Berge Meere und Giganten : Roman (German) Chapter 6

Unaufhaltsam auf allen Kontinenten des Völkerkreises der nachuralische Drang. Die Kämpfe der Stadtschaften gegeneinander waren lärmvoll und gefährlich gewesen; in der Tiefe und Breite liefen andere mächtige Wünsche. Der heiße afrikanische Kontinent, von einer unbeständigen Menschenmasse erfüllt, zuckte zuerst auf. Überfälle, wie in der Mark auf die westliche Umgebung, erfolgten hier auf die Zentren von allen Seiten. Die Riesenländer Ebenen Gebirge Haine Flußufer waren nie völlig leer geworden. Immer tauchten neue Menschenmassen aus ihnen hervor; die Städte entleerten in die überreichen Steppen und Urwälder ihre Massen, die gefährlich stöhnend von Zeit zu Zeit zurückkehrten. Die Schwächung und Entartung der Stadtmassen gelang nie tief; unterlaufen durchrieselt waren die afrikanischen Küstenzentralen im Westen Osten Süden, an der Mittelmeerküste von den Männern und Frauen aus dem wilden Hinterland.

Die Brotbäume Ölpalmen Wassermelonen hatten nie Erholung gebraucht, jetzt wuchsen sie in toller Üppigkeit. Das große Nilland trieb wuchernd Felder von Reis Weizen sechszeiliger Gerste. Das Sorghumkorn schoß hoch von Ägypten bis zum Kapland. Die Tiere, Störche Rohrdommeln Papageien Reiher Halsvögel flogen in Scharen herum, Leoparden und Löwen trieben sich herum, das rötliche Buschschwein Antilopen hausten zwischen den Bananen. Die Rudel grauweißer Elefanten; sie fraßen die gelben runden Palmfrüchte. Ein Heer von gierigen Affen hockte auf den Bäumen. Regen Stürme Hitze. Die trägen, von Haschisch Opium, neuen Giften geschwächten Herren schüttelten sich vor diesen Menschentieren, die aus den Wäldern und Wüsten unter ihnen auftauchten. Suchten sie zurückzujagen, wollten sie gefügig machen, nahmen sie auf, ließen die Städte vor ihnen beschützen. Zentrale auf Zentrale wurde von den Unwesen zerstört. Die aus den Wäldern herangetriebenen Geschöpfe gingen satanisch mit den schwachen hilflosen Massen um. Es gab Städte, die sich den starken listigen Stämmen rasch ergaben, und ebenso rasch zerrissen und zertrümmerten die bösen stolzen Geschöpfe das Gerüst der vertrauensseligen Städte. Dann irrten Hunderttausende in die offene Wildnis hinein, erlebten eine kurze Zeit Tag Nacht Sturm Hitze wilde Tiere, ehe sie verkamen. Auf dem stürmisch lebenden heißen Erdteil waren längst die Stadtschaften auf das wuchernd reiche Land ausgelaufen, als in den nördlichen westlichen Kontinenten die Stadtschaften noch dumpf zerfallen nebeneinanderlagen und nach sich griffen. In Süd- und Nordamerika tosten die großen Stadtschaften, voll des höchsten Schmuckes, zugleich lecke Fässer, die ihren Inhalt nicht mehr hielten. Überall kämpfend oder getragen Senate Herrengeschlechter Tyrannen, die die Zügel hielten und nicht wußten, wohin sie lenken sollten.

An der gebirgigen Nordwestküste Nordamerikas loderte es um die Zeit, wo der alte Kontinent auf die märkischen Konsulate blickte. Von den Japanischen Inseln her, Kiuschiu Schikoku Hokkaido Sachalin Formosa waren in dem Uralischen Krieg asiatische Scharen, angreifende Mongolen und Sibirier über das Riesenwasser gefahren. Sie hatten, nur wenige Tausend, die alte westliche Stadtlandschaft Franzisko und nördlicher Portland am Kolumbiafluß besetzt, waren, rasch überfallend, über den Salzsee nach Cheyenne und Denver gedrungen. Die überraschten Senate hatten kaum Widerstand geleistet. Was an geübten Männern und Frauen zu den Städten gehörte, stand zwischen Ural und Wolga, flog und fuhr mit dem Geschwader.

Die Japaner, die Herrschaftssippen verjagend ausrottend, verließen beim Erlöschen des Krieges nicht den Kontinent. Sie saßen da, nicht im Auftrag ihrer Völker, auf eigene Faust, zum Hohn den Westlichen, unter Billigung ihrer Völker, durchschauten das ihnen fremde eigentümliche Gefüge dieser großen Städte mit Neugier. Und wie die Asiaten unter dem Schutz ihrer Waffen einige Jahre durch die lungernden schlaffen läppischen Volksmassen geschlichen waren, dachten sie die Städte und um die Städte herum alles zu verderben. Sie waren frei von der Sorge der westlichen Senate. Die Völkerstämme, die in diese großen Stadtreiche des Westens eingeströmt waren, arbeitend genießend schmarotzend sich vermehrend, stammten aus den Prärien von Nebraska Dakota Nevada, – Reste von Weißen Mestizen Zambos Negerabkömmlingen indianischen Mischlingen. Es wäre nach dem Zerreißen des alten Völkerkreises in den Städten alles neu einzurichten gewesen. In diesen pazifischen Zentralen unter mongolischer Oberhoheit stockte bald alles. Die Asiaten setzten die Selbstverwaltungen von Franzisko Portland und die im Hinterland Okkupierten unter Druck. Die letzten großen Sippen, deren Familiengut technische Mysterien waren, hielten noch die Mekifabriken in Betrieb, suchten Zusammenhang mit den Massen. Die Städte, desorganisiert hungernd sich stärker zersetzend, gärten. Man saß gefangen in einer fremden Festung, in einer Belagerung; der Feind mitten unter ihnen. Eine wutgeheizte unbeschäftigte Masse trieb sich in den Riesenstraßen herum, spärlich aufgeklärt über die Dinge, die draußen abliefen, auf der Suche nach Bundesgenossen.

In der Masse herrschte der alte indianische Glaube von einer guten und bösen Macht; das Volk befragte Erde Aschen Vogelknochen. Es traten in Dakota – und wurde rasch über die Westküste verbreitet – Gerüchte auf: man müsse ausbrechen aus den Städten, nach Norden, ins Kanadische, ins Land der Irokesen, an die zerklüftete Küste, auf den Archipel der großen Inseln, in das Yukonbergland. In den Anlagen von Franzisko erschienen Männer aus westlichen Städten, die rote runde fremdartige Steine aus ihren Bergen mit weißen zerschlugen, aus den Splittern überraschend über die nächsten Vorkommnisse aussagten, den Durchbruch nach Norden prophezeiten. Wie in der märkischen Landschaft warfen die Gefesselten in diesen Städten sich auf Ringen Jagen Anschleichen List und Wildheit, bildeten kriegerische Geheimbünde. Der Krieg Marduks mit dem Völkerkreis wurde dunkel bekannt; der Name Marduk lief als Geheimzeichen um. Die Asiaten hörten ihn, lachten verspotteten die Städter: „Marduks!“

Sie wurden still, als eines Tages die angesammelten Lebensmittelvorräte, auch ihre eigenen, in Franzisko und Portland Flammen zum Opfer fielen. Sie standen vor der Frage, ob sie Millionen verhungern lassen sollten oder ihre Herrschaft aufgeben. Sie warfen Funken nach Westen in ihre Heimat. Man beruhigte sie: ob sie Furcht hätten oder Sachwalter amerikanischer Wilder seien. Sie verdoppelten die Massensicherung um die Städte.

Drei Wochen nach der ersten Vernichtung der Nahrungslager erfolgte in Franzisko und Portland am gleichen Tage das Niedersengen der Fabriken selbst. Geheim eingeführte Sprengstoffe wurden verwandt. Zugleich erfolgte ein Angriff auf die Wohnsitze der mongolischen Eroberer, der sich zu einem Sturm der ganzen Stadt auf diese Wohnsitze gestaltete. Nur eine Stunde war nach der Sprengung der Fabriken vergangen, als die ersten geängstigten, das Leben wagenden Menschenmassen von der Brandstätte der Fabriken gegen die Strahlenbarriere der Fremden um das Ratsgebäude liefen. Sie waren halbnackt verwahrlost dem Tode nah, Menschenfresser, gehässig auf sich. Sie erstickten in den Strahlen, fielen auf den gelben welken Wiesenflächen um die Gebäude. Neue Massen stürmten. Ein Teil der Haufen kam spät, wollte nach der Peripherie, sah sich gefangen wie sonst, setzte sich gegen das Zentrum in Bewegung. Um die Gebäude der Mongolen bildete sich ein Ring von Toten, der sich von Minute zu Minute erhöhte. Die schmierigen Menschen, Weiber, die noch Kinder trugen, die gereizten rasenden Männer, wußten, daß es kein Erbarmen für sie gab und daß das Mildeste, das sie gegen sich tun konnten, war, hier zu verenden. Die gefährdeten Krieger, die Mitglieder der Geheimbünde, hielten noch im Hintergrunde, hetzend: „Fangt sie, fangt sie!“ Ihr Geschrei brauste in Wellen stundenlang gegen die stummen Gebäude der Mongolen. Schon war der Berg der Leichen auf allen Seiten um die freiliegenden Gebäude so hoch, daß man ihn nur auf Leitern erklettern konnte.

Da begannen unbemerkt Klansbündler sich unter die Menschen zu mischen. Plötzlich in der Raserei ein Krach: Krach und Schlag. Krieger, einzeln vorgehend, den Berg als Deckung vor sich, warfen Sprengstoffe herunter, herüber, wie sie sie morgens gegen die Fabriken gebraucht hatten. Die Mongolen, gereizt, verloren ihre Ruhe nicht. Jetzt war ihnen sicher, die Unterworfenen wollten Entscheidung.

Da rollten sie die eisernen Tore der Gebäude auseinander. Die Unterjocher traten sichtbar für die, die oben auf dem Leichenwall verendeten, heraus. Nur für Sekunden sichtbar. Sie wechselten ihre Farben mit dem Boden, den sie berührten, mit dem Hintergrund. Schillernde graugrünliche Körper, von rollenden blitzenden und flimmernden Gestellen umgeben. Sehr rasch, kaum den Boden berührend, fuhren sie über die welke Wiesenebene vor dem Gebäude. Bei ihrer Annäherung rauchte der Leichenwall, schwelte schmolz. Die Andrängenden hinter ihm wichen. Aber nur die nächsten. Hinter ihnen lebte die ganze Stadt. Durch den rauchenden fließenden Leichenwall, durch die brandenden Menschen gingen die Japaner, die grünlich schillernden Körper, ab und zu anhaltend und sich vermindernd unter einem Donnerschlag, aber immer rascher sich bewegend, nach allen Seiten zuckend. Räumten die Stadt fast aus, leerten die Straßen. Flogen über die Straßenzüge, schleuderten Feuer herunter. Sie besänftigten die Menschen nicht, die ihnen nachliefen, neu auf den dampfüberlagerten Plätzen auftauchten.

Die glitzernden Körper fuhren bis zum Abend. Im Dunkeln sausten sie über die schwelenden Anlagen hinunter, tauchten in das Ratsgebäude.

Die Kleider warfen sie ab, stiegen in die heißen Badebassins. Sie kicherten, machten Späße. Ihre Frauen erschienen mit Wein bei ihnen; sie liefen durch das Haus her, umarmten die Männer. Und als sie sich voneinander gelöst hatten, schlug ein Tamtam. Sie gingen in bunten langen Kleidern langsam, Blumen auf den Händen in die große Halle des Erdgeschosses, den Sitzungssaal. Ein farbiges Buddhabild hing an der Wand. Sie legten die Blumen vor sich, verneigten sich auf den Boden, gingen hinaus. Ernst stumm saßen sie im geschmückten Speisesaal an niedrigen Tafeln, tranken aßen. Der beizende beklemmende Rauch zog von dem mächtigen Platz herein, obwohl Fenster und Türen geschlossen waren. Nach halbstündigem Schweigen wies der am Kopf der Tafel sitzende Kahlkopf die beiden Sängerinnen hinaus, die mit ihren Lauten eintraten.

Das Kinn auf die Hand stützend blickte er die Männer in seiner Nähe an: „Wie alt sind meine Freunde? Sehr jung. Ist es schade, daß sie die Heimat verlassen haben, über das Wasser hergeflogen sind? Sie sind sehr jung; da ist nichts schade. Wann sind Dinge schade, die man in der Jugend begeht? Wenn sie zu lange dauern.“ Nach erneutem Schweigen blickte der untersetzte Yari an sich herunter: „Dank, daß du gesprochen hast. Ich hab’ ein buntes Kleid an; das trägt der Sieger. Ich möchte Sieger bleiben. Du hast gesagt, was ich tun muß.“ Sie murmelten und nickten an den Tischen. Nach und nach standen alle auf. Waren nicht mehr ernst. Lächelten sich an. Einer rief: „Mögen die Sängerinnen kommen.“ Der Kahlköpfige strahlte. Und als fünf Mädchen, zierlich, mit roten Schärpen, augenglitzernd zwischen den Tischen gingen, faßten die jungen Männer sie bei den Händen. Vor dem zusammengedrängten Saal, der sich kaum ruhig halten konnte, der summte flüsterte kicherte, sangen sie zu zweien dreien fünfen.

Im Vollmondlicht durchschnitten sie nach zwei Stunden die Luft über der dumpfen flammenerhellten Stadtschaft. Lautlos zerstörten sie die Sperre an der Peripherie, wogten nach Westen, gegen das uralte rauschende Meer.

Wellen, Wellen, mondbeschienene flinkernde rollende sich verschlingende Flächen, schwellender tragender Wind. In diesen Tagen verzogen sich die asiatischen Besatzungen aller amerikanischen Stadtschaften.

Die Küste aber entlang ergossen sich nach Norden in das Gebirge hinein die noch lebenden Menschenmassen, die die zurückgelassenen Städte zuletzt verwüstet hatten. Führer der jetzt nicht mehr geheimen Bünde rissen die Massen in das freie Land. Nevada Washington Oregon Idaho ließen sie hinter sich, in Columbia traten sie wandernd ein, erfüllten, Städte auf Städte nach sich ziehend, die Flächen zwischen der inselreichen Küste und den felsigen öden Rocky Mountains. Bis nach Yukon herauf, wo sich der Eisgipfel des gewaltigen Eliasberges reckte, schwollen sie. Manche überstiegen die Pässe des Gebirges nach Osten, sahen Athabaska vor sich liegen. Tausende versagten unterwegs und schlugen sich rückwärts. Vorn trieben und zogen die anfeuernden Steine und Erde befragenden Führer unaufhaltsam. Ohne Mißtrauen, oft freudig wurden sie von den Resten der an der Nordwestküste hausenden Muttervölker, den in kleinen Dörfern hausenden Tlinkit Haidas Tschimssiwas Biballas empfangen gepflegt geleitet. Viele verelendeten verunglückten in den nächsten Jahren. Der jähe Übergang aus der Fürsorge der Riesenstädte an die wilde Kraft des Meeres, an den Kampf mit Tieren war gnadenlos. Holzfällen, Jagd auf Lachse mit Speeren und Fallen, Fang von Dorsch Stint Heilbutten zwischen Inseln, an der Dixoneinfahrt, in der Chatamstraße, Bärenjagden hieß jetzt das Leben. Trinken von rohem warmen Blut, Essen von rohen Lebern wurde heilig. Marduk war schon tot, der machtdürstende Zimbo saß in dem Ratsgebäude der märkischen Stadtlandschaft, als die ersten dumpfen Warnungen und Drohungen von diesen indianisierten unter Propheten stehenden Horden der amerikanischen Nordwestküste ausgingen.

Der Völkerkreis aber, sich schließend und eben erst festigend, bewältigte diese beiden Feuer, das märkische und westamerikanische, nicht. Im Londoner Senat erschienen amerikanische Vertreter. Sie waren in der schwelenden Landschaft des Nordwestens zu Hause. Man hatte sie in Washington ausgewählt zu sprechen. Klokwan war der älteste dieser vier langsamen Menschen, die in Wolldecken auf den Bänken der Londoner saßen, die Straßen stumpf betrachteten. Sie hockten stundenlang. Erst bei ihrem Stäbchenspiel, dem die Östlichen verwundert zusahen, wurden sie lebendig. Sklaven hatten sie bei sich, Mestizen, und eine Anzahl tabakkauender Frauen, die hinter ihnen herliefen, bei den Besprechungen auf Matten an der Erde lagen, mit Otterfellen bedeckt, den Kopf auf einen Arm stützend. Man mußte sich mit ihnen in Gärten, im Park unterhalten. Geschlossene Räume, besonders die Londoner Riesentürme, ängstigten sie.

Francis Delvil, der Londoner Senator, ließ ihnen oft zum Wärmen Weine reichen. Der hagere wohlwollende Mann hatte ein schlaffes müdes Gesicht bekommen. Sie saßen im herbstlichen Park von Aldershot zusammen. Seine englischen Freunde lächelte er melancholisch an, kniff die Lider: „Seh ich recht, sind wir in derselben Lage wie – soll ich es sagen? – zu einer schlimmen Zeit. Wie damals als Rallignon, der große Franzose Rallignon, und Leuchtmar über das Festland fuhren. Dann kam der Krieg am Ural.“ „Wer ist unser Feind?“ der rundgesichtige Klokwan, mit tiefbraunem welken Laub spielend, das man vor ihm aufhäufte, wischte sich die langen grauen Haarsträhnen von der Nase zurück. „Der Feind, Klokwan, gewiß, den zu bestimmen ist jetzt schwer. Du hast es gefunden.“

„Ich weiß nicht, ob es das Schwerste ist. Wir kommen aus Amerika, wir flogen auch an der Westküste von Afrika entlang. Wir sahen da nichts anderes als bei uns, vielleicht schärfer, es ging wild zu. Die Stadtschaften brennen, sie schlagen sich. Viele stehen halb leer. Die Menschen sehen ihr Verderben. Sie fürchten sich davor. Das Mekibrot das Mekifleisch schmeckt ihnen nicht.“

„Sie wollen sich in der Wildnis von den Tieren zerreißen lassen?“ „Es scheint, Delvil. Ich weiß es nicht. Es geht in Dakota am Mississippi in Mexiko am Salzsee und ganz im Süden bei uns nicht anders. Ich meine: man muß dies nicht vergessen. Wie soll man diese Menschen halten. Sie kommen nicht mehr zu uns. Es liegt eigentlich, verzeih mir, gerade umgekehrt wie zu der Zeit Rallignons und Leuchtmars, die einen Krieg anstifteten um ihre Menschen wegzuschleudern, – es ist doch so? Wir wissen aber nicht, wie sie festhalten.“

Delvil riß finster an seiner starken Halskette: „Also wo liegt der Fehler? Welchen Fehler machen wir?“

Die stämmige breite rotbäckige White Baker: „Erinnerst du dich, Delvil, und – wo ist Pember? ah du, – du Pember, unseres Besuchs bei Marduk? In diesem sonderbaren Stadthaus in der Mark, an der Schädelpyramide, vor den schrecklichen Bildern. Mich schauert, wenn ich daran denke. Marduk wollte nicht nachgeben. Wir sagten ihm, es sei kein Sinn in dem, was er täte. Er blieb hart. Zuletzt riet ich zum – zum Zugreifen. Delvil, da warst du es, der den Arm wie ein Boxer krümmte und sagte: Ist das Land still, so sind wir auch still und sanft. Wir begießen es wie Regen. Das sagtest du. Ich erinnere mich gut. Will der Konsul aber anders, so können wir auch Gewitter spielen. Sagtest du. Wir halten den Marduk zwischen den Fingern.“ „Das sagte ich. Was willst du damit?“ „Nichts, Delvil, über deinen Irrtum und über Pember. Was nützt es jetzt. Wir haben darüber oft gesprochen. Aber ich wiederhole nun dasselbe wie damals: zugreifen.“ Delvil bog wieder den Arm: „So hab’ ich damals gemacht, White Baker, nicht wahr? Aber unser Freund Klokwan hat schon die entscheidende Frage gestellt. Und sag’ du mir: wo, wenn ich schieße und schlage, wo ist das Ziel?“ „Es gibt nur den Völkerkreis oder die anderen. Delvil und ihr, ihr könnt doch nicht daran zweifeln. Und daß sie uns an den Hals wollen. Daß wir im Begriffe sind, vernichtet aufgelöst zu werden.“

Klokwan hatte seine Decke fallen gelassen, gespannt zugehört: „Ich frage die Frau nochmal, wie der Herr Delvil, wohin sie ihren Bogen richtet. Francis Delvil, mein großer Freund, meinte zuerst, wir stünden wie unsere Voreltern vor dem Uralischen Krieg. Ich sagte nicht so. Wir stehen schlimmer. Er sieht es selbst. Weil wir doch den Feind nicht haben.“ White Baker lachte stolz: „Unsere Voreltern hatten auch keinen Feind. Wahrhaftig sie hatten ihn nicht. Sie machten ihn. Es ist leicht Menschen zu Feinden zu machen, wenn man überlegen ist. Sie hatten einen Schmerz in der Brust und dann schlugen sie – auf die andere Brust!“ Die Frauen auf den Matten lachten ihr mit blinkenden Augen zu. Klokwan hob seine Decke wieder, blickte stumm über die Frauen. Seine drei männlichen Gefährten saßen verhüllt, die Decken über dem Kopf, nur Mund und Nase freilassend. Klokwan: „Und ihre eigene Brust? Der Schmerz in ihrer eigenen Brust war dann vergangen?“ White Baker: „Ja.“

Einer der Männer neben Klokwan hatte seine Decke auf die Schulter heruntergezogen. Er tuschelte mit einer Frau zu seinen Füßen; der Mann flüsterte dann mit Klokwan. Alle in dem kleinen winddurchhauchten Zelt blickten ihn an. Klokwan senkte den Kopf zu seinem Nachbarn, bat dann sprechen zu dürfen. Eine Frau seiner Sippe, die Ratschenila, wüßte etwas, sie möchte es erzählen.

Die Frau am Boden spuckte den Tabak neben sich, richtete sich auf, strich sich ihr schwarzes Haar glatt, redete leise und langsam, während sie die Hände bald auf dem Schoß hielt, bald rechts und links an ihren Ohrringen. Sie blickte nur die Frauen neben sich an. Man erzähle bei ihnen in den amerikanischen Städten eine Geschichte aus der Zeit, wo noch ihr Volk in den Bergen jagte. Es seien einmal mehrere Mädchen zum Früchtesuchen in den Wald gegangen, die Tochter eines Vornehmen war dabei. Sie kamen an einer Tierspur vorbei und da lag Losung eines Bären. Die Tochter des Vornehmen fing da an, über das wilde Tier zu spotten: es sei ein langsamer blinder dicker dummer Gesell. Gegen Abend gingen sie wieder zurück. Da fiel der Häuptlingstochter der Korb mit den Früchten aus der Hand. Sie schüttete sie aus, sammelte sie ein; die Gefährtinnen halfen ihr. Aber nach hundert Schritt fiel ihr wieder der Korb weg, und nach hundert Schritt wieder. Da wurden die anderen Mädchen ärgerlich, gingen weiter, ließen sie allein sammeln. Und wie die Häuptlingstochter zuletzt die Früchte wieder eingesammelt hatte, waren ihr die anderen aus den Augen gekommen. Sie stand allein an einem Baum, in der Dämmerung, fand nicht den Weg. Da kam von der Seite ein junger schlanker Mann auf sie zu, in einer schwarzen Pelzkappe, ein ernster ruhiger Mann. Der bat sie, ob er von ihren Früchten essen könne. Sie gab ihm, erzählte, wie es ihr ginge und daß sie sich verlaufen hätte. „Warum hast du dich denn verlaufen.“ „Die andern sind so rasch gegangen, sie haben mir nicht geholfen.“ Und gleich erzählte sie von der Bärenspur und der Losung am Weg, lachte und spottete wieder. Der Jüngling aß nicht mehr von ihren Früchten, kaute an seinen Nägeln, sagte er wisse den Weg, sie solle kommen. Sie gingen lange; es war schon ganz dunkel. Da fragte der hübsche Mann nach einiger Zeit, ob sie noch den Korb trage, und dann nahm er ihn und warf ihn weg. Sie schlug nach ihm, weinte. Er sagte, man könne so besser und rascher gehen, es sei noch weit. Sie wollte weglaufen. Er nahm sie aber bei der Hand. Da bekam sie Angst, weil sie jetzt erst merkte, wie er sonderbar ging, der junge Mann, plump und langsam, so wacklig watschlig. Sie schrie, sie hätte Herzstiche, sie könne nicht mehr gehen. Und dann: der Leib täte ihr weh vom Beerenessen. Er sagte, sie solle nur kommen; sie seien bald da. Da wo das Licht brenne, sei seine Wohnung. Er sagte aber nicht Wohnung, er sagte: Wohne. Sie kicherte, faßte ihn an seine Brust, sah ihn an: es heiße doch nicht „Wohne“, es heiße „Wohnung“. „Doch. Wir sagen Wohne.“ „Das ist ja Unsinn. Wer seid Ihr denn?“ „Wir? Du kennst uns doch. Du wirst gleich sehen. Komm nur rasch.“

Und da war schon ein riesiger gespaltener Baumstamm da, ein alter toter Ahorn. Aus dem kam rotes Licht und Qualm. Sie stiegen wie in eine Dachluke ein, gingen vorsichtig tief herunter, bis sie zu den Wurzeln unter der Erde kamen. Ein kleines Feuer brannte. Zwei schwarze Grislybären schliefen da nebeneinander, ein junger und ein alter. Die schnarchten. Ein großer alter aber kam grunzend mit aufgehobenen Vorderpfoten auf den jungen Mann und die Häuptlingstochter zu. Die schrie, wollte kreischend weglaufen. Der Mann hielt sie fest; sie stürzte über eine Wurzel und riß die Erde herunter. Davon erwachten auch die beiden anderen Bären. Standen brummend auf, rieben sich die Augen, schüttelten schwarze Erde von sich, fragten: wer ihnen ihre Wohne zerstöre. Sie schrien: „Wer zerstört unsere Wohne?“ Das Mädchen lachte, trotz seiner Angst, über den Ausdruck, das tölpische Knurren Getue der Grislys. Der junge Mann nahm da rasch ihren Fuß, warf sie um. Die beiden Bären taperten an. Da wurde sie ohnmächtig. Und wie sie aufwachte, saß bei dem Freund ein alter Mann und eine alte Frau. Die hatten traurige Gesichter. Der junge hübsche Mann saß neben ihnen, aß Fisch. Die Häuptlingstochter fragte, wo sie sei. Sie sah ihren Korb, wollte ihn haben und nach Hause gehen. Der alte Mann und die alte Frau blickten sie aber so traurig an und sagten, sie sei zu ihnen gegingt in ihre Wohne; ob sie nicht bei ihnen bleiben wolle. Sie sprachen falsch wie kleine Kinder, stießen mit der Zunge an. Der hübsche junge Mann gab ihr den Korb zurück. Sie solle die Früchte mit ihm zusammen futtern. Die Eltern hätten auch schon davon gefuttert, er ließe sie nicht fort. Sie wollte erst nicht, weinte. Sie sah, daß das die dummen schwarzen Grislys von gestern waren, und der hübsche junge war nur ein junger Bär. Aber sie konnte nicht weg. Der junge Bär nahm sie zu seiner Frau. Und – und – und –: sie blieb da wohnen.

Die Frau lachte die andern an, legte sich auf ihren Arm am Boden zurück. Der grauhaarige Klokwan sah zu ihnen herunter: „Und nun spottet ihr nicht mehr über den dicken dummen schwarzen Bär. Er war doch nicht so dumm.“ „Eine sonderbare Geschichte, die du uns erzählt hast“, lächelte nach einem Schweigen Francis Delvil. Dann sah er zu White Baker herüber, die ihr ernstes Gesicht keinen Augenblick verzogen hatte, ja deren Gesicht während der Erzählung tiefrot aufgeblüht war: „White Baker.“ „Was willst du?“ „Ich möchte dich hören.“ „Wir sprechen ein andermal.“ „Du kannst ruhig hier sprechen. Wir sind noch bei unserer Frage von vorhin.“ Sie hob abwehrend beide Arme, schüttelte den Kopf: „Laß, Delvil.“ „Ja, wo ist das Ziel, auf das ich schießen soll. Blick doch hin, unsere eigene Brust.“ White Baker stand auf. Sie war blaß geworden. Die Art der fremden Frau hatte sie offenbar verwirrt.

Als sie später draußen mit Delvil allein ging, sagte sie stockend, diese Männer und Frauen könne sie nicht als Vertreter Amerikas anerkennen. Es seien mehr Angehörige der gefährlichen Wilden aus der Yukon- und Alaskagegend als Amerikaner. Sie redete erregt und unklar. „Das mag sein“, fand Delvil sie anblickend, „aber Washington und Neuyork hat sie ausgesucht und läßt uns durch sie informieren. Das will allerdings verstanden sein. Es heißt, so sind schon unsere Leute. Wir sind dankbar für den Wink. Wir sehen. Es ist dieselbe Nuß, die unseren Zähnen Schwierigkeiten macht.“ White Bakers Augen blitzten: „Zuschlagen, sage ich. Ich bleibe dabei. Abtrennen. Ja oder nein. Marduk oder wir. Glaubst du“, und sie stemmte die Arme in die Hüften, sah ihn erschreckt an, „ja ich glaube, du torkelst in den toten Baum, in den Ahorn, zu den Bären.“

Bei den Unterhaltungen mit Klokwan und in Ferngesprächen mit Washington und Neuyork wurde klarer, daß man dort schon keine Möglichkeit für einen neuen Völkerkreis sah. Die Vorgänge an der Westküste hatten ungeheuren Eindruck gemacht. Die fürchterliche Bewegung stand noch nicht. Das Auslaufen ganzer großer Stadtschaften in Afrika erregte Europa und Amerika aufs tiefste. Die amerikanische Deputation, immer geneigt abzureisen, wurde von den ängstlich gewordenen Engländern in London festgehalten. Ein heftiger Streit begann zwischen London und Neuyork. London ließ durchblicken, daß nach seiner Ansicht drüben den Industrien und Senaten Männer und Frauen vorstünden, die aus schwächlichen Sippen wären. Die alte Tradition sei unterbrochen. Sie fochten mit Worten über dem Meer hin. Die tücherbehangene Deputation der Männer Frauen und Sklaven spazierte indessen in den Anlagen der Stadt, drängte: sie könne nichts weiter sagen und was sie nach ihrem Kontinent melden sollten.

Es war in diesen kritischen Monaten, in denen der Völkerkreis schon wieder sich zu lösen begann, wo eben dieselbe White Baker, die kluge und tatkräftige Frau, umschwenkte, sich auf seiten Delvils stellte. Aufs heftigste waren Delvil wie Pember ergriffen, als sehr blaß und still die White Baker eines Morgens zu ihnen in das Senatszimmer trat, jene bräunliche tuchverhängte Ratschenila an der Hand, sich setzte und lange nicht sprach. Die Ratschenila lachte die weiße Frau an, streichelte ihr die Backen, lehnte den Scheitel an ihren Hals. White Baker sah wie ein verschämtes junges Mädchen auf ihren Schoß und ließ es sich gefallen. Auch als sie mit den beiden Männern sprach, hielt sie die ringgeschmückte Hand der fremden Frau fest. Ratschenila lächelte die Männer an: „Glaubt ihr, ich sei schuld, daß White Baker trübe ist und anders redet? Man erzählt bei uns, es habe einer, ein Mann einen andern, der Jelch den Kanuk, ärgern wollen und ihm in der Nacht Hundekot unter die Decke geschoben. Er weckte ihn und sagte: es stinkt hier. Du Kanuk, steh auf, du hast dich schmutzig gemacht. Ich – hab’ der White Baker nichts getan.“ Die weiße Frau drückte ihr fester die Hand, machte kleine Augen: „Wie kommt es, Delvil, daß ihr schon viel früher wußtet als ich, was man tun soll? Wie seid ihr Männer. Oder liegt es nur an mir. Ich bin jetzt“, und sie senkte den starken braunhaarigen Kopf, „fast bin ich jetzt mehr geneigt, zu Marduk, zu Zimbo zu gehen als in London zu sein.“ Der ruhige Pember klopfte ihr Knie: „Es ist gut, daß es so ist. Man kämpft besser, wenn man weiß, wie stark der Feind ist.“ „Ich sehe keinen Feind, Pember.“ „Doch. Heute nicht und morgen doch.“

Von nichts war die White Baker, die in diesen Tagen einen kranken gebrochenen Eindruck machte, getroffen worden, als von der Berührung mit den Frauen dieser Deputation. Zu ihrer Art, ihren Gesprächen Spielen wurde sie unter Widerstreben, zu ihrer eigenen Verblüffung gezogen. Als die Ratschenila die wachsende Neugier und Zugänglichkeit der weißen Frau sah, näherte sie sich ihr und fesselte fällte sie mit einigen Liebkosungen. White Baker, deren Backen plötzlich eingefallen waren und die langsamer sprach, bat, Delvil in seinem Haus aufsuchend, Delvil Pember und die andern möchten auf sie keine Rücksicht nehmen. Möchten sich gar nicht von ihr beeinflussen lassen. Sie sei ein pathologischer Fall. Sehr nachsichtig streichelte ihr der schlanke Delvil oft die Hand: „Wie denn, White Baker, bist du ein pathologischer Fall. Wir sind alle pathologische Fälle. Sieh dir Klokwan an, deine Freundin Ratschenila, die junge gelbe Kaskon neben ihr: es wackelt bei allen. Warum bist du ein pathologischer Fall. Es ist nichts weiter, als daß du, soll ich es sagen, etwas rückständig warst. Ja, White Baker; jetzt heißt du mit Recht White. Aber ich schenke dir rote Nelken, rote Tulpen: da spiegelst du dir wieder deine Farbe an.“ „Warum war ich rückständig, Delvil?“ „Ja. Du warst ein Anachronismus. Wir weniger als du. Aber auch wir noch ein klein bißchen. Es heißt, sich immer in die Zeit einfinden. Sonst ist man töricht störrisch widerspenstig. Es nützt auch gar nichts. Man ist so nur Stoff für Tragödien.“ „Ich hätte doch stark bleiben müssen. Marduk war stark.“ Delvil umschlang ihre Schultern: „Undankbare. Fabelhaftes Seeungeheuer Walfisch, der immer unter der Oberfläche schwamm und sich jetzt wundert, wie es oben aussieht. Was hättest du damit geschafft. Du bist nicht schwach, weil du gelernt hast, deine Augen zu benutzen. Ich will dir sagen: Marduk war stark. Seine Bäume und Zimbos wachsen nicht in den Himmel. Wer sehen kann, White Baker, schwimmt gern mit dem Strom. Der Strom hat aber seine Grenzen; es gibt Klippen, der Strom hat auch einmal ein Ende.“ „Ich kann jetzt gar nichts hören, Delvil.“ Die Frau löste sich von seinem Arm: „Mir kommt vor, als wenn ich gar nicht aus dem Wasser an die Oberfläche gekommen bin, sondern umgekehrt. Aber ich muß vielleicht meine Augen erst gewöhnen.“ Und sie ging langsam fort. Trübe blieb Delvil sitzen.

Der einige Londoner Senat, des Widerstandes der starken Frau entledigt, trat von diesem Zeitpunkt an härter gegen die unsicheren amerikanischen Kapitalen auf. „Nicht die Zügel verlieren, nicht nachgeben“ fühlten sie; man durfte nicht ausgleiten hinrutschen.

Auf den britischen Inseln breitete sich damals, nach dem Zurücktreten der großen Eingottreligionen, aus den Kreisen der Herrschenden her die Vorstellung von guten und bösen Gewalten aus, die man erkunden und geschickt benutzen mußte. Es beteten noch vereinzelte und ganze Landschaften zum alten Eingott, aber großes Ansehen genossen auf den Inseln wie in zahlreichen Stadtschaften des europäischen Kontinents schlaue Männer, die sich den Schein von Zauberern gaben und eine Technik der Zukunftserforschung ausgebildet hatten. Schon die früheren fremd und halbwild hin- und herflottierenden Massen waren dem zauberischen Wesen zugetan, das sich mit dem imposanten Schein wissenschaftlichen Geheimnisses umgab. Die jetzt stagnierenden Massen, bald träge, bald geängstigt, durch ihr eigenes Verkommen, die barbarischen Ereignisse in der Mark und an der amerikanischen Nordwestküste erschreckt, jedem Krieg abhold, heimgesucht von einem tiefen Drang sich von der künstlichen Nahrung, von Maschinen, senatorischer Obhut und Entmündigung zu entfernen, verlangten nach Wissen um die Zukunft, vor der sie sich fürchteten. Und um so mehr fürchteten, je weniger sie ihre Lage zu verändern wagten.

Totenbefrager Orakelkünder aus Aschen Erden Trankmischungen saßen damals, als wären sie Priester, in tempelartigen Häusern, wo sie mit Gehilfen kultartige Handlungen vollzogen, Heilungsversuche vornahmen. In lautlosen Räumen unter Tier- und Pflanzenzeichen saßen sie in kleinen Treibhäusern, flache Wasserbecken vor sich mit Schilf, horchten, den Wind einlassend, auf das Geräusch der Halme, die scharrten. Sie hatten, auf Hügeln gelegen, hinter den Tempeln offene Hallen. Den Boden bedeckten sie mit silberunterlegtem Glas. Auf die blanke Fläche warfen sie gleichmäßig dünnen Sand, ließen an bestimmten Tagen den frei herkommenden Wind darüber. Sagten aus Linien und Anhäufungen wahr. Träume trug man ihnen zu. Diese Beschwörer und Zeichendeuter hörten die Träume an, dachten darüber nach, spürten den Mächten nach, die in die Träume hineinragen, wie eine Walfischherde, die das Meer beunruhigen, wenn sie hochgehen, und kleine Boote zum Schwanken bringen. Erfüllt waren um diese Zeit die Städte vom Glauben an Geister. Je sicherer die herrschenden Sippen in der Bewältigung der Naturkräfte wurden und ihre Kenntnisse zu Geheimnissen machten, um so üppiger wucherten phantastische Vorstellungen.

Von den Schamanen, die sich in ihren finsteren Kapellen astrologisch, in phosphoreszierenden, oft flammenden Röcken und langen Haaren, lilienartig weiten Hüten, gaben, in Vogel- Tier- Pflanzentracht dumpf orakelten, wurden abenteuerliche Gedanken in die unruhigen Stadtschaften geworfen. Wagen mit den Ballen Fässern Säcken der Mekinahrung fuhren aus den unterirdischen Schächten noch täglich in alle Häuser. Arbeitsgruppen lösten sich ab. Gedunsene fette schwache Menschen, Gemische weißer und roter Stämme, Scharen dunkler Bastarde trieben sich herum, kleideten sich prächtig, verlumpten. Die ängstlichen Menschen waren von Geistern umgeben. Die Schamanen wisperten: In den Riesenanlagen der Mekifabriken ginge es abenteuerlich grauenhaft zu: man triebe Steine Sand Erde Salze in die Höfe der Anstalten. Mahl- und Zertrümmerungsmaschinen arbeiteten da; in die Häuser wird Wind geblasen; an ungeheure Becken mit halbtoten Pflanzen, Moos und Algen werden die Stoffe geschlämmt, über sterbende Tiere gerieselt. Die lebten immer weiter, immer weiter. Schon seit der Zeit vor dem Uralischen Krieg lebten Pflanzen, die grünen Lagen über den Teichen der Anlagen, zwischen die man Salze und Erde leitete. Da liegen und zucken Glieder von Menschen, von Negern und Weißen, die hundert Jahre alt seien und noch älter. Von dem Geist dieser halb toten und sterbenden Moose Algen Tiere Menschen, dieser fettzeugenden Därme Lebern Fischrümpfe Schafsmägen, lebten sie. Wie könnten aus Steinen Erde Salzen Kreiden Kieseln Wasser Säuren Luft – Speisen werden, die sie aßen. Die halbtoten, nicht sterbenden hätte man in den Mekifabriken aufbewahrt. Kein Licht Mond Sonne scheint drin. Kein Regen fällt. Es gibt nicht Frühling Sommer Herbst Winter. Nur gläserne Apparate, brennende Öfen, Schlammtröge, Marmor- und Metallbecken, auf denen unsichtbare Strahlen liegen, und drin zwingen sie die Stoffe zusammen. Aber die nicht sterbenden Pflanzen und Tiere werden immer gejagt zu arbeiten und nicht nachzugeben. Wie ein Müder, ein rippendürres Geschöpf noch zu Laufen Laufen Laufen gepeitscht wird, es läßt sich treiben, wimmert mit eingesunkenen Augen schon nicht mehr unter den Schlägen, so arbeiten diese erlahmenden Geister. Ob sie nicht schmeckten, wie bitter diese Speisen an manchen Tagen seien. Und doch sei dieser Geist das einzige, was sonst in sie käme. Sonst fräßen und söffen sie Erde Sand Salz Luft. Inzwischen ginge es ihnen nicht anders wie jenen gefesselten Pflanzen und Tieren. Was nicht lebt, kann nicht sterben. Sterben ist eine Fähigkeit wie Leben. Sterben können ist eine Kraft, die nur jemand hat, der leben kann.

Und nun kam das Hauptstück der schamanischen Lehre. Es sei von ihnen beobachtet und auf tausenderlei Weise festgestellt, daß die Stadtschaften, Häuser Anlagen Plätze Straßen Treppen Wege Dächer, über und überfüllt von Geistern seien. Wenn sie, die Schamanen, sich mit ihren Tüchern einhüllten, so daß sie nicht geschädigt würden, und dann zu bestimmter Stunde durch die Straßen zögen und die alten indianischen Worte: „Oh Igak-chuati“ riefen, „für dich!“ dann könnten sie unter ihren Gläsern es um sich wimmeln sehen. Im Tempel, auf dem Hof, vor der Tür drängten sich die Geister immer. In der Nähe der Tempel mehr als sonstwo. Hingen da an den Türpfosten wie Handtücher; lang wie Würmer ziehen sie sich durch die Schlüssellöcher; wie Rauch fließen sie in die Wände. Man hält sie für Dampf, durch den man schreiten könne. Aber das regt sich so kalt unheimlich, kritzelt und kriebelt, läßt Feuchtigkeit und Nässe auf der Haut zurück; man kann schwer atmen zwischen ihnen. Sind zahllose Geschöpfe, Menschen Weiße Mischlinge Farbige Kinder Männer Mädchen, auch Hunde Ziervögel Katzen. Geht man die Straßen, so werden es Tausende. In den Parks ist ihr Getümmel furchtbar. Sie verschlingen sich, hängen schaukeln um Baumkronen. Im Herbst kriechen sie in die Spalten der Rinden, in Erdlöcher, suchen an die Wurzeln heranzukommen. Manche Bäume sind von ihnen überlagert wie von einem Bienenschwarm. Nur wenn die Schamanen kommen, lösen sie sich ab, schwirren ab, mit einem Geräusch ganz hoch, als wenn man eine Saite mit einem feuchten Finger herunterfährt.

„Rufen wir ‚Für dich, für dich!‘ sind sie still, tun so, als wenn wir nicht da wären, sind emsig wie Ameisen. Was sind das für Menschen Hunde Ziervögel Katzen? Wir haben welche erkannt von ihnen. Manche sind nicht von hier, sind weither gewandert geflattert geschwommen. Aus fremden Stadtlandschaften, östlichen südlichen Ländern. Viele müssen über das Meer gekommen sein, wie muß ihnen die Fahrt beschwerlich geworden sein. Mußten sich an Schiffsmasten hängen, vom Wind sich werfen lassen, in das salzige Meerwasser schütten und wieder erheben. Uralte sind dabei. Die Luft und der Drang scheint vom Süden und Osten zum Westen herüberzugehen. Wir haben Geister, Schatten aus dem Uralischen Krieg in großen ungeheuren Zügen angetroffen. Es hat niemand in den westlichen Städten gemerkt, was da war, das ihn bewegt verstimmt hat. Sie haben überall, wo sie vorbeigezogen sind, die Menschen schwach gemacht, ihre Seelen auf Tage gelähmt. Sie irren immer weiter westlich, über den Ozean, nach Amerika, auf die großen Gebirge, über Prärien, durch die Städte. Kein asiatischer Mensch, kein asiatisches Tier ist bei ihnen, obwohl die die halbe russische Ebene bevölkern. Wir sind so nah am mittleren Europa, aber wir haben noch nie einen Menschen gesehen, einen Geist, der aus Marduks oder Zimbos Land war. Was sind das für Geister? Nicht sterbende, nicht lebende! Geister von Wesen, wie wir, die nur geboren sind, nie gediehen sind.“

Und sie zeigten auf ihre Gläubigen, die dünne Muskeln hatten, lange trockene Arme. Die Haare fielen ihnen aus, sobald sie einige Jahre mannbar waren. Die Zeit einer heftigen überhitzten Brunst war da. Sie verbrannten und konnten nach fünf Jahren nicht mehr zeugen. Wie die Weiber in ihrem Fett schmolzen und kaum ein Kind austrugen. Nur dreißig Jahre verdämmerten sie, dann fielen sie. Ihre Geister, die Geister ihrer eigenen Eltern Voreltern Geschwister sind es, die die Städte drängend drückend erfüllen, die sich nicht von den Mauern Türen Straßen lösen können, wie sie sich schon bei Lebzeiten nicht lösen konnten. Auf die Bäume fliegen sie, an die Teiche Seen. Aber die Stadt bringt immer neue hervor.

So schreckten die Schamanen in den Städten. Steigerten die Angst, die alle vor dem Wohnen Kränkeln Siechen in diesen Städten hatten. Die Menschen weinten. Vor Jahrzehnten weinten einzelne, jetzt klagewinselten ganze Städte. Sahen sich sterben und verwesen. Ihr Leben wurde kürzer. Ihre Leiber hinfällig. Die Zähne konnten sie mit zwanzig Jahren schmerzlos mit zwei Fingern aus den Kiefern heben. Die Menschen wuchsen nicht zur Größe derer, von denen sie abstammten. Riesig wölbten sich nur überall die Köpfe; die Stirnen der späten Generationen waren vorgetrieben, die Augen wichen darunter zurück. In manchen Gegenden wuchsen die Menschen übermäßig hoch, trieben ihre Knochen zwei Meter auf; dünne platte Muskeln klebten daran; ihr Gang war langsam; das Herz sehr klein; diese zerbrachen besonders früh.

Die Menschen, die die Zwanzig überlebten, setzten übermäßig Fett an. Es gab in den westlichen Landschaften Menschen, die magere große Köpfe hatten, deren Hals zwischen Fettwampen schwankte, aber an Arme Beine hängte sich das Fett in förmlichen Kloben und Säcken, die über ihre Finger und Zehen quollen, schwerbeweglich zum Gehen Greifen machte. Bei manchen wuchs das Fett wie ein bösartiger Parasit über sie her, mit zunehmender Gewalt von oben nach unten: der Hals und die Brust blieben noch schmal, freundlich und hilflos blickte oben ein Kopf her. Von den Brüsten ab schwollen sie an, dicker polsterten sich die Fettschwarten auf; der Leib warf sich auf den dreifachen Umfang der Brust, schwankte nicht bei Bewegungen, stand prall in seiner Masse. Schenkel und Füße paketartig zementiert, von Wülsten umwickelt. Darin stampften die Menschen, stöhnten starrten wie Fleischpyramiden. Nach ihren Rassen setzten sie an oder blieben dünn, wuchsen hoch; Negerabkömmlinge verfetteten am raschesten. Es wuchsen welche auf in einigen Gegenden mit kolbenartigen Anschwellungen und Knoten der Gelenke wie Pflanzen. Schlanke zarte Glieder bewegten sich in ungeheuren kuglig runden Scharnieren, zitterten daran. Knotig dick die Ellbogen, kleinen Fingergelenke, Knie, die Knöchel der Füße und Hände. Rasch konnten sich diese Menschen bewegen, ihre Muskeln waren die stärksten, aber stockten erlahmten erstarrten rasch. Sie fühlten alle, dies mochte von den süßen sonderbaren reichen Speisen kommen, die man ihnen zutrug, nach denen ihre Eltern und Voreltern verlangt hatten, von der Untätigkeit, dem Lungern in geschützten Häusern, auf verdeckten Plätzen und Straßen. Aber es war wie ein Pferd, das durchging. Man konnte es nicht aufhalten.

Um die Zauberer herum standen Menschen, weinten, die von Lähmungen befallen waren, die keiner deuten und heilen konnte. In Massen waren sie gelähmt. Arme und Beine wurden schlaff, die Augenlider konnten sie nicht anheben, zuletzt lallten sie, andere fütterten sie. Sie fühlten die Speisen nicht im Mund, verschluckten sich, erstickten. Es gab keine Ärzte für diese Menschen. Die Ärzte gehörten den senatorischen Kreisen an, schwiegen. Hingerissen hörten die Kranken Verelendeten die Mysterien der Zauberer an. In langen Zügen fuhren und flogen sie auf die Hügel, wo die Tempelchen standen. Wie Vögel im Winter um die Näpfe sammelten sie sich hier. Zeigten sich ihre Arme und Beine. Schrecklich unter dem grellen Tageslicht die Körper und Blicke. Bei diesen Begegnungen starben manche. Manche ließen sich nicht zurücktragen. Die Zauberer mußten nahe Siedler rufen, die Hütten für diese Verzweifelten errichteten. Manche erholten sich. Wie sich die Menschen, aus den warmen künstlichen Städten hergestiegen, auf den Feldern und Hügelchen ansahen, war ihre Trübsal groß. Auch grimmige leise und fäusteschüttelnde Anklagen wurden ausgestoßen gezischt geschluckt.

Bei Bedford sang und schrie eine Frau: „Ich bin ein Weib. Meine Eltern haben in London gewohnt, meine Großeltern haben in London gewohnt. Sie kamen aus Afrika oder Amerika, waren stark. Dann wurde ein Zauber auf sie geübt. Sie waren schwach. Sie gingen in das Haus der Zauberer. Sie brauchten keine Furcht mehr haben, zu verdursten und zu verhungern, es konnte sie keiner mehr über den Haufen rennen. Keiner konnte sie mehr mit Lanzen Dolchen Gewehren umbringen. Seht meine Finger, meinen Hals, meine Brüste. Ich bin ein Weib. Zwanzig Jahr. Zwei Kinder hatte ich. Sind beide gestorben. Und bin ich lebendig? Jetzt bringt mich kein Gewehr um. Aber was nun. Bin ich fett? Bin ich ein Mensch? Muß ich jetzt verenden? Ich will sterben, ich möchte nicht so leben. Ich verfluche mich, wenn ich mich jeden Morgen sehe. Wer hat mich so gemacht? Ich selbst. Ich selbst. Ich habe es nicht besser gewußt. Die Herren in den Städten wissen was sie tun. Sie sind die Bösen. Die Bösen an mir, an allen. Vor Jahrzehnten haben sie einen Krieg gemacht. Jetzt führen sie Krieg gegen mich. Und sagt, ob sie nicht siegen und böse sind. Böse sind sie. Böse sind sie.“ Die Frau stammelte, lag bei einem Siedler auf dem Boden, schluckte grünes Gras: „Wären wir alle in die Erde gesunken mit den Menschen, die in den Krieg zogen. Welches Leiden ist das. Wäre ich mit meinen Kindern in die Erde gesunken. Nichts bin ich. Nicht fruchtbar bin ich, nicht laufen kann ich, nicht greifen kann ich, nicht kann ich schlucken. Ich bin lebendig begraben. Ich schreie. Ich schreie.“

Und doch wie die Menschen sich hinwarfen: ihre Angst war groß, sie könnten die Städte verlieren, müßten aus den Häusern heraus, man brächte ihnen keine Nahrung mehr, triebe sie, für den Tag selbst zu denken. Nicht mehr erregt zu Wildheiten wie die voruralischen Menschen waren sie. Sondern weich zärtlich frühreif gedankentief, von Empfindungen durchstrudelt, nach Reizen gierig, prunksüchtig demütig. Zur Anbetung, zum Dienen bereit, flatternd von Stunde zu Stunde, lecker, wollüstig am Leben hängend. Von Zeit zu Zeit liefen Vorstellungen über die Kontinente, die Verfolgungsideen waren, unter denen sich diese Menschen bogen, die sie entsetzt nachsprachen, nach einiger Zeit von sich abschüttelten, schreckhaft vertiefter als vorher.

Und immer neue Menschen unter ihnen. Der Hang des afrikanischen Erdteils, seine Kinder herüberzuschicken nach Norden und Westen hatte nicht aufgehört. Der südliche Erdteil, der seine Häusersiedlungen fast vernichtet hatte, strömte Menschen aus wie die Sonne Wärme.

Vom westlichen Afrika kamen damals die Menschen, die am tiefsten und eigentümlichsten in den Städten Europas wirkten. Das waren Fulbe aus der Gegend der Guineaküste, waren Mandarah Bagirmi Wadey Ibo Yoruba, kleine Pilgergemeinden aus Kordofan und Samoa. Sie waren von zierlichem Wuchs mit gewölbter hoher Stirn, großen offenen ausdrucksvollen Augen, rötlich braun bis zum Gelblichen die Hautfarbe, immer auf Taten aus, spielerisch wild, sonderbar gebrochene Charaktere, bald weich schmelzend, bald unnachgiebig. Diese waren in alle Städte rasch eingedrungen; ihre Anwesenheit gab dem ganzen Leben der Städte ein besonderes Gepräge. Bald wollte niemand den Glanz und die Munterkeit, die unbezwingliche Naivität dieser rötlichen und braunen Menschen entbehren, die sich gar nicht geneigt zeigten zu streiten. Sie hielten sich in Europa auf, als wären sie Regentropfen, die selbstverständlich da sind, waren betrübt über die Angriffe, versteckten sich für einige Zeit, kamen wieder hervor. Wie diese Männer und Frauen von Mandarah und Bagirmi zu singen und zu erzählen verstanden, war den Europäern unerhört. Die Lieblichkeit ihrer Erzählungen und Lieder schmolz alle Herzen. Sie sangen und sprachen wie vor vielen Jahrhunderten Gaukler und Spielleute im südlichen Frankreich und der Po-Ebene. Von Bäumen, vom Himmel, den Lüften, der Liebe zu Weibern, von kleinen Kindern, den Regenröhren, Hirschen, Tigern, Löwen, der Kälte und Wärme, Schlingpflanzen, bösem Zauber. Von Wasserfällen Pelikanen Krokodilen. Dazu von der Schönheit der großen Städte, in die sie eingetreten waren und die sie alle mit Namen benannten, was sehr sonderbar wirkte. Sie umgaben die Straßen Schaufenster Kostüme Automobile Flugzeuge elektrische und magnetische Apparate der Städte die Speisen mit Zärtlichkeit, brauchten für sie Ausdrücke, die den Städtern zuerst lächerlich erschienen, weil man solche Worte nur an verschollene Dinge zu richten pflegte. Aber ihre Art enthielt süße Lockung. Man ließ sie ihr Herz auszwitschern. Sie waren eitel, überaus glücklich, wenn man ihnen Gelegenheit gab sich zu zeigen. Männer und Frauen strahlten vor Glück, wenn man ihnen zuklatschte. Dann waren sie nach einiger Zeit überall zu finden. Und wie sie überall grasartig ausgewuchert waren, hatten sie ein neues noch nicht faßbares Element in die klappernden, schon lahmen, noch brausenden heulenden maschinengewaltigen Weststädte getragen. Die Männer und Frauen, die die Technik fortführten, die Industrien leiteten, die stark zusammengeschmolzenen und selbst erlahmenden Geschlechter an den Mekiwerken, wurden bewegt von diesen jugendartigen Wesen, um die herum alles wogte.

Aber bald sollten sie, die Herrscher und Leiter, Seelen dieser sich windenden, schlagartig erzuckenden, weich nachlassenden Riesensiedlungen, ein anderes Gefühl vor diesen drolligen Menschen haben. Bei London Havre Hamburg bauten die schauspielernden Fulbe ihre kleinen Theater. Bauten sie, von den Lehren ihrer Priester geängstigt, abseits der Städte, in Wäldern, spielten eindringend und zart, unter ihren Zuhörern und Zuschauern, Komödien Zauber- und Liebesmärchen. Sehr selten kam es zu jubelnden lachenden, auch angstvollen Ausbrüchen. Denn diese zierlichen Fremden wurden langsam mitergriffen von der allgemeinen Furcht in den riesigen Stadtkörpern.

Sie spielten das Geschick eines großen Königs. Er bezwang alle Nachbarkönige und trieb sie schwerleibig mit Siegestrompeten in sein Haus, gekettet. Die Flüsse und Bäche konnte er bändigen. Sie mußten laufen, wohin er wollte, mußten seine Steppe bewässern, daß Palmen und Brotbäume da wuchsen, mußten gegen Felsen laufen, bis sie sie unterwühlt und weggespült hatten, wie er ihnen befahl, mußten in seine Häuser steigen, durch enge Röhren kriechen, alle seine Stuben durchkriechen, die wilden Gewässer von den Katarakten. Zuletzt hatte er soviel Gold und Geschmeide aufgestapelt von seinen Siegen und Beutezügen, Spangen Ringe Wagen, daß seine Speicher und Schuppen nicht ausreichten. Die zierlichen Fulbe, die spielenden braunen Männer und Mädchen, die kraushaarigen, zeigten, was dann geschah.

Wie der große Herrscher in der Halle seiner Palastwohnung saß und die Dinge ihm auf den Leib rückten, weil er sie nicht weglassen wollte, sie immer sehen mußte, um sich in seiner Macht zu spiegeln. Sie schilderten das Paradies dieses Mombuttilandes im Innern Afrikas, die sanft gewellten Talniederungen, deren Gehänge Bananen und Ölpalmen bedeckten, die Haine, unzähligen Quellen. Dicht wuchs in den Uferwaldungen Zuckerrohr, süße Bataten auf den sonnenbeschienenen höheren Hügelflächen, Erdnuß Sesam Tabak auf den weiten Äckern. Der König aber, wulstiges schwarzbärtiges Gesicht, die großen Ohrmuscheln mitten von dicken blanken Kupferstäben durchbohrt, riesig der Hut mit Pfauen- und Papageienfedern schaukelnd auf dem Kopf, nackt die frauenhaft weiche Brust, darüber die Zentnerlast der Gold- und Silberketten, Kupferringe, geschnitzten Amulette, schwere Kupferschienen an den prallen flachliegenden Unterarmen, um die quellenden aderstrotzenden Waden; in der herabhängenden Rechten der sichelförmige ziselierte perlenbesetzte Säbel, – Mansu, der König, hinter seinem Pallisadenzaun ging nicht mehr aus seinem Palast. Fetter und fetter wurde er in seinem Prunkstuhl. Seine Frauen massierten ihn. Jeden Tag mußte eine neue kommen. Es machte ihm Spaß um sich Bewegung zu schaffen, sie zu köpfen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig waren und er sich zufrieden fühlte auf seinem Stuhl. Die Schmuckgehänge wurden dichter und dichter um ihn aufgestapelt, Reißzähne von Löwen, Civetten- und Hewattrenfelle in hohen Lagen, Giraffenschwänze. Neben seiner Halle waren die Vorratskammern und Kornmagazine, seinem Blick gegenüber seitlich vom Gang zur Tür die Rüstkammer mit Lanzenspitzen Dolchen Schilden Säbelklingen Hackmessern.

Immer mehr schwoll er, Mansu. Unbeweglich wuchtete und hing er auf seinem geflochtenen Stuhl, der sein Bett und sein Tisch geworden war. Immer neue Schmucksachen ließ er sich um den Nacken an Riemen binden. An seinen Zähnen, jedem einzelnen hing ein Kupferring an einem Hanffaden. Unter seinem Hut ließ er das Haar in kleinen Strähnen drehen, an jede Strähne ein krankheitsbannendes Amulett. Die Haut der Oberarme und der Schenkel war durchbohrt; Riemen hatte er sich durchziehen lassen für die Köpfe der Nachbarkönige, die seine Krieger erlegt hatten. Sein enger Thronsaal, festgezimmert, nur mit einem Fenster und einer Tür geöffnet, wurde finster durch die Reichtümer, mit denen er vollgestopft war. Nur eine kleine Gasse durfte man freilassen.

Da schwang eines Morgens der feiste König Mansu, wie er gähnend erwachte und den Palmwein neben sich schluckte, sein Sichelschwert, schrie nach seinen Frauen. Es war noch Dämmerung draußen. Hinter den Bergen der Löwenzähne und Felle hörte er seine Horn- und Flötenbläser spielen und die Weiber singen: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih.“ Er rief wartend, wieder schluckend, blau vor Wut auflaufend, sich umwerfend, noch einmal. Vor ihm schwangen in der Luft die großen hängenden Fliegenwedel, runde Büsche roter Papageienfedern. Hinter den Fellen tönte das Blasen und Singen weiter.

Aber plötzlich bewegte sich etwas in dem Gang. Durch den engen Gang kam ein kleiner zierlicher Mann langsam gegangen. Er zog hinter sich einen Wagen. Verbeugte sich: er hätte Geschenke von den Babukern zu bringen, die ihm dienstbar wären, wie der große König wüßte. Und er holte von dem Wägelchen große runde Klötze herunter, in Blätter gewickelt. Die legte er neben den König auf die Stapel. Der richtete sich hoch, stierte ihn an, brüllte: „Ich will meine Frauen“ hieb mit dem Messer seitlich nach dem niedrigen Mann, der geschickt wegsprang, ruhig einen Klotz nach dem andern ablud. „Käse. Es sind Käse“ flüsterte er, „wir sind arme Leute, Ziegenhirten: die Massansa haben mehr, die Maoggu haben mehr; wir sind nur Ziegenhirten. Es ist Ziegenkäse, er wird dir wohlschmecken.“ Mansu halbaufgerichtet öffnete luftschnappend den Mund, riß an seinen Amuletten. Immer sangen die Weiber nebenan hinter den Civettenfellen noch das grelle: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih“. Und wie der schweißtriefende König vor Gram halb betäubt ein Amulett an die Stirn drückte, verschwand der niedrige Mann, meckerte: „Sie schmecken gut, du mußt sie essen. Die Babuker sind dir treu.“

Die Fliegenwedel bewegten sich vor dem König. Er riß die Augen auf, rief. Hinter den Federn wankte nach links und rechts sich wiegend in dem Gang ein alter Mann, eine große Strohmatte über Kopf und Leib, die nur seine Augen und seine Nase freiließ. Er hatte das Aussehen den Gang die Stimme des Zauberers des Königs. Wollte nicht näher kommen, obwohl Mansu es befahl. „Du bist krank, Mansu“ flüsterte er von weitem, warf sich hin aufs Gesicht. „Bring mir einen Trank, daß ich gesund werde. Sonst schlag ich dich tot.“ Der Zauberer flüsterte an der Erde: „Ich habe den Trank. Ich habe gewußt, daß du krank bist. Ich hab ihn mitgebracht. Hier ist er, an meiner Brust. Vor einer Stunde habe ich ihn im Tempel gemischt.“ „Gib.“ „Ich kann nicht.“ „Gib. Gib her. Ich schlage dir den Kopf ab.“ „Du mußt ihn am Wasser trinken, bei Sonnenaufgang, draußen am Tempel.“ „Gib ihn her. Ich will nicht draußen.“ „Komm“ lockte der Zauberer, der zurückgewichen war, „er wirkt sonst nicht.“ Prustend erhob sich der König, schrie Hilfe nach seinen Weibern. „Du mußt kommen“, flüsterte der im Strohmantel am Boden. „Die Sonne geht bald auf, der Trank verdirbt, du kannst sterben.“ „Warte, warte“ drohte Mansu stehend, fuchtelte vom Thronsitz heruntertorkelnd sein Sichelschwert. Der Zauberer lockte: „Komm, komm. Ich stell dir den Trank hierher. Neben die Tür. Hier. Du kannst ihn sehen.“

Da war Mansu die Stufe des Thronsessels heruntergestolpert. Er raffte sich auf. Die schweren Riemen mit dem Prunkgehänge wollte er sich abreißen. Es gelang ihm nicht. Sein Arm verhäkelte sich in den Massen der Ringe und Ketten. „Hier steht der Trank. Neben der Tür. Beeil’ dich. Die Sonne geht bald auf.“ Der König ächzte, der Gang war zu eng. Die Löwenzähne rissen ihm seinen hohen Hut herunter, schlugen ihm vor den Mund. Er drehte sich zur Seite, er war zu dick, er kam nicht durch. Er brüllte nach dem Zauberer, nach seinen Weibern: „Ich kann nicht durch.“ Der Zauberer war verschwunden. Ganz lustig und leise summten sie hinter den Fellbergen die Hymne; sie klapperten; der König hörte es gern im Halbschlaf. Er rang mit den Massen der Tierfelle und Schwänze, die auf ihn niederrollten. Mit seinem Sichelschwert schlug er auf sie ein. Er focht mit ihnen. Immer neue fielen herunter. Er schob an ihnen. Der Trunk war da, die Tür war nicht weit. Er ließ sein Sichelschwert fallen. Die linke Hand war ihm im Halsgehänge gefangen; er bekam sie nicht ab. Da drang er wütend kreischend, mit den Beinen stampfend nach vorn vor. Mit dem Kopf wollte er sich durch die Berge wühlen. Er drehte sich um sich. Die schwere Masse der Giraffenschwänze rollte knatternd über ihn. Er machte sich frei, taumelte in einen Haufen getrockneter Bananen. Und wie er um sich griff, riß er die Riemen mit den Löwenzähnen und einen starken Elfenbeinzahn von der Decke. Die schlugen drückten auf ihn herunter. Sein Kopf wurde festgepreßt. Die Bananen zerpreßte sein Hals sein schreiendes Gesicht. Das weiche sämige Mehl quoll neben seinen Ohren hoch, rann in seine blasenden Nasenlöcher, stopfte seinen weit aufgerissenen Mund aus. Er schluckte, schluckte dran, spie, spie, wollte es mit den Händen wegräumen; die waren neben den Knien festgeklemmt, er fühlte sie nicht. Den Kopf warf er noch wie ein zappelnder Fisch hin und her. Dann überrieselte ihn das süße Mehl. Seine Kiefer standen still; der Krampf in seinen Augen ließ nach. Er erstickte zwischen den mehligen Früchten, in die seine tretenden Beine sich wie in ein Moor einwühlten. Seine Frauen fanden ihn nach Stunden, wie sie mit Flöten anzogen, völlig vergraben in der weichen zerwühlten Masse. Die Frauen, die Söhne priesen seinen Tod; sie weinten: es sei der Tod eines Königs gewesen.

Und die braunen Spieler holten den Erstickten aus seinem gelbweißen Sarg, stäubten ihn ab, stellten ihn auf seine Beine. Er stülpte sich seinen Riesenhut auf. Sie tanzten zusammen um den Hüttenbau herum, bliesen das Mehl fort. Der König war in einem Lachen, wie er auf seinen Fettbeinen tanzte.

Auf den waldigen Hügeln im Südteil der Stadtschaft London, bei Guildford am Wayriver, und bei Tunbadge, östlich davon, spielten sie. Viele kamen zu ihnen heraus. Bald zogen sie südlicher, ganz außerhalb der Stadtschaft. Im Westen der Stadt machten sich die kleinen von vielen geliebten Bühnen auf. Sie trugen die Possenstreiche des Hubeane vor.

Das waren Szenenreihen, bei denen die Spieler improvisierten. Der Knabe Hubeane zeigte seine Wunderlichkeit. Seine Mutter geht über ein Feld, den Krug auf dem Kopf. Da schläft in den Schoten eine Antilope, das kleine Tier. Sie nimmt einen Stein, erschlägt das Tierchen. Singend schlendert Hubeane an, schießt mit Schotenkörnern nach der Mutter. Sie schimpft. Er solle die Erbsen wenigstens essen, wenn er so junge Schoten abbreche. Da meint er erstaunt, deswegen schieße er ja nach der Mutter; er traue sich nicht Dinge zu essen, die nicht bei der Mutter gewesen sind. Sie gab ihm ihren Tragkorb, zeigte ihm die junge Antilope: „Hubeane, mein Kind, hilf mir die Antilope in den Korb legen. Und hole Schoten, damit wir sie ganz zudecken können.“ Er brachte einen Berg von Schoten, und ob man einem jungen Tier wirklich so viel Schoten geben solle. Die Mutter sagte, sie wollten das Wild damit bedecken. Sonst sähen es die Leute und nähmen es ihnen weg. „Trag die Antilope nach Hause. Und wenn du Leuten begegnest, die dich fragen, was du trägst, so sage: Ich trage meiner Mutter Schoten. Aber in deinem Herzen ist es eine Puti-Antilope.“ Hubeane nahm den Korb, wanderte los. Es kamen Leute, die fragten, was er trage. Er guckte einen nach dem andern an, lachte, lachte immer heftiger. Sie fragten, warum er lache. „Ihr habt wohl meine Mutter getroffen. Euch hat meine Mutter geschickt.“

„Deine Mutter ist mit einem Krug über das Feld zum Wasserholen.“ „Euch hat meine Mutter geschickt. Sie hat mir gleich gesagt, daß ich Leute treffen werde, die mich fragen, was ich in dem Korb trage.“ Und er schüttelte ihnen die Hände, freute sich über die Klugheit seiner Mutter. Die Leute gingen ihm aufmerksam nach: „Was trägst du in dem Korb.“ „Ich trage meiner Mutter Schoten. Aber in meinem Herzen ist es eine Puti-Antilope.“ Die Leute lachten; was der Junge für Zeug rede. Dann strichen einige Böse hinter ihm her, deckten die Schoten ab, sahen das junge Wild, wollten es ihm aus dem Korb nehmen. Er ließ es aber nicht zu. „Ich muß sie nach Haus tragen.“ „Trag sie doch zu uns nach Haus.“ Das wollte er gern. „So, jetzt habe ich die Puti-Antilope nach Haus gebracht“ seufzte er beruhigt und zufrieden, als er den Korb bei ihnen absetzte. Sie taten das Wild an den Spieß. Er durfte ein Stück mitessen, dankte oft. Eine Banane gaben sie ihm in die Hand. Seiner Mutter ging er entgegen: „Mutter, diese halbe Banane ist für dich, weil du so klug bist und alles vorausgewußt hast. Vielleicht, ja vielleicht gibst du sie mir aber wieder, damit ich sie den Leuten bringe. Sie ließen mich ja auch von der Puti-Antilope mitessen. Unsere Schoten, sagten sie höflich, schmeckten so schön.“

Man gab Hubeane Schafe. Er sollte immer an einem Stein sitzen, sie hüten. Einmal lag auf dem Wiesenplan ein totes Zebra. Am Abend trieb er die Schafe heim. Die Männer fragten ihn, wo er gehütet habe. Er dachte nach: „Heute – hab’ ich bei einem Stein gehütet, der lauter bunte Streifen hat.“ Die Leute lachten; einen buntstreifigen Stein gab es in der Nachbarschaft nicht. Am nächsten Morgen zog Hubeane wieder auf die Weide, setzte sich zu dem toten Zebra. Das war inzwischen angefault. Hyänen sprangen um den Kadaver. Und als der Junge abends nach Hause kam, sagte er, heute habe er am Hyänenstein gehütet. Die Männer wunderten sich, wie er spreche: gestern vom buntstreifigen Stein, heute vom Hyänenstein. Sie gingen mit ihm aufs Feld, fanden das faulende Zebra. Die Hyänen sprangen davon. Sie schüttelten den Kopf: „Was tust du, Hubeane. Das ist ein Wild, das gut schmeckt. Wenn du es liegen siehst, und es ist gefallen, so mußt du rasch Zweige abhauen, damit es keiner wegnimmt, damit es der Geier und die Hyänen nicht holen. Und dann lauf rasch nach Haus und schreie. Schreie. Wir kommen dann und holen es.“ Der Junge spitzte den Mund pfiff dankte. Und wie ein kleiner lahmer Vogel vor seinen Füßen sprang auf der Weide, setzte sich Hubeane auf ein Schaf, den schweren Stecken in der Hand, trieb es mit Gejohl auf das Vögelchen, Motantasana genannt, zu. Das Wild wollte er erlegen. Aber das Schaf wollte nicht rennen. Da trat ihm Hubeane in die Weiche, sprang ab, warf eine kleine Grube auf, versteckte sich hinter Laubwerk, das er abgebrochen hatte, und drang brüllend vor auf das lahme Vögelchen, das in die Grube hüpfte. Hubeane stieß ein Triumphgebrüll aus. Er stand schreiend vor der Grube, schlug blind hinein, schaufelte Erde mit den Händen in das Loch, warf seine Zweige hin, lief nach Hause. Aus vollem Halse johlte er: „Das Wild! Das Wild! Ich hab das Wild getötet. Mit eigener Hand getötet. Kommt. Tragen! Bringt. Tragen!“ Die Männer liefen mit Messern an, die Frauen schleppten Körbe, liefen auf den Wiesenplan hinter dem stolz hüpfenden Hubeane. „Hier ist es. Hier liegt es. Unter den Zweigen. Da!“ Die Männer arbeiteten, Zweig auf Zweig räumten sie weg. Die Frauen standen mit Tragkörben, warteten freudig. Hubeane johlte, kommandierte: „Alle Zweige weg! Und die Erde müßt ihr wegraffen. Ich habe das Wild in die Grube gescheucht. Es hat mich nicht gesehen. Hinter dem Laub war ich versteckt. In die Grube hab ichs gehetzt, hab es erschlagen und erstickt.“ Und von der Erde, die sie wegräumten, fielen Steine um Steine. Hubeane haschte nach jedem Stein: „Das ist es nicht. Das ist es nicht.“ Das Vögelchen fiel. Er juchzte tanzte: „Da, es zuckt. Da ist es. Es lebt noch. Nehmt die Messer! Schlagt es tot.“ Die Männer ließen die Hände sinken. Sahen ihn an, wie er mit seinem Stecken sprang focht. Sahen sich an. Betrübt schlenderten sie zurück. Die Mutter nahm ihn beiseite: „Kind. Das ist ein Vögelchen. Das ist ja kein Wild. Wenn man ein Vögelchen fängt oder man hat es getötet, so sagt man gar nichts, ruft gar nicht. Man bringt es ganz still abends nach Haus.“ Er stand mit gespitzten Ohren: „Ich will es tun, Mutter.“

Und einmal kam ein großer Lämmergeier aus der Luft, warf sich auf ein junges Tier, Hubeane sah freundlich zu unter seinem Baume, wie der Geier das Tierchen packte und davonflog. Er lachte über das schreiende Lämmchen: „Warum schreit das Lämmchen. Jetzt fliegt es mit dem Vögelchen durch die Luft und schreit noch.“ Der Geier kam nachmittags wieder. Strich sehr nahe über Hubeanes Sitz. Da dachte der: „Ich fang ihn.“ Machte seinen Gürtel ab, hielt den dicken Stecken in der Hand, schlug zweimal dreimal auf den herunterstoßenden Geier, schlug ihn nieder. Dann band er ihn an seine Jacke. Der Geier an der Schnur fuhr hackend gegen ihn an, zerbiß ihm die Arme, riß ihm die Kleider entzwei. Hubeane kämpfte den ganzen Nachmittag, erschöpfte sich. Er hatte Mühe abends, mit dem Raubtier springend fallend und es niederdrückend, seine Herde nach Hause zu treiben. Die Hunde liefen bläffend um ihn. Kreischend empfingen ihn, der blutete, die Kleider zerrissen hatte, die Frauen am Eingang des Dorfes. Er, immer schlagend, keuchte stürzte: „Es ist nichts. Es ist nichts. Ein Vögelchen. Man darf nicht schreien. Ich hab es angebunden.“ Und ließ sich auch nachher nicht davon abbringen, als man ihm sagte, daß der Vogel ein Lämmchen davongetragen und ihn fast umgebracht hatte. „Das Vögelchen?“ Hubeane ließ sich staunend verbinden, betrachtete vorwurfsvoll seine Mutter.

Der Vater hatte seine bösen Streiche über, nachdem Hubeane ihn vor der Dorfgemeinde durch Übermittelung falscher Aufträge, durch Berichte von nie stattgehabten Vorfällen lächerlich gemacht hatte. Er suchte sich Hubeanes zu entledigen. Er nahm ihn auf einer Tigerjagd mit, versteckte ihn, als man das Tier umzingelt hatte, in einem ausgehöhlten Termitenhügel, hoffte, der Tiger würde gejagt in den Hügel stürzen und Hubeane zerreißen. Das gereizte Tier wurde gegen den Hügel gedrängt. Der Vater brüllte scheinbar entsetzt: „Hubeane, Hubeane. Der Tiger!“ Hubeane kam nicht. Auch der Tiger war in dem großen Bau verschwunden. Die Männer drangen nach einiger Zeit unter Getrommel gegen den Bau vor. Über und über mit Erde bedeckt zeigte sich da in der Öffnung des Baus Hubeane. „Der Tiger ist nicht drin, ich habe gewartet, daß er hereinkommen würde. Hab ihm auf der anderen Seite ein Loch gegraben. Und wie er hereinstürzte, sah er das Loch. Flitz, schoß er gegen das Loch. War hinaus.“ Er gab dem Vater und den anderen dankend die Hand: „Wie habt ihr schön gebrüllt. Hättet ihr nicht so gebrüllt, so wäre er in der Höhle geblieben und hätte mich gefressen.“

Der Vater ließ nicht nach. Trieb ihn aufs Feld, verkleidete sich als Fuchs, der Hubeane angriff. Aber Hubeane riß aus, lockte, ließ den nachsetzenden Fuchs in eine Mistgrube. Wie der Fuchs drin zappelte, rief Hubeane die Leute zusammen, schlug von oben auf das Tier ein: „Ein Teufel!“ Bis die Männer den halberstickten Mann mit Stangen herauszogen und der Sohn ihn streichelte: „Es war ein Teufel, seine Haut schwimmt da, er hatte dich verschluckt. Nächstes Mal schlage ich ihn ganz tot.“

Um die Zeit des Vollmonds kam das Ende. Da stellte der Vater, der sich vor Wut nicht halten konnte, eine Leiter an die Hütte, in der Hubeane schlief, blickte durch ein Loch in den finsteren Raum herunter. Ein gelbes riesiges Mondgesicht hatte sich der Vater vorgebunden, das verhüllte seinen Kopf und die ganze Brust. In den Händen hielt er verborgen ein Bündel Speere. Grimmig war der Vater; mühsam stieg er die Leiter hinauf, noch lahm von den Schlägen des Sohnes. Er murrte drohend: „He! Da unten! Herauf! Herauf! Hubeane!“ Der richtete sich zitternd im Stroh auf: „Wer ist da.“ „Der Mond vom Himmel. Willst du nicht kommen, mich anbeten.“ „Der Mond. Zu mir! Oh ich fürchte mich. Ich will ihn nicht sehen.“ „Komm, daß du mich siehst.“ Und wie Hubeane aus dem Stroh langsam ankroch, sauste die erste Lanze gegen ihn. Er fuhr kreischend zurück. Der Mond dröhnte: „Her zu mir! Willst du mich anbeten! Das sind meine Strahlen. Meine Strahlen. He! Heran. Sonst verschlucke ich dich.“ „Ich fürchte mich nicht vor dir, guter Geist. Gewiß nicht. Ich komme gleich. Ich hole mir nur einen Schirm, weil deine Strahlen so brennen.“ „Sie brennen nicht. Komm heran.“ Der Vater lauerte, lugte herunter, sah den Sohn nicht. Er blies durch ein Horn herunter, drohte: „Auf! Auf! Steh auf, Hubeane!“ Da fühlte er die Leiter unter sich zittern. Sie schwankte. Und wie er sich umdrehte, hielt ihn einer an den Armen fest, umschlang ihm von rückwärts den Brustkorb. Der Vater schrie: „Hilfe! Hilfe!“ „Schrei nicht, lieber Mond. Die Leute bekommen Angst.“ „Hubeane.“ „Du kennst mich bei Namen, lieber Mond. Du siehst alle, kennst alle Menschen aus unserem Dorf, alle Hühner, alle Hunde. Ich hab meinen Schirm nicht finden können. Kann dich nur von hinten betrachten; von vorn brennst du so. Geh solang in meine Hütte, bis ich meinen Schirm habe.“ Und hob den um sich schlagenden Mann auf der Leiter hoch, stürzte ihn durch das Loch in die finstere Hütte, riß ihm im Fall das Lanzenbündel aus der Hand. „Jetzt will ich Licht machen, lieber Mond, damit du meinen Schirm suchen kannst. Du liegst auf dem Gesicht. Ich leuchte.“ Und schleuderte Speer auf Speer senkrecht herunter, raffte Steine, schmetterte sie durch das Loch in die Hütte: „Hier neue Strahlen. Sieh jetzt! Kannst du sehen. Noch nicht. Noch nicht.“

Er holte sich vom Nachbarhaus eine Strohmatte, kehlte ächzte die Leute zusammen: „Der Mond ist in meiner Hütte. Ihr sollt ihn verehren. Nehmt einen Schirm mit. Die Strahlen sind scharf.“ Verwundert liefen sie aus den Häusern, mit Laternen und Fackeln. Hubeane winkte vor der Hütte: „Nehmt einen Schirm mit. Er liegt drin auf dem Gesicht. Der Mond. Durch das Loch ist er vom Himmel in meine Hütte gefallen. Wenn er sich umdreht, brennt er.“

Und wie sie in die Hütte eindrangen, an Hubeanes Possen gewöhnt, doch ängstlich, lag da angespießt, von Steinen zertrümmert auf dem Gesicht ein Mann in einer großen Mondmaske. Sie machten den Blutbegossenen los, wandten ihn um. Der Tote war Hubeanes Vater, die Brust durchbohrt, der Schädel zerbrochen. Hubeane stand stumm, ließ heulend geifernd den Kopf hängen: „Ach, mein Vater.“ Sie faßten ihn: „Du hast ihn totgeschlagen, Hubeane.“ Er zeigte die Zähne, schlug die Leute: „Es war der Mond. Es war nicht mein Vater. Wenn mein Vater lebte, würde er es euch bezeugen. Der Mond hat mich mit Strahlen gebrannt. Er wollte mich verbrennen.“ Die Männer wußten, wie die Sache verlaufen war. Hubeane hockte in der Ecke, zerkratzte sich die Brust: „Was wird meine Mutter sagen. Sie wird mich vor dem Mond schützen.“ Sie taten ihm, der nach ihnen die Fäuste hob, nichts mehr von da ab.

Zu Spielen dieser Art, Tänzen, erregter Geselligkeit auf den Wiesen, in den Wäldern, erschienen große Massen aus den Städten. Teile kehrten nicht in ihre Häuser zurück, hielten sich erst tagelang in der Nähe der Spiel- und Unterhaltungsstätten auf, siedelten sich dann an. Hatten die Städte noch im Rücken, aber bewegten sich gefesselt in diesen Landschaften, in denen es Tag und Nacht wurde, von deren dunkelblauem Himmel nachts die wimmelnde Unzahl der Sterne herunterblickte. Sie sahen die früheren Siedler, Zügel in der Hand hinter Pferden und Ochsenwagen fahren, Vieh treiben. Die Felder waren gleichmäßig mit einer Waldung von Ähren bewachsen, aus denen die Menschen sich Brot machten. Immer das flache Land Forsten Seen Wiesen überflogen von dem stoßenden Wind. Regengüsse Wolken in der hohen Luft.

In der Londoner Stadtlandschaft herrschte während der Neuorganisation des Völkerkreises straffe Arbeitswirtschaft. Neue Fabrikanlagen wurden geschaffen, große Scharen von Arbeitern benötigt, wachsende Mengen von Monat zu Monat. Um diese Zeit war es, wo das Fluten der Menschen an die Peripherie und über die Grenzen hinaus zunahm. Im Londoner Senat wurde festgestellt: es sind nicht genug Menschen für die projektierten Anlagen da. Delvil sprach mit Empörung. Es sei beispiellos, was jetzt geschehe. Man füttere dreiviertel der Bevölkerung. Im Augenblick, wo man ihrer Kraft, nur teilweise ihrer Kraft bedarf, weigern sie sich. Es kam in dieser und den folgenden Beratungen zwischen Delvil, der empfindlich geworden war, und der breitschultrigen White Baker zu ernsthaften Zusammenstößen. Sie hatte, wie man argwöhnte, um die gefährlichen Bewegungen dicht an die Stadt heranzuziehen, ihre eigenen Liegenschaften Siedlungsgruppen zur Verfügung gestellt. Ohne den Senat zu befragen oder ihm Mitteilung zu machen, hatte sie die Förderung von wichtigen Erden und Kalksalzen aus ihren Gruben untersagt und den Mekianstalten Schwierigkeiten gemacht. Sie verteidigte die Untätigen, die durch die lange Muße schlaff geworden wären; man könne sie nicht im Moment umschaffen. Delvil brauste: sie seien nicht schwach, seien erbärmlich, ohne Gefühl für das, was der Gesamtheit nottue.

Und seiner Macht und Kraft gemäß beschloß der Londoner Senat, wie er erklärte, im Bewußtsein seiner Verantwortung für die westliche Menschheit, die an neue Aufgaben heranginge: der Senat fordert die ganze Bevölkerung auf, am Wiederaufbau der durch Krieg und die allgemeine Resignation verfallenen Stadtlandschaft mitzuarbeiten. Man müsse ein Vorbild, ein fortreißendes Beispiel den andern Gliedern des neuen Völkerkreises geben. Hinter den Stadtschaften, die schon aufgerichtet seien, dürfe man nicht zurückstehen. Treulose und Entartete müssen wissen, daß der Senat über Machtmittel verfügt. Der Beschluß wurde von allen Senatoren unterschrieben bis auf die White Baker, die damals zum letztenmal im Senat erschien. Man trauerte nicht hinter der Eigenbrödlerin; nur Delvil war besorgt.

Mit Spott und Grimm wurde die senatorische Verfügung aufgenommen. Agitatoren Priester Landsiedler, in die Stadt eindringend, nahmen höhnend den Beschluß vor: „Was faselt der Senat von Verantwortung an der westlichen Menschheit. An welche Aufgaben soll die westliche Menschheit geführt werden. Man hat vielleicht in den Laboratorien eine Handvoll neuer Erfindungen, die an den Menschen exekutiert werden sollen. Der Uralische Krieg ist ergebnislos verlaufen? Wer das sagt! Er hat ein Ergebnis gehabt! Herrengeschlechter, senatorische Gewalten, Völkerkreise haben ihre Ohnmacht bewiesen. Und sie glauben, man hat es vergessen. Konnten es mit Marduk nicht aufnehmen, obwohl sie Waffen hatten und ihn hätten ausrotten können. Aber wagten es nicht. Hätten die Auswanderer nach Yukon und Alaska zerschmelzen und zerblasen können. Aber haben die Yukon- und Alaskamänner gelassen! Warum? Weil sie im Innersten gelähmt sind. Das Gewitter wird mit Hagelschlag und Donner auf sie fallen. Was können sie als drohen, ihre Angst verbergen!“

White Baker ließ dem Senat erklären, sie verzichte auf die senatorischen Rechte, die sich aus ihrem Besitz und ihrer Herkunft ableiteten. Sie hatte die Ratschenila bei sich. Die amerikanische Kommission war noch in London. Delvil äußerte in Unruhe, die Kommission möchte abreisen. Aber die Fremden sahen mit Vergnügen die Schwierigkeiten der Europäer, die Träger des Gedankens an einen neuen Völkerkreis waren. Sie gingen nicht einmal, als Delvil sie vernachlässigte. Der alte Klokwan sprach mit Neuyork: London werde niemanden zum Völkerkreis zwingen; die herrschenden Geschlechter Londons hätten Gelegenheit, ihre Kraft zu zeigen; man könne sie jetzt dabei beobachten.

White Baker, die nicht mehr junge Frau, schien gebrochen. Den Verzicht auf den Senatsitz, die Übergabe ihrer Liegenschaften an die Spieler und Siedler faßte man im Senat als eine träumerische franziskanische Handlung auf. Immer aber ging die kleine stolze elastische Ratschenila neben ihr, vorstehende Backenknochen, feurige dunkelbraune tiefliegende Augen unter schwarzen dünnen Brauen, pechschwarze Haare mit rötlichem Schimmer im Licht, die schlicht auf den Nacken fielen. Die Ränder der Ohrmuscheln vierfach durchbohrt; in den Löchern hingen Silberringe mit Federn Perlmutterstücken. Sie liebte ihr rundes Kinn rot zu färben, zinnoberrote Ringe um die Augen zu ziehen. Wo sie ging, trug sie über dem blauen Hemd, dem Oberkleid aus feinem gezackten Leder, eine bunte Wolldecke, ein breites Tuch, das sie bald um die Hüften, bald um die Schultern wickelte. Sie nahm nichts von den Schmuckstücken an, die ihr White Baker schenken wollte; nur hob sie der englischen Frau selbst einmal eine Perlenkette vom Hals, bat, sie behalten zu dürfen. Und lachte und drohte, als die Europäerin sie ihr freudig umlegte: man dürfe Perlen nicht leicht weggeben; man verliere etwas mit ihnen; sie sind versteinertes Wasser; in ihrer Höhle sitzen Geister, die von dem Menschen etwas mitnehmen. White Baker blieb aber glücklich; sie freute sich, ihre Perlen über Ratschenilas Brust zu sehen. Aus weißer Seide machte die Fremde für White Baker ein langes faltiges hemdartiges Gewand, hing ihr ein kleines Knochenstück von der Gestalt eines Krähenschnabels an einer Lederschnur um.

Nach Ashdown Forest, in den Bergen südlich der Stadtlandschaft, zog White Baker und die Ratschenila. Eine kleine Menschengruppe wohnte hier. Sie trugen oberhalb des linken Schuhs auf dem Strumpf oder am bloßen Knöchel schlangenförmige Metallringe, nach denen sie sich die „Schlangen“ nannten. Diese Schlangen suchten sich auszugleichen. Wie ihre Blicke hilflos staunend entzückt über Hügel, neu gerodete Äcker, Bäume liefen, wie sie sich in Arbeit erschöpften, so hatten sie angefangen sich selbst zu betrachten, einer den andern. Stumpf und mit überscharfer gereizter Erregung hatten sie in den Stadtschaften aneinander gehangen, kaum Mann, kaum Weib. Dann hatte sie das Wunder des Männlichen Weiblichen entzückt; sie waren, die „Schlangen“ in den Ashdownbergen, aus der Stadt gezogen, hatten sich zärtlich und ganz ohne Hohn offen das Zeichen der verführenden Paradiesesschlange angelegt. Sie hatten warme Hütten, aus Holz gebaut; die standen unter besonderer Hut der Schlangen. In denen trafen sich männliche und weibliche Schlangen, nackt und bekleidet, betrachteten sich, lagen sich in den Armen, berührten bestrichen einander die Haut. Auf hohen Blatt- und Heulagern, in Helle und Dunkelheit, erzitterten sie liegend in der tief geheimnisvollen Verwirrung, die ein warmer Leib in den andern warf. Und wie sie sich wanden, waren sie verschwunden, auf einer Reise oder Wanderung, wie sie sagten, von der sie seufzend wiederkehrten, liegend auf Blättern, in den Armen eines Menschen, der wie sie seufzte. Wegen dieser Wanderschaft ehrten die Schlangen einander aufs tiefste. Nichts wurde für heiliger von ihnen erachtet. In entlegener Forststille, abseits, standen die festgebauten Holzstätten, in die sich die Menschenpaare zurückzogen, die fühlten, daß sie auf die geheime Fahrt geschickt werden sollten. Wo ein Mensch ihnen begegnete, warf er Blumen Blätter hin, ließ sich von ihnen berühren.

In die Absonderung dieser Schlangen tauchten White Baker und Ratschenila ein. Die beiden Frauen küßten sich: „Wie bin ich glücklich dich gefunden zu haben, Ratschenila. Und daß wir herfanden.“ „Liebst du keinen Mann, White Baker?“ „Ich weiß nicht. Dich liebe ich. Deine Haare deine Zähne deine Zunge deinen Gaumen deine Wangen deine Finger deine Zehen, was alles an dir ist. Wenn du atmest, die Augen aufmachst und sie schließt. Dein Kleid deine Ketten. Ich muß dir wie ein glücklich demütiges Tier nachlaufen und bin selig, wenn du mich anfaßt. Du glaubst nicht, Ratschenila, wie es mir wohltut, daß du meine Perlen trägst.“ „Ich sehe, White Baker. Daß du dich gar nicht fürchtest.“ „Wovor.“ Ratschenilas Mundwinkel zuckten, ihre dunkelbraunen Augen bewegten sich. Sie zog ihre Schultern zurück: „Ich würde es zu Hause und in London nicht sagen. Hier, bei den Schlangen, ist eine gefährliche Luft.“

„Ja.“ „Du sagst so erwartungsvoll ‚ja‘, White Baker. Sieh, es könnte doch sein, daß ich auch –“ Die kreischte leise, wollte ihre Arme um den Hals der rötlichen Frau legen, die auswich: „Nicht, Baker. Wenn du dich nicht fürchtest, könnte ich mich doch fürchten.“ White Baker gurrte: „Wirst dich nicht fürchten vor mir.“ „Nicht vor dir. Vor dir.“ „Vor dir. Meine Freundin. Herzensfreundin.“ Die rötliche Frau drückte die Augen zu, ihre Knie zitterten. Hing mit geschlossenen Augen, tiefatmend an dem Hals der weißen starken Frau, der glücklichen, die ihr Gesicht mit Küssen bedeckte, liebestammelte. „Ach in die nächste Hütte, Ratschenila.“ „Ich fürchte mich. Daß ich dir etwas antue.“ „Meine Freundin, meine Geliebte.“ „White Baker. Bin ich das, deine Geliebte?“

Inbrünstig umschlang White Baker sie. Ratschenila ließ es sich gefallen; ja die Hände krallte sie in White Bakers Gesicht und Hals, die Augen nicht öffnend. Mund lag auf Mund. Es waren die versunkensten und hellsten Wochen der White Baker. Sie und Ratschenila ließen sich Äcker bei den Schlangen zuweisen. Mit Lachen nahmen alle das Locken und Drohen des Senats auf, in die Stadt zu kommen. Glücklich war White Baker. Sie sah die Freundin nicht. Bemerkte ihre Starre, ihre Kühle, ihr träumendes böses und fremdes Gesicht nicht; sie hatte sie. Die Fremde ächzte viel für sich, ging doch zu der Weißen, war hilflos sanft zu ihr. Eines Tages fand White Baker die rötliche Frau nicht in ihrem Blockhaus. Sie suchte in der Nacht, fragte. Sie erfuhr, Ratschenila war zu dem weiblichen Führer der Schlangen gelaufen. Und von der blonden sehr jungen schönen Frau hörte die erschauernde White Baker, Ratschenila hat gebeichtet und sich beschuldigt, nicht an den Sitten der Schlangen teilzunehmen. Sie beschuldigt sich, Sklavin einer andern Frau zu sein. Sie wolle frei sein, sie müsse sonst Gewalt gebrauchen. Die helle schöne Frau streichelte die kalten Hände ihrer Besucherin. Ratschenila hätte geweint, sie könne nicht anders, sie ginge nach London zurück zu ihren Landsleuten.

Die langen Tage, die Baker verwirrt und sich zerreißend im Haus dieser Führerin lag, immer nach Ratschenila verlangend, wachträumend von ihrem Gesicht ihren Händen Füßen Brüsten Lippen, an dem knöchernen Krähenschnabel kauend. Die rötliche Frau hatte die Siedlung verlassen, war allein in ihre amerikanische Heimat zurückgekehrt. Die Führerin, die schöne helle Frau saß bei Baker, mit in ihr Schluchzen gerissen. Ja, furchtbar sei die Gewalt, die in ihnen allen lebe. Es sei gut, sie zu verehren und zu besänftigen. Sie fragte nach Wochen die ruhigere ernstblickende blasse Baker, ob sie sie verlassen wolle. Die drückte ihre Hand: „Ich habe dir zu danken, euch Schlangen zu danken. Ich will – lieber nicht zurückkehren. Ich will – gewiß nicht zurückkehren. Sicherer und bestimmter bleibe ich hier als ich herkam. Wenn du mich hier läßt.“ „Das ist wahr, White Baker?“ Die war gezwungen sich auf die Knie herunterzulassen, an den streichelnden Händen der Frau entlang. Sie küßte den Boden zu ihren Füßen: „Und wenn ich, du Junge, bei euch nichts weiter gefunden hätte, als mein Verlangen, mich vor dir niederzulassen, und daß mich einer anspricht wie du, so bliebe ich hier.“

Es hielt White Baker, die die weißen Seidenkleider, die bunten Wolltücher der Ratschenila nicht ablegte, aber nicht bei den Schlangen. Sie wanderte mit einem jungen braunschwarzen Mann, der ihr als Kutscher diente, im Süden und Westen der Stadtschaft London herum. Die Insel war schon weit nach Norden von Menschen besiedelt. Immer neue Gruppen, Absonderungen. Massen, die kriegerisch wie Marduks Barbaren übten, viel Fleisch aßen. Gruppen dann nur aus Weibern bestehend, die auf den Feldern arbeiteten, noch Mekispeisen nahmen, und alles Unheil auf die Übermacht der Männer schoben; faustgroße Steine trugen sie am Hals zum Zeichen, daß sie sich unfrei fühlten. Im Norden, ganz zerstreut wohnend, Schweiger; Menschen, die sich jede Sprache versagten, nur frühmorgens sangen nach dem Sonnenaufgang; bei einer gewissen Höhe der Sonne begann das demütige Verstummen. Sie waren mit Erde beschmiert, wuschen sich nur einmal in der Woche, gingen Fremden aus dem Wege.

Die Befehle der Stadtherren wurden dringender. Da sammelten sich bei Bedford am Ouseriver eine Anzahl der Fulbe, spielten neue Possenstreiche des Tolpatsches Hubeane. Dann in wechselnden Gegenden, am Rande von Wäldern, auf Bergplateaus, auf Brachfeldern begannen sie ihre Liebesspiele. Eine dichte Menschenmenge um sie; fröhliche Schlangen, finstere fellbehangene Krieger, schmutzige Schweiger, trübe schlaffe Städter, Ängstliche, die die Zauberer herumgejagt hatten. White Baker unter ihnen. Die braunen zärtlichen Menschen spielten in Masken.

Das war die Fabel vom Löwen und dem wilden Hund. Das Haus eines Häuptlings war mit Stroh bedeckt. Vor der Tür saß der festlich geschmückte Mann mit einem jungen rottätowierten Mädchen, einem schönen Wesen, seiner Tochter. Eine kleine Schar Menschen um sie. Der Häuptling nahm die Hand vor den Mund, machte sie hohl: „Dies ist meine Tochter Mutiyamba. Ich will sie verheiraten an den stärksten und schönsten Mann. Ich bin reich. Er braucht mir nichts zahlen. Ihr sollt überall ausrufen, in der Steppe, am Fluß, in den Bananengebüschen, auf der Sandinsel: der Häuptling Kassangi will seine Tochter Mutiyamba dem Schönsten und Stärksten geben.“ Da war ein zarter Jüngling, Liongo, ein Waisenkind, der liebte das Mädchen. Er trug einen Lendenschurz aus Stroh, die Lanze konnte er nicht werfen. Ging mit in die Steppe, an den Fluß, in die Bananengebüsche, auf die Sandinsel, zu rufen, daß Kassangi die schöne schlanke Mutiyamba dem Schönsten und Stärksten geben wolle. Er tröstete sich, sang vor sich. „Die Fasern meines Herzens schwirren. Warum? Ich habe eine hohe Nelke gesehen; eine weiße Ameise zersticht sie an der Wurzel. Ich muß die hohe Nelke heilen.“ Er ging, der Zarte, den übrigen Trommlern voraus. An den Regenteichen, zwischen den lianenumstrickten großen Bäumen im Buschwald, unter Butterbäumen, auf denen kleine Affen sprangen, an den lederblättrigen Feigenbäumen, an Schluchten, aus denen dunkle Fledermäuse und dicke Wespen surrten, im wildaufgeschossenen tiefdurchstreiften Dickicht des Sorghumgrases, vor grünen Sümpfen, an denen wilde Kürbisse und Luffagurken ihr Gewinde trieben, von Würmern und Schnecken überlaufen, sang der arme Liongo schmetternd das Lob Mutiyambas, um die Stärksten und Schönsten zu locken. Besang die Bemalung ihres Körpers. „Wie junge Zwiebelknollen sind ihre Brüste; kein Baum trägt soviel Früchte wie sie Kleider trägt. Am Kopf, an den Ohren, den Lippen, den Armen hängt Schmuck, wie Blitze aus einem Gewitter zucken. Ihr Blick ist sanft und schmachtet. Ihre Beine sind schlank wie Kupfernadeln. Man kann sie nicht ansehen, ohne von Sehnsucht nach ihr verzehrt zu werden. Die Augen muß man schließen, als hätte man in einen Topf mit heißen Dämpfen geblickt. Und wenn man sie geschlossen hat, findet man keine Ruhe, weil die Augen weiter brennen. Wer Mutiyamba sieht, muß zeigen, daß er ein starkes Herz hat. In ein Gefängnis ist er geworfen, mit ihrem Bild allein. Sein Herz muß stark sein, um die Türen zu zerbrechen und sich zu ihr zu retten. Hundert werden um sie werben! Kassangi ist ein mächtiger Häuptling, einen starken Pfahlbau hat er um sie erbaut. Nur wer Schultern wie ein Berg, Hunger wie ein Schakal hat, kann den Pfahlbau einrennen.“

In der Steppe hörte den Gesang Liongos ein junger gelber Löwe. Und wie Liongo an der Fledermausschlucht das Mädchen pries, kroch auch ein wilder Hund hervor. Als der zarte Bote des Häuptlings vor seinen Palast zurückkehrte, waren schon viele Jünglinge dagewesen, hatten Proben ihrer Kraft abgelegt, waren von Kassangi verworfen. Mit dem armen heiseren Liongo zogen der Löwe und der wilde Hund an. Der Löwe warf die beiden stärksten Jünglinge um, übersprang mit einem Satz die höchste Einzäunung von Kassangis Gehöft, einen Eimer Palmwein soff er in einem Zuge, nachher schritt er gerade wie vorher. Kassangi gab ihm die Tochter; der prächtige gelbmähnige Löwe setzte sich neben sie. Mutiyamba erschrak, als das aufgrollende Untier ihr Mann geworden war. Aber sie war stolz über seine Kraft.

Tags darauf feierten sie Hochzeit in Kassangis großem Haus. Der wilde Hund Kri hatte sich nicht vor den Häuptling gewagt, als der gelbe Löwe erschien. Nun kauerte er im Saal neben dem jungen Löwen, der sich nicht wohl zwischen den Menschen an der Tafel fühlte. „Du kennst die Sitten hier nicht, Löwe. Du mußt den Brei zu dir herüberziehen, wenn du essen willst“, flüsterte der Hund herauf. Hintatzte der Löwe nach dem großen Napf, in der Mitte des Tisches, schlang ihn herunter. Die Gäste, die zulangen wollten, blickten betreten vor sich. Kassangi, der Häuptling, ließ sich nichts merken, befahl einen neuen Napf. Er nahm, schob ihn vor die Tochter, den jungen Bräutigam. Kri lauerte auf den Hinterbeinen: „Du bist Bräutigam. Du mußt Geschenke machen. Jedem Gast mußt du zur Erinnerung einen Löffel Brei in die Hand schütten.“ Der Löwe wischte sich das Maul, erhob sich, drückte sich den großen Napf vor die Brust, und die Tafel abwandernd goß er jedem Gast einen Löffel Hirsebrei auf die Hand oder klatschte ihn ihm plump vor die Brust. Die ersten hielten still, die nächsten warteten nicht. Sie liefen vor die Tür, platzten ihr Lachen heraus, schüttelten sich über das Untier, das zaghaft zu ihnen herübersah. Finster runzelte Kassangi auf seinem Platz die Stirn. Die Gäste ließ er säubern; die von draußen hereinrufen. Stumm verlief das Mahl. „Eine alberne Gesellschaft“, flüsterte Kri, als sie allein saßen, „du mußt dich nicht daran stoßen. Sie sind neidisch.“

Der Brautzug fuhr durch das Dorf. Neben Mutiyamba saß der prächtige Bräutigam auf dem bändergeschmückten Ochsenwagen. Man blies vor und hinter ihnen und trommelte. Sie kamen vor Kassangis Haus, wo der Häuptling mit seinen Frauen stand und winkte. Einen Satz von rückwärts auf den Wagen machte der wilde Hund, kletterte auf die Planke zwischen dem Paar: „Mutiyamba, dein Bräutigam ist so finster. Streichle mich, liebkose mich, ich bin sein Freund. Das wird ihn erheitern.“ Und sie umarmte Kri, küßte seine Schnauze, blickte ihn zärtlich an. Im Zug kicherte man, Kassangi erschrak. In seinem Zimmer nahm der Löwe rasch den Hund beiseite. „Wie hast du es gemacht, daß dich Mutiyamba, meine Braut, geküßt hat. Sie hat mich noch nie geküßt.“ „Sei nicht traurig Löwe. Tu ihr nichts. Ich will dir das Geheimnis verraten, aber du versprichst zu schweigen. Sieh her, ich habe mir beim Laufen einen Vorderfuß verstaucht. Das hat sie gesehen, Mutiyamba die Schöne. Sie ist so mitleidig, so zart. Da hat sie mich Armen gestreichelt und geküßt.“

Kassangi mit den Gästen erwartete den Bräutigam zum Trunk. Da hinkte der junge Löwe, der starke prächtige, zur Tür herein. Hinkte rechts, hinkte links. Und wie er bei Mutiyamba stand, quollen ihm die Tränen aus den Augen: „Ich habe mir die Beine verrenkt, beide Hinterbeine, gestern als ich dir zu Ehren sprang.“ Er blickte sie kläglich an. Sie zog das Brusttuch über das Gesicht, flüsterte beschämt dem Vater etwas zu, huschte, ihre beiden Mädchen hinter sich, aus dem Saal. Die qualmenden Männer rümpften die Nasen, schnitten spöttische Mienen, spuckten in die Luft. Da bot der Häuptling dem Bräutigam den Krug: „Trink, Löwe. Meine Tochter Mutiyamba, das schönste Mädchen, ist dir zugefallen. Wir wünschen dir Glück. Du hast keinen Kaufpreis zu zahlen. Deine Füße werden wieder heilen. Aber Geschenke wirst du ihr machen. Das ist Sitte bei uns.“ Der Löwe auf der Matte nahm den Trunk, verbeugte sich stumm vor dem Häuptling, stieg hinaus. Er wanderte durch das Dorf, in die Steppe, Kri hinter ihm. „Löwe, was läufst du so weit? Du mußt doch hinken, sonst erbarmt sich die Braut deiner nicht. Hinke hinter mir her ins Dorf zurück, gleich, damit der König sieht, wie demütig du bist, obwohl du Schultern wie Berge hast, wie der arme Liongo sang.“ „Und was soll ich ihr schenken, ihr und dem Vater Kassangi?“ „Daß du darüber nachdenkst. Zeige nur nicht, daß du reich bist, sonst ist er und das ganze Dorf beschämt. Bring ihm keine Antilopen, sonst fürchten sie sich vor denen. Was läufst du überhaupt so weit in die Steppe. Mach am Boden hier – deinen Kot hin. Ja deinen Kot. Ich will ein Körbchen aus Gras flechten, da tun wir den Kot hinein. Die Körbchen trage ich vor Kassangi und Mutiyamba. Sie haben gesehen wie stark und schön du bist; sie müssen deine Demut sehen und daß du sie gar nicht beschämen willst.“ Der Löwe setzte sich neben dem Feldrain in einen Acker Jams und preßte seinen Kot aus. Der Hund wühlte Jamsknollen aus dem Boden, die Zehen wie ein Menschenfuß hatten, raffte Blätter zusammen, schichtete den warmen Kot über Blätter und Knollen, glättete ihn, bedeckte ihn gegen Fliegen. Dann flocht er zwei Graskörbchen, hob den geschmückten Kot hinein, spazierte ins Dorf. Hinkend, den mächtigen gelben Kopf senkend, folgte der Löwe, stieß ab und zu einen jämmerlichen Ruf aus. Würdevoll knurrend betrat der wilde Hund die Halle Kassangis. Auf seinen Wink blieb der Löwe am Türpfosten, schielte hinein. Die Körbchen überreichte Kri mit strengem undurchdringlichem Ausdruck. In Weinen brach Mutiyamba aus. Vor dem Löwen, der sich ihr zärtlich näherte, floh sie. Der Häuptling warf das Körbchen von sich. Lächelnd und bescheiden anschleichend verneigte sich der Löwe. Unsicher setzte er sich auf seinen beschmutzten Platz. Saß noch allein, als Kassangi und die Gäste die Halle verlassen hatten.

Sie berieten draußen, was gegen den Löwen zu tun sei, der so stark war und dem die Braut schon zugesprochen war. Bewaffneten sich mit Speeren, wollten ihm sagen: er müsse nach Sitte dieses Dorfs noch einmal die Probe bestehen, und dann am dritten Tag noch einmal, um zu zeigen, daß ihm kein Zauberer beigestanden habe. Sie dachten, er würde das Spiel bei seinen kranken Gliedern verlieren. Den Hund Kri, der unter ihnen war, überhäuften sie mit Schimpfworten wegen seines Freundes. Er redete gewandt, warf hin, es werde alles zu ihrer Zufriedenheit ablaufen, zeigte ein gelehrtes geheimnisvolles Wesen: „Die Weisheit, wo sitzt sie? Im Auge? Nein, im Kopf. Herr Kassangi weiß das jetzt. Er wußte es nicht. Ich, Kri, bin nur ein Küchlein, aber man braucht mir das Scharren nicht beibringen.“ Die Männer waren erstaunt über seine Klugheit. „Warum seid ihr betrübt, liebe Herren? Hoffnung ist die Säule der Welt. Auf dem Grunde der Geduld ist der Himmel.“ Sie sollten, verwies er sie, ihren Plan jetzt nicht ausführen. Er bat sie im Vertrauen: er werde den Löwen besiegen. Sie schüttelten die Köpfe: „Er wird bezahlen, wenn die Vögel Zähne bekommen.“ Aber Kassangi reichte dem sehr würdigen Kri die Hand.

Und als am nächsten Tag Kri und der Löwe ihr Zelt verließen, war der Löwe erstaunt, wie alle sich vor Kri verneigten, Platz vor ihm machten, ihn selbst aber nicht beachteten und das Gesicht verzogen. „Du siehst, Löwe, was in meiner Macht steht und wer ich bin.“ „Kri, wie hast du das angestellt. Ich bin dein Freund, du wirst mich nicht im Stich lassen.“ Der Hund zog ihn zwischen zwei Zelte. Da stellte er sich hin, zuckte zappelte mit seinem Leib. Verwundert der Löwe: „Was machst du?“ „Merkst du nichts? Hör, jetzt, hör einmal.“ Der Löwe trat näher: „Ich höre nichts, ich höre nichts, Kri.“ „Du mußt auf meinen Bauch hören. Alle hören es. Darum verneigen sie sich vor mir. Ich habe über Nacht bewirkt, daß mich alle wie einen König begrüßen.“ „Was hast du gemacht?“ „Du hörst es noch nicht.“ Der Hund zappelte, sprang weiter hoch, „aber du wirst es bald hören, dein furchtbares Brüllen hat dich schwerhörig gemacht. Ich habe ja eine Glocke in meinem Leib.“ „Eine Glocke.“ „Eine klingende Glocke. Bei jedem Schritt schlägt sie an. Darum verneigen sie sich vor mir.“ „Wo hast du die Glocke her, Kri?“ „Kassangi, lach nicht, Kassangi, dem hab ich sie selbst gestohlen. Er weiß es noch nicht“ und Kri kicherte, der Löwe brüllte freudig mit, „nun habe ich seine Glocke im Leibe und er merkt es nicht. Drei, vier habe ich ihm gestern gestohlen. Die Häuptlingsglocken. Noch drei hab ich. Aber zeig mich nicht an. Ich vertraue dir.“ „Ich habe dir vertraut, du kannst auch mir vertrauen.“ „Nun wollen wir weiter gehen.“ Aber der Löwe hielt Kri zurück: „Sag mir, Kri, könntest du mir auch die Glocke einsetzen.“ Kri zuckte die Schultern, tat mürrisch, wiegte zweifelnd den Kopf; der Löwe werde die Schmerzen nicht aushalten, wenn man ihm die Glocke in den Leib versenke. Der Löwe bettelte: „Oh doch“, versprach ihm hohe Ehrungen, erklärte, er gebe die Glocken, die zwischen den Zelten standen, nicht zurück. Da ließ sich Kri herbei, nachdem sie sich geschworen hatten, sich gegenseitig nicht zu verraten. Er versprach heute nacht mit einigen Vertrauten die Glocke in den Bauch des Löwen zu versenken. Und beglückt zogen sie auf die Dorfstraße.

Mittags im Zimmer erklärte Kri, der sich schon siegesgewiß spreizte, dem die schöne Mutiyamba zulächelte: der Löwe müsse ihm vor Nacht noch einen Beweis seiner Widerstandskraft geben. Der Löwe fand sich zu allem bereit. Und als man zu Tisch in der großen Halle Matten ausgebreitet hatte und mit Perlschnüren und Brustgehängen beim Fleisch saß, verlangte Kri von Kassangi eine glühende Eisenstange. Dann mußte der Löwe, seine Angst verbeißend, sich Kri nähern. Ein zorniges Bellen ausstoßend schlug Kri ihm das heiße Eisen über die Hinterbeine. Nur einen kleinen Augenblick heulte Entsetzen verbreitend der Löwe, sperrte den Rachen gegen den Hund, der zur Tür huschte, dann zog er den Leib krumm, lächelte fade unter Schmerzen winselnd gegen Kri, der langsam näherkroch. Die Gäste, Kassangi und seine Tochter, sahen den beiden mit Staunen zu.

Von diesem Augenblick an war das Gesicht des Löwen verändert. Die Zuschauer bei den Spielen in Bedford sahen es. Sie fühlten sich tief berührt. Sie wußten nicht worin die Veränderung lag. Ihnen selbst war dieser Löwe ähnlich geworden. Wie ein Städter wackelte er hilflos mit dem großen Kopf, schnaufte nach wenigen Schritten ohne Atem. Seine Füße zitterten: grauenvoll und besorgt blickte er nach allen Seiten. Und der Hund war nicht mehr Kri. Er trug eine rote Kappe, von der goldene Bänder über Ohren und Hinterkopf herabhingen, die senatorische Kappe.

Still hockte der Löwe auf der Matte. Man bot ihm zu essen an. Er blickte mit schlaff hängenden Lippen nur auf Kri, der ihn ansah. Da schlang der Löwe gequält und wieder lächelnd seinen Teil herunter. Höhnisch boten ihm die Gäste mehr. Er wollte sich zurückziehen, um seine Schmerzen auszubrüllen, wollte trinken, hatte furchtbare Trockenheit im Rachen. Aber über den kleinen Krug hinaus bot man ihm nichts. Man spielte, speiste lustig, beachtete ihn nicht. Und bevor man aufstand, flüsterte Kri wieder mit Kassangi. Ein Diener brachte die glühende Stange. Der Löwe sah sie nicht, dumpf lag er über seiner Matte. Da schlug das Feuer auf sein Vorderbein. So brüllte er, so warf er aus dem Rachen sein Donnerrollen, daß im Augenblick der Saal geleert war. Er wollte springen. Er konnte nicht. Da erst erinnerte er sich, daß dies eine Probe Kris war. Er biß sich die Zunge, schielte um sich, lahmte zur Tür, sank platt hin. Die Gäste näherten sich lange nicht. Kri wischte seitlich herein, horchte auf das Stöhnen des Freundes, das Flüstern: „Kri! Kri! Nicht böse sein. Komm näher. Ich war nicht vorbereitet. Es ging so plötzlich. Sonst hätte ich nicht gebrüllt. Ich hätte es nicht getan. Verlaß dich drauf! Kri, verlaß dich drauf!“

Dies war eine Stelle im Spiel, wobei die Hörer in Wut gerieten. „Verlaß dich drauf, Kri. Hund, Hund!“ Drohten um sich, ihre Augen funkelten. Manche weinten.

Kri ließ sich herbei. Die Gäste vor der Tür sahen, wie der Löwe sanft den Kopf an dem elenden grauen Hund rieb. Ihre Angst legte sich, sie fingen wieder zu kichern an. Der Löwe beachtete es nicht, dachte an heute Nacht und die Glocken. Es waren auch Glocken, die im letzten Teil des Stücks ununterbrochen geläutet wurden. Unter den Gästen aber, die langsam mit Kassangi und Mutiyamba zurückkehrten, demütig vom Löwen begrüßt, der für seine Unart um Verzeihung bat, lachte einer nicht mit, der zarte arme Liongo. Ihm ging durch den Kopf: „Trüb ist mein Sinn. Die Fasern meines Herzens schwirren. Warum? Ich habe die stolze Nelke gesehen. Eine weiße Ameise zerbeißt zersticht ihre Wurzel. Die stolze Nelke ist bald hin.“ Liongo, wie es Abend geworden war und die Gäste mit dem frechen Kri schmausten, trat in das dunkle Gemach des Löwen, verneigte sich vor ihm. Der empfing ihn freudig in seiner trauervollen Einsamkeit. Der Löwe erkannte in Liongo den jungen Sänger des Häuptlings, der das Lob der schönen Mutiyamba in der Steppe Menschen Tieren Bäumen und Seen verkündet hatte. Er schüttelte seine Hand. Nicht zu viel hätte er verkündet von Kassangis Tochter; er sei ihm wohlgesinnt. Liongo strich ihm die Mähne: Ob er sich nicht wohl befinde. Er brachte ihm zwei Krüge kalten Wassers, in die der Löwe wonnig grunzend die Pfoten steckte. „Man hat nicht wohl an dir getan, Löwe.“ „Oh“ schüttelte der das Haupt, schwieg dann, denn er erinnerte sich seines Versprechens. So sehr Liongo in ihn drang, sich ihm zu offenbaren, der Löwe ging nicht aus sich heraus. Er zeigte dem jungen Menschen mit Lächeln und Worten seine Dankbarkeit. Er werde nicht vergessen, wie schön Liongo die Braut gepriesen hatte, wies geheimnisvoll auf die kommende Nacht hin.

Da wagte Liongo von Kri deutlicher zu werden, tuschelte: was Kri wohl jetzt täte, wer jetzt bei der schönen Mutiyamba säße, sie streichele, welcher schlaue schmutzige Steppenhund, der in Schluchten neben Fledermäusen Wespen Schakalen schnüffele. Der Löwe grunzte gleichgültig, zog dann die Stirn zusammen, blickte seitlich auf Liongo. Der gab nicht nach, warnte vor Schelmen. Versunken der Löwe: er wüßte, was er selbst gesehen hätte. Er hielte sich nicht für klug, aber Kri sei sein Freund. Da fragte Liongo bitter, ob sich der Löwe auch töten lassen würde, wenn Kri es befehle; gebrannt hätte er ihn schon, gelähmt hätte er ihn schon. „Proben, Proben“ murmelte der Löwe. „Was will er mit dir probieren, Löwe?“ „Was mir Freude und Ehre bringt.“

„Er wird dich beseitigen. Mutiyamba will er. Für ihn habe ich nicht gesungen.“ „Ach meine Braut“ sonnte sich der Löwe „ich nehme alles auf mich für sie.“ „Morden wird er dich.“ „Gib mir Wasser. Morgen redest du anders.“ Weinend ließ ihn Liongo im Dunkel.

Mit Sehnsucht erwartete der Löwe den wilden Hund. Finsternis. Die verging. Der Löwe drehte sich um. Mit einer Fackel stand Kri da. Flüsterte an der Tür, ohne sich zu nähern: „Löwe! He! Wie geht’s, Löwe?“ „Gut, Kri. Ich erwarte dich. Komm doch herein.“ „Ich komm schon. Wo sind die Glocken?“ Der Hund taumelte, hatte lange mit dem Häuptling und den Gästen pokuliert. Lallte: „Da sind sie ja. Die lieben Glocken. Wird eine schöne Sache werden. Wird alles gehen wie geschmiert. Was meinst du, Löwe? Tun dir noch die Pfoten weh?“ „Nicht sehr.“ Kri lachte schrill: „Siehst du, wie es ging. Herrlich. Die Stange genommen, hupp, auf die Pfoten: eins hupp, zwei hupp, drei hupp!“ „Da stehn die Glocken.“ Kri kraute ihm rülpsend die Schulter: „Halt still, mein Söhnchen. Liebes strammes Söhnchen. Wir werden alles machen.“ Und er sang: „Mutiyamba, Mutiyamba. Kein Baum trägt Früchte wie du Kleider trägst. Wer dich ansieht, Mutiyamba, muß die Augen schließen, aus Sehnsucht nach dir, als säße er vor einem Topf mit heißen Dämpfen.“ „Was singst du von meiner Braut.“ „Kein Baum trägt so viel Früchte wie sie Kleider trägt. Ihre Beine sind feine feine schlanke Kupfernadeln. – Kommt herein zu mir, hupp, ihr lieben Freunde.“ Er wirtschaftete im Raum, legte Stricke hin: der Löwe sah ihm beklommen zu.

Durch die Tür trippelten Menschen, hielten sich an der Wand. „Was wollen die bei uns.“ „Das sind meine Freunde, allesamt. Sie haben mit mir geschluckt den ganzen Tag. Geschluckt gespuckt gekotzt. Ein herrlicher Nachmittag. He, war es kein herrlicher Nachmittag?“ „Und ein herrlicher Abend.“ „Und erst die Nacht. Ihr werdet staunen, was Kri kann. He, Löwe, aufgesessen.“ „Was redest du so grob mit mir.“ „Wird mir der Dickschädel vorschreiben, wie ich mit ihm zu reden habe.“ Den Atem hielt der Löwe an. Aufbrüllte er. Der Hund torkelte an die Tür, die Menschen schoben sich zusammen. „Dickschädel, ich Dickschädel?“ Kri kniff den Schwanz ein, machte sich Mut, torkelte an: „Löwe, wir verstehen uns.“ Er konnte seine Gedanken nicht zusammenhalten, knurrte wütend: „Jetzt angefangen. Man wird fertig mit Essen, mit Reden. Heran. Du willst doch, Löwe.“ Der blickte ihn lange an: „Ja.“ Der Hund böse: „Also.“

Die Gäste trugen Holzpflöcke unter den Armen, die spitz zuliefen, schlugen sie mit Beilen in den dröhnenden Boden der Hütte. Der Löwe erschauerte, seine Lippen wurden schlaff: „Was machen sie?“ Kri nachäffend: „Was machen sie? Was machen sie? Stöcke her. Glocken her. Beeile dich.“ Aus Liongos Krügen zog der Löwe die Pfoten, schleppte sich näher. Kri schnupperte an den Krügen: „Wer hat die hergebracht?“ „Liongo.“ „Ah, Liongo. Der. Der zarte. Der Schuft.“ Wieder hielt der Löwe den Atem an, brüllte grauenhaft. Der Raum war leer. Kri hielt sich an der Schwelle, zitterte vor Angst, daß er am Umsinken war. Scham und Wut hielten ihn fest. Herankriechend bettelte er süß verlogen: „Also dies sind die Pflöcke für die Pfötchen, dies die Stricke, in die du die Beine steckst. Kommt nur, der Löwe weiß, daß Ihr verschwiegen seid. Er wird solche Glocke im Bauch haben, wie ich, die Klingkling macht, wenn man geht. Ihr werdet vor ihm hinfallen. Und Mutiyamba, oh!“

Die Fackeln brannten in dem Raum. Die Leute lüstern eifrig. Der Löwe schleppte sich zwischen die Pflöcke. Senkte den ungeheuren mähnewallenden Kopf. An Mutiyamba dachte er. Dieser schlaue widrige Kri, der wilde Hund, würde machen, daß sie ihn küßte. Den hatte sie im Wagen geküßt, auf die Schnauze den. Den Kopf seitlich drehend weinte der Löwe im Finstern. Wo war Liongo? Der Löwe stand zwischen den Pflöcken. Das Ohr des Hundes zog er zu sich heran: „Tu mir nicht zu weh.“ Der Hund grinste heimtückisch, wedelte streichelte ihn.

Mit Seilen umschlangen sie die Beine des Löwen. Er legte sich auf die Seite, rollte auf den Rücken. Mit Gewalt rissen sie seine Beine auseinander nach vorn und hinten. Er knurrte, warf sich vor Angst. Die Gäste glucksten vor Freude, wie sie den weißen nackten Bauch des jungen Löwen sahen; die Angstwellen liefen über ihn. Betrunken warfen sie die Hälse zurück, torkelten um das liegende Untier. So laut war ihr Hohngelächter, daß Kassangi und Mutiyamba vor dem Haus erschienen und die Köpfe durch das Fenster steckten. Kri sprang herum, wetzte das Messer. Der Löwe, wie er das Scharren hörte, wilder vor Angst: „Und was tust du jetzt? Kri. Und was tust du jetzt? Und was jetzt?“ „Merkst du was?“ „Nein.“ „Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt?“ „Was tust du?“ Da hatte der Hund das Messer scharf. Mit einem Satz sprang er dem Löwen auf die Brust, knirschte: „Jetzt, jetzt Mut, Löwe.“

Und im Augenblick hieb er das Messer in den Leib, schlitzte stieß wühlte. Das heiße helle Blut spritzte ihm ins Gesicht, daß er spie und geblendet war. Unter ihm der Löwe wühlte sich, zerrte nach rechts, nach links. Liongo war am Kopf des Löwen: „Löwe auf! Sie töten dich! Löwe, er tötet dich.“ „Er tötet mich. Er tötet mich. Es ist wahr“ tobte es durch den Kopf des Löwen. Er schleuderte sich herum, die Pflöcke brach er ab. Das Fell riß er sich von den Füßen. Sein markerschütterndes Wehgebrüll. Kri erschlagen! Kri zerreißen! Kri mußte er erschlagen. Er toste, Seile und Pflöcke nach sich wirbelnd, in den Haufen der Gäste. Schlug erdrückte knackte riß biß. War Kri schon hin. Es war stockfinster in der Gasse. Mehr töten. Kassangi, Kassangi, den sah er fliehen. Schnapp ihm am Rücken, schnapp ihm ins Genick, stürzte ihn aus dem Leben.

Der Jubel das Weinen der Zuschauer! Jetzt weg, Löwe, aus dem Dorf, in die Steppe, weite grüne Steppe.

Sein rollendes unaufhörliches Brüllen. Er hatzte gegen die Pfahlmauer. Er kam nicht herauf. Was floß floß ihm heiß aus dem Leib, was hielt ihn zurück, was schleppte er zwischen den Beinen. Das schmerzte. Oh. Er trat darauf. Vor Schmerz, vor schwerem Weh verstummte er. Er trat auf die eigenen Därme. Noch einen furchtbaren Satz machte er. Grausiges abschnappendes Gebrüll. Auf den Pallisadenspitzen blieb er hängen. Stöhnend drehte und zerrte er da. Seine Augen rollte er; sie waren blind. Speere von unten gegen ihn. Er verblutete. Die Zuschauer weinten, als sie den jungen prächtigen Löwen oben auf den Pallisadenspitzen den sterbenden aufgerissenen Leib strecken sahen. Sie warfen Steine, als die Beerdigung der Opfer stattfand. Kassangi war tot. Den Hund schleppte man am Schwanz durch das Dorf. Eselskot hatte man in seinen Bauch getan; die rote senatorische Kappe mit den goldenen Bändern trug er vor dem Maul. Mutiyamba, die weinte. Allen Schmuck hatte sie abgelegt. Sie trat aus ihrem Haus. Ein neuer Häuptling stieß sie hinaus. Liongos Füße wollte sie hilfeflehend küssen. Er nahm sie in seine Hütte, auf sein Feld. Die Häuptlingstochter hörte nicht auf zu weinen. Er sang: „Erst hast du mich vergiftet, jetzt kann ich dich essen. Erst hast du meine Augen verbrüht, jetzt kann ich dich ansehen. Hast mich nicht schlafen lassen. Jetzt schlafe ich bei dir. Ich schwankte wie ein Boot, Mutiyamba, du hältst mich fest. Du hast keine Armspangen Brustgehänge Ohrringe. Mein Mund ist für dein Ohr, mein Mund für die Brust, mein Mund für die Arme.“

Sie spielten am Ouseriver sanfte Szenen vom Scheiden und Wiederfinden, die alte festländische Fabel von Melise von Bordeaux und ihrer Freundin Betise. Mit Schmerz und Wonne gingen die Fabeln in White Baker ein. Die Augen verhüllte sie. Sie sprach sich vor: dies ist das Leben.

Ohnmächtig der Senat bei dem Auslaufen der Stadtschaft. Die ersten Fälle von Eindringen der Siedler in die Stadt ereigneten sich, ungeklärte Brände von Fabriken. Delvil, belauert von der amerikanischen Deputation, schickte nach White Baker. Sie ließ sagen, daß das Fahrzeug nicht gebaut sei, das sie zurück trüge. Sie lockte Städter aufs Land, trieb Kampforganisationen bei allen Absonderungen zusammen. Verzweifelt höhnte Delvil im Senat: „Der weibliche Marduk!“ Man kam nicht weiter, war in der Defensive.

Aus amerikanischen Stadtschaften hatten sich nach Canada und Labrador Menschenmassen ergossen, von starken Männern und Frauen geführt. In Labrador entwickelte sich ein ländliches Reich an der Ungavabucht.

Die Menschen strömten aus den Stadtschaften Neuyork Quebec Ohio. Ein merkwürdiger Drang bestimmte alle Wanderer nach Norden; die großen Seen ließen sie hinter sich, östlich der Hudsonbai schoben sie sich vor. Ganz ohne Lärm vollzog sich die Bewegung auf dem nordamerikanischen Kontinent, nirgends sah man fanatischwilde Figuren wie Marke und Marduk. Aus dem Zentrum Europas drang Zimbo vor; die böhmischen Stadtschaften, die deutschen Nürnberg und Frankfurt schickten ihm aufgelockerte Massen zu.

Keine Bewegung machten die großen Senate. Aus London reiste während der sturzartigen Vorgänge die Kommission des Klokwan schweigend ab, nicht mehr lächelnd. In London Glasgow Newcastle, auf den festländischen Toulouse Nantes Lyon, die ruhig geblieben waren, wurden Straßenzüge leer, erfroren verdorrten in den Treibhäusern die Blumen, fielen die durchsichtigen Straßenbekleidungen; Wind Regen sauste wieder über die Plätze. Flugzeuge Wagen standen herum, als wäre ein Feind im Anmarsch. Eine Lähmung breitete sich über die westlichen Stadtschaften aus; unkenntlich, was ihre Ausbreitung beförderte. Sie wirkte in die Senate hinein. Es war eine zum Grauen auftreibende Erschütterung, als der schwarze Zimbo ohne Waffen zu gebrauchen mit rohen Schwärmen in der Hamburg-Bremer Landschaft und ruhig fortziehend am Meer erschien, Senate vertrieb, Lager und Anlagen zerstörte. Er drohte über den Kanal. Die Menschen der Seelandschaft bedeckten die Küste bis ins Holländische zum Zuidersee, wurden nach Westfalen, zum Rhein herunter gestoßen.

Der belgische Senat trat in Brüssel zusammen. Diese Stadtschaft bröckelte nicht. Man sah das Hungerverderben der über das Land Geschütteten Schwachen nichts als Willigen Sehnsüchtigen, ihr Liegenbleiben Erfrieren, das Wüten der Seuchen. Die Senatoren riefen lächelnd nach England. Betrübt zogen die Londoner sich aus dem Orkan ihres Landes, standen mit matten Gliedern in dem strahlenden Ratsgebäude der Belgier. Durch die Luft zuckten hier Fahrzeuge, buntes lärmvolles bewußtloses Wimmeln in den breiten winterlichen Straßen Brüssels. Die blassen Lippen verzog Delvil, als er aus dem überheizten Saal herunterblickte. Den Arm des breitschultrigen Belgiers Ten Keir drückte er: „Wie sieht die Welt bei Euch aus! Noch! Noch!“

„Noch lange! Noch immer!“ „So hat auch White Baker gesprochen. Es sind nicht viel Jahre her: Marduk müsse erschlagen werden, die Mark ausgeräuchert. Wo ist White Baker?“ „Ihr, Delvil! Wascht Eure Wäsche bei Euch.“

„Bin ich schlaff? Ist keine Schwäche, jetzt schlaff zu sein. Wenn ich deine Häuser und diese Menschenscharen sehe, so sehe ich sie und – sehe sie schon nicht mehr.“ Ten Keir machte sich von ihm los, betrachtete aus seinem kantigen Kopf den seufzenden Londoner, ließ ihn am Fenster. Die Belgier, zwanzig Männer und Frauen aus frisch heraufgekommenen Geschlechtern, nicht einheitlich in Rasse, nahmen auf die Engländer keine Rücksicht.

Von den durchwandernden Hamburger Flüchtlingen und Siedlern griffen sie welche auf, abgemagerte zerlumpte, stellten sie vor die Engländer. Ten Keir lachte: „Euer Ideal, liebe Gäste. Wie gefallen sie euch? Habt ihr Lust, eine Luftreise über Holland, an der Küste entlang zu machen? Ihr könnt etwas sehr Altes und Neues sehen. Kampf aller gegen alle. Das Spiel ist wieder aufgenommen: man genießt es, als sei es heute erfunden. Wozu gibt es Elend Tod Hunger? Doch nicht bloß für Erzählungen Geschichten Theateraufführungen. Heran an das Leben! Dichter, Dichter! Man lebt nur einmal und dann gründlich. Wer sich nicht zehn Zehen erfroren hat, weiß nicht, was Leben ist. Wer nicht morgens aufwacht im Wagen, – aber er liegt nicht in seinem Wagen, den Wagen hat einer über Nacht gestohlen, er liegt zwischen den Radspuren im Lehm, einen dösigen leicht angestoßenen Schädel hat, einen kleinen Schädelbruch, der versteht sich auf das Dasein nicht. Hat die Fülle der Existenz nicht durchdrungen. Steht, huhu, als Bettler vor dem Tor.“ Er wies mit beiden Händen auf die Aufgegriffenen, die blauen weiten Ärmel wehten zur Schulter zurück: „Hier haben wir Bewohner des Paradieses! Des wiedergeöffneten wiedereroberten Paradieses! Preis uns, die sie sehen! Der liebe Gott, von dem unsere Ureltern gesprochen haben, hat sich erweichen lassen. Er hat eine Ausnahme gemacht. Sie hat er wieder aufgenommen. Und nun: wie geht es euch, liebe Damen? Liebe Herren? Wie sieht der liebe Gott aus, nach so langer Zeit, befindet er sich wohl, donnert er sympathisch, hat er euch in seine Arme geschlossen? War es im ganzen großen ein schönes Wiedersehen? Gedeckter Tisch, wohlige Heizung? Was sagt ihr englischen Freunde, Delvil du, zu unsern Paradiesbewohnern? Es ist doch reizend, daß sie sich herbeigefunden haben, ein Stündchen bei uns zu verweilen. Uns zu beglücken. Sie hatten Mitleid mit uns, wollten erzählen. Aber ich errate alles, auch ohne daß sie sprechen. Diese Geheimnisse! Diese ätherische Schönheit der Gesichter, betrachtet sie, dieser perlmutterartige Glanz der Haut, an den Füßen Händen, im Gesicht. Sie haben dicken Schmutz aufgelegt, um uns nicht weh zu tun, durch ihren Anblick. Sie sind feinfühlig. Das ist Schmutz als Schminke. Ihr meint, sie tragen Lumpen? Delvil, Lumpen? Paradiesesbewohner und Lumpen! Haha! Ihr glaubt, sie sehen wie Skelette aus, wie Menschen, die seit Wochen Stoppeln von den Feldern, oder Baumborke essen und reichlich Flußwasser trinken. Und da nicken sie auch, unsere Gäste aus dem Paradies. Ach diese Feinfühligkeit! Die Übertreibung der Empfindungen! Warum seid ihr so bescheiden. Wir sind kräftige Männer und Frauen; wir vertragen schon einen Stoß. Ihr kommt aus dem Paradies. Habt unsere erbärmlichen Stadtschaften verlassen, in denen wir euch totregieren mit Essen, Trinken, mit überlebten Erbärmlichkeiten wie Essen Trinken, in denen wir euch geschunden haben mit wochenlangem Ruhen. Ihr seid ins Paradies zum leibhaftigen – nicht wegzuradierenden lieben Gott gegangen, fort aus den Nichtswürdigkeiten dieses städtischen Daseins, mit seinen bunten Lichtern Waren Flugzeugen Spielen Soßen, hundertfachen Speisen, Weinen, dem ganzen sonstigen Ekel und Folterzeug, auf dem ihr euch gewunden habt von Morgen bis Abend. Und es nahm kein Ende. Unerträgliche Pein, unerträgliche Pein. Das Paradies ging auf, die Straßen brannten ab, die Herren flogen in die Luft, explodierten Freudenfeuerwerk zum großen Einzuge. Ein bibelwürdiges Ereignis. Ihr habt es umschlungen, das Paradies! Habt alles wiedergefunden, wie es Adam stehen gelassen hat. Die ganze Einrichtung habt ihr übernommen. Man sieht euch an, wie ihr vor Rührung schluchztet bei dem Einzug. Eure Augen sind noch ganz rot. Wie habt ihr den Regen begrüßt, die Nässe, unermeßliche Nässe vom Himmel, an die Sintflut erinnernd, vom wirklich richtigen nicht gemalten Himmel. Nässe, die fiel, echt war, mehr, immer mehr. Es wurde euch wonnig klar, daß der Mensch aus dem Wasser stammt und ihr erschauertet! Ihr wolltet Tag und Nacht nicht aus dem Wasser heraus, ihr Glücklichen schwammt, plätschertet darin. An Gräsern und Halmen habt ihr gebissen. Wie hat es geschmeckt. Endlich, endlich eine Speise, unmittelbar wie aus dem Handteller aus der Erde, der alles tragenden gebärenden. Sie ist und bleibt eben die Urmutter! Sie wird es ewig bleiben! Weh dem, der es vergißt. Und dann immer mehr für euch. Krank seid ihr geworden, krank durftet ihr werden. Die Wohltat des Fiebers, die Gnade der Schmerzen, der Schlaflosigkeit kam. Diese Wonne! Kein Mensch, kein Herr, keine Fabrik hat sie euch in solcher Fülle und Ausgewachsenheit schicken können. Ihr wart selig im Gefühl: ich kann nicht schlafen, ich zittere vor Fieber, der Schmerz zerreißt meinen Kopf, mein Kinn, meine Knochen. Wie gut: niemand hilft mir, auf mich selbst bin ich gestellt, ich bin ein Mensch, im Paradies, an der Brust der Natur. Und ich selbst, Ten Keir, was hab ich Verbrecher getan? Ich laß euch aufgreifen! Verzeiht mir, liebe Freunde. Wir hatten Sehnsucht nach euch! Wir geben euch bald wieder hin an das Zauberreich. Denkt an uns Arme, die gesund und kräftig sind, zu essen, zu trinken haben, warm angezogen sind. Die dies alles erleiden müssen.“

Frau Atorai, füllig und ruhig, in rotem Samt, nickte, während man noch lachte: „Wir haben sehr Entsetzliches verbrochen.“ Der unerschöpfliche Ten Keir sprudelte: „Gott will uns strafen mit Milch und Honig. Die Strafmethoden haben sich im Lauf der Jahrhunderte geändert. Die Menschen haben sich auf Pech und Schwefel nicht gebessert, jetzt versucht es Gott so.“ Frau Atorai unverändert ernst: „Und er hat recht. Wir bessern uns schon. Aber noch nicht genug. Die Kur muß intensiver durchgeführt werden. Ich fürchte, er wird gegen uns nicht vor dem Äußersten zurückschrecken.“ „Was ist das, Atorai?“ Sie verdrehte die Augen, spitzte den Mund: „Ich möchte gerne, – ich möchte gerne – je nach Laune – Mann oder Frau sein.“ Sie tosten ein Gelächter. „Kommt!“ „Man hat schon etwas läuten hören.“ Und im Lachen immer ernst Frau Atorai, den Mund vorwurfsvoll spitzend: „Läuten! Ich möchte doch in diese Kirche gehen. Bin so sündig.“

Die gute Laune der Belgier schlug um, als später der stille Londoner Pember sprach. Es sei, gab der dicke von sich, über diese Leute nicht nur zu lächeln. Man müßte in der Tat ihre Haut, ihre Köpfe, die Leiber ansehen. Die seien nicht nur von der kurzen jämmerlichen Flucht so ruiniert. Wovon seien diese Menschen wohl so ruiniert. „Nun“ forderte ihn Ten Keir heraus. Pember schüttelte den Kopf: „Du mußt nicht so wild und sicher sein. Wir haben in London die Dinge näher betrachtet als ihr. Nicht freiwillig, sie kamen an uns heran. Ihr hättet sehen und hören sollen, was sich am Ouseriver ereignete. Trübsal, die ich nicht beschreiben kann. Fragt, ob die Menschen recht hatten betrübt zu sein.“ „Und?“ „Das ist alles. Wie können wir das Elend beenden?“ Ten Keir breitete hohnlachend, die Schultern hebend, die Arme aus: „Dazu sind wir hier versammelt, den Jammer der Leute zu diskutieren! Wir werden sie bitten, uns lyrische Gedichte vorzutragen mit Lautenbegleitung und Chor. Dazu sind wir versammelt. Und unsere Städte? Wir, was wir treiben, unsere Stadtschaften, das ist Schund! Was? Nichts! Nichts!“

Delvil und Pember schwiegen vor dem unerschütterlichen harten Belgier. Auch die amerikanische Kommission, die von London den Engländern nachgereist war, hielt vor den Belgiern still. Stachelnde Worte der Brüsseler standen sie aus, Wutausbrüche des unbeherrschten Ten Keir, der ein Pferd in einem Gespann war, in dem er nicht mitziehen wollte. Sein Groll auf die Stadtflüchtigen. Die beiden Kommissionen hieß er jeden Tag gehen, wo sie hingehörten. Die Fremden zitterten beim Gedanken an eine Begegnung mit ihm.

Man führte sie durch die Straßen Brüssels. Nach Norden die Häuserreihen Anlagen Waldungen bis an die Schelde, das alte Antwerpen ausschließend, die Schelde, die Brüssel im Westen bei der Vorstadt Oudenaarde erreichte. Nivelles und Soignies die südlichen Ausläufer der Stadtschaft. Man war nicht fern von dem Zentrum Mons. Halb widerwillig ließen sich die Fremden über das prunkende Gebiet tragen; den Belgiern weitete sich das Herz. In Sänften wurden die Fremden stundenlang durch die gewaltigen Hallen getragen, ausgesucht demütige Menschen neben sich, Bewaffnete im Zug. So fest war die Herrschaft der Belgier, daß sie sich von Schultern auf Schultern in voller Sicherheit gleiten lassen konnten. Dies Land hatte wenig Acker und Weide, Entartende Schwächliche wurden rasch beseitigt; in das Land strömten immer Fremde. In den Hallen lagen die erheiternden beglückenden Dinge. Es waren berauschende Schauhäuser. Und was auslag stand jedem der Menschen zur Verfügung, die sich den Herrschenden unterwarfen. Sie hatten außer den Gesetzen nichts anzuerkennen als die wechselnde Arbeit und die langen Pausen. Damit erhielten sich die Stadtschaften, erzeugten wie tropische Bäume ihre Früchte im Überfluß. Die senatorischen Herren und Frauen blickten, durch die Menge getragen, wenig auf die ausweichenden Menschen. Kundige gewandte junge Wesen gingen neben ihnen, traten zu ihnen, Einpeitscher und Einpeitscherinnen, Erforscher und Erfinder von Bedürfnissen, Wesen, die Aussicht hatten, selbst Herren zu werden. Die Lichtmassen Teppiche Kleider, erregende und einschläfernde Getränke, die Speisemischungen Speiseerfindungen der Mekifabriken, Badewasser mit erregender treibender einschläfernder Wirkung, Streichler Haucher für die Stirn die Backen die Brust die Arme. Forschend und kalt fuhren die Augen der herrschenden Männer und Frauen über die Dinge. Die Menschen standen gefangen davor, lösten sich von dem Anblick schwer, als wären ihre Blicke angebannt. Der stolze Ausdruck Ten Keirs, des üppigen, gegen Delvil und Pember. Der Ausdruck hieß: „Welche Pracht, welche Wonne für Menschen.“ Delvil dachte: „Was haben sie im Westen Londons geschrien, als sie die Hallen abbrannten? Hin die Kerker, Festungen der Herren. So haben Schweiger Krieger Schlangen gerufen.“

Am Abend dieser Fahrt hielten sie in einem unterirdischen Gewölbe nahe einer Aufschließungsstelle der synthetischen Fabriken. Hier wurde physikalisch und theoretisch gearbeitet. Mehrere der Senatoren hatten ihren Platz, begrüßten die arbeitenden schweigenden erschreckt auffahrenden Männer und Frauen, die von ihnen adoptiert wurden, wenn sie kenntnisreich stark und stolz genug waren. An den Wänden waren magische runde Lichtflecken, die von schwarzen Blenden umschlossen waren, Augen bunten Lichts, die man verkleinerte verstellte verschob schloß. Kristalle studierte man hier. Gesteinsstaub lag über den schwarzen Tischen. Große Tafeln mit merkwürdigen Zeichen Pfeilen Zahlen hingen von den Decken. Rasch schritt man durch, an niedrigen Türen vorbei, die in tiefere Keller führten zu ganz abgesonderten, der Oberflächenbewegung, den Wärme- und Lichtstrahlungen der Gestirne entzogenen Kammern.

An einer bezifferten Tür hielt Ten Keir. Sie fuhren auf einem Fahrstuhl abwärts. „Es braucht niemand zu wissen“ erklärte der sehr ruhig gewordene Ten Keir in dem völlig leeren Raum, an dessen Wand eine Zahl ungeöffneter flacher und hoher Kisten standen, „braucht niemand zu hören, was wir besprechen. Vielleicht äußern die englischen und amerikanischen Freunde, was sie zu sagen haben.“ Man kauerte sich hin in dem Raum, dessen Schwärze von einem Lichtbüschel durchzogen war, das wie aus einem Loch aus der Wand von einem Lichtfleck kegelförmig ausgestrahlt wurde. Als nicht gleich einer sprach, fuhr Ten Keir, neben dem Lichtfleck im Dunkeln stehend, fort: „Ich wiederhole, was ich gesagt habe: freiwillig danken wir nicht ab. Man wird uns zwingen müssen. Wie man das tun wird, will ich erwarten.“ Delvil: „Es wird dich und uns alle niemand zwingen.“ „Dann bleiben wir.“ Seufzte Delvil, ließ die Schultern sinken: „Es geht nicht. Wir kommen nicht weiter.“ „Wir kommen weiter. Seht auf uns und ihr kommt weiter.“ Bittend sah sich noch Delvil nach beiden Seiten um: „Will nicht ein anderer sprechen. Und will nicht, – verzeih mir, Ten Keir, – ein anderer Ten Keir ablösen.“ „Für mich braucht niemand zu sprechen. Meine Auffassung ist die der anderen.“ „Aber wir kommen nicht weiter.“ Schrie Ten Keir, fuchtelte: „Delvil, Euch ist nicht zu helfen. Wo stehst du eigentlich. Bist du auch ein halber Paradiesbruder? Wo ist dein Herz?“ „Mäßige dich, Ten Keir“ bat auch Frau Atorai. „Warum mäßigen? Ihr meint es ja auch. Delvil ist ein hoffnungsloser Fall. Er zerrt und zieht. Er weiß nicht, was er will. Er ist hilflos. Es ist ein Verbrechen, Delvil, in dieser Zeit hilflos zu sein. Wenn du hilflos bist, tu wie White Baker.“ Heiser Delvil: „Rate mir nicht. Laß mich aus dem Spiel.“ „Ich kann niemanden aus dem Spiel lassen, der hier ist.“ Heiser Delvil: „Ich will, daß du mich aus dem Spiel läßt.“ „Ah du grollst. Das ist ja recht. So kommst du zur Besinnung. Ich denke, so wird es den andern Paradiesbrüdern auch gehen. Dann werden sie sich wehren und dann wird sich zeigen, wer der Stärkere ist.“ „Wer der Stärkere ist. Wer der Stärkere ist. Es ist nichts damit geschafft, daß einer der Stärkere ist.“ „Weggerafft ist der andere. Und damit ist es geschafft!“ „Nein es ist nichts geschafft.“ Ten Keir trat an Delvil heran: „Was suchst du eigentlich hier. Bist du ein Spion?“ „Sei still, Ten Keir. Ich bin bewaffnet wie du. Du tust mir nichts.“ „Du bist in meinem Haus.“ Pember trennte sie mit seinem schwarzen kurzen Körper. Als wäre nichts geschehen, näselte er phlegmatisch: „Wir sind einig darüber, worin die Not besteht. Wollen wir nun unsere Stellung dazu verhandeln.“ Delvil hob die Hand: „Ich bin schon ruhig, Pember. Wir sind uns nicht darüber einig, worin die Not besteht. Wir sind uns nicht darüber einig.“ Erstaunt wich der schwere Mann zurück, blickte hin und her zwischen Delvil und dem andern. Triumphierend Ten Keir: „Laß ihn also ausreden.“ Pember: „Ja. Willst du die Schlangen und die Schweiger und wie sie heißen?“ Frau Atorai schlank und ruhig überlegen an der Wand gegenüber Delvil, öffnete die lächelnden Augen: „Er will ja die Schlangen.“ Mit plötzlich erschlaffendem Gesicht, klagend Delvil: „Das weißt du nicht. Das wißt ihr doch nicht.“ Er sank auf die Knie, hielt den gesenkten Kopf in den Händen; man hörte ihn schluchzen.

Grimmig kehrte Ten Keir zu dem Lichtfleck zurück, knurrend: „Da ist es. Er ist hin.“ Lächelnd und gleichgültig durch die Stille Frau Atorai: „Laßt ihn sich ausweinen.“

Ein Mann bewegte sich neben Ten Keir seitlich von der Lichtquelle, stellte die Iris des Strahls enger. De Barros, ein erst aufgenommener Wärmeforscher, leicht eingedrückte Nase, aufgeworfene Lippen, dunkle Hautfarbe. Er redete hart, ohne einen anzublicken: „Ich sehe, was Delvil will. Die Dinge, die er bezweifelt, bezweifle ich nicht. Die Führung durch die Stadtschaft sollte ihm zeigen, was wir verteidigen. Das ist mißglückt. Wir geben uns aber nicht auf. Und dann: Es sind Hunnen vor zwei Jahrtausenden gekommen, die alles wegrafften. Dann war Jammer und alles begann von vorn. Wir lieben das nicht. Warum nicht? Wir wollen nicht.“ „Eine einfache Rede, De Barros“, lächelte unverändert Frau Atorai. Pember bemühte sich um den hingesunkenen Delvil: „Es scheint, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen.“

Am frühen Morgen suchte Delvil Ten Keir auf, in dessen Haus schon De Barros saß. Beide Herren finster. Delvil gab Ten Keir die Hand: „Ich bin in deinem Wohnhaus und bin waffenlos.“ „Setz dich.“ Ten Keir wanderte, stellte sich vor Delvil, hob die gefalteten gepreßten Hände vor die Stirn: „Also – kapitulieren sollen wir? Kapitulieren. Weißt du, ich bin nicht weit entfernt davon, mit dir die Rolle zu tauschen.“ Und knirschte stampfte am Fenster, lachte gallig: „Gut, daß du gekommen bist. Hast du dich nach den Amerikanern erkundigt? Sie schwiegen gestern so ausdrucksvoll. Sie sind abgereist.“ Delvil zuckte: „Ach.“ „Was gibt’s zu ächzen? Kannst jauchzen. Du wolltest den neuen Völkerkreis machen. Lauf ihnen nach. Ich habe sie gleich erkannt. Sie sind reif.“ „Wozu.“ „Zum Abdanken. Zum Kapitulieren. Eure White Baker sitzt ihnen in den Knochen. Das sind keine Herren. Nicht einmal Diener. Das sind Hunde. De Barros, ich schäme mich.“ Der stand, schloß vor Erregung die Augen: „Und ich. Sie haben es nicht verdient an unserm Tisch zu sitzen. Es scheint, daß nur wenig es verdienen. Dann müssen die wenigen Mut haben, die Tafel zu säubern. Ja. Und den Platz zu behaupten.“ Ten Keir höhnte: „Eine große Zeit, ein kleines Geschlecht. Nein, wir sind kein kleines Geschlecht. De Barros, wir sind nicht klein. Jevaroz ist nicht klein, Frau Atorai ist nicht klein. Für Gras werf ich kein Jahrtausend Gedanken hin. Wir können die Zähne zusammenbeißen und kämpfen. Ich kann auch sterben.“ „Es wird eine Schlacht geben.“ „De Barros, wir sind noch fest. Man wird versuchen uns zu unterhöhlen. Wir werden es nicht so weit kommen lassen.“ Delvil saß mit aufgestütztem Kopf: „Was wollt Ihr tun?“ „Der Uralische Krieg im Land, Herr Delvil! Delvil“ er schüttelte ihn „die Augen auf. Es bleibt nichts weiter übrig.“

Öfter trieb es Delvil und Pember durch die Versuchsanstalten der Belgier. Sie sahen die Schar starker Männer und Frauen, gingen neben De Barros. In manchen Augenblicken kam es Delvil vor, als wenn er träume von einer Gefahr. Wie weit war White Baker, wie unbegreiflich, widerlich diese Schlangen, Krieger, Barbaren, Marduks, Zimbos. Ob es nicht wirklich richtig war sie niederzurennen. Aber auch hier schon das Wimmeln auf den überdachten Straßen. Die vielen Tempel und Zauberer. Von draußen schlugen Flüchtige Verirrte hinein.

Die belgischen Senate gaben die Parole aus, heimlich zuverlässige Stadtschaften zu gewinnen, sie sich anzuschließen, wo man sie finde, schwächliche Senate durch Handstreiche zu stürzen, auf dem Festland, später in Amerika; auch die afrikanischen Küsten zu besetzen. Ihre aufs stärkste bewaffneten Vertrauensleute wiegelten französische spanische italienische süddeutsche westdeutsche Stadtschaften auf. Man hörte von Revolten in einigen dieser Städte, von Umsturz der Herrschaft, dem Aufkommen neuer Senatsgeschlechter, die von den Belgiern geschützt waren. In Brüssel Antwerpen Mons setzte die Erweiterung der Mekifabriken, die Vervollkommnung der Waffen, Aufstapelung großer Waffenmengen ein. Es gab Augenblicke, wo Delvil und Pember, die immer wieder nach Brüssel zurückkehrten, unter den frischen Impulsen aufatmeten. Die Belgier sprachen dann offen mit den Londonern. Ten Keir hatte nichts weniger vor als die Besetzung Londons. Er verlangte mit Einverständnis der belgischen Senate von Delvil eine bestimmte Erklärung über die Maßnahmen, die gegen die drohende Vernichtung der britischen Stadtschaften und zur Säuberung der englischen Inseln getroffen würden.

London hatte diesen Schritt längst erwartet. Man konnte nicht verhindern, daß geübte Scharen aus Belgien und Holland überführt wurden, die am Bau neuer Fabriken und Waffenherstellung arbeiteten. Zeit verlief. Delvil war nur fest in dem Entschluß geworden, nicht zu fallen wie White Baker, die in London erschienen war und ihn ermahnt hatte, sein Amt niederzulegen, das Rad des Geschicks nicht aufzuhalten. Sie sahen sich an. Noch immer trug die sehr mager gewordene Frau weiße Stoffe und wollene schwere Schultertücher, wie jene Ratschenila; der knöcherne Krähenschnabel hing an ihrem Hals; sanft, ungewohnt zart sprach sie zu Delvil, dessen Hand sie lange hielt. Er fühlte sich durch Stunden verwirrt und unruhig nach den leise eindringlichen Reden, dem Schweigen der früher so stolzen starken White Baker, die zum Krieg gegen Marduk gerufen hatte. Unter Trauer wurde ihm klar: sie begriff nichts von den Dingen, die auf dem Spiele standen, erinnerte sich nicht mehr. Sie hätte die starken strengen belgischen Menschen und ihre Werke sehen müssen.

Schon verbreitete sich zu den Massen des englischen Landes im Westen und Norden, was vorging. Sie berührten sich mit den eingeführten Völkern. Die Angst der Siedler. Nur die kriegerischen Gruppen hörten mit Lust, was der Senat bereitete; London wurde reif, wühlte sich sein Grab. Sie sangen Lieder vom Schicksal Hamburgs Hannovers, von dem feinen mißglückten Plan mit Zimbo, der märkischer Konsul geworden war. Brandstifter schlichen zwischen die Häuserreihen. Die fremden Belgier hatten so listige rohe Menschen noch nicht gesehen. Man war in einem lautlosen von Woche zu Woche sich steigernden Krieg.

Damals trugen die friedlichen Schlangen eine Fabel mit sich herum. Es gab ein fernes Land, das unter warmem Himmel mit fruchtbaren Bäumen in tiefster Ruhe lag. Die Menschen glänzten und verblichen wie Sonnenstrahlen. In diesem Land lebte ein großes sanftes Tier. Dicht und schwarz war es von einem Pelz umhüllt. Es lagerte träge, ein Bär, in seiner Höhle. Da drangen Ungetüme mit Wut, Wagen Waffen Geräte hinter sich, in das Land. Mit Keulen und Beilen schlugen die Ungetüme auf das träge sanfte Tier. Sein Fell war so dick, daß er nicht einmal knurrte. Man stieß es und zwickte es mit feurigen Zangen: es zitterte, hob sich auf. Als man die Höhle um den Bären zum Einsturz brachte, machte er sich auf die Wanderung. Schleppte sich davon. An ein brausendes großes Wasser kam er. Da konnten die wütenden Verfolger nicht nach. Das Tier war fast blind, die scharfe Seeluft hatte es geschnuppert, warf sich aufs Wasser, schwamm. Schwamm, bis es Klippen berührte und gegen eine Insel stieß.

Und wie es in der Schlucht lag, fingen über ihm die Felsen zu wanken an. Blöcke polterten in die Schlucht. Der Bär kroch hoch, kroch herum, duckte sich, wußte nicht was war. Die fremden Ungetüme hatten die Ameisen bestochen den Sand von dem Berg zu schleppen, die Felsen zu untergraben. Ein junges Wiesel schlüpfte zwischen den Trümmern auf, lief dem Bär voraus. Der Bär hielt den zappelnden Schwanz des Tierchens zwischen den Lippen, das Wiesel kroch ans Meer, setzte sich steuernd auf den Rücken des Bären. Der schwamm, schwamm. Bäume sah das Wiesel, eine neue Insel tauchte auf. Sie gruben sich zwischen Schilf in die nasse Ufererde ein. Am Abend dampfte es um sie, die Erde fing an warm zu werden, von Stunde zu Stunde blies heißere Luft herunter. Das Wiesel zuckte, warf sich quiekend um das große schwarze Tier. Das schnappte lechzte stöhnte beengt. Die Ungetüme waren zum Himmel aufgestiegen, hatten sich mit Leitern und Haken der gewaltigen Sonne bemächtigt, sie gezwungen, die Insel zu erhitzen. Die schmolz schon dahin. In einem feurigen Brei lag der Bär. Mit trockenem Rachen, nach Luft beißend, schob er sich hoch. Sein Fell flammte. Er brach die Grube auf. Sprang und rannte. Wo war das Wasser, das Wasser. Das Wiesel lief nicht mit, der Bär hatte es nicht retten können, hatte es selbst von seinem Rücken in die Glut aufgeschleudert. Brüllend trieb er vorwärts, drehte sich, stand auf den Hinterbeinen vor Schmerz. Die Glut hetzte ihn. Der kalte Wind fuhr an. Da war der Wind. In das Meer stürzte das große Tier von einem Felsen. Winselte im Fall, wollte nicht mehr schwimmen, wollte hinuntertauchen auf den Meeresgrund, ertrinken.

Ein grüner Wassergeist sprudelte auf, wie er das Meer berührte. Bespritzte sein Fell. Die Schmerzen des Bären ließen nach. „Ich will dir zeigen“ sang der Wassergeist, „wohin du schwimmen sollst. Du kannst allein hinfinden. Du mußt weiter schwimmen, nach Norden, wo es eiskalt ist, wo kein Sand ist, wo auch nichts wächst. Wo die Sonne nicht scheint und immer Nacht ist, dahin mußt du schwimmen.“ Der Bär grunzte müde und lahm. Er lag auf dem Wasser, ließ sich treiben. Sein schwarzer dicker Pelz wuchs wieder, wie ihn die Wellen trugen Woche auf Woche. Es war finster vor seinen halbblinden Augen. Jetzt spürte er manchmal eine leichte Helligkeit. Er schwamm ihr nach. Vom weißen unermeßlichen Eis ging die Helligkeit aus. Er stieg aus dem Meer, schüttelte sich. Trottete, den Kopf abwärts, über die Eisplatte, vor eine Grotte, die eben zufror. Da kroch er hinein, legte sich. Er lag völlig ruhig. Keinen Schritt kam er über das Eis. Nur wenn er Hunger hat, bricht er ein Loch in die Grotte, fängt sich Fische auf dem Meer.

Die Siedler trugen das Märchen herum. Es mochte mit dem bewunderten Zug der Stadtflüchtigen Amerikas nach Labrador, an die kalte Hudsonbai zusammenhängen. Sie wollten fort von den Stadtschaften. Krieger griffen London an, andere Siedler suchten sie zu hindern. Die Furcht vor einer zerstörenden Entladung der Stadtschaft wuchs. Währenddessen trieb sich Delvil, bitter, ratlos, auf den Chittern-Hills herum. Die Sehnsucht, der angstgetriebene Wunsch nach einer Ferne, Fremde war allgemein. Diese Menschen ernst, sanft, viele krank und entstellt, stumme Arbeiter, fröhliche Beter. Von Marduk sprachen sie zueinander, aber nicht von dem gefährlichen Konsul; nur von seinem Ringen mit der armen hilflosen Balladeuse, von seiner Freundschaft mit dem weißen Jonathan, und der Liebe zu der süßen rettenden Elina.

Eines Mittags, wie Delvil aus dem verschneiten Bedford aufbrach, um in die Stadt zurückzukehren, lief eine weiße Katze im Sonnenschein vor seinen Füßen. Lief den Feldweg hin und her, im Blitzen des Lichts, saß leckte sich das Fell. Sie mußte sich verlaufen haben. Oft verschwand sie, dann kehrte sie zu ihm mit langen Sätzen zurück. Sie schnurrte putzte sich am Boden zu seinen Füßen. Es zuckte in ihm auf. Seine Augen weiteten sich. Ein Frost lief über ihn. Man mußte die Menschen wegführen, wo sie Ruhe hatten. Man mußte sie weit weg in Sicherheit bringen. Mit einmal dachte es so in ihm. Die weiße Katze saß auf seinem Stiefel. Er stand still, bückte sich zögernd herunter, strich über ihr Fell. Sie krümmte den Buckel hoch, blieb ruhig. Vorsichtig richtete er sich auf. Sie huschte davon. Er schleifte ihr nach. Man mußte die Menschen in eine ferne Sicherheit bringen.

In London sprach er es aus. Man verstand ihn schwer; was sollte man mit lächerlich humanitären Gedanken, während man bedroht war. Nur Pember, der schwere, achtete auf. In Brüssel hörten sie ruhiger zu. Man konnte die Städte von den Neuerern befreien. Man konnte den Städten ein Abflußbassin verschaffen. Ein sehr entlegenes Abflußbassin, ein Land für Deportationen. Delvil hatte volle Sicherheit; seine Krise hatte er in Bedford überwunden. Er zeigte den Belgiern: die Stadtschaften verlangten nach Bewegung Aufschwung. Von der Beseitigung der Unruhe, der Bedrohung zu schweigen. Sie könnten jetzt ihre Kraft zeigen. Anders als im Uralischen Krieg. Das Land, das fern von den westlichen Städten liegt und den Siedlern alle Ruhe gibt, sollten die Stadtschaften selbst schaffen. Es mußte ein Becken für neue kraftvolle Menschenrassen werden. Wohin also, zweifelten die Brüsseler. Delvil: Man könne sie nicht führen, wohin sie nicht wollten. Man müsse ihren Sinn ergründen. Es gäbe eine Fabel unter ihnen. „Der schwimmende Bär“ schmunzelten die Senatoren. Sie wollten, sie drängten nach Norden; dort müsse man ihnen ein großes Land schaffen. Die Belgier blieben im Staunen. Es war ein Experiment, das der Londoner zeigte. Delvil war in Nöten. Sein Plan war kurios, aber nicht schlecht.

Und der schlanke Mann brachte mehr Menschen in sein Netz. Er sprach erst von Rußland, das man den Siedlern geben sollte. Dann wurde er phantastischer, und nun wurde er allen, die ihm von den wegekundigen Fachleuten, den Kopf stützend, zuhörten, erregend. Er wies auf ein Land, das man an einer hochnördlichen Stelle des Stillen Ozeans westlich vom amerikanischen Kontinent aus dem Meer graben müßte. Es müsse ein neuer Erdteil geschaffen werden. Die Stadtreiche werfen dahin ihren Menschenüberfluß und ihr krankes Material ab. Die Belgier waren fasziniert: Einen Erdteil, ein ganzes Land aus dem Ozean graben; das war ein Plan. Er wirkte so stark, daß die Brüsseler, als sie die Sache verzaubert unter sich erörterten, Kontinentale aus anderen Stadtreichen herbeiriefen. Wollten die der Wirkung dieses kolossalen Einfalls aussetzen. Und auch hier Staunen Erregung Blendung.

Zu den Siedlern auf dem Kontinent, den britischen Inseln lief das unglaubliche Gerücht, von Brüssel her verbreitet. Wie die Siedler erschraken. Das war der Angriff; es war die Art, wie die Senate sich den Frieden dachten. Aber dann sah man: Sie wollten die Siedler schonen. Man würde bewahrt werden vor ihren Waffen. Man konnte ausgerottet werden; die Stadtreiche dachten an Siedlung. Die grausamen Senate suchten die Gedanken der Neuerer selbst zu denken. Es war ein Nachgeben, Erweichen der Senate.

Noch ehe Bestimmtes bekannt wurde, schliefen die Überfälle auf die Londoner Außenstädte ein. Und über die Stadtreiche legte sich ein Bann. Man wurde träge mit der Waffenherstellung, der Ausdehnung, dem Aufbau alter Fabriken. Wartete auf etwas Neues Geheimnisvolles. Man spannte sich. Ein eigentümliches Hin und Her zwischen den friedlichen Zentren den Stadtschaften und den weiteren Siedlungen, begann. Man trat fragend zueinander. Erregt horchten die nomadenhaft Wandernden. Die träumende Erzählung der Schlangen von dem Tier in der fernen Eishöhle wehte über die britischen Inseln nach dem Kontinent. Die Senate sannen. Sie fühlten, eine glückliche, ja wunderbare Lösung gefunden zu haben. Man stand an einem Wendepunkt. Das Siechtum der nachuralischen Zeit würde beendet werden.

Man war noch im ungewissen über Einzelheiten des neuen Plans. Als eines Tages bei einer Beratung zu London das Wort Grönland fiel und augenblicklich die Seelen bezwang. Der Schleier war gefallen. Das Zauberland. Wer das Wort ausgesprochen hatte, war bald vergessen. Delvil hatte es im Moment ergriffen, als erster die Fahne geschwungen. Er war vom Augenblick an, wo bei Bedford das weiße verirrte Kätzchen vor ihm sprang und ihn erlöst hatte, der entschlossenste von allen. Er sprach zu den aktionsgierigen Gruppen seines Senats: man wisse nun, dies werde das Ziel sein. Man werde es erforschen. Man werde einen langen Anlauf dahin nehmen müssen. Das Ziel sei da, für die Senate und die Feinde der Städte. Der Federball sei auf den Boden geworfen, er werde springen. Der Völkerkreis würde auf neuer Grundlage entstehen. Der Glanz einer heldenhaften Arbeit werde sie vereinen. Die Städte würden den Erdteil Grönland schaffen. Man werde sehen, was der neuerstarkte Menschengeist leisten könne. Seine ursprüngliche Glorie würde der in den Stadtschaften eingekrustete Menschengeist beweisen. Nie hätte er es dringender nötig gehabt, sie zu beweisen. Aber von dem, was jetzt geschehen würde, würden Jahrtausende sprechen. In Hader hätten alle Menschen seit dem Uralischen Krieg gelegen. Ihre Kräfte seien inzwischen, das wisse er, nicht verkümmert, nur geschwiegen hätten sie. Sie würden auf eine nie geahnte Art den Mund öffnen.

Und über die Siedler ergoß sich Frieden. Wenig mißtönende warnende höhnende Stimmen; sie wurden unterdrückt. Das Lachen der Krieger: man hätte Land genug. White Baker erschien in London bei Delvil; sie war erregt. Faßte den Mann bei den Schultern: „Was wollt Ihr tun? Das Meer ablassen, die Gletscher zertrümmern? Ich trau’ es Euch zu. Es ist entsetzlich. Wer drängt Euch dazu? Doch nicht wir! Wir sind es nicht, Delvil, sag nein.“ „Es geschieht für Euch.“

Sie rang die Arme: „Sag nein. Beim Himmel, bei der Erde, Delvil, sag nein. Es ist entsetzlich. Laß die Erde ruhen. Sieh doch an, was habt Ihr schon –, ich mit –, an den Menschen getan. Wie sehen sie aus, wie gehen sie zugrunde. Wie geht Ihr zugrunde. Was habt Ihr im Krieg in Rußland getan.“ „Es ist nicht dasselbe.“ „Dasselbe, Delvil. Es ist abscheulich, grausig, was Ihr vorhabt. Tut es nicht, rede es ihnen aus. Nicht für uns.“ Delvil finster: „Es gibt nichts anderes. White Baker, du weißt nichts. Es gibt nur: zurück zu Euch oder der neue Plan.“ „So schlag doch zu. Töte doch alle. Glaubst du, du rettest – Euch damit?“ „Uns?“ „Ja, es ist nur für Euch, was Ihr plant! Uns nennt Ihr nur. Wir wollen Euch gar nicht. Wir brauchen Euch nicht. Und es nützt Euch doch nichts.“ Delvil zog sich murmelnd mit hängendem Kopf von ihr zurück: „Ich dachte, du würdest anders zu mir sprechen.“ „Du sollst uns töten. Greif Zimbo und Alaska an. Ihr könnt es doch.“ „Still, White Baker.“ „Ihr seid erbärmlich. Ihr wollt Euch unter zehntausend Pyramiden begraben. Wären die Städte schon weg.“

Leise Delvil: „Geh. Geh.“

Unter der starken Herrschaft des schwarzen Zimbo stand das märkisch-norddeutsche Land. Nie war hier Bangigkeit gewesen. Von rohen Menschen war das große Gebiet erfüllt, längst kannte man keine Mekispeisen mehr. Mit Verwunderung und Verachtung vernahmen sie hier von den Träumen der britischen Siedler, der Sehnsucht nach dem fernen Paradies, hörten die sonderbare Fabel. Die fremden herrschsüchtigen Senate sahen sie sich straffen. Sie spitzten die Ohren, warnten die Horden auf den britischen Inseln, rieten ihnen zum Krieg. Unbemerkt von London trat Zimbo, in dem die Wut kochte, bei Bedford im Frühjahr selbst vor White Baker und Diuwa, die Führerin der Schlangen. Fragte vorher nach Männern; man wies ihn an diese Frauen. Grollend mußte er mit ihnen verhandeln. White Baker weinte bei der Besprechung, aber sie waren zu nichts bereit. Sie zeigten auf die furchtbare Stärke der Belgier, auf die bewiesene grausame Entschlossenheit und ihre eigene Hilflosigkeit. Ob man es auf einen ganz aussichtslosen Waffenkampf ankommen lassen sollte. Zimbo brüllte: „Ja ja“; die Senate würden unterliegen; sie seien schon erlegen in Amerika, da liefen sie den Stadtflüchtigen nach. Man müsse sie unterwühlen, zuletzt erliegen sie hier auch. Und immer dieselbe bettelnde Entgegnung: „Wir sind nicht stark genug, wir sind keine Krieger. Nur Schwache Kranke sind bei uns. Es braucht Jahrzehnte, bis wir uns bewegen können.“

Mit Abscheu sah Zimbo, wie er sich von den trüben Frauen trennte, daß sie recht hatten. Er überlegte, ob er einige seiner tapferen Freunde hier einsetzen sollte. Aber wie er das sanftmütige hingegebene Gebaren in den Gruppen beobachtete, zog er sich angewidert zurück. Diese Menschen mußten durch eine harte Schule gehen. Die Herrschaft eines Marke und Marduk war ihnen erst nötig. Er flog nach Hamburg. So stark war damals das märkisch-norddeutsche Land, so verändert die Bevölkerung, daß nur noch Zimbo und seine Gehilfen westliche Waffen um sich hatten. Das Volk war rüstig kriegerisch gefürchtet. Was sie nicht in Schmiede und Zimmerwerkstätten mit der Hand und dem Feuer hervorbrachten, verachteten sie. Zimbo ließ alle aufklären über die drohenden Gefahren. Keinen Schrecken sah er. Die jetzt nicht mehr brüllenden metallenen Stiersäulen wurden mit frischem Laub bekränzt. Vor der Steinnische, in der angekleidet der Leib des großen weißgesichtigen Konsul Marduk mit einem Holzszepter saß, wurden bunte Wimpel aufgezogen. Zimbo selbst legte unauffällig zwischen den einsinkenden Stadtresten von Hamburg und Hannover Waffenlager an.

Die Massen der westlichen Erdteile horchten auf. Die Fahrt nach Grönland sollte beginnen. Im Norden lag das große ruhige Land, der neue Kontinent, der für sie aus dem Eis, dem triefenden Ozean, der schweren Nacht gehoben wurde. Friedlich würden sie dorthin ziehen erstarken genesen. Die Herren, die Gewaltigen der Apparate, ließen von ihnen. Ungestört würden sie sich über die weichen aufgetauchten Bodenflächen bewegen, unter aufsprießenden Bäumen Pflanzen, zwischen Tieren, flatternden Vögeln, das Licht der alten Gestirne vom Himmel.

Die Stadtschaften trafen ihre ersten Vorkehrungen.

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