Sehr zögernd lösten sich die Schiffe von Island. Sehr langsam kreuzten sie das starke atlantische Wasser. Das dumpfe abgründige Schollern füllte noch ihre Ohren. Sie hörten es, als wenn eine Muschel auf ihren Ohren läge. Lagen auf dem Meer, das sie vor Monaten, endlos langen Monaten betreten hatten, von den Shetlandinseln her am sechzigsten Breitengrad. Das Meer, mit Steinschotter die Küsten schlagend, Ozean, breites hundertmeiliges Wasser, schwarzes wellenüberlaufenes Wesen, von dünnen Winden geschoben, überflattert von fliegenden pfeifenden Tieren. Sie hatten einmal Mukla Ron und Foul, das Mainland, die zackigen Inseln Yall, Samphyra, Uya, Umst verlassen, Vogelberge waren verschwirrt. Die Sonne sahen sie wieder, mit fremden großen forschenden Augen, Unband von Feuer, einäschernde Hölle alles Kriechenden Fliegenden Hüpfenden, das weiße wallende Flammenmeer, metallene Wolken von sich werfend, die in Schlacken zurückfielen. Zwitschernde Metalle, Gluthauch an Gluthauch, die Urwesen frei blühend, Helium Mangan Kalzium Strontium. Sie gingen hin und her zwischen Deck und Kajüten, spürten dem Aufblasen des kalten Nordostwindes nach, staunten die Wellen an. Unklar erinnerten sie sich, was hinter ihnen lag. Sie waren aus Brüssel London, südlichen Stadtreichen gekommen; man hatte sie gesammelt. Man hatte Brücken über Island geworfen. Die Städte, sie erinnerten sich der Städte. Wie sonderbar die Siedler. Ihretwegen hatte man sie hergeschickt. Das Meer floß unter ihnen. Gut, daß es da lief. Sie wollten nicht in die Städte. Wie merkwürdig alles durchhellt wurde, Senate Stadtschaften Fabriken Apparate. In der Mark hatte Marduk, der große Tyrann, gekämpft; Zimbo kam nach ihm. Die Stadtschaften hatten den Siedlern nachgeben müssen; darum schickte man sie her, nach Island, Grönland. Was für Menschen waren da hinten. Nichts hören. Weiter Meer fahren. Grönland, nach Grönland.
Das arktische Mittelmeer lagerte auf zwei Tiefenmulden. Zwischen Spitzbergen und Grönland sank die Nordmeertiefe fünftausend Meter tief ein. Eine unterseeische Bodenschwelle, die kaum dreihundert Meter unter dem Wasserspiegel verlief, der Thomsonrücken, trennte breit die Nordmeertiefe vom Atlantischen Ozean. Von Ostgrönland lief die Schwelle auf Island. Im Nordosten trennte eine Schwelle die Nordmeertiefe von der Meeressenke um die neusibirischen Inseln. Der grönländischen Ostküste fern folgend fuhren die Schiffe der Stadtschaften über das eisige Meer. Die warme tropische Golfstromdrift, die den Ozean hinter sich hatte, sandte ihr Wasser herüber auf Island, umkreiste die Insel, lief an der Südspitze Grönlands vorbei. Von Norden und Osten schwamm neben ihm, bedeckte ihn, mit Treibholz und Eis beladen, der Ostgrönlandstrom; der eisige Labradorstrom kam von Westen, vereinigte sich mit ihm. Sie fuhren über die schweigenden Untiefen.
Und plötzlich wurden sie der Turmalinschiffe, der schwimmenden Fracht unter sich gewahr. In den Bäuchen der Schiffe ruhten die Schleier, die mit der Glut der Vulkane geladen waren. Im Stoß den rasenden hauchenden Feuerflächen entrissen. Da fuhr mit ihnen das dröhnende geliebte Island. Die achtkuppige Hekla, sprudelnd die Lava von der Thorsar bis zum aufgischenden Meer. Die Schiffe des Myvatngeschwaders fuhren mit ihnen. Sie hatten die Gruppe der Turmalinschiffe nach den Vulkanen benannt, denen ihre Kraft entstammte. Das war die Klasse der Leirhukrschiffe. Der breitschultrige Herdubreid, der schreckliche Dyngja. Die Katla, am Südhang des Vatnagletschers der gigantische Öräfa. Es war, wie die Menschen es bedachten, ein Widerwillen in ihnen nach Grönland zu fahren, diese Schleier, dies Leben und Blut wegzugeben, über das Land zu breiten nach dem Befehl der Stadtschaften. Herdubreid Katla Hekla Myvatn fuhren mit ihnen; sie waren ihrer Obhut übergeben. Kein Führer erriet, daß eine Anzahl der Menschen, die mit ihnen über dem Meer, dem südwärts treibenden Ostgrönlandstrom hingen, im Kopf hatten, die Turmalinschiffe mit ihrer Liebe zu decken. Sie wollten die Frachthallen sprengen. Geschützt von den Menschentransportern fuhren die Turmalinklassen, in langem Zug. Leichte Fahrzeuge bahnten ihnen den Weg durch das Packeis. Vorsichtig zwischen Eisbergen führten sie sie hindurch. Aus allen Schiffen umschwärmten die Turmalingebäude immer Boote; immer waren sie ihnen nahe wie die Hand einer Pflegerin. Da kam, nachdem sie ziellos eine Woche gekreuzt hatten, unerwartet der Befehl, alle Maschinen anzusetzen und sich nach einem Plan um Grönland zu verteilen, vom Melvilleland jenseits des achtzigsten Breitengrades bis zum Kap Farwel unter der sechzigsten Breite. Sie sollten die Dänemarkstraße im Osten durchziehen, im Westen die Baffinbai bis zum Ellesmereland. Es kam auch der Befehl, nur wenige Schutzschiffe für die Turmalinschiffe zu stellen, niemand sollte sich zu dicht den großen Frachtern nähern. Die an die Versenkung der Frachter gedacht hatten, fühlten sich im Augenblick ertappt. Sie erfuhren bald, was die Führer zu der Warnung bewogen hatte.
Ruhig schwammen die Hallen mit der Last der Vulkangluten über dem Wasser. Die Schiffe begannen eine merkwürdige Gesellschaft zu bekommen. Bald hinter Island bemerkten die Menschen der Begleit- und Wachtschiffe die große Zahl von Fischen, die sich um die Flotte sammelte. Sie schoben es auf die besonderen Fahrrinnen, die sie gerade nahmen. Schon nach zwei drei Tagen erkannten sie, daß die Fische hinter den Turmalinfrachtern her waren. Der braune Tang löste sich nicht von dem Schiffskörper. Wellen schlugen ihn nicht ab. Wenn Eisschollen eben einen Teil des Bugs glatt gescheuert hatten, so hingen fast im Augenblick, wie magnetisch gezogen, fast wie aus dem Schiffe sprießend, neue Tangbüschel an seinem schweren Rumpf. Die Turmalinfrachter zogen den Tang wie Barthaare hinter sich. Bei langsamer Fahrt waren die Schiffsleiber von den braunen grünlichen nassen Büscheln ungeheuer umwallt. Die Schrauben schmetterten und schlugen sich ihre Drehflächen frei; aber in den langen Schraubentunnel wucherten die Pflanzen ein, tauchten in den dunklen engen Kanal am Boden der gewaltigen Fahrzeuge, umwanden die schweren glatten rollenden Metallbalken. Die Männer mußten herunter in die eisigen Räume, mit Haken und Messern die bunten Büschel abziehen, die im Begriff waren, das Schiff zu ersticken. Sie brachten zum Erstaunen der Besatzungen den schweren Pflanzenfilz herauf. Es waren nicht die gallertigen Gebilde der zierlichen Algen, die auf den Wellen unter ihnen schaukelten, wiesenartig dicht beieinander, das Meer olivgrün färbend. Sondern armdick quellende Sträucher, vielfach verästelt, mit zollangen scharfgezähnten Blättern; apfelgroße Beeren trieben sie, die ihnen als Schwimmblasen dienten; wie Köpfe erhoben sie sie. Reinigungskommandos traten auf allen Frachtern in Tätigkeit. Mit Besen mußten sie die Algenbüschel von den Treppen herunterstoßen; mit Stöcken schlugen sie sie vom Gestänge ab. Um die Turmalinfrachter, als wären sie durch Signale, durch einen Ton, einen Geruch bezeichnet, schwammen Wale. In wellenförmigem Auf- und Absteigen begleiteten sie die großen Frachter, drängten sich blind durch die Wachschiffe. Man sah sie mit offenem Rachen schwimmen, von den rasch stoßenden Schwanzflossen getrieben. Sensenförmig gebogene lange schmale Zähne standen zu Hunderten honiggelb auf den großen Kiefern; das Wasser quoll zwischen den Zähnen in den Schlund; wurde in Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf den schwarzen Scheitel gespritzt. Das Gewimmel der glänzenden dunklen Rücken, die hohen Wasserstrahlen. Die scheuen Tiere fuhren wie verbissen hinter den Transportern her. Als die Begleitschiffe Boote gegen sie aussetzten mit Harpunen, die sie sich zur Unterhaltung anfertigten, wichen die Tiere aus. Wie man ihnen aber den Weg hinter den Frachtern verstellte, gingen sie schwanzschlagend mit Zorn auf die Boote los. Die Lichtanlagen und der Verständigungsdienst von den Frachtern wurde in diesen Tagen schwächer. Die Ingenieure erkannten, daß die Vulkanschiffe die Störung in sich selbst tragen mußten. Keine Hitze strömten die Berge der Steinschleier aus. Man beging die Hallen, durch deren ganze Weite die Schleier ausgespannt waren. Die ölige Isolierung war nirgends durchbrochen. Es waren andere Substanzen, unbekannte, die ausgeströmt wurden. Düster brannten nachts die Vulkanschiffe, hinter einem Nebel fuhren sie; die Lampen zuckten erloschen zu manchen Stunden. Da gaben die Führer, in Unruhe geratend, die Weisung, das ziellose Kreuzen zu beenden, alles bereit zu halten, den Angriff auf Grönland vorzunehmen.
Die Vulkanschiffe aber, schwer sich durch die Eiswüste wälzend, waren von einem Zauber berührt. Sie fuhren, als wollten sie im Eis versinken. Eine Nacht langsamer Fahrt genügte, um die Schiffe wie mit Tauen an das Meer zu fesseln. Der schwimmende abgerissene sterbende Tang wuchs auf, trieb neue Stiele und Blätter. Die Kanten der Eisschollen waren mit den Algenvölkern überzogen, die sich an die Schiffsleiber mit langen Stengeln, palmblattartigen Organen hefteten und die Schiffe mit dem Eis verklammerten. Mit Brennen und Sprengen wurden die Frachter freigemacht. Die Menschen auf den Schiffen selbst und in ihrer Nähe wurden eigentümlich mitgenommen. Nur für wenige Tage konnten Menschen zu den Turmalinfrachtern abkommandiert werden. Nach kaum einem Tag gingen sie in einer Müdigkeit herum, die zwangsartig war und die sie vergeblich durch Bewegungen Waschen von sich entfernten. Wie Opiumraucher setzten sie sich hierhin, dorthin, taten mühselig ihre Arbeit. Es wurde ihnen schwer das Gesicht zu bewegen. Mit diesem maskenartigen Ausdruck brach der Zustand aus. Dabei war ihr Inneres süß bewegt; sie blickten oft zwischen den Leitern Türen hindurch die Wände Decken, den Himmel an, sahen Landschaften, in denen sich Bäume überpurzelten, die Wolken sich lang auszogen, warm heruntertropften, ihnen auf die Brust, die Lippen; sie leckten, schluckten. Ein heftiges bald unbezwingbares Liebesempfinden durchlief sie. Die Männer zitterten im Frost der Erregung, die Frauen schüttelten sich, gingen zuckend langsam. Jedes Glied an ihnen war mit Wollust geladen, jede Bewegung brachte sie dem ausbrechenden Taumel näher. Sie umschlangen sich, und wenn sie ihre Leiber vermischt hatten und voneinander ließen, waren sie ungesättigt. Sie küßten und umarmten Seile, rieben und schlugen Arme und Beine, den Rumpf an Treppenstufen. Über Bord ragten die mächtigen Algenstiele; die zogen sie her, zu denen fühlten sie Verlangen. Das wonnige Wimmern, das ratlose Seufzen, angstvolle Stöhnen der Nichtzuberuhigenden. Dann lachten sie wieder, ließen sich und die Dinge los, taten dämmernd eine Arbeit. Aber der Speichel lief ihnen aus dem Mund, es drehte so weich hinter ihren Stirnen; sie warfen die Köpfe in den Nacken. Man mußte beim Fortgang der Eisfahrt schon am Ende des zweiten Tages die Menschen von Bord reißen. Alle entbehrlichen Kräfte wurden von den Vulkanschiffen genommen. Die Flotten stürmten durch den Ozean ihren Bestimmungsorten zu.
Jetzt sah man schon nachts mit bloßen Augen, was in den Riesengebäuden der Vulkanfrachter lag. Wenn die Sonne versank, Lichter auf den andern Schiffen aufflammten, fuhren die Hekla Leirhukr Dyngja Katla Myvatn, als wären sie, auf denen keine Lampe brannte, in ein dünnes Licht gehüllt. Man konnte die Schiffe im schwarzen Wasser im ganzen Umfang bis zum Kiel herab erkennen; Schrauben Masten Seile, die andrängenden Pflanzenmassen zitterten ein feines weißes Licht. Von Stunde zu Stunde wuchs die Intensität des Hauches. Im Finstern sah man, daß das Wasser viele Meter um die Schiffe leuchtete. Weiter und weiter entfernten sich die Menschentransporte und Begleitschiffe von den schwimmenden Speichern; nur für Stunden wagten sich kleine Mannschaften herüber. Ein Schrecken hatte alle befallen. Sie lagen zerknirscht auf den Schiffen herum. Was sollten sie tun? Was sollte man tun mit den schrecklichen Vulkanhallen, die man hinter sich herzog, die wie Ungeheuer über sie herwuchsen. Keiner dachte mehr an Sprengung. Die Führer wurden angefleht, die Turmalinhallen in das hohe Eis hinaufzuführen und dann zu fliehen. Aber was würde geschehen mit den Schleiern. Die Speicher konnten lostauen, ins Meer nach Süden getrieben werden, ihre Isolierung konnte zerbrechen; sie konnten als furchtbare Flammen- und Strahlenwesen gegen die Kontinente vorgehen. Man mußte sich ihrer entledigen, aber man konnte nicht fliehen. Nach Grönland. Und die Führer und Besatzungen zitterten, was geschehen würde, wie es verlaufen würde. Man fuhr. Metallisch blitzten im Wasser die Scharen der Fische auf. Die Lachse blaugrau mit dunklen wedelnden Flossen. Der Schwarm der scheuen Makrelenhechte gefolgt von Thunen und aufspringenden jagenden Boniten. Es war, als wenn sich die Pflanzenwiesen vom Meeresboden hochhoben losrissen, an die Schiffskörper hingen. Mit ihrem lebenden Gewichte beschwerten sie die riesigen Turmalinfrachter. Die schienen nichts davon zu fühlen. Ihr Bug hob sich von Stunde zu Stunde höher aus dem spritzenden Ozeanwasser. In den Nächten liefen sie wie glühende Wesen über dem Wasser. Das Mittschiff folgte, das Achterschiff. Die Schiffe schienen sich bereit zu machen über den Ozean zu fliegen. In nicht ausdenkbarer Weise, ein Graus der begleitenden Menschenflotte, überragten die Vulkanklassen die anderen Schiffe. Mit Bug und Steven, entblößter Außenhaut, liefen sie ohne zu schwanken auf der Meeresoberfläche wie auf Schienen. Bald mußte der Kiel die Wasserlinie erreicht haben, die Schiffsschrauben leer in die Luft schlagen. Und wie sie bergig hoch über den andern in den Geschwadern rollten, begannen ihre Rümpfe zu torkeln. Wild und brünstig hoben sich die Schiffe an. Toben und Klatschen war um sie; die Maschinen in ihren Leibern arbeiteten; eine todesmutige alle Angst verbeißende Besatzung, stündlich wechselnd, hielt sie in Gang. Die seilartigen Stiele der Pflanzen, die sich über die Planken und Masten legten, rissen die fahrenden Schiffe entzwei. Die Eismassen, die sich an ihre Leiber schmiegten, sich mit ihnen verlöteten, schüttelten sie von sich. Kilometerweit um die Frachter stießen Vögel auf sie zu; sie fielen über die Gebäude her, setzten sich auf die kriechenden Algen, auf Stengeln Blättern an der Außenverschalung krabbelten sie pfeifend zwitschernd schreiend herum. Tausende von Eistauchern, hell schreiend, flatterten auf Drähten Tauen, durch die Luken Deckfenster, bedeckten mit ihren zuckenden befiederten Leibern die Außenbordstreppen, unbehilflich springend, hielten sich dicht über dem Kiel am Schiffsrumpf angeklammert. Andrängende aufschnellende Fische jagten sie hoch, der starke Strahl der Wale wirbelte sie betäubend in die Luft. Über das Eis von Grönland kamen Vögel herübergeweht.
Es waren keine Schiffe mehr. Es waren Berge Wiesen. Und die Schiffe klangen. Sie klangen mit demselben hohen Ton, den die Schleier von sich gegeben hatten, als die Fluggeschwader sie von den Feuerseen Islands abzogen. Durch das Flügelschlagen Krächzen Zwitschern drang unheimlich der helle gleichmäßige Ton, der leise sanft aufsurrte, wie der Dampf aus den Düsen einer Turbine.
Das Land, das die Seefahrer zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Längengrad suchten, war nicht zu sehen. Eine starke Eisbarriere hatte es um sich gelegt. Aus der Richtung, in der es lag, schwoll scharfe Kälte und immer neues weißes Eis. Das helle glasige Eis schob sich über die ozeanische Fläche in Blöcken Schollen Bergen. Je mehr sich die Geschwader auf der östlichen und westlichen Seite dem grönländischen Erdteil näherten, um so höhere Berge hatten sie zu umwandeln. Von Küsten, die man nicht sah, segelten die weißen und bläulichen Massen an. Eisschollen flogen vor dem Nordsturm her, mit Höckern und Zacken, drehten sich, knirschten und krachten gegeneinandergeschoben, eine auf die andere getürmt, kippten überlastet um, schwappten im offenen Wasser auf und ab. Burgen und Zinnen näherten sich, übereinander gerammte hohe Stockwerke der Schollen. Durch die Nächte schimmerten sie. Das Wasser, aus dem sie entstanden waren, spülte an ihnen hoch, troff von ihnen herunter. Es fiel im Schwall über sie, nagte Spalten in sie hinein. Sie zogen durch die dämmrigen Nächte wie Fabelwesen, armlange Zapfen hingen an ihren Balkons, gläsern klirrten sie; mit einem Schlag fielen die zerbrechlichen Galerien auf die treibenden Schollen.
Die Seefahrer suchten Grönland. Sie waren, wie sie hinter den sprengenden und rammenden Hilfsschiffen fuhren, schon im Bereich des Landes; das waren die Vorboten der Gletscher. Wie ein reicher alter Baum wachsend Jahr um Jahr seine Früchte trägt, die Äpfel, die immer neu aus diesem Boden steigen, von demselben Stamm, demselben Wesen gebildet und geboren werden, so lag Grönland jenseits in der Dämmerung, Millionen Meter breit, trächtig, auf dem schwarzen Meer; Eis wuchs auf ihm, das Land schüttelte sich nicht. Schweigend, aus der Überfülle glitten die Massen ins Meer.
Im Osten hinter der breiten Eisbarre trat die Küste, wildes Alpenland hervor. Dunkle Wasserspiegel der Fjords, schwarze Berggipfel. Von allen Bergstufen stiegen Gletscher in die Tiefe der Felsgassen. Über die Gebirgskämme schoben sich Eispyramiden. Die Talfurchen von den weißen Trümmern gefüllt. In Gaal Hanikas Bai am vierundsiebzigsten Breitengrad fuhr ein Geschwader ein, in panischer Furcht vor den Turmalinfrachtern, die sie eskortierten. Sie hatten nur das rasende Gefühl, vor diesen Schiffen fliehen zu müssen. Sich der Turmaline um jeden Preis entledigen. Insel Clavering lag in der Bai, gebirgig vergletschert wie das Land. In den Felsboden der Küste brannten diese Menschen, ihrer Sinne nicht mächtig, hohe leichte Stangen und Pfeiler ein. Auf Klippen des flachen Wassers nahe der Küste setzten sie Hilfsträger. Über Pfeiler Stangen Träger warfen sie die Kristallschleier ihrer Schiffe, verbrannten augenblicklich die Frachter, die sie entleert hatten. Sie waren wie Menschen, die Blut an den Fingern nach einem Mord haben und sich keinen Rat wissen, als sich rasch die Finger abzuhacken. Unter die Schleier breiteten sie fiebernd die Platten zur Aufnahme der elektrischen Spannung; zweigten, sich überstürzend, Drähte von dem großen Kabel ab, das die Expedition hinter sich zog. In einer Nacht fuhr der Strom aus dem Kabel über die Platten. Die Isolierung der Schleier schmolz. Weißrote Grelle. Erderschütterndes Donnern. Die Insel warf weiße Wolken hoch, Dampf rot von unten angeglüht; er schoß wild in unablässigem Sprudeln auf. Die Anlage zerstört, Pfeiler und Hilfsträger geschmolzen. Der Schleier quer wirr auf dem Gletscher, fraß sich in ihn ein. Der hielt nicht still, riß Spalten auf, der Schleier senkte sich in die Schluchten. Der Gletscher stürzte über den Schleier; das Eis verdampfte. Dann aber wogten zwei Berghäupter gegen den Schleier an, der von den angeglühten niedergehenden Gletscherblöcken eingerissen war. Und wie sie über den lohenden surrenden Kristallen, in das Wolkengebrodel klafterten und sich breit schleudernd über das Gewebe senkten, wie ein Ringkämpfer über die Brust des niedergeworfenen Gegners, zersprangen verbrausten die Kristalle. Die Bergmassen rutschend begannen sich zu bewegen, als wäre etwas Lebendiges unter ihnen. Sie drückten die knisternden Schleiertrümmer herunter, rollten überschoben sich fielen zusammen. Krachend öffneten sie sich über dem begrabenen erloschenen Gewebe; wie aus einem Schlot gischten Dämpfe aus ihnen. Stundenlang gischten die weißen und schwarzen Schmelzdünste über der Insel in hohen auf- und abschwellenden Strahlen. Die besinnungslose nahe Mannschaft des Geschwaders war mit ihren Schiffen über die Bai geworfen, auf die Klippen, zwischen die Schollen gestaucht.
Um die Zeit des Vorgehens dieser Schiffe schien eine Panik sich bei allen Flotten auszubreiten. Man drängte trotz des schweren Ausgangs der Affäre in Gaal Hanikas Bai auf zahlreichen Schiffen zu ähnlichen gewaltsamen Akten. Rückwärtsbewegung einzelner Flottenteile, zersprengtes Vordringen auf das Festland wurde gemeldet. Steinern blieben De Barros Kylin Wollaston; sie erschienen unter den Besatzungen, die nach einem Halt suchten. Beschwörend bezaubernd gingen Frauen mit ihnen über die Flotte; griffen die Verwirrten an: „Denkt an den Myvatn, an den Herdubreid. Denkt, was ihr schon verrichtet und bewältigt habt, was hinter euch liegt. Wir geben nicht nach. Niemand von uns wird nachgeben. Wir erliegen nicht. Ihr vergeßt nicht, wer ihr seid.“ Die keuchenden Menschen schluckten bissen die Zähne zusammen. Eine entsetzliche Zeit verlief bis zur Ankunft der Ölwolkenschiffe.
An dem europäischen Sammelplatz der Geschwader, den Shetlandinseln und Färöer, wurde der Gedanke gefaßt, der die Fortführung der Expedition und die Ausbreitung der Turmalinschleier erst ermöglichte. Hier arbeiteten auf den technischen Schiffen, in ihren Laboratorien, Männer, die den Gedanken der märkischen Angela Castel nachgingen, der Erfinderin der kriegerischen Rauchbläser. Sie hatte zuerst im großen die trägen Wolken hergestellt, die sie zur Einhüllung und Fesselung von Heeresmassen brauchte. Diese schwarzen schweren und violetten Rauchmassen der Castel waren ohne Zähigkeit; sie zerflossen nach einiger Zeit; Tragkraft besaßen sie nicht; die Castel hatte sich sehr bemüht, aber vergeblich, die Massen so kompakt zu machen, daß sie die eingehüllten und gefangenen Heeresteile zugleich erstickten. In diesen Wochen nun, während die westlichen Physiker Biologen Chemiker schon schlaff herumgingen unter den schweren Ereignissen auf Island, unter den gefährlichen Nachrichten von der Flotte, wurde die Sache des trägen Rauches durch den Londoner Holyhead, der bald verscholl, weit vorwärts getrieben. Er kam durch besondere Antriebe dazu, das eigentümliche Gemisch zu finden, das luftähnlich gasartig sich in der Luft bewegte, sehr zäh zusammenhing wie eine Gallerte, und mit eigener spezifischer Spannung den Raum erfüllte, in einer bestimmten Lufthöhe verblieb, ein Zwischending von Gas und Flüssigkeit.
Ein Syrier Bou Jeloud war auf die erregende Nachricht von dem Plan dieser Expedition mit Leuten seiner Sippe in den Bereich der nördlichen Stadtschaften geflogen. Er kam aus der Steppe südlich von Damaskus. Die Wüsten Il Horra, Il Ledscha und Diret il Filul hatten ihn getragen. Über die flachen Kegel, schwarzen Blöcke der trockenen heißen Landschaft war er mit den Anaze, seinem Stamme, dessen Reste sich erhoben hatten, im Sommer wie ein Vogel geschossen. Im Winter ritten sie durch die Steppe nach Arabien, die Ortschaften zu brandschatzen. Er war nur einmal an ein Wasser gekommen, an das Tote Meer. Nur Pferde und Kamele hatte er bestiegen. Die braungelben Männer, sehnig, mit spärlichen schwarzen Bärten, fuhren mit Entzücken über das sturmbestrichene Meer nach dem Sammelort, den nördlichen Shetlands. Sie zeigten sich die Wellen am Bug ihres Schiffes, die Streifen an den Seiten, die Gischt am Ruder. Es war die Wüste, eine andere Wüste. Nicht satt zu sehen an diesem Rieseln Überschaukeln Sichdurchkreuzen Schwingen. Dünen, die der Wind schnob und ebnete. Sie verstanden sie gut, die Wellen. Dann tauchten Quallen im Wasser auf, braunschwarze vielarmige Kopffüßler, Fischschwärme zickzackten. Sie hatten keinen Wunsch, dies zu ändern. Auf den Schiffdecks stehen gefiel ihnen, und die Sucht unten zu sein, auf dem Wasser selbst, das der Wind strich.
Gäbe es ein Pferd, ein Kamel, das darauf reiten könnte, über das Wasser weg. Und die braungelben Männer, wie sie sich im weißen Burnus über das Eisengeländer legten, kniffen die Augen, lächelten: „Die schwarzen Steppen von Diret il Filul. Ah, die Luft ist hier kalt. Ei, es wäre schön, schön, über das Wasser zu reiten in einer langen Linie.“ Sie summten unter sich.
Holyhead, ein stiller Londoner Ingenieur, lächelte Bou Jeloud an: „Ich mache dir Eis. Dann kannst du über dem Wasser reiten, soweit du willst.“ „Weißt du, was ich will?“ „Ich blase dir Sand unter die Füße. Ich streue Sand auf das gefrorene Wasser. Ihr könnt, wenn ihr wollt, zu Fuß oder reitend nach Grönland.“
„Du machst mir Mondlandschaften vor. Hah! Was seid ihr für Krämer. Will ich Theater! Ich glaube schon, daß ihr alles könnt. Aber mir liegt nichts an dem, was ihr könnt. Nicht soviel.“
Holyhead lächelte ernst und freundlich, als die Gelbbraunen feierlich davongegangen waren. In seinem Innern aber schwieg etwas. Er hatte den Wunsch, dem schlanken Bou Jeloud wohlzutun. Welche kindlichen schönen Wesen sie waren. Er wollte ihnen gewähren schenken, was er konnte. Sie sollten ihn wieder anlächeln. Holyhead, der plumpe schwarzbärtige melancholisch über sich hängende Mann, war schon gelähmt wie viele auf den Schiffen, die sich ansammelten. Das Schweigen der Senate über den Verlauf der Expedition täuschte ihn nicht. Die furchtbaren Vorgänge auf Island, das menschenverschlingende geheimnisvolle Geschehen erschütterte, schwächte ihn, machte ihn müde. Was war noch das Leben. Er fuhr auf sein Arbeitsschiff. Bou Jeloud sollte lächeln.
Er traf eines Morgens die Beduinen in ihrer gewohnten Haltung, neugierig freundlich zärtlich an dem Geländer ihres Schiffes liegen. Das Wasser flutete unten, Wind floß um sie. Eisschollen von Norden angetrieben. Bou Jeloud schob die Hände unter seinen Gürtel: „Nicht auf dem Schiff sein. Wir warten noch eine Woche, vielleicht zwei, bis unsere Flotte zusammen ist. Das soll ich ertragen. Und dann die Seefahrt.“ Der ältere breite El Irak: „Wir werden Geduld haben.“ „Wozu, El Irak? Niemand zwingt uns Geduld zu haben.“ „Was meinst du?“ „Es ist nicht meine Sache. El Irak, ich bin ein Gefangener. Ich steh am Gitter und blicke herunter. Ich mag ein Schiff nicht.“ „Nun, Jeloud.“ „Ich bleibe nicht lange hier.“ Sie flüsterten finster zusammen. Plötzlich war der auflachende El Irak verschwunden. Und wie sich der weiße Holyhead dem jungen Jeloud näherte, starrte der schlanke Mann im Burnus gespannt auf das Wasser, schrie, warf die Arme hoch: „Seht! Da! Da Irak! El Irak! El Irak!“ Das Geländer umsäumt von gurrenden schwatzenden Menschen. Unten ein leeres Boot. Auf einer Eisscholle gebückt der breite Irak, Wasser schöpfend; er spritzte es hoch um sich. Er spazierte lachend am Rand, der Scholle entlang. Glücklich kreischend winkten sie ihm von oben, traten mit den Füßen. Die Scholle fuhr, umfuhr eine Klippe. Rasch entfernte sie sich seitwärts. Sie streckten die Hälse. Da wurde wieder Irak auf der Scholle sichtbar; er war gestürzt, kletterte hoch. Mit dem abgerissenen Burnus winkte er nach dem Schiff herüber angstvoll. Die Beduinen schrien. Auf dem Hinterdeck machte sich ein Flieger los. Da hatte sich auf dem freien Wasser der Scholle Iraks eine möwenbesetzte zweite Scholle genähert, eine kantige bergartige. Iraks überflutete Eisplatte krachte gegen den trägen weißen Berg, schob sich splitternd an ihm hoch; die Möwen schossen pfeifend auf. Unter den gläsernen Trümmern El Irak verschwunden. Flieger Boote im Wasser. Schollenlager und Eisbröckel segelten feierlich im Meer. Die Möwen senkten sich, liefen die Randlinien des Blocks ab.
Holyhead verbarg sich die nächsten Tage vor den Syriern, die stundenlang auf einem umzäunten Deckteil Gebete verrichteten. Eine Frau mit vollen braunen Armen stand bei dem finsteren Jeloud. „Dir ist nicht wohl bei uns, Djedaida. Du möchtest lieber in Il Horra sein.“ „Ach, Jeloud, ich möchte lieber in Il Horra sein.“ „Ich auch, Djedaida. Wir sind eine Handvoll Esel. Die Stadtschaften wollen einen neuen Erdteil machen. Was geht es mich an.“ Djedaida warf die üppigen Lippen auf: „Der Wind ist schön. Das Wasser könnte so schön sein. Es ist nicht sehr kalt.“ Die Fäuste ballte Jeloud: „Ich geh vom Schiff. Wir wollen von den Schiffen. Ich laß mich nicht verhöhnen und versuchen wie El Irak. Ich fahre nach Hause. Spring ins Wasser. Ich hasse das Schiff. Vielleicht wollen sie uns verführen, daß wir ins Wasser springen. Ich lieg nicht wie ein angebundenes Pferd. Es ist genug, Djedaida.“ Sie machte trübe Augen. Das Meer klatschte rollte schwer, züngelte über Riffe.
„Ich will ihn zum Lächeln bringen“, dachte der schwarzbärtige Holyhead. Djedaida von Damaskus, in ihrem gelben Kleid, das feine gelbe Gesicht blickte ihn verächtlich an; sie zog den Schleier über den Mund. „Auch sie ist lieblich, diese Djedaida. Sie trauern. Oh, wenn sie nicht weggehen. Wieviel schöner ist es, ihnen wohlzutun, als an Grönland zu denken.“
Der weiße Ingenieur berührte den Arm Bou Jelouds, der sich ihm zudrehte. „Ich habe dich seit dem Unglück El Iraks nicht gesehen, Jeloud. Gehst du mir aus dem Wege?“ „Dir? Wer bist du?“ „Es macht dir keine Freude, sagtest du, wenn ich dir Sand unter die Füße blase, auf dem gefrorenen Wasser. Daran liegt dir nicht, sagtest du.“ Bou Jeloud legte den Arm um den Hals Djedaidas: „Sieh diesen Mann an, Djedaida. Er wird Grönland enteisen. Mit mir will er spaßen.“ Die Frau den Blick zu Boden: „Komm. Wir gehen von Deck.“ Auch der Weiße blickte zu Boden: „Ich konnte El Irak nicht retten, Jeloud. Aber ich möchte dich fragen, ob du Geduld haben willst. Willst du Geduld haben, Jeloud, und du, Djedaida?“ Der gelbbraune Syrier, die Augen gelangweilt schließend: „Was will der gelehrte Mann aus London?“ Holyhead hob den Blick; er freute sich über den Schmerz Jelouds: „Komm auf mein Arbeitsschiff, Bou Jeloud. Ich will dir etwas zeigen.“ Djedaida hielt zuckend Jelouds Arm: „Geh nicht.“ „Ich komme nicht, Holyhead. Du willst mich verführen, ins Wasser zu springen, wie Irak.“ „Ich bin euch wohlgesinnt, dir und deiner Frau Djedaida. Mir liegt nicht viel an Grönland. Die Sache der großen Stadtschaften, wem ist sie noch etwas. Komm, und wenn du willst, du auch, Djedaida. Wir wollen etwas tun, damit ihr eure Sehnsucht nach der Wüste El Horra verliert. Das Meer ist auch schön. Ihr werdet froher sein.“ „Ich will dir etwas sagen, Holyhead, weißer schlauer Ingenieur. Du glaubst, ich bin ein brauner Tölpel und mit zehn Worten zu verwirren. Ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte mich nicht.“ Djedaida ließ seinen Arm los. „Ja, ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte dich nicht. Ich fürchte mich nicht vor ihm, Djedaida. Er hält mich für den und jenen. Ich komme mit, Holyhead.“ Djedaida war zurückgetreten. Sie hielt den Kopf gesenkt, den Arm über der Brust gekreuzt. Flüsterte: „Versprich mir, Holyhead, daß ihm nichts geschieht.“ Der schwarzbärtige Ingenieur: „Komm doch mit, Djedaida.“ „Versprich mir, daß ihm nichts geschieht.“
Mit dem beglückten im Innersten erzitternden Weißen ging Bou Jeloud. Seine Stammesgenossen sahen ihn ganze Tage nicht. Er warf sich eines Abends vor Djedaida, grub seinen Kopf in ihren Schoß. Drückte seinen Mund gegen ihre Brust, rieb sein Gesicht an ihren kalten Wangen, stöhnte. Es ging ihm gut. „Süße Heimat. Liebe Wüste. Lieber Felsen. Lieber Sand. Wir kommen, Djedaida, auf die Wellen, die Wellen, denk dir, die Wellen. Es wird geschehen.“ Sie sah zu ihm herunter: „Was hat er aus ihm gemacht.“ Aber Bou Jeloud zog sie in seine Kammer, umarmte sie, bis sie schmolz. Er schlief stundenlang in der Kammer bei ihr, fest wie nie seit sie auf dem Schiffe waren.
Sie ließ ihn, wie er schlief, liegen, huschte zu Holyhead: „Was ist mit Jeloud?“ „Sag du, Djedaida.“ „Er stöhnt. Er ist wild. Er liegt in seiner Kammer.“ „Er war froh. Er klagt mich nicht an.“ „Du hast mir versprochen, es soll nichts mit ihm geschehen. Ich – freue mich nicht über ihn.“ Sie ging in die Kammer zurück, wo er noch schlief, legte sich zögernd neben ihn. Als sie seine Atmung belauscht hatte, drückte sie sich an ihn. „Djedaida“, flüsterte er träumend in der Finsternis, „ich werde über das Wasser reiten. Das Wasser treten wir mit den Hufen. Wir können es. Das Wasser. Wir werden nach Grönland reiten.“ Sie wand sich.
Bou Jeloud lag nur noch im Schiff des Ingenieurs. Einmal schlich die Frau herüber, ihn zu beobachten. Da stand dünner Rauch vor einer Tür. Der Rauch war zerflossen wie ein Spinngewebe, aber er verschob Djedaidas Schleier über dem Scheitel. Sie faßte hinein. Er war wie Gummi, widerstrebend, ließ sich hochdrängen, stellte sich nachgiebig wieder her. Der schwarzbärtige weiße Holyhead trat im Arbeitsmantel vor die Tür, sah, die Lippen verziehend, der Frau zu. Er faßte, die Frau anblickend, mit zwei Bewegungen hinauf, zog den Rauch, als wäre es ein sanfter tierischer Körper, zu sich herunter an die Brust, wo er ihn wie eine Katze drückte und verwahrte. Kleine Fetzen hatten sich bei dem raschen Zugriff gelöst, die zog seine linke hohle Hand sanft nach, schob sie gegen seine Brust. „Komm, Djedaida. Jeloud ist hier. Wir freuen uns, dich zu sehen. Wir verbergen dir nichts.“ Sie blieb unsicher vor der Tür, die er offen hielt, blickte in die Luft, an Holyheads Brust: „Was war das? Der Rauch. Was war das?“ „Komm, Djedaida, wir bitten dich zu uns. Bleibe nicht vor der Tür.“ „Was ist der Rauch? Was machst du damit? Du hast ihn an der Brust.“ Der Weiße lächelte: „Ja, siehst du. Das ist der Rauch, und das ist kein Rauch. Wir haben es gemacht. Jeloud und ich. Es ist schön, nicht wahr? Aber komm herein zu uns.“ Die gelbbraune, schmalschultrige Frau stand da, bekam den Blick nicht frei von seiner Brust, die Stirne hochgezogen. Tonlos stieß sie hervor: „Ich danke. Ich will gehen. Ich kam ja nur für einen Augenblick.“ Und als Jelouds Stimme aus dem brodelnden Raum sang, drehte sie sich rasch um, rannte die Treppe hinauf, neben einem Rauchballen, vor dem sie schreiend abwich. Zwei Seeleute machten Jagd auf diesen Ballen. Sie haschten ihn. Er schwebte plötzlich unbeweglich über einer Stufe. Die lachenden Männer suchten ihn zu zertreten, höher zu pressen. Mit den Schultern drängten, schoben sie an ihm. Djedaida, stehengeblieben in einem unbezwinglichen Drang, angstbeklommen, einer Verwirrung nahe, sah ihnen von oben zu, beide Hände an dem verschleierten Hals, sah, wie sie spaßend mit einem Brecheisen auf den Rauchballen schlugen, das Eisen von unten in die weiche Masse stießen, die Stange gegen die Treppenstufe stemmten. Wie ein Pendel bewegte sich das Eisen ohne Stütze mit den Schwankungen des Schiffes. Vor Lachen schütteten sich die Männer aus, auf die Knie gebückt, winkten der Frau herunter. Sie hastete über das Deck.
Jeloud, der junge stolze Beduine, ihr Mann, fragte nicht nach ihr, sah sie wenig. Glühend prahlend stand er unter den anderen Beduinen. Wild freudig, mit schweifenden Augen wie ein Betrunkener lief er manchmal der Frau nach, suchte sie zu fangen, die sich ganz verschleiert hatte. Sie rang von ihm ab, bat hinterhältig leise: er möchte sich doch nicht seinem Werk entziehen, er möchte sich doch nicht unwürdigen Zerstreuungen hingeben. Jeloud klatschte in die Hände: „Habt ihr gehört? Mein Werk hat Djedaida gesagt. Ja, es ist mein Werk und Holyheads auch. Du bist süß, meine Frau Djedaida. Bald werden alle alle sehen, was wir geleistet haben.“ „Wer sind ‚wir‘?“ „Holyhead, mein Freund Holyhead und ich. O, er kann viel. Wir werden etwas Wunderwunderbares schaffen.“ Sie hauchte: „Ja, ich bin stolz auf dich.“ Ihre Zähne knirschten. „Wir werden über das Meer reiten, Djedaida. Das wird geschehen. Was meinst du. Ich füttere schon mein Pferd unten im Schiff mit doppelter, dreifacher Ration. Es soll sich mit mir freuen auf die große Stunde. Da, sieh das Wasser an.“ „Ich sah es schon, Jeloud.“ „Nimm den Schleier herunter. Du kannst durch den Schleier nicht sehen.“ „Ich kann durch den Schleier sehen.“ „Nein, nicht genug. Gib doch, gib doch. Siehst du, da ist er. Nun wirst du sehen. Sieh da, Djedaida, meine süße Frau, mein Honig, mein Labsal, dies sind die Wellen. Das sind sie. Die grauen und grünen und weißen. Sie sind noch schöner als unser Sand in Il Horra. Da werde ich eines Tages heruntersteigen, mein Pferd mit mir. Denk dir, das wird geschehen. Wie El Irak werde ich heruntersteigen, aber nicht stürzen. Ich nicht. Bei Allah, ich nicht. Auf meinen Braunen werde ich springen, auf meinem Sattel werde ich sitzen, wie damals, Djedaida, als ich dich holte. – Aber warum weinst du?“ „Ich weine? Gib mir meinen Schleier wieder.“
„Du meinst, ich stürze, Djedaida? Ich stürze, es geht mir wie El Irak! Oha! Keine Furcht, du Süße. Ich werde nicht stürzen. Wie schön du bist. Weine doch nicht. Wir erproben alles gut, Holyhead und ich.“ „Gib mir meinen Schleier!“ sie schrie, „gib mir meinen Schleier. Du bist mein Mann. Du kannst mir meinen Schleier nicht verweigern.“ „Was ist, Djedaida?“ „Meinen Schleier. Ich bitte dich.“ „Da. Da ist er. Da hast du ihn. Ich wollte dir das Meer zeigen. Nun habe ich dich gekränkt? Was habe ich getan? Jetzt seh ich dein Gesicht nicht. Jetzt muß ich träumen, wie lieblich du bist.“ Sie ließ ihm ihre Hand. Ihre Schultern zitterten heftig. Er aber warf, als sie ging, selig die Arme hoch: „Sie trauert! Sie hat Furcht um mich! Und ich werde es doch können!“
Ein neuer Menschentransport nach Grönland war abgegangen. Holyheads Versuchsschiffe blieben zurück. An dem Sammelplatz wurde bekannt, daß Holyhead, dem Engländer, etwas Besonderes Unerhörtes geglückt sei, ein Syrier sei sein Gehilfe gewesen. Eines Nachmittags ordneten sich Boote vor Holyheads Arbeitsschiff von allen Fahrzeugen. Die Luken von Holyheads Sitz wurden mittschiffs geöffnet, dicht über der Wasserlinie weite schornsteinartige Röhren aus den Luken geschoben. Aus ihren trichterartigen Mündern quollen in breiten vollen Lagen weiße Dampfmassen, die sich, wie sie die Trichter verließen, senkten, auseinandergingen, über dem Wasser sich ausbreiteten, die Wasseroberfläche überzogen. Flach und dicht legte sich der Dampf auf das Wasser, an das Wasser. Mit den Schlägen des Meeres hob er sich. Nach den Seiten quoll und flatterte die schwebende Watte, der Nebel in Fetzen auseinander; die Boote in der Nähe schob der Dunst unwiderstehlich beiseite. Sie schlugen mit Rudern gegen ihn; als wenn sie auf starken Kautschuk oder Kork schlügen, prallten die Hölzer von dem weißen andrängenden Hauch ab.
Eine schräge Holzbahn wurde auf das Wasser geworfen. Ein Pferd heruntergejagt, stand angstvoll wiehernd, im Kreis um sich springend, auf der nicht weichenden, sich dellenden Nebellage. Ein gelbbrauner Mann im Burnus mit bunten Bändern am Gürtel stolzierte winkend die Holzbahn herunter. Streichelte das scheue Tier, das sich hinwarf, zog es auf, bestieg es, ritt einen Kreis auf der Nebellage. Jubelndes Pfeifen, Sirenenschreie von den Schiffen.
Glücklich hielt am Abend der ernste Holyhead die Hand des Syriers. Jeloud umarmte ihn. Es war fast mehr, als der Weiße ertrug. Sie feierten die Nacht durch. Jeloud wollte am Morgen von Schiffen begleitet seinen Plan ausführen: über das Meer reiten; wenn es ging, wenn es ging bis an das arktische Wasser.
Am Morgen dieses Tages verließ Djedaida, die sich eingeschlossen hatte, ihre Kammer. Suchte Holyhead, der noch von der Nacht schlief. Sie wartete geduldig auf dem Deck seines Schiffes. Um Mittag sah sie ihn, zog ihn, im Gang beiseite: „Wie lange denkst du noch zu leben, Holyhead? Schwarzbärtiger Teufel, was hast du noch vor? Du hast keine Furcht vor mir.“
„Djedaida, ich kann nicht hinter deinen Schleier sehen, ob du ernst bist.“ „Ich mache solchen Spaß mit dir, wie du mit mir gemacht hast.“ „Djedaida.“ „Der Name ist nicht für dich bestimmt. Der ist nicht für dich.“ Wortlos betrachtete Holyhead die Zitternde. Heiser, sich an die Brust fassend: „Komm auf meine Kammer. Steh nicht hier.“ Sie schlich hinter ihm, schloß die Tür, warf tief atmend den Schleier über die Schulter ab, an der Wand stehend. Er kauerte auf einem Schemel: „Was habe ich getan? Habe ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese Freude bereitete?“
„Du bist ein Teufel, dem ich keine Antwort schuldig bin. Man sollte dich zurückjagen in deine Stadtschaft. Aber jetzt hast du dich verfangen. Jetzt ist es vorbei.“ Holyhead betrachtete sie, betrachtete seine Hände, seufzte: „Oh bin ich traurig.“ „Sprich nichts. Deine verfluchte sanfte Stimme. Du Heuchler. Hinterlistiger Bösewicht. Verführer, Menschenverderber, wie die Weißen alle.“ „Frau des Jeloud, wenn ich dich bitten könnte, mir zu verzeihen.“ „Höhne, höhne nur, Holyhead. Ich ertrag es. Bereuen wirst du, bereuen, bei Allah.“
Er hob den bärtigen Kopf, seine Hände fielen neben die Knie: „Was soll geschehen?“ Sie glühte aus dem Winkel: „Ich betrachte dich noch. Hab Geduld.“ Durch die Kammer lief sie, der Schleier fiel hinter ihr. Sie suchte mit den Händen auf dem Tisch; in dem Wandschrank: „Was hast du hier? Du hast doch eine Waffe. Womit du mich vergiften oder verwirren oder verführen oder erschlagen willst. Zeig. Wo hast du sie?“ Sie lief auf ihn zu, zerrte ihn hoch: „Du hast sie auf der Brust. Mach auf. Nimm das Leder weg. Da.“ Sie griff die revolverartige Waffe, drehte sie. Er hielt die Augen geschlossen. Sie wartete. Er öffnete sie nicht. Sie schüttelte sich verächtlich: „Was hattest du gegen mich vor?“ Die Waffe fiel vor seine Füße. Da sank Holyhead noch tiefer zusammen, öffnete seine ganz fernen nicht sehenden Augen, die in die äußeren Außenwinkel auseinanderwichen, bückte sich nach der Waffe: „Ich werde mich auslöschen.“ Ihre Hände krampften sich: „Tu’s. Du verdienst es.“ Er stand, hauchte, das Metall in der Hand: „Ich verdiene es. Wer weiß etwas davon? Im Leben vom Tode umschlungen. Ich weiß nicht, ob ich den Tod verdiene. Nun habe ich auch mit dir eine Berührung gehabt.“ Sie irrte durch seinen Raum: „Was hat er hier? Was hat er hier? Maschinen zum Verführen, zum Verzaubern. Zeig sie mir. Mach mir die Schränke auf, ich will alles sehen. So. Das hat Jeloud gesehen. Muß ich jetzt ins Wasser springen? Das hast du alles gemacht. Laß dich ansehen.“ Sie stierte ihn an, suchte in das fremde Gesicht einzudringen: „Allah. Ein Weißer mit einem langen Bart. Ich muß zu Jeloud.“ Sie ächzte, lehnte matt an einem Schrank, wimmerte: „Ich bin verloren. Was soll ich tun?“ Und winselte eine Zeitlang, bis sie plötzlich innehielt, ihr Gesicht leer wurde; gedankenlos lächelte sie: „Was tu ich. Es ist ja schon gut.“ Und wiederholte: „Es ist schon gut. Gut. Ja, es ist schon gut.“ Unter einem öden Gefühl, einer aufsteigenden Finsterheit, einer Furcht, – was für einer Furcht –, bewegte sie den heißen Kopf. Holyhead stand an der Tür. „Ich will dir sagen, Holyhead, was jetzt geschehen wird. Du hast ihn verführt. Warum hast du das getan? Warum hast du ihn von unserem Schiff geholt?“ „Er sollte mich anlächeln.“ „Und ich?“ „Was?“ „Ich war seine Frau.“ „Ich habe dir nichts genommen. Bin ich ein Weib?“
„Gut!“ schrie sie, „das hast du gut gesagt. Hast du ihn gesehen? Hast du Jeloud nicht gesehen? Ein stolzer Beduine, ein Anaze, ha! Glühend, tanzend; auf Wolken reitend! Hast du gesehen, bist du selbst verzaubert? Das war mein Mann. Ich bin auch kein Weib. Gut hast du gesprochen. Ich hasse, hasse ihn. Morgen wird er mit seinem Pferd unten reiten. Er füttert es selbst. Wenn es ihm vorher krepiert. Wenn das Brett bricht, auf dem sie herunterlaufen. Wenn deine Nebel nichts taugen und er verschlungen wird mit dem Pferd und weg ist.“
Sie hielt sich den Schleier vor das Gesicht. Holyhead atmete heftig, stützte sich am Tisch: „Ich will gehen. Oh ich mag nicht mehr. Ich will gehen, Djedaida.“
Sie schluchzte krümmte sich über dem Boden, zerriß sich die Haare: „Ich kann nicht leben.“ „Oh. Ich gehe schon.“ Sie hielt ihn an den Händen, zog sich an ihm hoch, winselte stöhnte: „Warte einen Augenblick, sanfter Tiger. Ich sehe dich noch an, sanfter Tiger. Lauf mir nicht weg. Du hast mich arm gemacht. Du bist mir von ihm zurückgeblieben. Bereu, was du getan hast.“ „Ich kann nicht bereuen. Ich kann jetzt nicht lügen. Er war mir ein Glück. Eine süße Freude.“ „Siehst du. Das sagst du mir noch. Wirst du tun, was ich will?“ „Ja, Djedaida.“ „Alles?“
„Alles.“ „Willst du den Jeloud umbringen?“ „Du bist irrsinnig.“ „Den Jeloud umbringen.“ „Nein.“ „Tu es“, sie keuchte, „ja tu es.“ „Ich tu es nicht.“
„Für mich, Holyhead, bring ihn um. Ich bitte dich drum. Du kannst alles. Du hast die Wolken gemacht. Bring ihn um, mach ihn weg. Für mich.“ „Ich tue es nicht.“ Erst brach ihr Schluchzen hemmungslos auf. „Für mich. Für mich.“ Dann griff sie ihm an den Bart. Haßstarre Züge, leere nicht sehende Augen. Sie preßte seine Hände: „Du mußt, – du mußt mit, mit mir. Es bleibt nichts übrig. Dann mußt du mit mir. Dann laß ich dich nicht los. Dann kommst du mit. Was – sagst du?“ „Du verlangst, ich soll mit dir.“ „Ja du kommst mit. Wir fahren heute. Oder morgen. In meine Heimat. Du wirst Jeloud nicht mehr sehen.“
Und am Abend verabschiedete sich Holyhead von seinen Ingenieuren Technikern Physikern. Die Shetlandinseln bekämen ihm nicht gut. Er ginge sich erholen. Nicht mehr brachte er hervor. Verfallen, wie vergiftet sah er aus; vielleicht hatte er zuviel mit den neuen Stoffen gearbeitet. Als am Vormittag Bou Jeloud, der Syrier, von Booten und Schiffen begleitet, den ersten Ritt über dem Meere antrat, – nach allen Stadtschaften der Kontinente wurden die stolzen erschütternden Bilder geleitet, – flogen Djedaida und Holyhead schon über die deutsche Tiefebene. Nach Süden und Osten flogen sie. Die Menschenansammlungen und Riesenstädte wurden seltener. Das blaue warme Meer kam, kleine Inseln. Die Küsten eines neuen Landes tauchten auf, gelbe Berge, weite leere Sandflächen. Bei Damaskus bestiegen sie Pferde. Während der ganzen Fahrt hatte der Weiße nicht das Gesicht Djedaidas gesehen. Als ein Trupp schwärmender Beduinen sie auf der steinigen Hochebene anhielt, Djedaida sich nannte, wurde der Weiße von ihr getrennt, zwischen die Männer genommen. Anaze mit Djedaidas Sippe lagerten bei Ed Daba.
Die Frau bestellte ein Gericht, erklärte vor dem Scheich: „Bou Jeloud, meinen Mann, wollt ihr sehen. Ich hab’ ihn nicht. Er hat sich mit Wolken beschäftigt, auf denen er reiten will. Er hält nicht mehr zu uns. Ist kein Anaze.“ „Wo ist er jetzt?“ „Ich hoffe, er ist tot. Er wollte nach Island reiten, wo die Städte die Erde zerreißen. Ich hoffe, er ertrinkt mit seinem Pferd oder er verbrennt.“ „Du haßt ihn sehr.“ „Ich war seine Frau. Er hat mich verraten.“ Der Richter blickte Holyhead an: „Berühr den Sand mit der Stirn, bevor du sprichst. Wer ist der Mann?“ „Der Jeloud verführt hat. Ein Wesen –“ sie brach in leidenschaftliches Weinen aus – „ich wünschte, das Meer hätte ihn verschlungen, bevor wir ihm begegneten. Wir hatten nichts als die Reise vor, Jeloud war neugierig, ich konnte ihn nicht zähmen. Der Mann hat sich Jelouds bemächtigt und sich alles Schlechten in Jeloud bedient. Bis er nicht mehr mein Mann war, sondern sein Diener, dieses Affen Diener, dieses Affen, der Spiegel für sein häßliches ziegenbärtiges Gesicht. Du Hund, sag belle, warum ich dich hergebracht habe. Bring es heraus, wenn du es fertig kriegst. Da steht der Richter.“
Holyhead, die Hände auf den Rücken gebunden, zwischen zwei Lanzenträgern, betrachtete aus leeren braunen Augen die Frau. Sprach nichts. Sie warf sich auf den Boden: „Gib ihn mir. Ich will mich rächen. Muß ich mich nicht schämen, an diesen habe ich Jeloud verloren. Seinetwegen hat er mich verlassen. Gebt ihn mir.“ Der Richter flüsterte lange mit den Männern: „Djedaida. Es tut uns leid, daß du ohne Bou Jeloud zurückgekehrt bist und uns nicht berichten kannst, wie lächerlich sich die Städter benehmen. Und wie die große Expedition nach Grönland, von der sie solch Aufhebens machen, verläuft. Deine Brüder sagen, es würde dich trösten, wenn du diesen Mann umbringst. Wir wollen ihn gar nicht ausfragen. Es lohnt nicht zu hören, was ein Ungläubiger sagt. Nimm ihn. Was du willst, tu mit ihm.“
Darauf stellten die Brüder der Djedaida zwei Mann, die ritten und Trommeln an ihren Sätteln hatten. Auf einen Klepper hoben und banden sie Holyhead. Mit ihm ritten sie durch die Wüste und Hochebene, nach Südosten in der Richtung auf Beni-Sochr, trommelten durch die Ansiedlung und Lagerplätze.
Djedaida in Witwentracht ritt neben ihnen. Der gebundene Weiße stöhnte. Einen Mundschleier trug er, fast nie öffnete er die Augen. Verlangte nichts zu trinken und zu essen. Schräg nach vorn abgesunken saß er, die Beine mußte man ihm unten zusammenbinden, das Pferd schaukelte ihn hin und her, kippte ihn fast um. Man flößte ihm abends Wasser und breiige Datteln ein. Er schlief nicht. Kniete halbe Nächte, verfluchte sich, Holyhead, sein Schicksal, die Städte, in denen er gelebt hatte, seine Eltern, seinen Leib und seine Seele. Der schwarze Bart wuchs ihm lang, die Backen fielen ihm ein. Wenn er sich zerrissen hatte, strömten ihm Tränen über das Gesicht. Bei Tag rüttelte ihn Djedaida wach, betrachtete ihn. Er sah nicht, daß sie manchmal von ihm weglief, sich versteckte, Gesicht und Brust schlug, sich in die Finger biß und nicht zum Weinen kam. Wenn er sich wie einen Klotz rütteln ließ und torkelnd dastand, zischte sie: „So will ich dich nicht. Was ist mit dir? Bist du ein Mann? Ha, du. Wir reiten weiter. Sieh mich an.“ Aber er sah sie nicht an. Man trieb ihn auf den Klepper. Die Frau ritt neben dem zerlumpten hängenden Weißen. Kinder auf den Lagerplätzen warfen Sand und Hölzer nach ihm. Der Haß der Beduinenfrauen war groß, sie ohrfeigten ihn, hetzten ihn aufzuhängen, bespritzten ihn mit Pferdejauche. Wie sein Schatten Djedaida neben ihm. Bewachte jede Bewegung, die an ihm geschah. Mißtrauisch, die Lider senkend, drohend still.
Die Männer von Beni-Sochr, als sie das hängende stumme Menschengerüst auf dem Klepper sahen, wollten ein Ende machen, die unersättlich rachsüchtige Frau von ihm unter einem Vorwand entfernen und ihn beseitigen. Djedaida fiel das Flüstern und Abseitsstehen auf. Sie hockte mit einem Hund in der Nacht vor dem Zelt, in dem der Weiße lag. Da wagten sich die Männer nicht an sie heran, wurden erbittert. Sie hielten sie durch falsche Wegangaben einige Tage in ihrer Nähe. Durch einen Trommler erfuhr die Frau, man hatte sich verabredet, den Weißen bei Tal Reinah zu erschießen. „Erschießen. Von weitem erschießen. Das glaub ich. Die Räuber.“ Wie es finster war, weckte sie die Trommler, sie sollten die Pferde rüsten. Sie tastete sich im Dunkeln zu Holyheads Lager, schüttelte ihn. Er stammelte: „Wer schüttelt mich. Ich bin ja wach.“ „Holyhead. Ich bins, – Djedaida. Steh auf. Wir müssen weg.“ „Was ist?“ „Auf. Wir müssen weg. Sie wollen dir ans Leben.“ „Wer bist du?“ „Djedaida. Oh Allah. So hör doch. Mach dich auf. Wir sind in einem Räubernest.“ „Sie wollen mich töten? Sie wollen mich töten?“ „Die Minute, die Minute, komm rasch Holyhead, wir können nicht warten. Wer weiß, was dir geschieht.“ „Sie wollen mich töten? Oh guter Ort! Oh liebreicher Ort. Meine Segensstunde. Meine selige Nacht.“ Er kniete in dem Sand. Sie packte seine Hand, griff an seine Schulter, faßte über seinen Mund! „Ich will nicht. Oh Allah. Erheb dich. Schrei nur nicht, Holyhead. Nur nicht. Nur nicht. Du wirst nicht schreien. Sie horchen. Du bist im Fieber, du weißt nicht, was ist und was du sprichst. Du wolltest nie essen; jetzt bist du so schwach. Sie wollen dich erschießen, es sind Anaze, aber Räuber, von fernher erschießen. Ich weiß nicht warum und wann. Vielleicht weil du ein Weißer bist. Sie sind schlecht. Mach dich auf.“ „Ich will nicht! Ich will nicht. Ich werde nicht.“ „Komm.“ „Ich will nicht.“ „Warum willst du nicht? Allah, Allah, was soll ich tun?“ Sie lag auf dem Boden im Finstern, warf Sand über sich. Er tastete mit den gefesselten Händen nach ihr, die Haare hingen ihr verklebt vor dem Gesicht. Er stammelte, seine Stimme gebrochen, er lallte fast: „Das Spiel ist aus. Soll ich jetzt lachen? Jetzt läßt du mich los. Jetzt ist es zu Ende. Sie werden mich erschießen. Und ich soll dir helfen, daß alles weiter geht. Du bist süß, bist süß, Djedaida. Jetzt mußt du mich loslassen. Sie werden mich erschießen. Du kannst es nicht verhindern. Da fühl mich an. Ich bin es noch: Holyhead aus London, das ist er, Ingenieur Physiker, der die Ölwolken gemacht hat. Bald liegt er, war nichts, wie seine glänzenden Städte. Aber ich freue mich doch. Ich kann befehlen. Wenn ich schreie: Eins zwei drei, – bin – ich erschossen.“ Er tastete nach der Zeltwand, stellte sich ganz auf die Beine: „Und du – bist gesättigt, meine Djedaida?“
Sie ließ sich von ihm hochziehen, murmelte zitterte: „Schreckliches hat Allah über mich verhängt. Ich kann nicht von dir lassen. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Du mußt leben. Ich muß dich bei mir behalten. Schreckliches hat Allah mit mir vor.“ Er schwankte stöhnte: „Was ist das, mein Gott. Ich sagte, es ist aus. Du willst mich nicht loslassen.“ Und er zog an der Zeltdecke, riß den Mund auf, mit gräßlich überschlagender Stimme gröhlte er: „Ich – will – nicht.“
Da war die Raserei durch die Frau gezuckt, aus dem Herzen in ihre Arme und Beine gestürzt. Ächzend schnellte sie sich hoch, gegen den schaukelnden Rumpf des Mannes, rang stieß riß ihn um, zappelte winselnd an ihm: „Schrei nicht. Du kommst mit mir. Ich kann dich nicht lassen. Und wenn ich dich ersticke.“ Sie stopfte ihren Schleier in seinen Mund, während sie ihn preßte: sie weinte streichelte küßte: „Allah, hilf mir. Verzeih mir, was ich tue. Allah, hilf. Komm mit, komm mit, sag ja. Du bist ja meine Seele. Du bist es. Schlag mich nicht. Ich will dich nicht töten. Allah, hilf.“
Den Trommler holte sie, auf ein Pferd trugen sie den gebundenen Mann. Die Pferdehufe umwickelte sie. Durch die Nacht wehten sie davon.
Zwei Tage irrten sie auf der Steinebene herum. Bis sie den El Habis hinter sich hatten, die Häuser von Damaskus auftauchten.
Und so verängstigt war die Frau, in Furcht vor den Anaze, die ihr den Mann rauben konnten, daß sie noch lange in dem mächtigen Stadtreich herumzog, das Quartier wechselte, bis sie der Trommler zu dem Freund ihres Bruders führte.
Einen Halbtoten hatte sie von Beni-Sochr nach Damaskus gebracht. Er lag verwirrt auf dem Zimmer, das sie ihm bereitete. Amulette von ihr aus blauen Perlen, Zauberfische Zauberschwerter um den Hals. Sie durfte sich ihm nicht nähern, der Trommler pflegte ihn. Sein Gebrüll, wenn sie eintrat: „Da kommt sie, da kommt sie.“
Als er stehen, klar blicken konnte, wandte er eines Morgens das geisternde Gesicht auf sie, wie sie an der Türspalte erschien: „Djedaida! Djedaida! Komm herein. Bin ich gefangen? Hältst du mich gefangen?“ Sie, eintretend, sich verneigend, murmelte, hell erblassend: „Du kannst gehen, wohin du willst.“ „Ich kann. Ist das wahr?“ Und schleppte sich, mit Stöcken stampfend, an ihr vorbei, die Stufen herunter, ohne ein Wort. Wild weinend knirschend winselnd lag sie zertreten auf der Schwelle.
Wie er nach Tagen anklopfte, hatte sie den breiten Kragen ihres dunklen Mantels über den Kopf geschlagen, begrüßte ihn demütig. Stumm nahm er es an, saß am Fenster. Er war versteinert. Sie zaghaft bettelnd hängte sich an ihn, trieb ihn zum Leben zurück. Riß an ihm. Eine Wonne, fast von Art eines Schreckens, dämmerte in ihm auf. Wie sie den schwarzbärtigen braungebrannten Mann in seinem Stuhl betrachtete, zitterte durch sie – sie mußte den Kopf senken – das Bild des Lagers der Anaze und wie er auf den Klepper gebunden war, bei den Tieren lag, wie er geschrien hatte, sterben wollte in der Nacht. Und das durch sie. Was war sie? Sie konnte den qualvoll süßen Gedanken nicht abweisen. Und Bou Jeloud selber kam herauf, der schöne stolze Anaze, den dieser Mann geliebt hatte. Kam er nicht über das Meer, war er das nicht? Wie schwoll es über ihr Herz. Jeloud, der junge kindliche, über dem Wasser. Er ritt zu ihr, er kam: sie war bei ihm, sie waren verbunden, Jeloud und sie, ritten in eins, umschlungen verschmolzen nach Damaskus, wo etwas Dunkles, gewalttätig Wonniges saß, sie erwartete, das Ungetüm von Freude, das sie verschlang.
An den Hüften des langbärtigen Weißen hing sie: „Lieb mich, Holyhead. Wie du Jeloud geliebt hast. So lieb mich auch. Ich will dir geben, was er dir gegeben hat. Ich will dir sein, was er dir gewesen ist. Lieb mich, wie du ihn geliebt hast. Geradeso. Umarme mich!“
Und während er sie umfaßte, stöhnte sie selig: „Gut. Gut. Das erleiden wir von dir. Wie gut du lieben kannst. Wie süß du uns bestrafst.“
Mit Beben nahm der Mann aus den großen westlichen Stadtschaften ihre Zärtlichkeiten an, vertiefte sich in ihr Gesicht, tastete ihre schmale Gestalt ab: „Zwei Arme, zwei Brüste, zwei Schenkel. Wessen Arme, wessen Brüste? Eines Menschen. Zwei Arme, ein Hals, nichts als dies. Und das ist Sättigung bei den Menschen.“
Und dann ging sie auf den Straßen herum, seine Sklavin. Eine spitze vergoldete Kappe hatte er ihr geschenkt, über die sie einen weißen Schal zog. Eine farbige Jacke trug sie über dem weißen Musselinhemd. Die Messingwalze zwischen sanften dunklen Augen. Sie blickte auf ihre feinen Sandalen, kniete neben die Nachbarn hin, zeigte lächelnd ihre blitzenden Zahnreihen, atmete tief: „Ach Bahdudah, ich bleibe hier, ich wandere nicht mehr. Schenk mir noch ein Pferdehaar, daß mir nichts geschieht. Ach, Bahdudah, es ist nichts Süßeres, als einem Mann dienen zu können.“
Grönland, das Massiv aus Gneis und Granit, schob sich, ein Keil, vom Pol in das atlantische Wasser. Zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckte es. Das Urgebirge seines Körpers hatten der Wind, strömende Wasser, Kälte, schauernde Gletscher verstrichen. Die mächtigen Falten waren abgetragen eingeebnet. Weiter rissen die Elemente an dem starken Rumpf. Einen Eisschild von tausend Fuß Dicke trug das Land. Seinen Ostrand umzog ein hoher Bergkamm, Eisdrift versperrte die Küste; Bäche stürzten über die Talboden die Gehänge. Im Westen stand ein Bergland mit scharfen Gipfeln und Graten. Ungeheure Gletscher drangen über die Berge an die Küsten. Durch Talkrümmungen wanden sie sich herunter, stiegen zerklüftet über Steilstufen. Wulstig wellenförmig ihre Oberfläche. Aus den Firnmulden flossen sie ab, langsam wie Schnecken bewegten sie sich zum Meer, brachen in die Fjorde ein, verstopften die Buchten.
Zwölf Kilometer breit, sechzig lang, stieß der Frederikshaabgletscher in den Ozean; seine Schuttfläche warf er breit vor sich auf.
Der Store Karajak. Er hatte eine Geschwindigkeit von zwölf Metern am Tag.
Unter dem siebzigsten Grad der Jakobshavngletscher, der Uparmwick unter dem dreiundsiebzigsten, Ullaksoak unter dem achtundsiebzigsten.
Der Torsukatak Assatak Tuarparsuk Tasarmiant Umartorsik Kangardluksuak Itliarsuak Alangordlak.
Die Erde schoben sie in Dämmen vor sich, warfen den Abbruch der Berge, Schutt ihres Grundes, in Moränen um sich auf, schliffen Felsen ab. Unter ihnen kamen weiße Flüsse zum Vorschein, ließen Lehm und Kies auf die Böden der Fjorde sinken.
Mit dieser Aufschwellung der Erde am Nordpol hatte sich das Wasser vermählt; es hatte das Land nicht wie die andern Kontinente losgelassen und sich zur Meeresfläche zurückgezogen. Es wühlte hämmerte riß an dem uralten Gestein. Fiel wirbelnd unaufhörlich aus der dunklen und erhellten Luft, Schnee, Milliarden flimmernder sechsstrahliger Kristalle Sternchen Stäubchen, überschütteten erdrückten lautlos weich die riesigen starren Kuppen Zacken Mulden. Und wie sie sinterten und gefroren, geronnen sie, wurden zusammenzementiert zu dem grünlichen glasigen Eis, das die alte Eisdecke überschichtete. Und durch seine Spalten floß neues Wasser, gefror weiter in der Tiefe. Das Eisgebirge wuchs. Überall wuchs still Eis auf dem großen öden Land. Eiswüsten breiteten sich über das Inland hin. Schwarze Berggipfel, die Nunataks, ragten aus dem gefrorenen großen Wasser auf. Das stieg an und gedieh in den Firnen, auf den Hochflächen, zog nach den Fjorden, gletscherschiebend, ab. Nach Norden buckelte sich die Ebene des Eises hoch. Wellig unermeßlich zog sie sich hin vom sechzigsten bis über den achtzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten und sechzigsten Länge. Sie überdeckten Schneebreiflächen, trockene Schneewüsten, auf Höhenzügen das Höckereis. Wassergefüllte Senken waren in sie eingetragen, im Kreis von Haufen des wilden tiefen Schnees umgeben. In ihre Seen entleerten sich Gletscherbäche und tosten über Rissen des Eises in bodenlose Klüfte Brunnen, deren blaue Wände senkrecht abfielen.
Weißblau der Himmel über diesem Kontinent. Der glühende Gasball der Sonne belichtete wärmte hier nur wenige Monate. In einer Dämmerung lag das Land, durch die der stumme Mond und die fernen zuckenden Sterne blickten, in der märchenhaft das wechselnde Nordlicht tanzte. Winde wurden über Gebirge Ebenen Gletscher des Landes geworfen, Föhne mit Wärme, Nordweststürme, die den Schnee zu Wolken peitschten, ihn wie einen Vorhang vor sich trieben. Der fegende Sturm schmolz Kehlen in die Firne und Gletscher, modellierte die Eismassen, zog Dünen in sie ein mit flachen Böschungen. Den gefrorenen Boden hobelte er zu einer Platte glatt.
Tiere und Pflanzen wagten sich in die Einöde vor. Tangwälder wuchsen in den Tiefen des polaren Meeres. Der bellende Eisfuchs, wandernde Renntiere, braun im Sommer, Eisbären, die auf den Inseln nach Vogeleiern suchten, Lemminge Eulen der zottige Moschusochse Robben Alken Lumme.
Als Rasen krochen Moose an windfreien Abhängen über den Boden. Graue Flechten hingen an den Felsen. Den Schnee, die Sternchen Stäbchen des Wassers, überzogen Völker einzelliger Algen; grau braun rosa violett färbten sie den Boden.
Von Europa kamen, von der belgischen und britischen Küste in nicht endendem Zug die Meeresstraßen herauf die schwarz beteerten Arbeitsschiffe, die schwimmenden Fabriken, Ölwolkenschiffe, stampften durch den Ozean. Eisbrecher ihnen zur Seite und voraus. Schweigend schoren sie das Wasser. Sie verteilten sich, das brennende Island passierend, nach Norden und Süden, umringten Grönland. Und wie das Eis Grönland mit einer Barriere umzog, umzogen sie es mit ihren schwarzen tiefeintauchenden Gebäuden. Immer neue quollen nach. Sie bliesen, wie sie an ihren Standorten hielten, empfangen von der schweigenden Besatzung der Islandflotte, aus ihren Luken den schweren Rauch von sich, den Ölhauch Holyheads, in dem sich mit einer weißen Masse grünliche blaue rote Schwaden vermischten. Die Schiffe setzten versuchend bald von dieser, bald von jener Schwadenart zu. Langsam und kaum vom Wind zur Seite getrieben erhob sich der Rauch, dem immer neuer nachquoll, verstärkte sich, blieb, als wenn er ein Tier wäre, das vor seinem Stall ist, gleichmäßig in einer Höhe stehen. Die farbigen Gasmassen stiegen senkrecht auf, verlangsamten mit zunehmender Höhe ihre Bewegung, dann bei einer bestimmten Höhe war ihr Auftrieb erlahmt. Sie sammelten sich an, breiteten sich wagerecht allmählich aus, als wären sie Öl auf einer Wasserschicht.
Am Scoresbysund der Ostküste, an der Südspitze, an der Diskobai im Westen wurden Proben für die Höhe der Ölwolken bestimmter Zusammensetzung gemacht. Sie sollten die höchsten Gletscher überragen, annähernd gleichmäßig den ganzen Kontinent bedecken. Als das Gemisch der Gase bestimmt war, begann der um Grönland versammelte Ring der Schiffe seine Arbeit. Ohne auf Föhne und kalte Stürme Rücksicht zu nehmen, stießen sie die dunkelfarbigen Dämpfe aus, die sich in der ungeheuren Höhe ansammelten, von den nachfolgenden über das Land hingetrieben wurden. Die seewärts drängenden Wolken dirigierten Fliegerreihen mit Böenbomben. Die zusammengeschleuderten Gasballen hingen zähklebig aneinander. Flächig plattenartig lagerten sich immer dunklere Massen hin, wurden fester, je dichter sie sich anhäuften. Sie waren ein unnachgiebiges den Raum erfüllendes Zwischending von Gas und starrem Körper. Regen, der über sie fiel, konnte die starken aufwachsenden Wolkenbänke nicht durchdringen. Wasser Schnee lagerte sich in Buchten des Gases, stürzte in der randlichen Schiffsgegend herab, vermochte aber das Gas nicht herunterzudrücken. Das seitliche Ausweichen blieb die größte Gefahr. Scharen von Fliegern und Frachtluftschiffen wurden in der grausigen Höhe stationiert, die immer in Gefahr waren, von den aufrollenden Wolken erfaßt zu werden, zu kentern und abzustürzen. Eine ganze ununterbrochene Barre von Explosionen mußte man um die Gaszone legen, das Verschwimmen Zerkrümeln Verbröckeln der Dämpfe aufzuhalten. Die Furcht der Ingenieure, die Auftriebskraft der Gase könnte in der Höhe allmählich nachlassen, die Wolkenmasse sich langsam senken, bestätigte sich nicht. Die dunkle gewaltige Luftbank über Grönland blieb in ihrer Höhe; man konnte ihr vertrauen, Flöße wie auf ein Meer auf sie werfen.
Mit ihrer finsteren stummen Entschlossenheit gingen die Islandfahrer an diese Arbeit in der Luft. Von dem Grauen der leuchtenden Turmalinschiffe sahen sie weg; keiner rührte mit einem Wort daran. Die Schiffe lagen fest. Die Neuanfahrenden hielten die Ungetüme nicht für Schiffe, wie sie überwuchert waren von baumartigen bunten Algengewächsen, von Vogelscharen belagert. Dicht beieinander hatte man an den Standorten die Turmalinfrachten geschoben, abseits von dem übrigen Geschwader, als wären sie verseucht. Die ruhenden Gebäude waren längst zusammengewachsen: die Gewächse hatten Brücken zwischen ihnen geschlagen, die nur selten von segelnden Eisblöcken zerrissen wurden. Vögel spazierten und nisteten auf den grauen roten Brücken, in denen sich Mollusken und Fische fingen, spielten und verendeten. Wie besäte Hügel wuchsen die ruhenden Schiffe in der eisigen Luft auf. Wie sie nebeneinander lagerten in den Buchten, am Eingang der Fjorde, schienen sie steile und bucklige Inseln zu sein. Man sah manchmal die grauen und roten Massen zucken und schaukeln.
Die Islandfahrer warfen Planken von riesiger Breite auf die Ölwolken herab. Und wie sie sie bestiegen, zogen sie benachbarte heran, richteten sie auf, nieteten sie zusammen. Bisweilen schwankten die Flöße, auf die sie sprangen, sanken schräg abwärts in ein Wolkenloch, stellten sich hoch, kenterten. Im grauen rosa violetten Rauch zappelten die abgerutschten Menschen. Sie suchten sich aus dem gallertartigen schwammigen morastigen Gewebe hochzuarbeiten, schlugen um sich, hangelten, unfähig sich abzustoßen, nach den Brettern. Neue Gasmassen, von seitwärts anschwebend, schoben sich um sie, über sie. Sie wurden eingebettet verkittet, griffen sich nach Brust Nase Mund, aus denen Blut schoß; wurden japsend den Kopf zur Seite legend, erdrückt. Dort oben stolperten im Beginn viele, lagen schräg mit hängenden Armen über dem prallen Gas. Das dunkle Quellen schob an ihren Leibern, klemmte hier ein Glied fest, riß es vom Körper; dehnte, wie die Hände zugriffen, die Füße tretend eingetrieben waren, die Leiber mit sich, länger, länger. An den Grenzen zog sich das Gewebe auseinander; da fiel ein erstickter Flieger, schwarzgesichtig, ein abgerissener abgedrehter Körperteil auf das Eis oder in das Wasser. Sie liefen oben, warfen Planken neben Planken.
Der Kampf gegen die Winde begann. Der Nordoststurm, mit Nebel und dichtwirbelndem Schnee, riß an den Außenseiten der wachsenden Wolkenbänke, jagte Fetzen. Kleine Scharen und Einzelne segelten mit den Abrissen über das abgrundtief liegende Land, verkamen. Auf den Platten standen sie, taumelten; es war schlimmer als auf der See. Schwankten mit den Brettern meterweit auf und nieder, hin und her. Es hieß in furchtbarer Eile Platte neben Platte auf den dampfenden ins Land wachsenden Boden werfen. Besinnungslos standen sie oft oben, warfen sich hin, erbrachen, geschaukelt zerwirbelt, von den flutenden rollenden Brettern getragen, die manchmal wie ein Spiel sich voneinander entfernten, von einem Wolkenknäuel übereinandergehoben und aufeinandergeklatscht wurden. Sie hingen an den Rändern über dem unermeßlichen Eisland. Dunkel lagen die Wasserspiegel der Fjorde unter ihnen, im Osten stiegen die Gipfel todesstarr bis dicht unter sie, die Kämme der Gebirge berührten sie fast. Der Eishauch der Firne wehte zu ihnen auf. Die blauweißen Gletscher bewegten sich träge nach unten in die weiße Ebene, durch die eingerissenen Felsgassen. Ihre Trümmer und Lawinen hingen über Bergstufen quer wie Riesenleichname. Wie sie auf Island Brücken von der Küste warfen am Myvatn Krabla Leirhukr, an der Eyafsbucht, von der unglücklichen Heraldsbucht her, auf den schmetternden Brücken in der ascheschwirrenden Luft schwebten, über dem Jökulsa, an der Fiski-Ebene, über den Gletschern des Ostens, wie sie den gewaltigen Vatna erklommen, bevor sie von den himmelzerreißenden auflohenden Vulkanen verbrannt und zerblasen wurden, so stiegen sie jetzt über das stumme Land. Die Winde tobten über dem Eis. Das Land ruhte, wie ein Blinder, über den ein Geschick heraufzieht. Von allen Küsten schwollen sich sehnsüchtig die Wolkenschichten entgegen. Die Menschen wollten die wogenden Massen bis auf eine inselartige Lücke gegeneinander vortreiben.
An der Diskobucht, über dem Onemokfjord erschienen unter den finsteren Bänken der Ölgase bläuliche ovale Wolken, die ein Föhn vor sich trieb. Die auffahrenden Frachtflieger sahen sie. Die Luft wurde still und warm. Die Gasmassen senkten sich, erst langsam, dann im Sturz. Wie auf Kähnen, die in einer wilden Strömung fahren, die Schiffer mit langen Stangen stehen, sich von den gefährlichen Ufern abstoßen, sich unten abstemmen, hin und her springen, so warfen sich die himmelhoch schwebenden Arbeiter auf die Planken, hielten sich mit Balken frei, preßten die Nachbarplatten zur Seite. Auf und ab stiegen die Gasmassen, auf und ab taumelten rollten die Menschen. Die Schichten noch nicht schwer und dicht genug, beulten sich. Die Menschen hin- und hergerissen schlugen sich mit den Planken. Auf dem Boden tief unter ihnen bewegte es sich. Der dicke ballige Schnee geriet ins Laufen, er wich dem blasenden Föhn aus. An der Eisfläche arbeitete etwas mit großer wachsender Gewalt, schrubberte die Fläche Stoß auf Stoß, Schub auf Schub. In kleinen großen unregelmäßigen Würfen flog der Schnee. Die Schnee-Ebene brandete. Dampfartig stieg es vom Boden auf und zerwehte. Wie sie sich oben verklammerten. Wie von den Arbeitsschiffen an der Küste der träge Qualm herblies, hilflos langsam, herüberblies, abgebogen wurde in der trommelnden Luft, sich spiralig um sich selbst drehte und abgeknickt wurde. Am Rand oben wurden zersprengt die himmelhoch schwebenden Wolkenballen, über den Himmel im Föhn schossen sie hin wie kleine Lämmerwolken, wurden rettungslos geschleudert. Der Föhn hetzte die dünnen sich verflüchtigenden Gasschichten auf das Meer. Die Platten, lose aufgeworfen, abgehoben wirbelten wie Papier im Sturm. Menschen Balken Bretter trieb der Sturm geradewegs vor sich, trug sie auf dem zergehenden Gas kilometerweit wie ein Löwe im Maul mit sich fort, ließ sie dann unter sich fallen in das tosende schwarze Wasser, auf die jagenden Eisschollen. Flieger zuckten hinterher, raketenartig stiegen sie auf, wurden vom Wind zur Seite gestoßen. In dem Tosen hob sich noch aus den Arbeitsschiffen der armselige Rauch, den der Sturm brach. Die Schiffe selbst wurden gerüttelt gehoben ergriffen gedrängt. Krochen erzitternd um sich, stellten sich hin, wehrten sich, während oben der bleierne Himmel sichtbar wurde, in dessen Leere rote und blauschwarze Wolken, bunte Fetzen blitzten und sich auflösten. Zerblasen die Wolkenbank der Diskobucht, im Süden Norden; die Bänke bis tief ins Land aufgeschlitzt. Draußen torkelten die Menschen, glitten ab, wurden an Beinen schlagenden Armen kneifenden Augen züngelnden beißenden spuckenden Mündern von dem Gas überzogen. Wie eine Haut streiften stießen sie es weg. In der Luft, im heulenden Föhn, balgten sie sich mit dem Gas herum, waren eingewickelt darin, rund wie ein Igel zusammengebogen. Sie sausten abwärts, auf Eis, legten sich langsam, vom Eis entlassen, hin.
Von den Färöer und Shetlands stampften neue Ölwolkenschiffe herüber, zogen einen zweiten Ring um das grönländische Massiv. Meterdick lag über dem Land schon die schillernde Wolkenmasse, leicht auf und ab pendelnd, in sich verbacken. Die Stürme pfiffen wie an Steinmauern dagegen. Über der Bank ging wie seit Jahrtausenden für wenige Stunden die Sonne auf. Ihr Licht drang nicht mehr durch. Der Kontinent war von dem alten weißen Himmel, dem stummen Mond, dem sprühenden Nordlicht, den kleinen funkelnden Gestirnen abgeschnitten. Die Wasserdämpfe des Landes sammelten sich an der Unterfläche der Wolkenbank, zerstreuten sich sehr langsam, entleerten sich im Schneegestöber, in Schlammregen. Sie konnten nicht abziehen; mit schwerem Wasserdunst bedeckte sich das Land, die Temperatur stieg. Zugleich wuchs die Finsternis. Der Tiere bemächtigte sich eine Unruhe. Renntiere zogen in Scharen über das Eis, ihre Weideplätze verließen sie, sie irrten umher. Die Scharen fanden keine Führung, Rudel trieben zusammen, ängstlich hielten sie auf den Küsteninseln. Die Bären und Füchse wurden aus ihren Höhlen gejagt. Ihnen war beklommen, sie liefen und schnupperten, fanden nichts verändert, waren nicht beruhigt. Das ängstliche Schreien der Raben. Glatte Robben tauchten auf, zogen sich über das Eis, suchten neues Wasser. Die Tiere wurden wachsamer eins auf das andere, griffen sich, wo sie sich befeindeten, gereizter an. Über den Gebirgen und Eiswüsten schwamm von Osten Süden Westen Wolkenschicht auf Wolkenschicht zu. Fetzen von der Gegenseite flatterten schon an. Auf losgelösten Wolken fuhren einzelne verunglückte Plankenwerfer über das Land, kamen unbeschädigt auf der Bank jenseits an. Als die aber auf den Platten im Westen und Osten sich mit bloßen Augen sahen, schrien sie nicht auf, winkten nicht. Manche sanken schlaff hin.
Die Gasschiffe verstärkten die Wolken. Gegen Ende August zogen sie sich zurück. Die menschenverlassenen Turmalinschiffe mußten angefaßt werden. Es machte keine Schwierigkeiten, von allen Geschwadern Menschen zu ihnen zu kommandieren; straff, wie unter einer Blendung, taten die Grönlandfahrer alles was nötig war, ohne Befehl.
Aber das überstürzende Grauen, wie sie sich auf kleinen Schiffen den bunten schwirrenden Inseln näherten. Keine Umrisse von Schiffen waren zu erkennen. Wale erschwerten die Annäherung an die Inseln. Man mußte Sprengstoffe gegen sie werfen; das Wasser rötete sich gräßlich; die dunklen Leiber schwammen eine Weile auf dem Wasser. Wie das Fangnetz eines Schleppers hingen Tangmassen um die Inseln. Man mußte sich schneidend hauend brennend durch sie arbeiten. Boote zogen die abgelösten Stiele und Geflechte ins offene Meer. Schritt für Schritt rissen sie das wuchernde Kraut los; Schicht auf Schicht mußten sie abtragen. Die Boote wechselten stundenweise; es gab immer wieder Menschen, die den Trieb nicht überwanden sich hinzugeben und mit Gewalt zurückgeführt werden mußten. Man drang schließlich, nach Sprengung der Algenbrücken und Reinigung des Wassers, an die Schiffsrümpfe heran. Wie sonderbar sie verändert waren. Die Außenhaut der Frachter legte man oben bloß; man sah schon, wie die Brücken und schwersten Tangmassen beseitigt waren, daß die Frachter wie befreit heftig zuckten, sich langsam von der Stelle bewegten, ruckweise zerrende Bewegungen nach oben machten. Schon glitten die Schiffe leicht, die Boote hinterher; man mußte fürchten, daß sie sich über das Wasser, aus dem Wasser herausheben würden. Oben am Bordrand waren alle Bleche gelöst, die Verschalungen geborsten. Von außen, von innen trieben Sprossen Äste dünne Balken durch die Schiffswand. Die wenigen Kabinen des Oberdecks waren von einem Dampf erfüllt; aber das schien nur so, als man die Türe öffnete. Sie waren ausgefüllt von einer Art Spinngewebe. An ihrem Rand, den Aufhängseln der grauweißen Gewebe hatten sich die wuchernden Hölzer der Wände, die Äste der Türen Luken selbst beteiligt, mit einem Flechtwerk von Fasern. Man sah aber keine Spinnen in den Räumen. Und wie man das dünne Gewebe mit der Hand und Stöcken zerriß, erkannte man es als feinste haarartige grasartige Austreibung der gequollenen Blätter, Röhren Stränge der Hölzer der Spinde der Decken des Bodens. Außerhalb der Hölzer und weit von ihnen entfernt hatten die Pflanzen mauerartige Organe gebildet. Jede Kabine war hauchdünn wie Mark aufgelockerter Stämme; in längerer Zeit mußte der Raum zuquellen verholzen. Man ging auf schaukelnden Lagen. Wie man den Boden aufschlug, um in die Speicher zu kommen, schlugen stickige Gase heraus. Schwammartig erweicht und verwoben waren die Decken. Aus den tiefen Knorren der Masten sprangen frische wulstige Äste hervor, die sonderbar behaarte samtene Blätter trugen; sie schlossen sich oft dicht blütenartig zusammen. Wimmelnde Käfer und Ameisen. Man brauchte nicht nach den Speichern suchen. Von ihnen aus den Tiefen der Schiffe ging das intensive ruckweise sich verstärkende Leuchten aus, das oft blendende Aufglimmen, das in der allgemeinen gleichmäßigen Dunkelheit das Kabellicht überflüssig machte. Die Decke zu den Hallen schlugen sie ein, mit Beilen Sägen Feuer brachen sie durch; seitlich rissen sie die Wände des ganz verfilzten Gebäudes ein. Ins Wasser wurden Balken und Bleche geworfen, die Fische schwammen hinter den Hölzern her, bewegten sie mit den Mäulern vorwärts, kauten an ihnen, trugen sie auf ihren Rücken in See.
Frei lagen die Berge der Netze. Zauberhaft ihr Anblick, wie sie sich durch die Buchten der Schiffe spannten. Mit glattem gewalzten Metall waren die Wände der Hallen bekleidet gewesen. Märchenhaft hatte sich das Metall bewegt. Seine ebene Glätte war verschwunden. Wellig hatte es sich geworfen, Beulen Wülste Kugeln vorgewölbt. Aus der Ebene der Wellen und Wölbungen stachen strahlige glitzernde Kristalle lang vor, die das Metall um sich aufzogen, so daß um sie die Platten rissig wurden. Das Eisen blühte von den Wänden den leuchtenden Schleiern entgegen. Der schreckliche Glanz der Schleier. Ihr Verdunkeln Aufstrahlen. Der Modergeruch, die anschwellende Wärme. Die Haken der Flieger griffen nach ihnen, die ruhig hingen, wie man sie aufgehängt hatte. Schleier um Schleier wurde durch die dunkle regentriefende Luft hochgetragen. Auf den Ölwolken lagen schon die Platten, die sie zum Glühen bringen sollten.
Von den Schiffen herauf wurden an Hunderten Punkten die Drähte auf das Wolkenlager gezogen, die das große Kabel mit den Schleiern verbanden. Man arbeitete stürmisch, war der Erschöpfung nahe. Anfang September waren die Turmalingebäude entleert. Die leeren Frachter waren schon wieder verfilzt; manche zerfielen.
Da rissen sich die Ölwolkenschiffe Menschentransporter von den Küsten des finsteren eisumlagerten eisdrängenden Landes, sausten süd- west- ostwärts. Stoben ab von Grönland, das sie in schwere Nacht geworfen hatten, das einsam mit seinen wimmernden unruhigen Tieren hinter ihnen lag unter der Ölwolkenbank und den glimmenden Schleiern. Scharen der Flieger und Luftschiffe rasten wild den Meeresschiffen voraus. So rasch mußte man den Ozean überqueren, wie man konnte. Zwei Tage fuhren die Meeresschiffe; die Küste des Baffinlandes streiften die westlichen, die im Osten hatten den zehnten Längengrad überschritten.
In der Nacht zum dritten Tag wurde der Kabelstrom auf die Isolierung der Schleier losgelassen. In diesem Augenblick verlangsamten alle Meeresschiffe ihre Fahrt, die Flieger ließen sich auf die Decks und auf das schäumende Wasser nieder. Erschauern Zittern ging durch die Menschen, die sich über die finsteren Decks scharten, aus den Kabinen rannten.
Es war zu Ende. Man hatte den Krabla Leirhukr Herdubreid Katla Hekla gesprengt. Island zerrissen, die Feuer der Erde geöffnet. Auf den beweglichen Brücken waren viele hundert Menschen, wie sie, die auf den Decks standen, verascht zerblasen über die Gletscher gestoßen ertrunken. Neue Schiffe Menschenmassen waren vom Festland hergestampft. Man hatte nicht geruht. Die Insel gab ihre Glut her. Die Schleier wurden gefüllt. Die schrecklichen Turmaline strahlten sangen. Die Fische Vögel Algen im Meer lockten sie und wollten fliegen. Zuletzt kam Grönland jenseits des Wassers. Man mußte Wolken über das Land legen, Planken auswerfen. Wie viele verkamen, stürzten ab. Als jetzt die Sirenen schrien, standen sie auf den Decks über dem rollenden Meer. Es bebte trommelwirbelte schleuderte sich hinter ihren Hälsen herum, daß sie ächzten und ihre Füße weich wurden. Ihre Lider wurden angstvoll aufgerissen, die Augen standen ihnen weiß barbarisch auf. Die Mundwinkel wurden krampfhaft heruntergezogen, die Lippen gespitzt. Sie bogen sich. Es wogte mit Hitze über ihren Leibern, schauerte über Rücken und Nacken. „Unglück. Welch Unglück. O, lieber Himmel, welches Unglück. Was haben wir geduldet. Was, was! Süße Nacht, süßes Leben. Liebe Stangen, liebes Geländer, Erbarmen. Liebe Menschen Bretter Seile Masten Bleche. Liebe Jacke, rauhe Wolle, Erbarmen. Meine Finger, mein Leib, lieber Arm, lieber Hals. Mein Hals, mein Hälschen, meine Haut, mein Kinn, Erbarmen. Ah, welches Unglück.“ Und dann wurden sie wie von einer Hand hingedrückt, zappelten in sich. Jetzt geschah es hinten.
Das Meer blieb glatt. Eine Welle von Licht schritt über den Horizont fort. Sie lagen auf den Gesichtern. Entsetzen Schmerz in den Brüsten. Alle Kehlen geklemmt. Winselten vor Schreck haltlos, als die Lohe am Horizont unbändig höher höher höher höher schritt. Zugleich zuckte in ihnen die Sehnsucht: Dahin! Sehnsucht nach dem Feuer! Das Feuer Islands! Das furchtbare geliebte Land! Leirhukr Myvatn Krabla: das war es. Das Feuer höher höher. Nach der Insel wollten sie. Ohne Maß ihre Sehnsucht: „Was ist das Leben. Unser Feuer. Unser Feuer.“
Und manche lagen, wollten nicht zu dem blendenden Licht aufsehen, wollten das Licht nicht sehen. Wenn es doch verschwände. Ihre fressende wahnsinnsnahe Angst. Wenn man es wegwischen könnte. Sie hatten schuld daran. Das furchtbare Lohen weg.
Auch die Führer, Männer und Frauen, wandten sich ab, standen zitternd, verfluchten sich. Kneteten sich die Brust: „Ich bin nicht daran schuld.“ Ihre Zähne klapperten knirschten, Ohren und Nasen kalt, sie fühlten ihre Finger nicht. Schluckten; schlenkerten die toten Füße über die Bretter, stampften, um sich nicht zu verlieren. Öffneten schlossen im hilflosen Takt die Augen. Aber dann hielten sie sie fest. Nach dem Licht hin. Das Licht, das Feuer höher höher höher über das unendliche Himmelsgewölbe. Das sollten die Augen sehen. Auf das blendend weiße hochtreibende Licht die Augen hin. Man mußte es einschlucken mit weitem Mund wie ein Ertrinkender das Wasser. Den ganzen Wasserschwall mit offenem Walfischrachen nehmen, und immer schlucken, schlucken. Muskeln festhalten, Augen hinhalten, den Boden mit den Beinen festhalten. Und sie konnten es ertragen, die Augen kniffen nicht zu. Es ging. Was da brannte, war der Turmalinschleier. Man mußte es benennen. Die Turmaline waren vom Festland herübergeschickt; es waren gegossene gesponnene Gesteine, eine geschickte Arbeit. Auf den Ölwolken lagen sie. Das war keine neue Erfindung. Schon Angela Castel hatte sie im Krieg verwandt. Das waren ihre Dampfbläser. Was man alles machen kann. Die Füße wurden fühlbarer, man konnte die Zehen bewegen, sich umdrehen, die Schultern herunterlassen. Die Aufgabe in Grönland war gelöst. Jetzt langsam Luft schöpfen, einatmen, einatmen, ausatmen. Sie blickten neben sich, ihre Köpfe hingen noch. Um sie lag man, die Hände vor dem Gesicht. Die Gelähmten Erschütterten. Jetzt nicht sprechen.
Die Schiffe trieben stundenlang in den erhellten Gewässern steuerlos. Dann regten sich die Menschen. Hoben die Köpfe von der Brust, als nähmen sie ein Urteil an. Die Maschinen schlugen von unten durch den Schiffskörper, es ging rhythmisch durch ihre Glieder. Finster blickte man an dem andern vorbei, prüfte zweifelnd das Wasser. Über dem Wasser lag ein nicht wegzulöschender, alles überschüttender Schein, von dem die Wellen flinkerten. Der Himmel, die nördliche Wölbung, wurde verschlungen von ihm. Was war geschehen. Man stampfte weiter, strich an den Kleidern, spie. Grimmiges Stieren. An die Arbeit.
Vor den Färöer und Shetlands sammelten sich die Geschwader. Sie unternahmen tagelang nichts. Während sich die Menschen brütend um einander bewegten, kam die Weisung von den Flottenführern, ein Beobachtungsgeschwader zusammenzustellen. Man beschleunigte die Ausführung nicht. Man drängte die finsteren lethargischen nicht. Man beobachtete wie in Island und um Grönland, daß trotz der Erschlaffung, trotz des immer wieder aufschwellenden Entsetzens und der Erschütterung keiner auf das Festland zurückverlangte.
Nach zwei Wochen setzten sich dann leichte Fahrzeuge in Bewegung. Von wenigen Fliegern wurden sie begleitet. Sie steuerten den alten Weg nordwärts.
Der wachsenden Helle, vor der sich ihre Gemüter stumm neigten, fuhren sie entgegen. Von Breitengrad zu Breitengrad wurde die Helle stärker. Es war ein rosafarbenes, fast weißes Licht, das über den nördlichen Himmel und Ozean ausgebreitet war. Wenn der flammende Sonnenball hinter der westlichen Horizontlinie verschwand, war schon im Norden das rötliche Weiß aufgezogen, von Minute zu Minute strahlender, zu betäubender Helligkeit wie eine Blume sich öffnend. Und als sie in Höhe des fünfundsechzigsten Breitengrades fuhren, war das Sonnenlicht unsichtbar geworden. Es war vergangen unter der nördlichen Helle, wie die Sterne, die bei Tag unsichtbar sind. In dem neuen rosigen Licht schwammen sie auf dem angestrahlten Ozean. Ein Brausen nahm sie auf und umgab sie, eine gigantische Musik, fernes dumpfes und helles Durcheinanderschmettern, das von klirrenden klingenden hohen Tönen durchsetzt war. Über ihnen kein Himmel, nur das gleichmäßige rosigweiße Licht. Zuzeiten war Dämmerung und Dunkelheit hinter ihnen: das mußte Abend und Nacht auf der übrigen Erde sein. Zuzeiten teilte sich die Dunkelheit unter einem weichen Dunst auf, schleierartig, im Süden: diese dünne bläßlich graue Aufhellung mußte der Tag der Erde sein.
Sie standen auf den Decks. Auf Booten fuhren sie, frei ernst glücklich, von Stunde zu Stunde glücklicher. Dachten nicht, es war in ihnen ausgewischt, wie dies gekommen war, – was brannte, – was geschah. Sie fühlten sich in das Klirren hohe Singen Orgelbrausen hineingesogen. Beseligend das Licht, an dem sie sich weideten, sich nicht sättigten. Sie fuhren schon in der Region, die sonst mit Eisbergen gefüllt war. Es fiel ihnen nicht mehr auf, wie besänftigt das Wasser floß: die Luft ging kühl, oft kalt, wie immer. Aber als wenn sie in den Tropen wären, fuhren viele in Booten nackt bis auf den Gürtel, fühlten sich wohl, versagten es sich, in den Kabinen zu schlafen.
Über dem weiten Ozean geriet der Wind in eine sonderbare Bewegung. Der grönländische Feuerherd übte seine Wirkung. Alle Windrichtungen waren verändert. Der sonnenartige Brand am Pol zog wie ein Äquator die Luftströme an; sie wehten nach Norden in einem heftigen oft zu Böen gesteigerten Drang. Die auf dem Wasser schleifenden tiefen Luftmassen züngelten in den Schwelch der nördlichen Glut. Die Stärke ihres Dranges wuchs von Breitengrad zu Breitengrad. Zu dem auf und ab wiegenden Brausen Schmettern Klingen traten die sanften Geräusche des Verdehnens der Luft, das Stöhnen Rufen Singen. Die Luft schlürfte an der Meeresoberfläche hin, riß spielend den Wellen die Kämme ab, wühlte sich mit Stößen ein, Trichter in das Wasser bohrend, riß sich schreiend los, flutete toste hin und konnte nicht widerstehen. Rascher und rascher mußte sie fahren. Die Massen aller Windschichten wühlten ineinander; sie mußten hin. Senkrecht und schräg aufrecht fuhren sie, bogen aus. Sie streckten sich lang lang hin. Im Sturz, im Zug schwanden sie. Waren davongezischt, hart über die Fläche schießend, das Meer abplattend, niederdrückend, daß es eingedämmt hinter ihnen in häuserhoher Flut einherwallte und sich wieder zurechtfand.
Während die Menschen auf dem Meer schwammen, die Schiffe starke Kräfte in die Maschinen warfen, um dem ziehenden Drang nach Norden zu widerstehen, oft rückwärts fuhren, den pfeifenden Wind zerteilten, verfinsterte sich gelegentlich die Luft unter einem Rauch. Eine Brunst unerhörter Hitze schnob um sie. Lachend nahmen sie sie an. So freudig waren die Menschen des Beobachtungsgeschwaders, daß sie unter dem siebzigsten Breitengrad nicht zu bewegen waren, weiter zu dringen. Der Küste Grönlands sollten sie sich nähern. Aber sie wollten nun nichts als in dem wonnigen Wasser ausruhen.
Zu dem Geschwader gehörte eine Zahl Schiffe, die für Gefahren besonders ausgerüstet waren. Sie waren mit Vorkehrungen gegen das ozeanische Wasser versehen. Sie sollten gewaffnet sein, in der Nähe Grönlands, nahe den niedergehenden Lawinen, dem Absturz des ungeheuren Islandeises, dem Schwall der Wasserberge zu widerstehen. Die Menschen dieser Schiffe gingen jetzt, von der Glückseligkeit des Wassers gelöst und benommen, vom rosigen Licht, dem sanft wühlenden Winde bezaubert, eigene Wege. Der gewaltigen Ausrüstung bedienten sie sich für ihre Zwecke. Sie wollten, beschlossen sie, hier bleiben, sich auf dem Meeresboden tummeln. Sie wollten nicht mehr, nie wieder zurückkehren. Sie wollten auch nicht nach Grönland fahren, die Schönheit des neuen Kontinents abwarten. Gleich auf der Stelle, hier im Augenblick hatten sie ihr Land. Kräftig und mutig fühlten sie sich. Der Mischling Mutumbo führte sie. Nach Jan Mayen unter der zehnten westlichen Länge, nördlich der siebzigsten Breite waren sie vorgestoßen. Sie loteten eine gebirgsartige Aufstufung des Meeresbodens. Hier in die Flachsee, unter dem beseligenden Licht, ließen sie sich nieder. Noch einmal, verkündete der Führer, möchten die verruchten Kräfte der großen Stadtschaften für sie arbeiten.
Mit zweiundzwanzig Schiffen und Beischiffen umschloß Mutumbo die Stelle, begann sich wie ein Stier mit den Hörnern in den Wiesenboden, in den flüssigen Ozean einzugraben. Umgeben waren die Vorderschiffe mit flammenfesten, aneinandergefügten Basaltmänteln, die die Kräne schnaubend aus den Laderäumen hochangelten, schiefrig grauen Platten, die sich wie starre Visiere vor die Schiffshaut legten. Die Platten legten sich um nach rückwärts, schoben sich balkonartig als Plattform über das Vorderdeck. Auf allen zweiundzwanzig Fahrzeugen waren Maschinen montiert, an die heran ein Gewirr von Kabeln aus den Schiffsbäuchen lief. Die Maschinen glichen Reihern und Kranichen. Lange magere Hälse, die sich auf den plumpen, festgenieteten Rümpfen drehten, streckten sie nach vorn über die Schiffsspitze, tauchten sie an den grauen Basaltmänteln herunter in die grün-weiße Meeresströmung. An ihren Hälsen hing ein dickes, meterlanges, kettenschleuderndes Gezottel von Seilen und Drähten, als wären es Mähnen. Tauchten die Mähnen in das salzige Wasser, berührten sie die spritzenden Wellenkämme, so schrie das Meer, als wäre es ein schlafendes Tier, dem ein Skorpion zwischen die offenen Lippen und die Zähne kneifend in den Rachen kriecht. Es warf sich, wachte auf, brüllte. Und im Moment gab es ein Brodeln; das Wasser stieg als warmer Schwall, weiße, zitternde, unruhige Wolke von der tosenden Fläche auf, jagte, wild um sich schlagend, blind wühlend hoch. Und immer neues, nicht nachgebendes Beißen und Herabstoßen der Reiher, Knallen und Aufklatschen der Mähnen, wütendes Brodeln Kreischen Spritzen, dampfendes Abweichen Keuchen, meterhohes Aufzischen, brüllende Gischt. Kilometerdick eine weiße Wolkenmasse, ein Wolkengebirge über dem Schiffskreis, bereit, auf das dampfende Loch unter sich herunterzustürzen.
Die Böen jagten hinter ihnen her. Der Dampfschwall flutete in die Höhe der Stratuswolken; kaum fühlte er die Kälte, so brausten, mittschiffsentlassen, die Böen hinter ihnen. Aus dem Kreuzfeuer der explodierenden kopfgroßen schwarzen Inulitbomben, die donnernd aus winzigen Mörsern aufschossen und sprengend die Luft mit einem ungeheuren Ruck zerteilten. Die weichen zitternden Wolken fühlten sich im Rücken angepackt und im Nu meilenweit fortgeschleudert, davongeschoben wie ein Teller von einem Tisch, ein Hund von einem Napf, an dem er kläfft. Und dann schnoben sie, die weißen zerrissenen flattrigen Massen durcheinandergewirbelt in einem einzigen Regenguß, einem losen weiten unermeßlichen Regenguß, grau und schwarz in das hochspringende Wasser zurück. Stürzten rasch und unablässig, daß sie Scharen von Möwen fort- und herunterrissen, ihre nasse Hand auf die dünnen anstrebenden abschlüpfenden Leiber drückten; kein Flattern Hälserecken spitzschnäbliges Aufdringen half. Und selbst wenn die Vögel noch eben Kraft zum Flug hatten, so wurden sie erstickt von den blanken Quellen, die über sie aus der übersättigten Luft fielen. Der Himmel, sonst zum Fliegen geeignet, dünn leicht wonnig von Sonnenstrahlen und flimmerndem Nordlicht erfüllt, der Himmel von einem Vulkan zerrissen, ein wasserspeiender Krater, warf ausbrechend seine Massen nach unten, riß alles herunter auf die Meeresfläche.
Tagelang hoben und senkten sich die Reiherköpfe, brannte das Meer, jagte in weißem blähendem Schwall auf. Tagelang schlugen die zweiundzwanzig Schiffe wie Pferde mit den Hufen nach hinten aus, das wiedereinstürzende Meer zurückzuhalten. Als mauere man Balken in die Erde, triebe Eisenträger in Lehm, schaufle Sand aus Gruben, so hieben die Schiffe nach rückwärts, drängten das Wasser ab. Sie hatten ihre Flanken mit bloßem Stahl gerüstet. Doch über den Stahl, armweit entfernt, von Stützen gehalten, war ein Netz gebreitet, senkrecht von oben nach unten ins Wasser abfallend, den ganzen Hinterbug umgebend, von Schiff zu Schiff sich hinziehend, ein einziges riesenhaftes Netz, kaum sichtbar, nicht dichter und nicht schwerer als ein Haarnetz. Es hatte das stumpfe Weiß des Bleis, an einzelnen Maschen mit bräunlichen bis schwarzen Flecken. Die rührten von verbrannten Tieren und Menschen her, die dieses Netz geknüpft hatten. Substanzen, aus bituminösem Schiefer gewonnen, bildeten den Hauptbestandteil der Masse, die zu Fäden ausgespannt wurde. In den Anlagen hatte man erkannt, daß zur Fesselung dieser Stoffe, die der Schiefer aus früheren Erdperioden, aus zerfallenden schmelzenden Leibern hergab, lebende Organismen, ihre Berührung besser waren als tote Körper. Aus dem Boden gerissen, der Luft preisgegeben, auf Holz und Eisen ausgebreitet, sammelte sich die Substanz zu langsam, verpuffte. Pflanzen, saftreiche, fette Tiere und Menschen waren der beste Boden, auf dem sich der Stoff anreichern ließ. Die aber griff es schwer an. Es ätzte sie. Dann fühlten sie, die das Netz auf Armen Schultern und Knien trugen –, nachts legte man es auf Stiere und Pferde, deren Fell kahlgeschoren war – Verbrennungen. Die Verletzten ersetzte man durch neue. Die fünf letzten Tage des Maschenknüpfens, das in weiten Hallen in Mecklenburg geschah, waren das Opfern einer Hekatombe. Nur stundenweise konnten sich die Menschen dem weißen schrecklichen Gespinst nähern. Man sorgte dafür, daß aus entfernten Gegenden Arbeiter und Arbeiterinnen in Flugzeugen herankamen. Wer frisch ankam, unmittelbar in die Hallen gebracht wurde, erlag am raschesten. Ältere, die schon müde knoteten, hielten sich bis zu sechs Stunden. Dann lagen sie ohnmächtig da, mit kalten Händen, kleinen Pulsen, eingesunkenen Backen. Die Meister lösten sie mit mächtigen Glashaken von dem Gewebe, rollten sie heraus. Der letzte Tag war es, der in das Gewebe die braunen und schwarzen Flecken eintrug. Da war das Netz, das kilometerlange und -breite, aus seinen fünf großen Einzelteilen zusammenzuknüpfen. Und als hätte sich die Kraft des Netzes, seiner Ausdehnung folgend, verhundertfacht, geschah eine Vernichtung der Lebewesen in seiner Nähe von einer Intensität und Raschheit, die den Zusammenschluß des Netzes überhaupt unmöglich gemacht hätte, wenn es sich nur um einen Tag mehr gehandelt hätte. Es betraten morgens um sechs Uhr die ersten achtzig Menschen die Hallen. Um zwölf Uhr mittags lagen auf den Wiesen hinter den Hallen schon dreihundert Leichen. Aber um fünf Uhr nachmittags, als das Netz fertig war und von siebzig Kränen frei in die Luft gezogen wurde, lagen nicht viel mehr als diese dreihundert Leichen und Sterbende da. Denn von Mittag ab verließ keiner, der das Netz berührte, mehr lebend den Raum.
In einer Zeit, die sich von zwölf ab immer mehr verkürzte, zuletzt bis auf eine Viertelstunde, vergasten die Menschen, wie alles Feuchte an dem Stoff. Vergasten, nachdem sie einen kleinen Schrei von sich gegeben hatten. Ihre Finger griffen in das Gewebe, verkohlten da. Sechs Meister knüpften die letzten Maschen, hatten die trockenen heißen Pelzmäntel an, die dichten Pelzhandschuhe, die am sichersten schützten. Die starre Trockenheit ließ das Gewebe nicht knoten; sie mußten ihre nassen Fingerspitzen hergeben. Zu einem Griff. Und wollten sie den zweiten machen, so rieselte es schon durch sie. Beim dritten sanken sie in ihren Pelzpanzern um. Dunsteten verhauchten aus den Fellröhren. Leere Gehäuse am Boden, dampfende Halsöffnungen Rauchrieseln.
Man hatte armdicke Glasbalken wie Fahnenstangen schräg nach rückwärts in die Luft hinaus gebaut. Daran hing, leicht, auf zehn Schritt nicht mehr sichtbar, das bleiweiße Netz. Es hing straff herunter. Bildete um die zweiundzwanzig Schiffe eine Wand. Da, wo das Netz das Meer berührte, war – kein Meer. Sondern auf Meterweite leerer Raum. Von einer Luft erfüllt, die zu beiden Seiten des Netzes durchsichtiger war als die übrige und im Sonnenlicht stärker leuchtete. Weder Insekten noch Vögel konnten sich diesem leeren Raum nähern. Das Wasser, der unermeßliche Ozean, stand wie Stein, gierig die Lücke zu füllen, auf die Schiffsreihe zu stürzen, die sich langsam senkte.
Die Schiffsreihe senkte sich. Immer mehr Wasser baggerten die Verdampfer aus dem Innensee, schleuderten es hoch. Die Spitze der ozeanischen Bank, von mächtigen Salz- und Tanglagern bedeckt, stieg höher, je mehr das Kesselwasser sich verdichtete.
In geschlossener Runde wie Kinder, die sich an den Händen fassen, schaukelten die Kolosse. Am Vordersteven die saugenden beißenden speienden Kraniche. Im Rücken das hauchartige Netz, wie ein feines Lächeln vor dem eisernen gebannten Meer, dem schwarzen wallenden stöhnenden, in allen Fugen krachenden Wogenberg. Der Ozean hing bald wie ein Gebirge über ihnen, über den freudigen Menschen. Die Wassermassen stürzten schräg abwärts. Schäumend weiß standen sie vor dem Netz hoch, wie Pferde vor dem Stallmeister; vor dem Netz, das unberührt unbeweglich höher und höher geschoben wurde, schon häuserhoch über dem Deck der zweiundzwanzig Schiffe. Und so hoch umgab sie der schwarzanspülende sich beulende stöhnende Berg des Wassers. Nach fünf Tagen hatten sie Platz in dem luftstillen Kessel. Das wonnige rosafarbene Licht füllte ihn. Die Menschen lachten. Da setzten sie Boote aus. Mutumbo gab das Zeichen, Brücken auf die Sandlager herüberzuschlagen.
Von den Führern getrieben steuerte das Erkundungsgeschwader zurück, südlich. Man mußte einer Schwäche, dem Zusammenbruch entfliehen. Die Menschen bettelten die Führer an, fielen in sich. Sie drängten: man hätte doch die Aufgabe nach Grönland zu fahren; man mußte nördlich. Aber die Führer hatten Furcht und nur soviel Besinnung, um kehrtzumachen. Da ging die Fahrt wieder in die Dämmerung, das Grau hinein. Das Grau, dieses schimmernde staubige, oft stumpfe schwarze des Südens, näherte sich, wurde höher breiter tiefer. Es kam gewaltig wie eine Höhle auf sie zu. Die Erde, die sonderbare, war wieder da. Sie blickten ächzend nach Norden, in Flammen schaukelte das Meer; wie grell das Rosenlicht brannte. Wie es labte, sie nicht losließ. Die Führer selbst stellten sich an die Maschinen, überwachten die Steuerung. Die Schiffe fuhren schleppten die widerstrebenden Seelen mit. In die Dämmerung war man schon eingesunken; tiefer und ohne nachzugeben drangen die Schiffe in den weißlich schwebenden fremden Dunst ein. Kälter wurde es. Die Fahrer staunten: hier waren sie zu Hause. Es gab Expeditionen, sie gehörten zu der Expedition, die Grönland angegriffen hatte. Es gab die Shetlands Eisberge Färöer Kontinent Stadtschaften. Was war das für eine wonnige Gewalt, in deren Bereich sie gekommen waren. Die im Norden leuchtete. Sie trieben klagend hin. Das Meer war heftig bewegt. Das große Feuer brannte über Grönland. Tief überschauerte es sie; das heilige Feuer, das sie aus der Vulkaninsel gehoben hatten. Es war der Brand der Vulkane, der dies gekonnt hatte: sie entzücken, fast bis zur Verwandlung. Die Flammenberge hatten gestampft, schrecklich die Lohe, die sie über das ferne Grönland hinhauchten –, aber diese Wonne. Diese Wonne. Verstrickt träumten sie, sehnten sich; ließen sich nach den Färöer und Shetlands schleppen.
Bebend sahen die Massen sie da kommen. Mit einem Schreck, einer ins Herz zuckenden Angst und Süße, wurden sie gewahr die freudigen stillen Gesichter, erfuhren von Mutumbo, der seine Reiher und Pelikane dazu verwandt hatte, um sich einen Platz auf dem Meeresboden zu schaffen und nicht, niemals, bis zu seinem Tod nicht fortzugehen von diesem Licht.
Kylin schwankte, beriet mit De Barros und den Unterführern. Dann kam man zu dem Entschluß, sich nicht voneinander zu trennen, das ganze Geschwader, wie es Island und Grönland erlitten hatte, nach Norden zu werfen und gemeinsam das Neue zu bestehen, was es auch sei. Die Besatzung des ersten Erkundungsgeschwaders sollte mit einem Rest der Flotte bei den Inseln zurückbleiben. „Habt keine Furcht“ trauerten die Zurückbleibenden, „wie gern kämen wir mit. Ihr habt Angst von hier zu gehen; nachher werdet Ihr nicht zurückwollen. Ach, was Ihr sehen werdet. Denkt an uns.“
Das große Geschwader in die wachsende Helle hinein. Tag und Nacht verschwunden. Leises Schwingen, Erzittern der Luft, fernes Brummen. Dann immer deutlicher eine weit schwebende Musik, hohe Töne, mit Klirren Schmettern untermischt. Die eigentümliche süße Freude, die alle überkam, je nördlicher sie fuhren. Diese Glätte des rosig angestrahlten Wassers. Was waren das für himmlische Dinge. Sie fuhren Boot, kleideten sich aus, seufzten, waren glücklich. Man möchte zu Mutumbo, der bei Jan Mayen saß. Wie klug dieser Mutumbo war, man mußte zu ihm, ihn umarmen. Wärmer wurde die Luft, sie fuhren nördlicher. Weißrosa der Himmel und die Luft um sie. In der Richtung Grönlands war das Licht und seine Farbe stärker, mit Rot und Blau gemischt. Man sah ein Blitzen, Auf- und Abschwellen der Helligkeit wie unter Flammen, kupferrotes Aufglühen, bläuliches Verdunkeln, Schwälen Flackern. In dem warmen Wind heiße Luftfäden. Strich- und rauchartig zogen die Luftfäden über das Geschwader, ringelten das Meer. Sie brachten dann und wann einen schweren bittern Qualmgeruch mit.
Bald traten erstaunliche Dinge vor die Augen der Seefahrer. Federn von Möwen Sturmtauchern wurden von Windzügen auf die Decks der Schiffe und in die Boote getragen. Die Federn waren von ungewöhnlicher Weiche, als wenn sie von ganz jungen Tieren stammten, aber ihre Größe und ihr Bau war der der ausgewachsenen. Sie waren meist verbogen, wie von Hitze geschrumpft und gekräuselt. Dann flogen Blattreste durch die Luft, stark gerippte behaarte Blätter, die man nicht kannte, auch unverständliche kleine Pflanzenteile, die vielleicht Flugapparate von Samen waren. Der tiefe Wind riß unverändert nach Grönland hin, die Meeresströmungen schien er aber nicht abzulenken. Auf dem Wasser schwammen neben den Booten farbige, grüne braune rote Massen, über die man sich freute. Man hielt sie für flottierende Algenkolonien, losgerissenen Tang, in den sich Medusen verfangen hatten. Wie sie aber an einigen Stellen mit den Rudern dazwischen stießen, die Lagen fischten, glitten bunte Federn die Ruderstangen herunter. Man griff nach dem paketartigen gleitenden Gewebe. Es war Tang mit lebenden Moostierchen, Nacktschnecken, aber auf ihm lagen Vögel, unversehrte tote Tiere, groß und ausgewachsen, die mit den Füßchen wie Beeren aneinanderhingen. Und wie man sie noch betrachtete, waren auf die Schiffe selbst lebende Vögel gefallen; ineinandergekrampfte Scharen schlanker und runder Vogelkörper. Meist waren sie erschöpft, starben rasch, wenn man sie nur aufhob. Bisweilen kamen so viele, daß es um die Schiffe regnete. Die Federn der Tiere waren wie die einzelnen, die die Luft hergetragen hatte, von merkwürdiger Weiche; schillerten in Grün Gold Violett Braun. Manche Vögel glühten in Farben wie Schmetterlinge; trugen blendendes Blau an den Flügeln mit goldener Sprenkelung; Rumpf und Hals über den weißen glatten Beinen purpurbehaucht. Die Schwingen der Tierchen waren meist versengt, ja an einzelnen Flächen völlig verkohlt; diese Vögel mußten fast nur durch den Luftstrom hergetragen sein.
Von Osten und Süden fuhr man auf Grönland zu, näherte sich sehr langsam dem klirrenden Feuerherd. Der Wind, bisher wechselnd stark nach Norden und Westen auf den sonnenartigen Brand züngelnd, ließ nach. Sein Schlürfen Singen Stöhnen schlief ein; wie ein Gummiband erlahmte sein Zug; nur eine gelegentliche zuckende Anspannung fühlte man. Das Dröhnen und Hämmern trat ungehindert hervor. Unruhig blies es um sie. Sie mußten die spielenden schaukelnden Boote verlassen. In Schüben wurden weiße Wolkenmassen über den Himmel gestoßen. Öfter verdunkelte sich die Luft. Sanfter Regen. Während sich die Luft stärker verschattete, stürzten Wasserschauer über das Geschwader. Gossen, in Pausen nachlassend, bald so dicht, daß die Menschen blind herumgingen. Sie lächelten wie vorher; die Freude in ihnen war wie aus Erz gegossen. Sie durchfuhren die Regenwand. Windstille trat ein, der Himmel war aufgerissen vor Helligkeit. Aber von Grönland her, dort, von wo das weißeste Licht mit Blau und Rot gemischt über den Himmel floß, näherte sich ihnen, die sich in Kreuzseen bewegten, in einem strudelnden klatschenden Auf und Ab, näherte sich ihnen etwas. Eine Dunkelheit zwischen den bläulichen Flammen. Ein runder Fleck, der sich langsam ostwärts südwärts bewegte, sich her bewegte, sich um sich bewegte. Ein Buckel, von tiefer immer tieferer Schwärze, der im Norden anwuchs herwuchs, gegen sie herstieg. Lautlos die See. Lautlos die wasserdampfenden Schiffe. Die Dunkelheit, eben noch als Schatten heraufziehend, war aus einem Sack, einem Kellergewölbe über das stumme Meer entlassen. Und jetzt war im Süden, weit im Rücken der Schiffe ein Flimmern und Leuchten sichtbar, goldgelbes durchstäubtes Licht; es war Tag hinten. Dies war der sonst dunkle Tag über den Färöerinseln. Ganz klein erschien er wie ein Kindergesicht am Fenster. Sie nahmen es auf den Schiffen stumm mit Wundern an, wandten sich träumend dem Westen zu.
Der Wolkenschild, lichtverhüllend, von Grönland sich nähernd, hatte sich mit einem Glimmerschein umgeben. Am Rand der allerschwärzesten Nacht, die herantrieb, tanzte das Glimmerlicht. Rascheln, böiges Aufsausen, Wühlen, stoßweises Auftoben des Meeres. Durch die anlaufende eindeckende Schwärze zuckende Lichter, blendende Blitze. Donnermassen über dem Meer zerbrechend. Mit jedem Blitz neue Donner zerknisternd. Zwei Pauken: das Meer, der Himmel; hundert Schlägel auf und ab fahrend prallend. Der Himmel zottig schwarz über dem Wasser hängend, stöhnend am Meer. Brüllendes Ringen. In der Verfinsterung Verdampfung des Kampfes, nur ab und zu grelles Äugen. Wogende Seen. Sie hatten die Höhe eines Berges. Trugen in ihrer ganzen aufgesteilten Breite grünliche Kämme, als wären sie bemoost. Der Kamm stürzte nieder; das Grün glitt weiß zerschellend über den eingezogenen Bauch der Welle. Stürzend vergehend wuchs im Vorwärtsdonnern der Kamm. Grün schimmernd, mit ausgebreiteten Armen fuhr die See, das Wellengebirge über das Meer. Lief mit dem Orkan und ihm voraus. Der drehende Wirbel schob sich, das Glimmerlicht vor sich, über den Ozean. Der Körper des Wirbels, zwischen Meeresfläche und Himmelsschwärze donnernd, nahm seine Straße nach Süden. Mit zwanzig Kilometer Geschwindigkeit lief er. Er mähte. Seine Kraft war größer als irgendeine, die vor ihm erschien. Er wälzte den Ozean häusertief auf, schleuderte die Wasserlage vor sich in die Luft, zerriß zerstäubte sie.
Er kam über einen Teil des Geschwaders. Wie er die Schiffe nur mit dem anrollenden Saum seines eisernen Kleides berührte, drängte er sie unter die Meeresoberfläche, erschlug sie mit den aufgehobenen Wassermassen, wallte fluttoste über sie.
Das Glimmerlicht am Rande, Gewitter vor sich, fuhr der Wirbelsturm über das Atlantische Meer an der skandinavischen und britischen Küste entlang, bog nach Westen um, kreuzte den Ozean in seiner ganzen Breite, erreichte die amerikanische Nordküste, zerbrach, über Neufinnland fahrend, Gebäude zerstörend, Bäume wie aus Geschützen schleudernd, an den Randbergen Labradors. Auf seiner Zugstraße verbreitete sich Dämmerung, der Himmel färbte sich kupferrot.
Das grönländische Geschwader kämpfte sich durch. Zyklon auf Zyklon schickte der heiße Kontinent her. Dann traten sie in eine Gewitterzone. Immer von neuem brannte das rosafarbene Licht auf. Unter Katarakten der Regengüsse schlugen sie sich vorwärts. Das süße sehnsüchtige Gefühl erlosch nicht in ihnen. Sie nahmen die Wirbelstürme, Zerbrechen der Schiffe hin. So wenig Mutumbo die Gegend dieses Lichtes verlassen wollte, wollten sie es. Sie erinnerten sich ihres früheren Daseins. Wie störrisch hart sie gewesen waren. Sie weinten, hatten keine Furcht hier zu sterben. Wenn der dunkle Schleier am Firmament erschien, der einen neuen Zyklon anzeigte, – Ringe drehten sich in dem Schleier –, so rüsteten sie ihre Fahrzeuge. Aber im grausigsten Wirbel waren sie, die herumsprangen und lavierten, nicht geängstigt.
Die Gewitterzone überwanden sie. Sie waren schon nahe dem Land, in einer Meeresgegend, die sonst durch Eis versperrt war. Schwüle warme Luft. Blendende Helle, grelles Aufflackern Tag und Nacht. Grüne und braune Massen schwammen auf dem Wasser. Da hörten Schiffe öfter Schreien Schnauben Stöhnen vom Meer herauf. Einzelne Wachen berichteten: sie hätten eine zusammenhängende Bewegung unter dem Meeresspiegel bemerkt, die sich zögernd näherte und in der Nähe der Schiffe endete. Einmal wurde eine Gruppe Fahrzeuge alarmiert. Die Menschen sahen von den Decks eine abgegrenzte meterlange Strecke des Meers stürmisch aufgerührt. Ein Geräusch wurde vernehmbar zwischen dem Klatschen des Wassers: Schlingern Speien Ächzen. Sie ließen Boote herunter, stießen darauf los. Da ließ die Bewegung nach; sie fanden nur Schaum und zerrissenen Tang auf dem Meer. Nördlich der siebzigsten Breite in Höhe der Shemoninsel trieb das Gros des Geschwaders. Die Ostgrönlanddrift floß hier neben der östlichen Spitzbergenströmung. Große sonderbare Baumstämme von tropischem Charakter trug das Wasser. Ein- zweimal schwamm eine ganze offenbar losgerissene Bauminsel an ihnen dicht vorüber. Die Bäume darauf waren geknickt verbrannt; einige wie frisch angenagt. Man fand, sie umfahrend, Blattreste, die von palmenartigen Gewächsen zu stammen schienen. Lebhafter machte man auf den Schiffen Jagd auf die Wesen, die die sonderbaren Meeresgeräusche häufiger und häufiger verursachten. Es mußten unbekannte schnell schwimmende Tiere sein, Wale, die aber keinen Wasserstrahl warfen. An der Spitze des Geschwaders wurde einmal das Röhren und Schnauben ungewöhnlich heftig. Sechs Schiffe fuhren darauf zu. Motorboote wurden von von Deck gelassen, sausten nach der bewegten Meeresstelle. Dort stieg Wasser auf, jedoch nicht senkrecht wie aus Spritzlöchern der Wale. Sondern was sich bewegte, spie schwallartig wagerecht Ladungen Wasser von sich. Die Boote rannten gegen die sprudelnde Wassermasse. Da waren sie schon gekentert. Aus dem Meer aber wand sich der Rücken eines braungrünen schuppenglänzenden Untiers, eines Reptils mit langem Schnabel, seitwärts gestellten blicklosen Vogelaugen, das an seinen dünnen Vorderbeinen eine lappige schwere Haut schleppte. Auf dem Wasser rudernd schlug es die Vorderbeine über dem Rücken hoch. Die wampige Haut spannte sich. Der Schnabel fuhr schnappend hoch, der Rumpf ringelte sich aus dem Wasser auf, das Untier schlackerte mit seinen Flügeln. Stieg unbehilflich wie eine Gans, mit Ächzen und Speien, in die Luft, dicht über der gischenden Wasseroberfläche; verschwand gurgelnd über dem Meer.
Man zog die Verunglückten aus dem wieder glatten Wasser. Das Gerücht von den Tieren verbreitete sich über das Geschwader. Unsägliches Grauen lag auf den Menschen, die das furchtbare Geschöpf gesehen hatten. Es war sicher: man war von Wesen dieser Art umringt. Sie waren es, vielleicht noch andere, die seit Tagen das Geschwader beunruhigten, zwischen den Schiffen ruderten stöhnten verschwanden. Entsetzen fiel auf alle. Die Menschen hatten nicht mehr die Starre der Islandkämpfer. Sie waren in den Wochen, die sie unter dem wonnigen Licht fuhren, aufgelockert worden; Weinen und Lachen kam ihnen leicht. Jetzt wimmerten sie, das Schluchzen fuhr ihnen aus dem Hals, verkrochen sich an den Schiffen, wollten nicht weiter. Was sollte kommen. Jetzt in dem Entsetzen erinnerten sie sich Islands, der stampfenden tobsüchtigen Vulkane. Die waren es, die über Grönland brannten, diese Wesen erzeugten. Weg von ihnen, es war genug. Was taten die Stadtschaften; diese verruchten Stadtschaften, was machten sie mit ihnen. Sie umgingen zitternd die Führer, die sich selbst kaum aufrechthielten, drängten, daß man nach Süden drehe. Und doch war in die Angst vor den Untieren eine andere Angst gemischt: fort zu müssen aus diesem Meer, totes Leben sollte wieder beginnen. Sie fürchteten sich vor der Rückkehr. Die Führer wandten das Geschwader nicht. In wärmere und wärmere Luft ließen sie es treten. Stoßweise ergoß sich Glut über die Menschen, die wieder ganz von jener Furcht gebunden waren, die sie in Island stumm gemacht hatte. Sie suchten sich mühsam starr zu machen; aber das rosafarbene Licht zehrte an ihnen.
Das Wasser floß blaugrün unter ihnen. Ein Quirlen und Quellen, Wühlen und Spritzen überall. Abgerissene Bauminseln umgaben sie von allen Seiten, trieben zwischen den Schiffen hindurch, die ihnen auswichen, kein Boot mehr nach ihnen aussetzten. Zusammenfahrend, die Fäuste vor der Brust, sah man Vögel über sich fliegen, bunte singende tirilierende, in ganzen Scharen. Niemand dachte, sie zu jagen. Man stierte auf sie, ohne einen Eindruck zu empfangen, stand in Erwartung, halber Bannung. Das Wasser war von den grünen braunen Massen streckenweise so bedeckt, daß sie sie umfahren mußten. Manchmal mußten sie die dicken Schichten aufreißen. Tierische Körper waren eingesponnen, mit ihnen verfilzt: tote Ungeheuer, deren Köpfe über den Meeresspiegel traten, lammäßig ruhige Gesichter mit Bärten, blau überspült vom Wasser. Und auf Stunden, wie sich nichts ereignete, wurden die Menschen wieder von dem alten Glücksgefühl überflutet. Alles blieb still bis auf das helle Vogelgeschrei.
In ein Meer von dunkelroter Färbung fuhren sie jetzt. Ganz langsam bewegten sich die Schiffe. Stundenlang ließen sie sich nur treiben. Die Wärme war groß; kein Wind bewegte sich. Über sich an dem strahlenden Himmel sahen sie in großer Höhe schattenhafte Wolkenmassen ostwärts schwimmen. Die Oberfläche des Meeres, burgunderfarben leuchtend, spritzte manchmal Schaum, aber zog sonst gleichmäßig als ein loser und dichter Rasenteppich nach Westen. Der Teppich, aus Meerespflanzen gebildet, war straffer als der braungrüne, den sie durchfahren hatten. Es waren Wiesen, die aus der Tiefe heraufwucherten, bisweilen glitzernd über dem Wasserspiegel hervorragten und Land vortäuschten. Die Wiesen lagen ruhig; bisweilen sah man sie wie Falten eines Kleides sich hochbauschen und wieder glätten. Mit leiser Bangnis blickten die Seefahrer darauf hin, immer in Furcht, daß da ein Riesentier das Meer aufwürfe. Die bunten Vögel, die die Masten besetzten, hockten und sprangen auf der purpurnen Tangwiese unten. Handgroße Steine und Eisenstücke, die man herunterwarf, blieben auf der Wiese liegen. Kleine Tiere, die sonst nicht das Meer bevölkerten, Fledermäuse, sah man sich auf den Rasen senken; leichte weiße Schmetterlinge, die über dem nassen Kraut sich schaukelten, in Scharen die Wiese weißfleckten. Dann lief und ruderte ein schwärzliches Gewimmel durch die Röte. Kleine Tiere, eine Art Ratten, mit bunten Schöpfen auf den Scheiteln. Sie pendelten im Wasser, schwammen dicht beieinander, hielten sich an den Stielen der Algen fest, blickten mit kleinen schwarzen Augen, den Schopf kammartig aufgestellt, um sich. Zwischen ihnen blaue glänzende Zikaden, die sprangen, aber auch Flügel zu entfalten schienen. Von ihnen stammte das feine durchdringende Piepsen, das, zwischen dem großen gleichmäßigen fernen Rollen und Wühlen, aus den Pflanzenmassen herkam. Auf die Schiffe kletterten die Tiere, vor den Menschen wichen sie aus. Die Menschen selbst flüchteten vor ihnen; sie schrien; ein Hauch von Entsetzen wehte sie an, aber sie lachten wieder, kamen sich wie Kinder vor.
Der rote Teppich zerteilte sich manchmal, dann quoll er wieder zusammen. Immer mehr kleine Tiere überschlüpften die Schiffe, Schmetterlinge und Vögel belagerten Decks und Masten. Im Wasser, wenn der Rasen zerriß, sah man größere gelbe und blauschwarze Wesen schwimmen. Sie ähnelten nicht Fischen, mehr mit ihren blanken glatten Leibern Robben; sie kämpften miteinander und mit mächtigen Weichtieren, Nacktschnecken, die an der Oberfläche des Wassers hingen und da atmeten. Die beiden vorderen Fühler dieser Schnecken waren zu starken warzenbesetzten Armen ausgewachsen; mit denen griffen sie nach unten hängend nach den gelben schwimmenden Tieren, drückten, während sie sie hielten, ihre Saugfüße den schnellenden robbenartigen Wesen an den Leib, die rasch die Farbe verloren. Das Wasser um die Schnecken schlierte immer bunt und trübe.
Erstickende wilde Hitze schlug durch die Luft. Gegen eine Benommenheit rangen die Menschen auf den schwankenden Schiffen. Sie hielten sich an den Masten und Geländern fest, stierten lächelten um sich. Sie waren am Hinsinken. Sie träumten: laß kommen, was will. Ihre Brüste beklemmt. Da zitterte vor ihnen die Luft auf. Das Zittern verschwand, stellte sich in anderer Richtung wieder ein. Es schien nichts weiter zu sein, als das Vibrieren der Luft in der Hitze; sie kannten es von Island her, von dem Hauch über dem Glutmeer und über den Lavaströmen. Das Vibrieren erschien bald neben ihnen, die Hitze wuchs aber nicht. Die Flächen der purpurnen Tangwiese, die dichten Büsche des Meerkrauts, barsten manchmal; das meterhohe Zittern der Luft erschien dann, wanderte; überall auf dem Wege dieses Schwirrens wich das Tangfeld auseinander, schnellte hinter ihm wieder zusammen.
Plötzlich stand einmal die zitternde Luftmasse vor einem seitlich auf der Wiese umherirrenden Schiffe, das verschlafen stand. Die Menschen auf seinem Deck betrachteten ohne Bewegung die sonderbaren Luftwellen. Ein Surren umlief die eigentümlich wallende Luftmasse. Da schnüffelten die Menschen verwundert: ein Geruch nach Teer und Salzlake wehte in Pausen stoßend über das Schiff. Sie sahen, wie sich die vibrierende Masse ihnen langsam näherte, daß sie aus dem Meer aufwuchs, daß sie geadert war, ja durchpulst. Sie schwankte in sich. Das Luftwesen –, nun sahen sie es, staunten und erschraken nicht –, schwamm wie ein Haus hoch im Meer. Von schwarzen kleinen Massen, die sich auflösten, war es erfüllt; es mußten Algen und Lebewesen sein, die es in seinen Darm aufgenommen hatte. Vögel, Schmetterlinge hatten bei Annäherung des durchscheinenden gallertigen Gebäudes das Schiff verlassen, pfeifend sprangen ihm abgewandt die blauen Zikaden und buntschöpfigen Mäuse ins Wasser. Das bergehohe Wesen aber blies stärker über das Schiff seinen tranigen Atem. Veränderte –, erstarrt standen jetzt die Menschen, fielen bewußtlos um –, wechselte seine Haltung, drehte sein Oberstes nach vorn. Da hatte es wie ein Pflanzentier, eine Mundöffnung, von einem Kranz flimmernder Bänder umgeben, eine wogende gläserne Wölbung, aus der der strenge Salzhauch in Stößen drang. Die Bänder rollten auf, über Deck, schlangen sich um Masten Balken Menschen. Die Bänder drehten das Schiff quer, zogen es hin vor den tief gesenkten Mund des Tiers. Vor dem tief gesenkten Mund des Tiers kenterte das Schiff. Es senkte sich ins Wasser, wurde von der gallertigen Wölbung aufgefangen, die sich über die Masten und die Decks schob, sich über ihnen schloß. Die Luftmeduse richtete sich auf. Ihre Bänder spielten aufrecht in der Luft. Die Schiffsbalken wurden von ihren krampfenden Eingeweiden, mit Eisenmassen Lebewesen hoch und sichtbar über dem Meer schwebend, aufgelöst, zerflossen in ihr. Schwarze Flecken rannen durch die feine Äderung; der Mantel warf heftig Falten. Das Flirren und Flimmern der Luft ließ nach. Das Tier senkte sich. Tauchte ins Meer ein, zur Seite gedreht, Wasser schlürfend. Die purpurne Tangwiese rollte über ihm zusammen.
Auf der roten heißen Fläche endeten fünfzehn Schiffe. Die Hauptmasse des Geschwaders floh. Ein Teil raste durch das Krautmeer, blieb von Getier erfaßt, im Pflanzenwust verbacken hängen. Ostwärts südwärts stürzten die Schiffe.
Grönland, zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckend, vom Pol in den Atlantischen Ozean ragend, lag unter dem Schleier, den die Menschen ausgespannt hatten. Der Strom aus dem atlantischen Kabel der Menschen schoß über das Netz. Es rauschte aus den tragenden Ölwolken hoch, in deren Buchten und Beulen es sich verschoben hatte. Steif und starr wagerecht in der Spannung stand es. Schwang und zitterte wie ein Tier, das zu dem Bändiger mit der Peitsche und den scharfen Blicken aufsieht. Abschnitte des Netzes zuckten unter Pulsschlägen. Barsten. Funken sprangen aus ihnen. Um die aufgebrochenen Stellen spritzte knatterte es. Stichflammen meterhoch schenkeldick, blau dann weißer, rötlich surrten spiralig auf, jäh sanken sie zusammen nach allen Seiten abfließend. An allen Stellen schmolz das Netz. Die Flammen dehnten sich aus. In Kreisen, die sich schußschnell erweiterten, flog das Feuer nach außen. Überrieselt von einer dünnen Flammenschicht war der hundert Meilen weite Erdteil. Ihr Licht durchdrang die schwarzen Ölwolken kaum; schwach waren die Gebirgskuppen beleuchtet. Da begannen sich die Platten unter dem umsponnenen Turmalinschleier zu biegen. Sie schmolzen. Meter über Meter nach oben und unten vertiefte sich die Lichtmasse, verstärkte sich die Glut. Plötzlich schwoll brünstig haushoch eine Flammenflut von Meer zu Meer über Land und Gebirge, schwoll und wuchs wie eine Mauer in sich zusammen. Die Gaswolken wurden zerrissen, die hängenden Wetterwolken verdunstet. Tagesheller fremdartiger Schein. Tausendfacher Donner schlug in die Lichtzone ein. Durch die rosaweiße Luft zackten Blitze. Die Luft schüttete ihre Wassermassen zur Erde. Sturm fuhr in die Feuersglut ein; den schwellenden Brand konnte er nicht umfassen; er prallte von ihm zurück, rieselte warm, besänftigt auf. Über dem Meer lagen die Stützpunkte des Schleiers, Netzteile, die den Gluten widerstanden. Auf den Ölwolken dieses schmalen Randes ruhte das ganze Netz.
Die Hitze, das ungeheure losgelassene Wesen, tauchte in den Abgrund des Eislandes. Hauchte das Land an wie der Atem eine Glasscheibe. Die Luft unten trübte sich neblig, Dunst erhob sich. Das Land wogte unter grauen und weißen Wolken, die unmerklich dann wrasenartig vom Boden aufstiegen, in Schwaden über die Schnee-Ebenen, an den Berghängen sich hinkrümmten, ringelten brodelten. Wirbelnd schwollen sie, in ganzen Strudeln sich drehend, milchig verdichtet, das Land verbergend, ein aufsteigendes gasiges Meer. In Fäden tastete der Dunst nach der Glut. Die blanke Platte des Inlandeises beschlug sich mit Nässe. Auf dem Eis wollte das hintropfende Wasser wieder gerinnen, aber die Hitze hielt es, hielt es weich. Mehr mußten die Eisplatten die Höcker hergeben. Wasserrinnsal über die Ebene hin. Der Schnee der Wüsten sinterte. Die meilenweite Schneebreifläche wurde von der Glut geschoren. Sie plattete ab. Ihr reines weißes Gesicht, ihre duftige Weiche verschwand. Dunkler färbte sich das Land. Die Bäche verbreiterten sich, die Klüfte des Eises, in denen Ströme mit Tosen zogen. Es knatterte knarrte dumpf in der ungeheuren Platte des Islandeises. Es surrte auf, schoß. Spalten taten sich auf.
Die große Kraft saß oben. Ein Funken des Kabelstroms hatte sie gerufen. Für die Augen war sie kenntlich: strömte rötliche Helle, die sich nicht mehr steigerte. Die Berge, die reißenden Flüsse, die blauen Firnen, Schneewüsten, Gletscherläufe, augenlos ohrenlos gefühllos, nahmen sie im Innersten wahr. Die große Kraft, die Glut, saß nicht oben, sie drang nach oben, unten, den Seiten, schob sich in Starres und Loses ein. Wie eine Krankheit und Liebe fiel sie die Dinge an; sie erlagen und sanken. Das Größte Kleinste Festes Flüssiges griff sie an, war wie ein Ruf ins Tal: von allen Seiten hallte es wider. Wie die große Kraft sich auf das Land herabließ, lief sie in die Adern der Dinge, erweichte sie, blähte sie auf. Kein Wesen war stärker als sie. Sie wußte nichts von Fjorden Gletschern Küstengebirgen Eisplatten Bächen Schneeflächen, war blind für das Riesige Ausgedehnte; an das Feinste wandte sie sich und da fand sie den Zugang. Erkannte im Store Karajak Gletscher das Wasser, das Dunst werden konnte. Die Breite der schwer schiebenden Assatak Tuarparsuk Atlaksoak machte ihr nichts. Blau war das Eis der Firne, die Spalten der Räume spielten grünlich, die Schneebreiebenen zogen weiß durch das Inland: dies war Wasser. Und konnte Dunst werden. In die Spalten des Eises der Berge der Gletscher, in die unsichtbaren Spalten des fließenden Gewebes der Ströme Seen Bäche Brunnen senkte sich die Hitze. Jagte sie auf zu Gas Dunst Wolke.
Ein Massiv aus Granit und Gneis lagerte Grönland, von kalten Meeresströmungen umflossen, über den siebzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten und achtzigsten Länge. Die Wesen, die glühend aus dem Erdkern stiegen, Kieselsäure Magnesium Aluminium Sauerstoff, hatte die finstere Urgewalt, die Kälte, angefaßt und nicht losgelassen. Sie war die größte Macht, Herrin der Unermeßlichkeit, erfüllte den Äther. War Formerin, Gebärerin der Gestalten, die das Feuer verlodern ließ. Ungeheuer trug die Finsternis und Kälte die Gestirne, die nur Strudel in ihr waren.
Das Flackerlicht des Schleiers über Grönland nahm mit ihr den Kampf auf. Über das Ruhende Milde kam das Tosende Rasende. Hohes Singen des flammenbrünstigen Netzes; die Flamme schien alle Dinge, Luft Eis Gebirge, zu ihresgleichen zu machen. Wasser liefen über dem Gesicht des Eises. Die Felsklippen im Eis, die Nunataks, gaben ihre dünnen Schneelagen her, enthüllten bis zum Fuß ihre schwarzen Wände. In die Fugen des steinartigen Baus der Firne und Gletscher stieg die Hitze. Überrieselt wurden die Eislager, die langsam drängenden Ströme. Wie Wein einem Betäubten wurde den Bergen die strahlende Kraft eingeflößt. Sie nahmen sie mit verklemmtem Mund auf. Aber die Hitze rieselte in ihre Eingeweide. Durch die lastenden eisigen Kolosse lief die Wärme, und alles was in ihnen war, fühlte sich angefaßt. Zum Aufbeben waren sie gebracht, wie die neue Gewalt über sie kam, die sie von Urzeiten kannten. Die Firne stemmten sich auseinander, Luft saugten sie auf. Ihre Hohlräume, von Wasser plätschernd, erweiterten sich wie Lungen. Von Röhren Gängen wurden sie durchlöchert, Gewölbe unterminierten sie. Es floß von ihnen ab, Wasser, zu dem sie sich verwandelten erweichten. Das lustige weiße klingende Wasser. Schäumende Läufe in den Leibern der Firne; Schellen und Schlittenfahrt. Aus weiten Gletschertoren stürzten die Gewässer entbunden hervor. Nagend umspülten sie die blauweißen Säulen der Gletscherhallen, erwärmte schmelzende drängende Wasser. Gewölbe Firne zitterten unter der hebenden Wucht. Lechzend wühlten sich die Quellen durch das Eis, schnitten in die weißen Gemäuer ein. Von den gedehnten sturzsüchtigen Säulen troff weißes Wasser, immer neues Wasser. Im Klingen Klirren des Wolkenschleiers das Puffen Erdröhnen der sterbenden hinsinkenden Gletscher und Firne. Durch ihre Leiber, in den Eisfelsen wirbelte ein unregelmäßiges Auf und Ab von Trommelschlägen, bohrendes erregtes Wasser. Der Dunst lag bergehoch über dem Land.
Die Küstengletscher glitten rascher hin. Sie drängten in die Fjorde; von rückwärts, aus dem Inland wurden sie gestoßen. Über ihre Köpfe, ihre Rücken herauf stiegen Eismassen. Ein brandendes Eismeer war im Inland entstanden. Schollen und Schichten drängten sich zusammen, türmten sich aneinander auf, rannten sich splitternd fest. Das Inlandeis, die Firne hatten sich auf die Wanderschaft begeben. Sie schwammen auf dünnen Schichten des leckenden Wassers. Die Gewölbe unter sich hatten sie zerknickt, das Wasser aber hatten sie nicht pressen können. Das lief vor ihnen her, und wie es quoll, trug es sie. Unterschmolzen wurden die Massen; sie mußten gleiten schwimmen. Auf dem sanften biegsamen Wasser schwammen sie. Ihre Wucht war in Jahrtausenden gewachsen, in der Finsternis, zwischen langen Wintern, kurzen Sommern. Schnee auf Schnee war über sie gefallen, von Stürmen zugetragen, war geschmolzen vereist. Der Wind hatte den Schnee nicht mehr abgeblasen, immer mehr Schnee wurde an das Eis geheftet, das Gebirge konnte ihn nicht abschütteln, die Eismassen umschnürten die Felsen, wuchsen von den Hügeln auf, belagerten sie. Dann war das Land nichts als eine Fußbank unter ihnen. Sie quetschten es breit, zerrieben seine Fältelung. Jetzt waren sie erschüttert. Unsicher ließen sie ihren Sitz los. Und sie waren nicht allein. Hinter sich fühlten sie es sich schieben. Sie wurden gehoben, von ihrem Platz geschleudert, von unten herauf gehebelt. Unsichtbar noch die Bergwände Täler, die versunkenen stillen, die die Erde hochgetrieben hatte und die das umwallende Meer nicht hatte übersteigen können. Aber die Last über ihnen schwand. Die Talmulden wurden von dem wandernden Eis ausgefüllt, die Grate erklettert übertürmt. Da wogten die Gletscher aus dem Inland gegen die Küsten heran. Wie eine Frau, die die Kleider anrafft und den Straßenstaub aufrührt, peilten die trägen Grundlawinen den Boden aus, zerschrammten Felsen, mischten sie in ihre Masse. Ihre drängenden Haufen umflossen die Nunataks, knickten sie, rollten; zerrieben ihre Trümmer.
Wasser, das große Element, am wildesten von der Hitze und Kälte umkämpft, war auf dem Plan. Triefende weiße trübe Massen; dieses Schwemmen Lösen Schleppen Hinstürzen Zerplätschern. Das Wasser sprang zehnmal an, glitt ab, warf zuletzt um, eilte weiter. Es drang mit der Hitze in die Gletscher die Erde, lockerte auf. Die Nebelschleier, gasige feuchte Meere stürzten nieder. Erst regnend, dann in Flüssen kamen die Wassermassen auf das Land zurück. In der Nässe zergingen die letzten Schneefelder. Die Firne und Gletscher, die nicht ihre Lawinen ins Meer gestürzt hatten, blieben schwer liegen. Zersprangen zerflossen, vom weichen Wasser geschaukelt.
Die Berge Hügel Ebenen des zerdrückten uralten Landes zeigten, überschwemmt, von meilenweiten Seen bedeckt, katarakterfüllt, ihr verwüstetes Gesicht. An den Küsten drängten sich noch die Gletscher, die Gebirge übersteigend; ruckten sackten ins Land zurück. Blind dröhnend rannten noch Gletscher vorwärts, mit zerknisternden Decken, dann schon überflutet, von der Nässe gelähmt, standen vor Felsen, taumelten, mauerten sich an ihnen hoch, sanken ab, schnurrten, wurden kleiner grauer, wogten als Schollen.
In eine Wüste von Blöcken hatte sich das Land verwandelt. Die Seen dampften und schwenkten Eisbröckel. In den Tiefen wühlten die letzten Gletscherreste. Das Inland gleichmäßig glatt und ruhig unter der glutenden Luft, mit wenigen dunstenden Hügeln bestanden. Nach den Küsten stürzten Wasser; da hatte sich ein Wall gebildet aus den Trümmern und Erdlasten, die die Gletscher fortgetragen hatten; die Wasser mußten sie durchwühlen.
Es war an dem Tage, an dem die ersten Erkundungsschiffe der Menschen über den Ozean fuhren, da bewegte sich die Erde. In großer Ruhe stieg Grönland, das Erdmassiv, das vom Pol in das Atlantische Meer ragte, auf. Stieg wie ein Korken auf, der tief in das Wasser gedrückt ist und den der Finger losläßt. Von der gebirgsschweren Last der Firne Gletscher des Inlandeises war das Land befreit. Es hob sich leicht. Hob sich über der schweren flüssigen Masse des Erdinnern, die es trieb, bis an seinen neuen Ort. Das Land, Berge Ebenen Hügel Küsten, schob sich in die Höhe und zerriß von Norden nach Süden.
In wenigen Tagen war alles ausgeglichen. Grönland, noch eben ein Erdteil, war zu zwei großen Inseln geworden, die meilenweit durch ein flaches Meer getrennt waren. Rauchende Inseln wuchsen langsam aus dem Wasser. Inseln verschwanden wieder. In die westliche große ergoß sich eine tiefe Meeresstraße.
In dem riesigen Umkreis der Flammen, wo das Licht matter schien, die Glut nachließ, begab die Erde sich auf die Wanderschaft, um dem heißen Eiland näherzukommen. Die Welt um Grönland, als wollte sie das Feuer löschen, wucherte in die Flammenzone ein. Ein Wall bewegte sich auf die grönländischen Inseln hin, so dicht, daß das Meer fast abgemauert wurde. Aus dem Randgebiet kam ein Riesenlager von Lebendigen dem Glutenherd näher. War wie Flamme und Wasser, bereit alles zuzuschütten. Die Luft durchdrang es. Bald war es ein Rasen, eine meilenweite tiefe Wiese, bald ein Wald über dem Meer, ein grünes Meergebirge, das vordrang. Was unten nicht heftig genug wuchs, trieb oben vor, schickte ungefesselte Tiere, die liefen schwammen flogen. Kilometerdick waren die Pflanzenschichten, die purpurn grün braun das Meer überschaukelten. Wo sie sich den heißesten Strahlen näherten, waren sie so dicht, daß das Wasser sie nur in Kanälen durchdrang, daß sie oben trocken lagen, Sturzwellen sie nur gelegentlich überschlugen.
Im Westen wuchsen aus wallenden Laminarien Bäume auf; Lassonien mannsdick, mit scharlachroten Blattkronen geschmückt, ließen Zweige herabhängen. In diesen wasserdurchzogenen Wiesen, lustigen Wäldern wuchsen verkamen zahllose Tiere. Verstrickten sich in den Maschen der Pflanzenwelt. Es trieb sie in Scharen in die Lager. Die schwimmende Wiese hob und senkte sich, straffte sich, erschlaffte. Mit jedem Anheben wurden wie durch Ausatmung Tausende Keime und Tiere herausgepreßt, strudelten in das Wasser. Sie wurden geschnappt von denen, die eben anschwammen, gebannt lauerten. Zu einem einzigen hauchenden Wesen wuchsen Wälder und Wiesen des Meeres ineinander. Fische Würmer Krebse suchten sich durch die Blätter und Stengel durchzusägen; aber die Last der Wiese war ungeheuer. Die Tiere wurden zusammengepreßt, ihr Saft troff, mischte sich mit dem weißen der geknickten Stengel, ausgelaugten Blätter.
Es gab in dem Grönland umziehenden Gewebe nicht zu unterscheiden Lebendes und Totes, Pflanzen Tier und Boden. Pflanze legte sich an Pflanze, hielt langsam schwimmende anschnellende Tiere mit Ranken, stützenden Blüten fest, die Tiere wurden ihre Teile. Diese Pflanzen hatten selbst Saugwurzeln Stützwurzeln von allen Stellen her. Ihre Blütenhaare Ranken bildeten sie zu Saugern Füßen Kiefern aus; waren Tiere und Pflanzen in eins.
Auf Blumen saßen krebsartige Wesen. Saßen ganz still. Mit ihren Schwanzfächern schlugen sie von Zeit zu Zeit Ranken ab, die sich um sie legten. Mit den beiden gekrümmten säbelartigen Raubfüßen bohrten sie in dem Blütengrund, rissen Wunden in den Schaft, schoben ihre Kauladen an, sogen. Manche Pflanzen trieben Röhrenblüten; in den Hüllkelchblättern saßen graue Krebse; in die Fruchtknoten hatten sie ihre feinen Kauladen getrieben; aus den Saftröhren des Pflanzenwesens floß ihnen Nahrung. Sie ließen manchmal auf freieren Wiesen den Blütengrund mit den Füßen los: als wären sie ein Pflanzenteil ragten und flottierten sie, mit wallendem Schwanzfächer, über dem Kelch im Wasser, um gleich, wenn sie verdrängt und abgerissen wurden, mit kurzen drehenden und wühlenden Bewegungen sich neu einzubohren.
Da saßen Geschöpfe an den Pflanzen, waren Spinnen. Unter den Blattachseln wuchsen sie hervor, schickten ihre Spinnfäden heraus, die sich fest um Nachbarstengel rankten. Tintenfische, ungeheure Leiber, mit vielen Armen, hatten ihre Augen geschlossen. Der muskelstarke Mantel hielt still, war straff gebläht, das Pflanzengewebe hatte seine Fortsätze in seine Höhlung getrieben, die großen Adern hatte es umwuchert, das Tier war nicht tot. Sein Herz schlug; in seinen Darm mündeten die Spalträume der Pflanzen; das Herz trieb träge den Saft anderen Tieren, anderen Pflanzen zu. Stengel Blätter Knospen wurden abgeschnürt, Glieder von Medusen Seesternen; die Teile wurden hier aufgesogen, dort waren sie schon wieder von einem Wesen gefangen, das sich dem losen Medusenarm anpaßte, ihn zu seinem Rüssel Stachel Deckblatt Saftröhre machte.
Feine Algen durchwuchsen Nacktschnecken, es war keine Schnecke mehr: ein Algenbusch schaukelte über dem weichen Bett.
Auf den rosig bestrahlten grönländischen Inseln hatte sich nach der großen Erderhebung alles verändert. Ihr Boden war gestaucht verworfen. Bloßgelegt waren Erdschichten und Gesteinsmassen einer uralten Erdzeit. Die Tiertrümmer Samen Pflanzen, Splitter einer jahrmillionenfernen Zeit waren wieder dem Licht preisgegeben, jetzt einem anderen Licht. Diese Sonne, die über Gebirge Ebenen Seen jetzt übertropische Wärme warf, war von wilderer Gewalt als der ferne alte Gasball. Unter dieser Sonne, die dicht über ihnen lag, erhob sich das Begrabene und Tote. Die Sonne riß es hoch. Wie die Maschinen, die die Islandfahrer auf den Brücken vorgeschoben hatten, die bröckligen Steinswesen bezauberten, Verbannten ähnlich, die man auf der Straße in ihrer Muttersprache anredet, einer Frau ähnlich, die verdorrt und eine Umarmung, ein sanftes Wort erfährt, oder wie Völker, die man unterjocht hat und die sich finden, – das Glück bringt sie zum Weinen, – so drang das heiße rosige Licht auf die Trümmer der alten Erde, umfloß umspülte bewältigte sie stürmisch. Schoß in ihr Herz.
Es kam ein Schmachten Wüten in die Dinge, daß sie sich bogen und streckten. Langsam regten sich die Gesteine. Die Ebenen des Landes hoben sich, überall wuchsen die Lager aus, drängten hoch, schoben sich übereinander. Rascher waren die Moose Algen Farne Gräser Fische Schnecken Würmer Eidechsen großen Säuger. Keine neuen Keime flogen über die See herüber. Die zermürbten Trümmer der Kreidezeit, Knochen Pflanzensplitter fanden wieder Leben. Dies wütende Licht backte zu Leibern zusammen, was es fand. Die Knochenwirbel, die zertrümmerten Skelette tranken in dem Lehm die Gletschernässe, zogen sich aneinander. Aus dem Lehm strömten ihnen Stoffe zu, die sie zu ihren Leibern machten, die sie um sich legten; Erde, quellendes Wasser, Salze. Es wandelte sich in ihnen und an ihnen schon um zur Art ihrer Körper.
Um alle Reste und Trümmer ballte sich die Erde zu Lebendigem, quoll auf. So wild war der Drang zu Leibern zu finden, zueinander zu fließen und sich zu bewegen, daß überall auf den Inseln das bloßliegende Land in ganzen Strichen barst, sich hier zusammenrollte zu einer wimmelnden Masse, dort wie vom Regen getroffen aufwucherte unter baumartigen Gebilden. Es waren keine Wesen, wie sie die Erde früher getragen hatte. Um bloßliegende Glieder, Köpfe Knochen Zähne Schwanzstücke Wirbel, um Farnblätter Stempelteile Wurzelstümpfe sammelten sich die Wasser Salze Erden; oft wuchs es sich zu Geschöpfen aus, die den alten dieser Erdzeit ähnelten, oft drehten sich sonderbare Wesen, sogen an der Erde, tanzten. Das waren Köpfe Schädel, deren Kiefer Beine geworden waren, der Rachen ein Darm, die Augenlöcher Münder. Rippen rollten sich als Würmer. Um eine Wirbelsäule strömte zusammen die lebendige Erde, befestigte sich. Es war, als wenn ein Adergeflecht nach allen Seiten ausschoß von den Knochenresten, als wären sie Kristalle Keimpunkte in der übersättigten Lösung. Und was um die Wirbelwesen lag, von den Adern berührt wurde, faßte es an, zog es zu sich her, ob es selbst Leib gewinnen wollte oder nicht. Die Würmer, die sich um die Rippen gebildet hatten, zog, wenn sie nicht flohen, das Wirbelwesen an seinen Mund, pflanzte sie sich neben seine Lippen ein; sie schluckten vorverdauten für ihn.
Kuglige Wesen rollten von Hügeln ins Land. Sie hatten die Art von Lawinen. Um sie spielte das Geäder unersättlich; wie sie rollten, backten sie an ihren Leib, was sie fassen konnten, versenkten die Adern in das Ergriffene. Auf Hügeln blieben manche dieser sich blähenden Wesen hängen; wuchsen in die Hügel ein, um sie herum. Unter ihnen hatte ihr spürendes Geäder ganze Lager kleiner Wesen erfaßt, die sich im Schneckengehäuse, um Korallenstäbchen geballt hatten; mit denen panzerten sich die Kugelreste. Die Felsen wurden von der wuchernden Kraft der Samen zersprengt. Es gab Geschöpfe, die sich riesengroß schwerfällig fortbewegten, ganze Hügel in ihrem Leib. Bröckel ungeformter und sich selbständig bewegender Erde schleppten sie mit sich, sie träufelten es von sich ab, zogen eine Bahn Lebens. Niemand war bedacht auf Angriff und Verteidigung; sie schleppten sich auf, trieben aneinander, rieben sich, verschlackten sich, wurzelten zusammen, über- und untereinander.
Die Trümmer der Gräser Laubbäume der Palmen Oleander Nadelhölzer wurden von dem Licht berührt. Sie zogen ihre Nachbarschaft an sich, die rollte auf sie zu, wie ein Blatt, das sich unter der Flamme kräuselt. Reste verdorrter und erstickter Lorbeerbäume lagen auf geöffneten Sandsteinplatten, zwischen dem Schutt der Felsen, die die Sonne zersprengt hatte. In ihre Blattrippen, zwischen ein Netzwerk der Nerven wurde die lebendige Erde gesogen. Von den Blattrippen, den Nerven ging die Lockung aus; zwischen Blattrippen und Nerven senkte sich, gerissen, die Erde ein, schichtete sich um Spalten, wurde durchädert, farbige Pflanze. Blätter erhoben sich von den Felsplatten wie Kuchen aus ihren Pfannen; breit und dick. Sich aufrichtend wuchsen sie zur Höhe von Büschen, immer im Wirbel von den Seiten den Erdstoff ansaugend, der wie schweres Öl floß. Prall standen die Blätter, die riesigen gemästeten Gebilde. Oft fingen sie an sich zu bewegen. Denn unter ihnen wuchsen gepanzerte Schildkröten, auf deren Rücken sie verankert waren. Und auf dem Rücken der Tiere wandelten sie ins Land.
Und weithin die Landschaften der Schopfbäume mit dichtgedrängter Belaubung. Überall wuchsen sie auf den Spuren von Tieren, die die Samen der Bäume mit sich vergossen. Baumartige Gräser schossen hoch, in dichten Gebüschen, undurchdringliche Klumpen, Stamm auf Stamm aus einer Wurzel; die Spitzen der Gräser hingen bogenförmig über wie hohe Trauerweiden.
Oft rissen sich Bäume und Tiere nicht ganz aus dem Boden, blieben drin stecken, waren ein Mittelding zwischen wuchernden Erdstoffen und lebendigen Wesen.
Oft schleppten sie wie einen Eidotter Erdmasse mit sich fort, Beutel, ganze Säcke, an Strängen wie Nabelschnüre und fielen hin, andern zum Opfer, wenn der Dottersack leer war.
Oft fuhren Gebüsche drohend wie Arme gegeneinander, schienen sich ersticken zu wollen. Dann brachen ihre Äste bei der Berührung; sie schmolzen zusammen; gemeinsam flutete ihre Nahrung in alle; ein großes Wesen erhob sich.
Zwischen den Gingko Tulpenbäumen trieben Lianen auf. Sie nahmen sich keine Zeit zur Ausbildung von Blättern. Matt an die Bäume gelehnt, um sie herumklimmend wuchsen sie über die Stämme hinaus. Die fremden Blätter umwickelten sie mit ihren Windungen. Sie waren gefräßige und strenge Wesen. In die Bäume wuchsen sie heimlich ein; die waren ihr Mutterkuchen. Den Saft der Erde bekamen sie vorverdaut. Während die Bäume unter ihnen verdorrten, ließen sie ihre Blüten bunt wie Fahnen über sie hängen.
Schweigsames Düster der Wälder. Säulen völlig grade astlos aufstrebender Stämme, ununterbrochenes Laubdach; Linien rosigen Lichts durchfallend. Korkzieherartig umwanden sie die Holzseile der Gastpflanzen. Von Stamm zu Stamm zogen sich die Drähte, über die tierische Geschöpfe krochen, von denen sie wie Fledermäuse herabhingen. Die Tiere rissen sich von den Bäumen und dem Boden los, schrien durch die Wälder.
Platanen der heißen Ebenen, Mangroven Brotfruchtbäume. Die Riesenfarne, die wie unerschöpfliche Mütter und Väter dastanden und zeugten. Ihre Blätter strahlenförmig im Kreis wie Speichen eines Rades. Lebendig gebaren diese Pflanzen; der Keimling entwickelte sich schon an der Kehrseite der starken Blätter; seine Sprossen hingen in Fäden von den Blättern herab.
Das unaufhörliche Niederpreschen der Stämme. Sie brachen oft ganz mit Belaubung und tierischer Last zusammen und quollen über den Boden. Zum Teil vermochten sie nicht zu fallen; Leichname standen rechts und links; kräftigere Wesen verschlangen sie. In der Dämmerung und Dunkelheit wuchsen neue auf, trugen ihre Schirme über die Wipfel und Baumkronen, breiteten neues raschelndes Blattwerk aus.
Die Wälder, Tiere beschützend, schoben sich wie Schilde hoch. Unter der Glühhitze flammte die bunte Holzmasse oft auf. Sie krümmte sich brennend am Boden. Schlürfte und schlüpfte schon wieder auf, warf neue Dunkelheit unter sich.
Verwüstend brachen durch die Wälder die Riesentiere. Die aus den Seen auftauchenden wandernden Gallerten, die sich an Küsten ansiedelten, Bäume und Wiesen verschlangen. Wäßrige Geschöpfe, die ganze Flußläufe überbrückten, den Fluß durch ihren Leib laufen ließen, sich zusammenkrampfend ihn absperrten und von sich spritzten. Teiche wurden aufgehoben und wanderten samt Reptilien und Pflanzen in ihnen; sie schaukelten im Wanst eines keuchenden schluckenden augenlosen Riesenwesens, das sich drehte tastete sich lang flaschenartig auszog nach dem Licht.
Die grönländische Insel, von dem Rosenlicht begossen, in der tropischen Wärme, war kaum mehr Land, das dalag und Wesen erzeugte. Die Inseln glichen, wie sie zum Licht schäumten, einem langsam aufdrängenden halb erstarrten Meer, das bald grüne, bald purpurne Wellen übergipfelten. Durch die Wellen schoß manchmal eine Flamme; dann sank das Meer schwarz und qualmend ab. Die Flammenbrunst lief in irren Linien über die Inseln, übersprang die Meeresstraßen. Ganze kleine im Meere lagernde Landmassen hüllte sie ein; wie der Dampf verblasen war, wallte die Erde schon wieder bunt auf. Dieses Feuer war oft nicht von außen in die Berge Waldungen, herangetragen worden. Es brach, wenn das Wüten dieser lebendigen Wellen zu hoch gestiegen war, die Baumkronen himmelhoch über dem Boden aufgewuchert waren, aus den rastlosen Leibern selbst aus. Aus Ästen Knospen stachen züngelten die kleinen Flammen. Die Lianen reckten sich im Licht auf; aus ihren Stielen warfen sie keine schweren Blüten, sondern zischelnde Flammen, die den Leib der Pflanzen nicht angriffen, sondern von unten wurden die Flammen genährt, brausten weiter und länger aus. Bis ein furchtbarer Streit zwischen der Flamme und dem Pflanzenwesen Baumwesen entstand. Heftiger wütete der Baum, bissiger trieb die Flamme abwärts. Die Wut des Baumes speiste die Flamme. Weg mußte der Baum und die Pflanzen um ihn mit. Ihr Rasen nährte die Flamme. Die Bäume verkeuchten sich in Feuer. Wüteten Flammen in Flammen, verbrausten in die Luft.
Eine Flucht kleiner Vögel und Insekten machte sich aus den Steinlagern, den uralten Kreidemassen auf. Die Papageien grellbunt und üppige Fasane flogen hin, schnappten schrieen. Kopffüßler Schwämme Schnecken erhoben sich neben ihnen aus der Erde, glitten in die Wasser, mischten sich mit anderen Wesen, die über sie kamen.
Straßenlange Schlangenleiber ringelten Echsen über die Felsen, stürzten sich ins Wasser, die erst blassen, dann schwärzlichbraun anlaufenden Wesen, denen Stacheln aus den schmalen bezahnten Schädeln wuchsen und die unten im Wasser brünstig grunzend mit ihren breiten Schwimmschaufeln wateten. Wie diese Tiere das Wasser durchschwammen, kämpften sie mit anderen, mußten sich in dem Wust des aufkommenden, sie selbst durchrieselnden, über sie zusammenschlagenden Lebens behaupten. Von Felsenplatten, von der kochenden umdunstenden Erde lösten sich die abenteuerlichen Wesen ab, die sich zuerst nicht entschieden, ob sie mit dem Schwanz und den Füßen in der Erde wurzeln wollten, die dann ihre Glieder vom Boden wie von einem Teig abzogen und schon dumpf um sich blickten, die Bäume betrachteten, mit ihren Riesenkiefern in die weichen Stämme hieben. Schwer standen sie auf der wühlenden Erde, den muskulösen Schwanz angestemmt, mit den beiden Stirnhörnern Bäume rammend und fällend. Die Bäume nahmen sie wie Gräser in die Mäuler, zermahlten sie mit den Kronen Gastpflanzen und hängendem Getier.
Langhalsige gebuckelte Ungeheuer zogen sich einzeln und in Gruppen durch die lärmerfüllten Täler, über das Flachland. Vor ihrem donnerartigen Gewieher erschraken sie selbst. Von einer Doppelreihe hoher Knochenplatten war ihr Rücken bestanden, ein Knochenkragen schützte den Hals, aber vorn bewegten sie menschenähnliche trübe gewaltige Häupter langsam hin und her. Wasser lief aus ihren Augen. In Wälder brachen sie ein. Aber sie zitterten, standen still, warfen sich um sich, als sie von fuchsartigen roten Tieren in Scharen überlaufen wurden, die sich in ihre Augenhöhlen Ohren zwischen ihren Zähnen festzusetzen suchten, die sie abschüttelten zertraten. Aber immer liefen die Füchse von rückwärts und über die Füße an, stürzten von den Bäumen herunter, in deren Seilgewirr die Ungeheuer sich verstrickten. Sie wieherten in Schmerzen. Ganze Haine verwüsteten sie, sich hinwälzend. In Flußläufen suchten sie sich zu kühlen. Da zerschellten viele. Aber die Erde blieb in einer einzigen Erregung. Und wie sie zerschellten, strömte und ballte sich schon das Leben wieder um ihre Glieder und trieb durch das Land.
Von den Felsen der höchsten Berge stürzten sich Vogelwesen in die lebendige Brandung. Mit Hälsen wie Giraffen, die Flügel breit werfend, trugen sie auf ihren langen Krokodilsköpfen ganze Wiesen und Bäume mit sich. Maulwurfsartige Wesen, die zwischen ihren Flügelfedern nisteten, verließen sie auch im Fluge nicht. Diese zähnefletschenden Vogelechsen brauchten keine Hörner zum Rammen und Spießen. Die Hügelteile, die sie auf ihren Köpfen mit sich trugen, trieben Spitzen hervor, die die Härte der Steine hatten. Die großen Meuchler erschienen, diese schlagenden krallenden stürzenden Wesen über der Brandung Grönlands. Sie wüteten schlimmer als die Flammen, schlitzten die wandelnden Gallerten auf, zerquetschten sich senkend Tiermassen.
Nach oben zuckte das Leben der Inseln. Nun begann es bedrängt überquellend nach außen zu fluten. Der Schwall der Vögel setzte sich in Bewegung. Die Lauftiere flüchteten vor den schwirrenden zerschmetternden Unwesen. Sie suchten das Wasser zu überschwimmen. Liefen über die Tangwiesen. Nach Süden Osten Westen quollen die Tiermassen.