen saßen stumpf, gingen stumpf, erduldeten es. Bis das Letzte kam, das sie kaum mehr anrührte, der Tod, über der Leber, über dem Herz, den Hoden, der Gebärmutter, die der Krebs anfraß. Eine starre Ader in dem verdorrten Gehirn barst. Das zuckte, – die Augen irrten, lagen still, – war ein Mensch.
Von der Hochfläche Sidobra bei Toulouse brachen die Menschen auf, die Island erlebt hatten. Mit ihnen Kylin, Hojet Sala, der Steile Absturz. Aus Toulouse, wo sie wieder die Serninkathedrale betrachtet hatte, kam die gelbbraune glatthäutige Venaska zu ihm herüber, bat, mit ihm wandern zu dürfen. Schon auf dem Wege durch ein Maisfeld, sah er sie starr an: „Willst du wirklich, Venaska?“ „Laß mich mit dir.“ „Ich habe deinen Feigenzweig unter dem Oleanderbaum weggelegt.“ „Hojet Sala, hier ist ein neuer.“ „Ich habe deine Küsse unter dem Baum angenommen. Ich weiß, wie süß Menschen sind.“ „Nimm mich. Ich möchte, daß du mich liebst.“ Und während es warm durch ihn ging, summte er: „Ich will sie mitnehmen. Ich wandere mit ihr.“ Träumte, sah auf seinen Arm, und begrub den Gedanken.
Durch die blühende Ebene der Garonne fuhren sie auf Ziegengespannen nach Osten. Siedler und Islandfahrer begegneten ihnen auf den Roggenfeldern, zwischen den dichten Ansammlungen der Bäume, der laubabwerfenden stillen Wesen, die neu grünten. Wer von den Islandfahrern auf sie zukam, durfte sie begleiten; der Steile Absturz blickte weg, als Venaska die Männer und Frauen mit jungen Blättern auf ihre Art schmückte. Sie warfen sich täglich vor dem Feuer hin, das auf den Feldern angezündet wurde. Träumend stand Venaska, mit verschlafenen kleinen Augen, von den Anbetungen auf. Der Steile Absturz, immer hart und ernst, drängte nach Osten, zur Rhone; das Rhonetal aufwärts wollte er nach Lyon und nördlicher nach Paas. Durch leere Felstäler stiegen sie, Gießbäche umgingen sie. Jenseits des großen Flusses lag eine Ebene.
Da schwollen ihnen Menschen von Norden entgegen. Der Steile Absturz schickte Männer unter die wandernden Gruppen; die ließen sich nicht aufhalten. Über den Fluß fuhren nach Westen Menschen. Sie suchten in das Gebirge hinauf, fragten nach Verstecken. Und dann hörten die Menschen um Kylin –, sie waren in der Nähe der Stadtschaft Lyon –, tagelanges nächtelanges Knattern und Schreie. Brandwolken, eine ungeheure Flamme über Lyon, die sich ab und zu verschattete. Unter dem Brausen flüchteten an ihnen Massen weinender erschöpfter Menschen, heller und dunkelfarbiger, vorbei.
Der Stadtschaft Lyon hatten sich drei Giganten bemächtigt, zwei Männinnen und ein Mann. Die anderen Herren lagen erdrosselt. Sie selbst waren im Begriff sich in Dampfwolken zu verwandeln, um zu Delvil zu fahren. Ihre zähen mit Felsen und Erde genährten Leiber widerstanden der Glut. Das ganze Rhonetal hatten sie in Brand gesteckt, neue Wälder erhitzten sie. Aus der Tiefe brannte die Stadtschaft auf. Das berghohe Weib Tafunda stand breitbeinig über der Flamme, die an ihren Beinen leckte, goß ihren Harn in die Flamme, zitterte nach den beiden, sie sollten ihr helfen; aber sie schmolz nicht. Einer lag über der alten Vorstadt Macon wie ein Riesenberg blauer Seide. Sein Leib war nicht mehr zu erkennen, das Feuer zerfraß ihn; der Gigant kämpfte mit der Flamme, die ihn vernichten, verblasen wollte. Er hielt mit allen Sinnen seinen Leib, wie er sich auch streckte und wandelte, fest; das Feuer briet und röstete, er fühlte es nicht; die Flamme mußte tun, was er wollte. Er atmete selten, alles Feuchte hatte er von sich gegeben; aber der Wind bewegte seine blauen Massen noch nicht. Da riß sich der dritte Gigant, die Männin Kussussya, bis an den Hals in dem glutrasenden Erdloch Lyon im Süden, aus dem Boden: „Wir haben Zeit? Was ist das für Feuer.“ Und lachend tobend zerrte sie sich den Panzer der Giganten, den Islandschleier von der Brust, zerknäulte ihn, rieb ihn gegen einen Uferfels. Aufkrachen. Grüne Stichflammen. Ihr Leib verprasselte über den Wolken. Die Hitze hinblasend löste den Giganten bei Macon ab von der Erde. Er wallte wie ein blaues Lufttier. Molluskenhafte Arme streckte er hinstreifend nach Tafunda aus, die nach ihm schnappte loderte und nicht verbrennen konnte. Er schleppte das sich krampfende stöhnende ungeheure Gebilde.
Kylin hatte starr auf dem Pilatberge gestanden; sie sahen in der Luft über sich den Giganten von Macon mit dem schwarzen sich windenden Gebilde die Berge umkreisen, nordwestwärts ziehen. In das Flußtal wollten sie heruntersteigen; sie vermochten es nicht unter dem widrigen stinkigen Branddunst. Der Menschenstrom hatte plötzlich nachgelassen. Und wie sie die letzten Hügel nach Osten begingen, hielt der ganze Zug der Fahrer an. Das Flußtal war sumpfig erweitert, Fußtapfen der Giganten, Hügel bei dem Gigantenkampf zerrissen, von Nordwesten her das Gebirge in das Tal gestürzt. Über die Ebene gesät Häusertrümmer, die rauchten. Und daraus wanden sich hervor Menschen und Tiere. Auf die Siedlungen war der Kampf und der Brand übergegriffen. Das Feuer hatte die fliehenden Wesen wie ein Vulkanausbruch überfallen; sie lagen, schwarzbraune Flecken, zusammengekrümmt, auf den Wegen; an manchen absperrenden Mauern in Haufen.
Auf den östlichen Hügeln, an deren Lehnen sich der Qualm heraufzog, zitternd und heulend warfen sich auf den Boden und verbargen sich manche Islandfahrer, Männer und Frauen weinten; hielten sich die Ohren zu; das Gespenst Grönlands und der Vulkane zog wieder über sie her. Die meisten blieben starr; verbissen drängten sie weiter. Kylin hielt sich kaltgesichtig unter ihnen, lachte, manchmal krampfhaft stolz: „Sie bereiten sich selbst ihr Ende. Die Giganten, verfluchte Gesichter. Verfluchte Arme, zu denen wir geholfen haben. Könnte ich sie zerreißen, wie ich sie geschaffen habe.“ Schluchzend, jammernd hob er die Arme über sich: „Ich will das nicht mehr sehen. Feuer, ich kann an dich denken. Feuer auf Island, im Himmel, Feuer in meinem Leib, vernichte sie. Verbrenne sie, schlag sie nieder. Bestraf uns nicht wieder. Sieh, wie wir leiden.“ Er weinte laut mit den andern. Die Hügel herunter in das Tal zog er sie. Sie mußten nach den Verbrannten Zertretenen, den grauenhaft Zerquetschten sehen. „Sage einer“, klagte Kylin, „daß ein Mensch ist wie ein Baum, ein Stock, ein Sandhaufen. Er ist nicht dasselbe wie die Luft und der Stein. Die Steine sind zertrümmert, die Riesen haben die Felsen zertreten; die Bäume jammern mich, die sie zertreten haben. Aber dies zu sehen: die Menschen. Seht es euch an: es sind Menschen. Es ist mehr als Muskeln und Knochen und Haut. Die Riesen haben es nicht gesehen. Ich selbst habe es nicht gesehen. Sie haben gelebt. Sie sind hin.“ Sie weinten um ihn: „Wir wollen von hier. Müssen wir durch dies Jammertal?“ „Wir müssen“, der Steile Absturz erblaßte, rote Tupfen auf seiner Stirn und Backen, „es kann nicht zuviel sein. Dies ist das Feuer, das für uns ausgelegt ist. Kommt hinter mir her. Biegt euch, schmelzt, zerbrecht. Es ist kein Schade. Blickt euch um, was hinter euch nach Nordwesten zieht. Es triumphiert, es wird noch wüten, so, so. Unsere Schande. Es kann nicht schaden, wenn wir zerbrechen. Wir alle.“ Und wieder schluchzte er, krampfte die Fäuste, kniff die Augen zu: „Vernichte sie, wer es auch immer sei. Feuer, vernichte, blase sie in die Luft. Zerstäube sie. Laß nichts von ihnen übrig.“
Und durch das schreckliche Tal gingen sie weiter, bis ein Floß von Osten eine Schar verstörter irrer verstümmelter Menschen gegen sie losließ. Da bestiegen sie selbst das Floß, setzten über den qualmbeladenen Strom nach dem andern Ufer über. Kylin hetzte, während sie fuhren: „Da ist Wasser. Seht es euch an, ihr. Es gibt nichts zu weinen. Hier kann man ertrinken. Wenn man genug gebrannt hat, hier kann man ertrinken. Weg von der Erde.“ Es war Grausen ohne Maß, was auf den weiten Flächen des östlichen Ufers vor sie trat. Unersättlich, geschüttelt war Kylin, mehr, mehr zu sehen, ihnen zu zeigen. Vor die gähnende Öffnung der zackigen Krater der Erdstadt Lyon schleppte er sie, aus der die schreckliche lachende Männin gefahren war. Kylin lockte mit Hohn und Grausamkeit: „Auch hier hinein kann man sich stürzen. Sie hatte nicht Asche werden können; für uns reicht es.“
Es gelang ihnen tagelang nicht, Kylin von der furchtbaren Totenebene zu bewegen. Schon erkrankten von den Fahrern welche. Mit Haß und Genugtuung betrachtete der harte Kylin sie. Er hörte mit leuchtenden Augen, daß einige davongelaufen seien, irr vor Ekel, andere unfähig die Qual zu ertragen. „Wir müssen bleiben; wir werden sehen, wer zuletzt bleibt.“ Sie faßten ihn an: „Du willst uns opfern. Wir haben noch mehr vor.“ „Uns kann nichts Besseres geschehen als verbrennen. Wir müssen es den Giganten nachmachen. Wir müssen auch in einer Wolke nach London fahren.“
Wie sie herumirrten eines Abends, nach Hunden jagend, von deren Fleisch sie lebten, stieß Kylin auf Venaska, die verschleiert und geduckt um ihn ging, ihm auswich. Er zog an ihrem Schleier: „Ah, Venaska. Daß du mir begegnest! Gut! Du versteckst dich vor mir. Bei uns, an der Rhone Venaska! Ich habe nicht mehr an dich gedacht.“ „Hojet Sala. Ich gehe hier herum. Du hast mir gestattet, mit dir zu ziehen.“ Er hielt sie am Schleier fest: „Venaska. Ich kann es noch immer nicht glauben. Von der Garonne, von der Loire: Venaska. Du bindest dir einen Schleier um, du zwinkerst mit den Augen. Du mußt die Augen zumachen, die Nase zuhalten.“ „Hojet Sala, was sprichst du. Laß meinen Schleier.“ „Nein, diesen Augenblick sollst du wenigstens sehen und hören.“ „Ich habe immer gesehen und gehört. Vor dir hab’ ich mich versteckt. Vor deinem Anblick. Wie bist du schrecklich geworden.“ „Sie leidet. Venaska leidet. Um mich. Es ist nicht nötig um mich. Schämst du dich nicht so zu sprechen. Sprich Liebesworte zu mir; dein Handwerk wird hier auch blühen. Oleanderbäume Feigenbäume der Provence, nicht wahr, das ist nichts gegen dies. Hier ist es süß. Das hier unten neben dir, was so stinkt, ist der Leib und der Mastdarm eines Mannes oder eines Weibes; ich kann es von weitem nicht unterscheiden. Und auf der braunen Haut ausgebreitet: sieh zwei Kinderbeine; aber das Kind fehlt. Venaska, was sagst du zu diesem Kind. Ist die Schnelligkeit des Kindes nicht bewundernswert, die Beine sind dem Kind zu langsam gelaufen, da ist es selbst – mit wem wohl? mit den Giganten gerannt, Rumpf Arm Kopf, hurra, hurra, hopp! Die sehen sich jetzt von der Fußsohle eines Giganten das Meer an, vielleicht schon London. Ein neugieriges witziges Kind. Ein Genie und so früh gestorben! Warum unterbrichst du mich nicht, Venaska; mit Freudenausrufen oder mit einem Gesang. Deine Kehle ist so geschickt darin. Tränen, Tränen, vorwärts.“ „Warum wütest du gegen mich? Was beleidigst du mich?“ „Du fielst mir nur als ein Farbenfleck in dieser Landschaft auf. Nein, Venaska, du schleichst mit Recht herum, der Schleier ist an seinem Platz. Du bist doch verflucht, siehst du es nicht. Ja, du. Du weißt wohl nicht, was verflucht sein heißt. Sieh dir diesen zermatschten Darm an, die Kinderbeine, die darauf kleben; das waren Menschen, das war ich, ich.“ „Ich nicht, ich nicht, ich habe sie nicht zertreten. Hör auf, Hojet Sala. Siehst du nicht, zu wem du sprichst.“ „Und weil ich dich sehe, spreche ich so. Ich dich nicht sehen. Daß du es wagst hier zu sein. Hier ist das Grabmal aller menschlichen Würde, du bist das Triumphlied dabei. Unsere Schande führst du uns vor Augen, bei unserer Schande sättigst du dich.“ Sie drängte an ihn. Er sank unter dem wilden wütenden Druck ihrer Umarmung in die Knie. Ihre Lippen zitterten, die Augen glühten; seinen Mund suchte sie zu küssen. „Mein Mund. Wäre ich dir gefolgt, wenn es so wäre, Hojet Sala?“ Er stöhnte und widerstrebte nicht: „Pfui. Umarmen! Mehr! Küssen. Hinwerfen. Deinen Schoß an meinen. Es ist gut. Was sagst du, daß ich dich nicht kenne. Zeig mir ganz, was ich bin.“ „Ich weine mit dir. Ich tue dir nichts. Vergrab dich nicht, Hojet Sala.“ „Umarmen, Venaska. Mir nutzt sonst nichts.“ Er hatte sich ganz hingeworfen: „Gurre, Venaska! Den dreckigen Boden müßte ich küssen. Von Grönland mußte ich bis Lyon fahren, um von dir enthüllt zu werden. Meine ganze Schande zu sehen. Deinen Schoß her. Unsere ganze Menschenschande.“ Sie zog an seinen Armen. Todblaß stand er, knirschte: „Komm mit Venaska.“
Er schleppte sie zwei Tage durch das grauenvolle Tal, sah sie leiden. Dann ertrug er es nicht mehr. Sie hatte sich nicht verändert, ihre Augen lagen in fast grünlichen Höhlen, sanft war sie geblieben. Da irrte er um den Trichter der qualmenden Erdstadt herum, immer dichter; er schien erst langsam zu wissen, was er wollte. Er trieb sie an eine der gräßlichen Spalten, in denen Verwesungsgase stiegen: „Riech das mit mir, Venaska. Das ist das Bad für uns, bevor wir Hochzeit feiern. Was bist du?“ Schmerzlich rang sie an ihm: „Ich bin nicht anders als du.“ Sie zitterte kreischte. „Nicht schreien, Venaska. Du bist nicht anders als ich. Zeig es mir.“ „Ich tue nicht, was du jetzt willst.“ „Doch. Venaska. Du bist wie ich. Du bist mein Leben. Wärst du nicht so schön, so süß. Geh weg. Geh hinunter. Was macht es aus. Keiner von uns ist ja.“ „Ich geh’ nicht.“ „Erreg mich nicht, Venaska. Reize mich nicht, Venaska. Verhöhne mich nicht mit Liebe. Habe ich nicht zu büßen. Unendlich unendlich zu büßen. Ich sterbe in diesem Gestank. Mach ein Ende.“ „Hier hast du mich hergeschleppt. Du willst mich hineinstürzen.“ „Nein. Du selbst sollst es tun. Du kannst es tun. Tu es, wenn du die Augen auf hast.“ „Ich tue es nicht. Ich bleibe bei dir, Hojet Sala. Jetzt mehr als sonst. Du wirst Reue um mich empfinden.“ „Ich will dich nicht. Sprich mich nicht an. Dich kenne ich. Grausige. Du – bist aus dem Geschlecht der Giganten. Du bist die letzte. Du bist selbst ein Untier, das Grönland ausgeworfen hat. Du lebst in mir, gräßlich: meine Besinnungslosigkeit. Laß dich anfassen, liebe Besinnungslosigkeit. Der Steile Absturz bin ich.“ Sie wimmerte: „Ich schäme mich. Wie bin ich geschändet. Süße Erde, nimm mich.“
In den Qualmwolken der Spalte flatterte Venaska, den Boden in ihrer sanften Art streichend. Sie kroch weg, verschwand vor Hojet Sala, der hinter ihr schäumte.
Am selben Tag verließen die Fahrer das Rhonetal. Der Steile Absturz hatte vor den andern geglüht: „Venaska ist weg. Ich habe sie erkannt. Wir sind Menschen. Sie war es nicht. Ich erkannte sie. Sie war aus dem Geschlecht der Lurche und Riesen.“ Als man neben ihm klagte: „Stöhnt. Schmerz her. Der Schmerz. Davon brauchen wir Eimer, Zentner jeden Tag. Für uns Menschen ist nur die Hölle gut. Wenn das Feuer nicht ist, werden wir zu Steinen. Nur die Hölle tut uns not. Der Schmerz ist unsere Seele, unser Gott.“ Und leiser: „Wißt ihr, sie ist in das Feuer gegangen und war ein Stück von mir. Gesegnet, wer Erniedrigung gibt.“
Venaska, die süße, flüchtete nach Westen. Den Dampf- und Verwesungsgasen der Krater von Lyon war sie entkommen. In Angst schleppte sie sich, allein. Sie weinte viel. Sie war das Glück der Entsetzten, zwischen denen sie sich bewegte und denen sie die braunen Hände gab. Wohin ging sie. Wohin wollte sie. Zu den Wesen Grönlands gehörte sie, hatte der Steile Absturz gesagt. Sie wollte hin zu ihnen, nach Grönland. Und dann kam sie im Westen unter die verzweifelten, oft kannibalischen hungrigen Völkermassen, die sich aus Orleans und Paris rissen. Von den Riesen sprachen sie, die sich in Cornwall versammelten. Zu den Riesen: das wollte sie. Ein bewußtlos tiefes Verlangen befiel sie, hüllte sie ein; sie lechzte zu den Riesen. Die hatte Hojet Sala geschmäht, die waren von ihrem Blut. Wie jäh das ihr gewiß war. Sie verstand nicht mehr das Klagen Heulen der Massen, das röchelnde Fluchen auf die tobsüchtigen Giganten. Ihre eigene Verzweiflung war wie die Nacht von einer Morgenröte ausgelöscht. Was ächzte und brüllte man. Wer nannte die Giganten, die fernen. Sie standen in Cornwall, gräßlich ihre Taten, grauenhaft ihre Leiber. Aber man kannte sie nicht. Nur sie allein kannte sie durch Taten und Leiber hindurch: ihr Blut, ihre Brüder.
„Meine Brüder, meine geliebten Brüder“ seufzte es Tag und Nacht in ihr. Die Landschaft der Loire blickte Venaska süß an: „Ich bin wieder da, liebe Bäche, liebe Birken, liebe Gräser. Ich habe euch lange nicht gesehen. Ich war verzaubert.“ Sie legte sich nackt in einen Bach: „Liebes Wasser, das ist mein Leib. Er ist ganz für dich. Ich will nach Norden. Hilf mir herüber.“ Sie stand blaß auf dem Bergabhang, ließ sich von der Luft trocknen: „Bist kalt, lieber Wind. Das ist mein Leib, meine Brust. Hilf mir nach England.“ Das warme Licht kam hervor: „Ach die Sonne. Wozu hab’ ich Augen und Ohren. Ich fühle dich durch die Haut, auf dem Rücken, am Nacken, an den Füßen. Auf meiner Wanderung kommst du mit.“
Sie fuhr mit Menschen, die sie berückte, lange Tage bis zur Seine hinauf. Dann wollte sie niemand mehr fahren; die Furcht vor den Riesen war zu groß. Sie lachte ging, war voll Sehnsucht: „Geht nur. Die Riesen sind nicht eure.“ Die Ufer der Seine lief sie entlang, über Wiesen, durch Buschwerk. Sie war glücklich und voll Sehnsucht. Die Landschaft hing an ihr. Je rascher sie lief, um so mehr hielten die Wesen der Landschaft sie fest. Die Gräser wickelten sich um ihre Schuhe. Sie mußte die Schuhe ausziehen und barfuß laufen. Die Bäume stellten sich nachts, wenn sie schlief um sie und ließen sie nicht heraus. Sie lief, lief. Das Buschwerk, die Gräser liefen mit ihr. Die Kastanienbäume, die Linden, sommerlich blühend, wogten bei ihrer Annäherung auf. Duftwolken brunsteten sie aus, dann senkten sie ihre Wipfel, griffen mit den Ästen nach ihren Haaren. Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß nach Cornwall. Laßt meine Haare frei. Helft mir nach Cornwall; ich muß zu den Riesen, meinen Brüdern.“ Das Meer kam nicht, das Meer kam nicht. Sie grämte sich, sie weinte. Die dichten Gräser schlossen sie ein. Venaska war glücklich in ihrer Liebe und schluchzte vor Verlangen.
Während sie ermüdete, Schritt für Schritt ging, von dem Lande umfaßt, streckte sie die Arme nach Norden aus. Die Tränen stürzten aus ihren Augen. Die Tränen liefen der Venaska voraus, fielen auf die Schultern der Giganten.
In Cornwall standen, stumme Gebirge, die Giganten im Halbkreis vom Bodminmoor bis nach Egmoor im Norden. Die Erde um sich hatten sie ausgehöhlt, Felsen und Wassermassen in sich aufgesogen. Mit Erzquadern wurzelten sie in den Gabbromassiven der Tiefe. Grüne Hornblendenädelchen durchwuchsen ihre Füße, schwarzbrauner Olivin, eisendurchzogen, schob sich bis an ihre Brüste herauf, ein steinerner Mantel. Die Strahlenträger, die gesponnenen Netze, hielten sie vor sich auf der Brust, gleichmäßig alle grünschwarzen zerklüfteten wasserüberflossenen Gesichter nach Nordwesten auf das Meer gerichtet, das Meer aufzureißen, den Meeresboden aufzuschmelzen, die Flamme die Lava hervorbrechen zu lassen, Länder zu verschütten. Keine jauchzende Wildheit Krampf war mehr in den Wesen. Die Gebirgsströme brausten durch sie. Die Erdmasse lähmte sie, wollte sie vergewaltigen; sie mußten mit allen Seelenkräften anringen, um nicht zu versinken.
Das Meer, die grünen Wasservölker, waren längst von der Cardiganbucht über Wales hingesprungen, durchtobten den Bristolkanal, schäumten bis zu den Füßen der steinernen Kuraggara im Norden. Tag und Nacht wallten vom Atlantischen Ozean mit Wut die ungeheuren hinpeitschenden Wogen an. Irland überdonnerten sie in ganzer Breite. Rasend stieg die Flut von Nord herunter, eine meilenbreite von schwarzen Gewittern überlagerte Straße schiebend, wühlte gegen Cornwall. Jenseits der Hebriden rissen die Wellen dampfend auseinander, entließen gähnend Dunstwolken. Neue Massen schwemmten herüber, kochten füllten die Spalten. Heller und heller von einer unsichtbaren Quelle wurde es von Woche zu Woche über der brandenden Kampfstraße. Durch Glimmen und Dämmer fuhren unaufhörlich die Blitze. Endloser Regenguß, brüllender Donner.
Auf Cornwall, die Erde einziehend in ihren Leib, Flüsse aufsaugend, rangen die Giganten mit ihrem Bewußtsein. Zu dem Brüllen des Donners gesellte sich ihr tiefes Grunzen Röcheln. Das Bewußtsein wollte ihnen schwinden. Und wenn einer stöhnte, stöhnten die anderen mit, um ihn durch ihren Lärm zu erwecken. Delvil, die Dartmoorwaldungen auf seinem Rücken, bewegte nur noch die Augenlider. Die Kiefern- und Tannenstämme, lose durch seine Adern strudelnd, bohrten sich durch die rauchschwarze Haut. Die Felsen wie in einem Trichter in ihn schwemmend, packten sich an seinem Hals hoch. An seinen Schultern, an der Brust trieben sie Kanten vor, waren Abhänge Klüfte, in dem sich das gischende Wasser verfing.
Und im Sturm, wie er stand –, woran dachte er, wollte sich erinnern – brannte ein Schmerz an seinem Nacken. Er achtete nicht darauf, sein bewaldeter seenwiegender Kopf sank tiefer. Da zuckten seine Finger, der Arm krümmte sich, es brannte im Nacken; welch Schmerz. Er tastete nach hinten. Etwas rief. Von wo rief es. Er murrte. Venaskas Tränen stürzten gegen seine Schultern, seinen Hals entlang. Ein Rufen: „Delvil Delvil Delvil.“ Über ihn hin dachte es: es ruft mich bei Namen. „Delvil. Delvil.“ Mit den Tränen kam der Schrei. Seine Finger tasteten hinein, warm waren sie; über seine Schulter rief es durch das Gewitter: „Delvil. Hilf mir doch. Ich bin im Gras verwickelt. Ich will zu dir.“ „Sie ruft mich bei Namen. Immer der Name. Der Name. Es ist wie damals, als Marduk entkam.“ Er brütete erregt, stöhnte: „Ich muß den Schleier halten.“ Die Tränen sammelten sich kitzelnd brennend hinter seinen Ohren. Es klagte; hörten die andern es nicht. Arme griffen über seinen Mund. Das waren Arme, über seine Augen. Er bewegte den Kopf keuchend rückwärts; ein heller Schreck durchfuhr ihn. „Delvil, ich kann nicht zu dir. Was stehst du hier. Heb du mich, süßer Bruder.“ „Oh“, bäumte er sich, grunzte hohl, „weg von mir“ und stöhnte mit den übrigen: „Die Steine. Es sind die Steine die Bäche. Sie nehmen mir das Bewußtsein.“ Das Gewitter prasselte, Schwärze, glühender Strahl. Er preßte den Schleier. „Meine Arme halten dich. Nun sind sie doch froh bei dir zu sein. Ich komme bald; nichts soll mich zurückhalten. Du bist mein Blut. Nach dir habe ich Sehnsucht. Sehnsucht, Delvil.“ Es zuckte züngelte durch sein Gehirn. Es trieb ihn an seinen Beinen zu ziehen. Was hing an seiner Brust; welche toten Körper waren seine Beine. „Du wirst mich nicht verwirren. Das Meer kommt an. Die Erde reißen wir auf.“ „Mein Blut, du, und du hast Verlangen nach mir. Ich kenne dich, wenn du dich auch wehrst. Mein Mund ist bei dir. Da ist er. Toter Bruder, sieh das Meer, es ist schön. Du fühlst mich, du fühlst alles. Du bist Wald Gebirge Fluß. Sieh das süße Leben an dir. Unser süßes Leben, Wald Fluß Gebirge. Laß sie heraufkommen zu dir. Laß sie nur kommen.“ Das Bewußtsein schwand ihm: „Ich muß stöhnen. Sie sollen mitstöhnen. Sie soll mich wecken.“ „Mein Herz kommt zu dir. Jetzt ist es da. Toter Bruder, blick dich um. Jetzt wirst du lebendig.“ Sein Kopf zuckte wild nach rückwärts. Durch die Schwärze, zwischen den Blitzen näherte sich, näherte sich ein blutendes triefendes Gebilde. Aderspielend, glühend kam das Herz Venaskas an, lautlos langsam. Senkte sich in den Berg. Den durchströmte es auf Sekunden warm. Ein weiches Dunkel bodentief brodelte durch Delvil. „Warum nicht, Delvil. Warum nicht.“ Sein Kopf war nicht mehr da, das rasende Meer war verdämmert. „Toter Bruder, nun ist uns gut. Nun hab’ ich dich. Streck dich aus. Du hast Beine, sink hin. Hin. Hin. Wir sinken. Ach ist es schön zu sinken.“ Es war nicht mehr Delvil, in Berg See Wald ausgedehnt, auseinanderfließend. Es war nicht mehr Delvil.
Und zu den andern Giganten, von Bodminmoor bis zum Egmoor am Bristolkanal schwoll Venaska. Sie rangen, in Syenitmassen versenkt, mit den grünen sprießenden sie durchwuchernden Augiten, den Sandmassen, die ihre Stirnen überschütteten, den Haufen von Trümmergestein, die durch ihre Adern türmten. Die Waldbäche strömten kühl an ihnen herauf; Quellen brachen auf, wogten durch sie. Es zuckte in ihnen. Ihre Lippen suchten sich zu spitzen. Flehen Singen nahe bei ihren Ohren. Sie wurden am Hals, an den Fingern berührt. Und wie sie noch staunten aufröchelten, um sich zu erwecken, wurden sie im Innersten beseligt und ihr Mund blieb offen. Hin schwanden wie Dunst ihre Gedanken. Ein Traum schoß zu blendender Helligkeit auf: bei Namen wurden sie gerufen, Kuraggara, Tafunda, Mentusi. Tränen über die Nacken stürzend, Gurren einer Stimme. Wer war das. Wärme Sinken. Eine erschreckend sanfte süße Stimme: Kuraggara, Tafunda, Mentusi. Ist das der Tod. Ach was gibt es in der Welt.
Es waren nicht mehr die Giganten, auseinanderprasselnd in Wälder Gebirge. Das donnernd sich anhebende Meer sprühte, wusch die Massen, die abstürzten, lose Stämme, leichtes Gestein und die Schleier ab. An Felsen zerrieb es sie, zersprengte sie in Lohe. Dann verebbte die schwarze Meeresstraße von Norden. Das tausendarmige Gewässer zog sich nach der Cardiganbucht zurück. Der Dampf über dem Meer verwehte. Irland hob sich seenflutend wieder aus dem Wasser. Auf Cornwall zerkrachten abrollend die steinernen Häupter und Arme der Giganten.
Aus den Löchern und Nestern der verschütteten Stadtschaften quollen die Verstörten. Sie waren ohne Nahrung; Haß Kannibalismus herrschte. Geschlossene Horden kamen von den dröhnenden britischen Inseln, Reste von dem überschwemmten Irland, schlugen sich mordend raubend durch das westliche Europa. Die Mekifabriken waren verschüttet, die Äcker nur wenig durch Siedler bestellt. Wie ein Wolkenbruch, ein Hagelwetter stürzten verheerend die Menschen, die von den Tritten der Giganten verschont waren, auf die Landschaften. Monatelang liefen sie. Leichen ließen sie hinter sich auf dem Boden. Was stark war, verschanzte sich in den wüsten Wäldern, auf Äckern, einzeln, meist in Kampfgenossenschaften, würgte was sich näherte, war hart wie Knochen, jagte Tiere. Die Ausschüttung und Überschwemmung des europäischen Kontinents, die ungeheure Katastrophe, war in einem Jahr in ihrem ersten Schwall beendet. Das Verschieben der Massen, Hin- und Herdrängen, Überwallen und neues Verschütten dauerte noch lange an.
Die Islandfahrer, im wildesten Strom, waren vorbereitet ihn zu empfangen. Sie stellten sich den furchtbaren Massen mit nicht geringerer Furchtbarkeit entgegen. Arbeiteten, als wenn sie über den Vulkanen schwebten. Hielten vertierte Menschengruppen, teilten sie, trieben andere weiter. Erschienen bewaffnet, überall miteinander im Zusammenhang, in den belgischen Gebieten, an der Seine, der mittleren Loire, der Rhone. Wallartig mußten sie sich vor den glücklichen Landschaften südlich der Garonne aufbauen, um ihre Zertrümmerung zu verhüten. Schleppten nach Calais Le Havre Antwerpen, an die Girondemündung Schiffe, die aus der Grönlandexpedition rostend und faulend in den nördlichen Häfen lagen. In die afrikanischen weiten und längst aufgeschlossenen Landschaften, nach dem nördlichen und südlichen Amerika führten sie große Massen.
Wie beim Uralischen Krieg, als die Feuerwalzen zusammenschlugen, das Kaspische Meer, wurde die Ostsee bei der Zertrümmerung der dänischen und skandinavischen Stadtreiche von entsetzten hungernden sterbenden Menschenwesen überschwemmt. An der südlichen Küste dieser See dehnten sich die Märker aus, bis nach Litauen im Osten, an den Rhein im Westen. Sie hatten fruchtbare bestellte Gebiete zwischen sich. Hier verdarb um diese Zeit der schwarze Konsul Zimbo, als er den Augenblick benutzen wollte, um die märkische Macht durch Überfälle nach Norden und Westen auszudehnen. Die bewaffneten starken ackerbauenden Horden erschlugen ihn in Berlin während einer Beratung, öffneten ihre Grenzen nach Norden und Westen, nahmen Scharen der Flüchtigen auf. Über die Rheingrenze gingen damals helfend märkische Horden. Die Erhaltung des größten Teils der späteren westlichen Bewohner war ihr Werk. Durch ihr eigenes Gebiet führten sie nördliche Scharen über die Warthe, die Weichsel. Die russische Tiefebene betraten sie, die wieder geglättet beruhigt begrünt war nach dem Flammenkampf. Nomadisierende mongolische und sibirische Stämme nahmen sich der einschmelzenden Städtereste an. Von den in die Stadtschaften Verlockten und Verschlagenen blieben nur die Nachkommen der älteren härteren Weißen und Dunklen auf dem Kontinent; der junge Zufluß, der nicht verkam, verebbte nach Süden. Dünn besiedelt war das Land, auf dem die gewaltigen Stadtschaften, die Mütter der Giganten gewachsen waren. Es waren in der Masse Nachfahren indianischer Mischlinge und noch nicht lange eingewanderte körperstarke Mestizen, versprengte Reste Weißer.
Dann war die Wut des Orkans gebrochen. Auf dem europäischen Kontinent rangen in furchtbarster drängender Arbeit die Menschen mit dem Boden. Amerika hatte keine Gebilde entwickelt wie Delvil Tafunda Kuraggara. Hier flossen die Stadtschaften früh aus, die Senate schwanden, Apparate und Wissenschaften verdarben. Als der östliche Teil des einstmaligen Völkerkreises sich selbst zerschmetternd zusammenbrach, hatte der amerikanische Kontinent noch viele kleine fröhliche Städte innerhalb der verfallenden, Berge und Wiesen überziehenden Reste der ungeheuren Stadtreiche. In Dorfstaaten, oft bei den schwach besiedelten Resten der alten Stadtschaften ballten sich in Europa die Menschen. Es kamen nicht viel später Angriffe afrikanischer Raubhorden, die den alten Hang zum nördlichen Kontinent nicht verloren hatten. Die Vorstöße führten zu Gegenbewegungen, zur Festigung europäischer Stammesgebilde und Volksgruppen und zur Ausdehnung am Mittelmeer.
Über Nordeuropa zog nach den Vorgängen in Cornwall Staub wie von Vulkanausbrüchen, wochenlang gingen Regengüsse nieder. Man beachtete es in der Verkrampfung und tödlichen Wut dieser Tage nicht. Und wer von den noch Lebenden an die Giganten dachte, fürchtete sie nicht; man kannte jetzt keine Furcht. Erst wie das Ringen zu Ende ging, besann man sich der tobenden Giganten. Und man sah die harten ledergekleideten Islandfahrer, die, hinter sich kleine Scharen neuer Entschlossener, durch die Länder ritten, Fußpfade herstellten, die verfallenen Chausseen freirissen, große Wanderscharen auseinandertrieben. Im Belgischen und am Rhein verbreitete sich das Gerücht, dies seien Männer und Frauen der alten Herrengeschlechter, die gegen die Senatoren rebellisch geworden wären, sich ungeheurer Kräfte auf Island und Grönland bemächtigt hätten und die Giganten auf den britischen Inseln niedergekämpft hätten. Seien Männer und Frauen wie Marduk und die White Baker, nur stärkere; sie hätten die Giganten mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Es nutzte nichts, daß die Islandfahrer den Gerüchten entgegentraten. Sie schwiegen zu viel, man sah ihr Vulkanzeichen und wie sie sich vor dem Feuer demütigten. Das mußte die Gewalt sein, die sie selbst niederhielt. Ob sie sich wieder wie die alten Herren über die Menschen erheben würden. Und während man vor ihnen auf der Hut war, tat man den Fahrern nach, verehrte das Feuer, um mit ihnen auf einem Boden zu stehen und auch, um nicht eine große unbekannte Gewalt zu beleidigen. Den Islandfahrern selbst, die mit ihnen siedelten, brachte man Ehrfurcht entgegen, fiel vor Hojet Sala hin.
Harte Sitten der Märker, die sich nicht mehr abschlossen, zogen im Westen und Süden ein. Wie Flugsamen verbreiteten sich aber auch bei den stadtentlassenen Menschen auf den Feldern, in den Dörfern, auf den Stadtresten die ernsten liebevollen und ehrfürchtigen Gedanken des Südens. Neu fühlte man sich in das Gewitter ein, in den Regen, den Erdboden, die Bewegungen der Sonne und Sterne. Man näherte sich den zarten Pflanzen, den Tieren. Das Feuer der Islandfahrer stand wie der nachuralische Metallstier in den Landschaften zur Erinnerung an die Katastrophe. Aber schon betete man freudig und langsam atmend vor dem flackernden Licht, vor den großen Kräften, die alle errettet hatten und sie jetzt neu beseelte. Zeichen von Tieren, Holzbilder Idole tauchten an vielen Gegenden auf. Man verehrte sie, stellte sich unter ihren Schutz. Stündlich war man von geheimnisvollen Kräften umgeben; Geisterglaube wurde sehr lebendig.
Hojet Sala träumte schwer: er irrte am Seineufer entlang; auf diesen steppenartigen Flächen, zwischen diesen sich windenden Bäumen mußte vorher jemand gewandert sein, Venaska. Weiter wollte er, mußte suchen. Da war ein Dickicht. Er wollte hinein, er wollte durch. Er kam nicht heran. Er drängte und drängte. Und wie er den Hügel mit dem Dickicht anlief, wurde er plötzlich erhoben, über das schwere Buschwerk hinweg. Über den Boden, die weiten süßen sehnsüchtig begehrten Flächen flog er weg. Er wand sich, er flog. Über das brausende Wasser mußte er fliegen, das war der Kanal, in der hohen schwarzen Luft. Den Mund öffnete er: „Jetzt bin ich bald da.“ Da war auch die schwarze Wüstenei, Cornwall. Die Arme wehten wie zwei Bänder vor ihm. In der steinigen Dartmoorlandschaft ließ er sich nieder. In das knatternde Gestein senkte er sich ein. Sein Leib wurzelte in dem Berg; ein Gigant wurde er, ein steinerner toter Felsenriese.
Hojet Sala erhob sich von dem Traum, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd. Er wanderte durch die Landschaften, die von den Siedlern aufgebrochen wurden, in denen sie sich umfluten ließen vom Atem der finsteren Tannengeschöpfe und grünen Buchen. Er trat nach Norden in die Ebene des alten oberirdischen Brüssel. Da saß Ten Keir.
„Ten Keir, ich suche dich. Komm von den Trümmern herunter. Du hast nur Haut und Knochen. Schließ dich uns an. Wir sind von Island und Grönland gekommen, du weißt es. Wir sind alle errettet.“ „Warum sprichst du zu mir, und kommst zu mir, Hojet Sala. Es gibt genug, die sich von dir haben brennen lassen. Warum rührst du an mir. Fürchtest du nicht, daß ich dich verbrenne und du mein Zeichen nimmst?“ „Was für ein Zeichen?“ „Ach, du meinst du triumphierst und ich verkomme auf meiner leeren zertretenen Stadt. Aber an mir ist nichts zu erretten. Ich beuge mich nicht. Es gibt keinen Gott und keine Gewalt, von der ich ein Zeichen annehme. Ich bin ein Mensch. Und du, Hojet Sala, du bist keiner.“ „Ich bin keiner, Ten Keir?“ „Nein du nicht. Sonst würdest du sitzen wie ich. Würdest jammern, daß die Giganten hin sind.“ „Die Giganten. Wohl uns, daß sie hin sind.“ „Was sprichst du, du frommer Gläubiger Heiliger. Sie sind hin. Ungeheuer sind sie gestorben. Ich weiß nicht, was sie verschlungen hat. Du warst es nicht, rühme dich dessen nicht. Du warst Kylin. Und jetzt bist du ein Steiler Absturz. Der Steile Absturz. Unterworfen, hast kein Leben, du hast kein Leben und die anderen auch nicht. Ihr seid davongelaufen vor Grönland. Ihr seid eurer Würde nicht gewachsen gewesen, wie ich, wie wir alle. Ich sitze hier. Und schäme mich und klage um die Giganten. Und auch du schlägst die Augen nieder.“ „Mein Wahn, Ten Keir, hat sich gelegt. Ich bin dadurch nicht schwach geworden.“ „Dein Wahn. Das Zittern ist in euch. Ihr sinkt, ich weiß nicht wovor, zusammen. Delvil allein ist stark geblieben. Du weißt es selbst. Warum kommst du sonst her. Ich verfluche mich und schlage mich, daß ich es erst jetzt sehe. Darum um mich zu foltern, nagele ich mich an diesen Trümmern fest. Und labe mich an diesem letzten Anblick, den sie mir hinterlassen haben. Das sind sie doch gewesen, die Riesen. Gerast haben sie, grausig waren sie, Rache haben sie geschnoben. Aber im Recht waren sie über euch und über mich. In aller Raserei hatten sie recht über mich und gar über dich, Hojet Sala. Ihr seid erbärmlich, lächerlich. Unwert der Dinge, die die Menschen geschaffen haben. Da liegt alles zertrümmert. Triumphiert.“ „Ten Keir, wie quälst du mich. O wie du mich quälst. Was hat die Giganten umgebracht? Es trieb sie, sich selbst zu vernichten.“ „Damit beschwichtigst du dich nicht und mich nicht. Sie wollten sich nicht vernichten, das sage ich dir. Ein Fehler, ein Irrtum, eine Schwäche muß sie auf Cornwall umgerissen haben. Sie hatten sich übernommen. Aber dir sage ich: gesteh es, blick mich doch an. Du gehörtest zu uns, du, und zu ihnen. Besinn dich auf dich. Kylin, denk an dich. Ich bereue, daß ich nicht Delvils Freund geblieben bin und ihn hab hinsterben lassen. Wir bereuen. Du auch. Hilf, was noch zu helfen ist. Es ist kein Mensch so verzweifelt gestorben wie ich, wenn ich jetzt sterben muß, ohne Rettung gesehen zu haben. Denk Kylin, was wir besaßen. Niemand war diesen Dingen gewachsen. Weil sie in Räuberhände fielen, in mißbrauchende Hände, waren sie nicht weniger unerhört. Und groß, und unser. Die Giganten hatten den Schleier; sie haben ihn in Wut und Rachsucht verwandt. Sie haben an sich selbst gebaut, Angst wurde mir, aber jetzt fasse ich, es war das Stolzeste, Menschenwürdigste das jemals geschah. Es ist jetzt hin, zertrampelt. Aber vielleicht, vielleicht Kylin, nicht zu spät. Sie konnten es nicht beherrschen, es kam zu rasch, immer muß Lehrgeld bezahlt werden. Ach Kylin, wir haben dich nach Grönland geschickt, um einen neuen Erdteil zu schaffen. Was war schon Meki für ein Erdteil, den wir geschaffen haben. Und du. Jetzt weinst du.“
„Nicht um die Giganten. Komm von den Trümmern herunter.“ „Ich will deine Menschen nicht sehen. Weil ich mich ihrer schäme, sitze ich hier.“ „Komm von den Trümmern, Ten Keir. Du siehst, ich weine. Du wirst nicht feige sein. Verkriech dich nicht auf Mörtelhaufen, zwischen verbogenes Eisen, verhungere nicht zwischen dem weißen Kalk. Bist du noch Ten Keir? Soll ich dich nennen. Du bist Tauschan-Dagh, Hasenberg.“ „Ich werde sterben.“ „An der Berührung mit mir, fürchtest du daran zu sterben? Komm zu mir.“ Der vertrocknete kleine, in der Sonne bebende Menschenleib wand sich herunter von den rieselnden klappernden Steinen: „Da bin ich, du.“ „Bleib bei mir.“ „Komm, Kylin, ich werde dich führen.“
Einen Tag gingen sie, einen zweiten dritten, nach Norden, durch die Dickichte und Siedlungen. Nachts wimmerte Ten Keir; er weinte um die Giganten. Beim Gehen blickte er nicht um sich. Das große schwarzgrüne Wasser kam, die Nordsee. „Abschiednehmen. Es gibt keine Rettung. Auch für dich nicht. Hier wollte ich hin. Ich nehme Abschied von dir, Kylin.“ Mit gesenktem Kopf stumm stand Hojet Sala, als der hinfällige Mann sich von ihm löste, sich über den windgeworfenen Sand schleppte. Vor den klatschenden anbrausenden Wellen blieb er. Er stand. Stand. Plötzlich rutschte Ten Keir in den Sand, lag auf der Seite. Nach einiger Zeit zog ihn der andere an der Schulter, hauchte: „Du. Ten Keir.“ Der: „Nicht anfassen. Weg.“ Hojet Sala zog seine schweren Füße die Dünen hinauf, bis er den andern nicht sah. Nach einer Stunde trug er sich wieder an das langsam anwallende Meer, das sich violett und schwarzblau überzogen hatte. Ten Keir, ein kleiner schwarzer Haufe lag in dem Sand. Still setzte sich Hojet Sala neben ihn. Der kleine richtete nach einer Weile den Kopf hoch, zuckte, setzte sich auf, schwieg, das Gesicht in die Hände gedrückt. „Du hältst mich für feige, Hojet Sala. Bin ich so erbärmlich. Ich kann nicht hier hinein. Es ist das Wasser, das sie verschlungen hat. Das hat die Giganten verschlungen.“ „Komm fort, Ten Keir, du hast hierher gedrängt. Ich leide sehr. Begnade auch mich. Bleib nicht zu lange liegen.“ Wimmernd, oft sich hinsetzend, oft die Fäuste vor den Augen, meist schlaff, folgte der ausgemergelte hohläugige dem langbärtigen Hojet Sala.
Sie wanderten zurück durch den Bereich der nördlichen Siedlungen. In einem Wald, in dem man rodete, lagen gefällte abgeschälte Tannenstämme. Da setzten sie sich nebeneinander. Hojet Salas Gesicht war nach dem Boden gekehrt, überwölkt verschlossen. Am späten Nachmittag rief er Siedler in der Nähe an, die ihn erkannten. Sie sollten für ihn Steine aufhäufen mitten in der Lichtung. Er half mit, die schweren Blöcke, weiße und dunkle, heranzuschleppen. Ten Keir sah ihm eine Weile zu. Wie ihre Blicke sich begegneten, nickte Hojet Sala: „Ja. Hilf mit.“ Und der zerlumpte fühlte sich bewogen aufzustehen, aus dem Boden die harten Steine zu ziehen und zu wälzen. Und während er trug, wußte er, was sie taten: sie trugen Steine zusammen zu einem Zeichen für die Giganten. Gegen Abend war der hohe breite Haufe fertig. Die Siedler verließen sie. Zwei Tage lagerten Hojet Sala und Ten Keir bei dem großen steinernen Denkzeichen in der Lichtung. Dann bewegte sich der Langbärtige, faßte den andern bei der Hand: „Wir wollen jetzt weiter, Ten Keir.“ Sie gingen auf Brüssel zu. Vor der Steinwüste legte der Islandfahrer zum Abschied den Arm um die Schulter des andern: „Hier ist Brüssel, Ten Keir.“ Der hielt seine Hand fest: „Nicht Ten Keir. Tauschan-Dagh hast du gesagt. Laß mich nicht allein. Wir wollen um die Stadt herumgehen.“ Sie umschlangen sich.
Die Diuwa, glanzäugig milde, fuhr auf einem Ochsengespann im Winter durch die schneeflatternden Landschaften, suchte in der Pariser Gegend Hojet Sala. Wollte ihm danken für den Schutz der südlichen Siedlungen, sie litt auch um Venaska, die er bei Lyon verjagt hatte. Die volle Frau mit dem schweren roten losen Haar vermochte aber nicht zu klagen. Hojet Sala ging auf den beschneiten Feldern neben ihr. Vor Kindern stand er, lachte mit ihnen, knackte trockene Zweige, sah träumerisch Krähen nach, wiegte halb scherzhaft die Arme, als wollte er mit ihnen fliegen. In seinem Häuschen sang er oft feierlich morgens wie die britischen Siedler. Er faßte auf dem Feld einmal die Diuwa bei den kalten Händen an. Ob sie ihm vorwerfen wolle, daß er nicht genug auf Schmerz sehe, daß er keine Menschen quäle, sie nicht mehr ins Feuer schicke. „Ich habe den Schmerz nicht vergessen. Wir haben die Giganten im Gedächtnis. Es sind überall Steinzeichen zu ihrer Erinnerung errichtet. Und zu ihrer Feier; sie waren gewaltige Menschen. Wir haben auch das Feuer. Es ist uns nichts entschwunden. Wir müssen dies festhalten. Diuwa, das Land nimmt uns, aber wir sind etwas in dem Lande. Es schlingt uns nicht. Wir haben keine Furcht vor der Luft und dem Boden. Kennst du, Diuwa, Ten Keir? Du kennst ihn. Er ist still geworden. Er weiß, wir haben die Kraft, das wirkliche Wissen, und die Demut. Er ist mein Freund. Er hat unser Zeichen genommen und geschworen, nicht von mir zu gehen. Warum? Er sieht, wir sind reicher und stärker geworden. Wir sind die wirklichen Giganten. Wir sind es, die durch den Uralischen Krieg und Grönland gegangen sind. Und wir, wir sind nicht erlegen, Diuwa. Du kannst an der Garonne und an der Rhone erzählen, was ich sage. Man wird uns bald auf der ganzen Erde sehen.“
Er senkte die Augen, saß auf einem Feldstein, hüllte sich bis an den Hals in sein Lammfell. Er pries Venaska; sie wäre verschwunden und wäre nicht verschwunden. Wenn er durch das Gebüsch an der Seine gehe, wisse er, wo sie verschwunden sei. Es werde alles aufbewahrt. Hojet Sala griff mit der Hand in die eisige helle Luft: ihm schiene, die große Urmacht, die sie verehrten, hätte die Giganten auf Cornwall weggerafft und sie hätte sich Venaskas bedient. Denn es ist keine tote Macht, sondern ein wissendes schwelgerisch tiefes Wesen. Diuwa, die sanfte Frau, drückte sich das lose Haar an der Schläfe fest. Sie sah den Langbärtigen, wie er aufrecht saß, ernst war, sie voll anblickte, lächelte. Sie faßte sich ans Herz: es war etwas von Venaska an ihm.
Dem neu aufgeschlossenen ährenwiegenden weiten Land von der belgischen Meeresküste über die Seine bis zur Loire gab Hojet Sala den Namen Venaska.
Die fleischernen blühenden welkenden Menschenwesen lagen über dem südlichen Faltenland Europas, den Schollen des Westens mit seinen uralten Massiven, den jungen Tiefländern, den ebenmäßigen schwarzen Schichten der russischen Tafel. Gebirgsmassen Höhenzüge Senken bewegte die Erde unter ihnen und um sie. In Strömen zog das weiße Wasser hin, füllte Seenbecken. Braune und grüne Pflanzengeschöpfe drangen aus dem Boden. Büsche und Wälder bauten sich längs der Donau auf, längs des Dnjepr und Don. Urwälder und Moraste von der atlantischen Küste bis zu den südlichen Pusten. Auf ihnen girrten schluchzten starben Feldblumen Gräser Vögel. Über die Flächen krochen schwammen mit nackten schuppigen behaarten Leibern Tiere, gaben nicht Ruhe um sich zu greifen, aufzunehmen, sich zu entleeren. Bis der Boden, das wandlungssüchtige Wasser, die verzehrende Luft sie ganz wieder hatte. Die Scharen der Menschen in Ruhe und Tod, in Werben und Brautkämpfen, unter Vulkanausbrüchen und Ertränkungen. Hielten sich aneinander fest, schwanden tränend hin, Schwall über Schwall, Mutter und Kind Mutter und Kind, Geliebter und Geliebte. Und immer sehnsüchtig die Gase der Luft in die Lungenbläschen hinein, an die kleinen Zellen, die Kerne, das weiche Protoplasma, immer angezogen und weiter gegeben. Und wenn die Herzen stillstanden, die Zellen sich trennten und auflösten, waren sie neue Seelen, zerfallendes Eiweiß Ammoniak Aminosäuren Kohlensäure und Wasser, Wasser das sich in Dampf verwandelte. Leid- und lustbegierig, wanderungssüchtig, Seelenvereine in Schneelandschaften, in dem pendelnden weiten Meer, in den blasenden Stürmen, den Steinvölkern, die der Boden zu Bergen hochtrieb.
Schwarz der Äther über ihnen, mit kleinen Sonnenbällen, funkelnden verschlackenden Sternhaufen. Brust an Brust lag die Schwärze mit den Menschen; Licht glomm aus ihnen.
Ende
Werke von Alfred Döblin
S. Fischer / Verlag / Berlin
Die drei Sprünge des Wang-lun
Chinesischer Roman / 12. Auflage
Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine
Roman / 4. Auflage
Der schwarze Vorhang
Roman von den Worten und Zufällen / 3. Auflage
Wallenstein
Roman in zwei Bänden / 8. Auflage
Die Nonnen von Kemnade
Schauspiel / 2. Auflage
Linke Poot: Der deutsche Maskenball
4. Auflage
Bei Georg Müller, München:
Die Ermordung einer Butterblume
Novellen
Die Lobensteiner reisen nach Böhmen
Novellen
Auslieferung Ernst Rowohlt, Berlin:
Lusitania
Drei Szenen
Druck vom
Bibliographischen Institut
in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription
Die experimentelle Zeichensetzung des Romans, insbesondere das Weglassen von Kommata und Fragezeichen, wurde beibehalten. Desgleichen wurde die variierende und von der heutigen Norm abweichende Schreibweise geographischer Namen beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, teilweise unter Verwendung späterer Ausgaben, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
... Sie werden dir dein Gesichtchen, das sein Mütterchen ...
... Sie werden dir dein Gesichtchen, das dein Mütterchen ...
-
... wurde neben den Senat Londons gestellt. Carceris ...
... wurde neben den Senat Mailands gestellt. Carceris ...
-
... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen Norwegen Semlja ...
... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen Nowaja Semlja ...
-
... zog sich lang durch die Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, ...
... zog sich lang durch den Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, ...
-
... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsausten ...
... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsauste ...
-
... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der Heimfahrt ...
... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der Herfahrt ...
-
... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen abtragen, ...
... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen abgetragen, ...
-
... sie stand auf Seite Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte ...
... sie stand auf Seiten Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte ...
-
... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf dem schwarzen ...
... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf den schwarzen ...
-
... habe ich getan? Habe dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ...
... habe ich getan? Habe ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ...
-
... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß noch Cornwall. ...
... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß nach Cornwall. ...
-
... Laßt meine Haare frei. Helft mir noch Cornwall; ich muß zu ...
... Laßt meine Haare frei. Helft mir nach Cornwall; ich muß zu ...