Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 29

Mitmann, wenn deine Freundin sich nach deiner Mitfreundin erkundigt, tut sie es nicht immer aus Eifersucht, sondern manchmal auch aus Neugierde.

„Vielleicht steigen wir in Erfurt aus und kaufen der Tante Sonnenblumensamen für die Papageien,“ sagte Jappes in Ritschenhausen zu Armida, „dort gibt es die größten und besten Sämereien.“

„Du scheinst dein Herz ummöbliert zu haben seit deiner Münchener und Stuttgarter Reise,“ warf Armida nachlässig hin, „und wenn du mich ganz ausrangieren willst, tu es bitte gleich und gebrauche keine langen Flausen, dich von meiner Nebensächlichkeit zu überreden.“ Dabei sah sie seltsam-schön aus. Um ihre Lippen zuckte ein nervöses Lächeln und ihre Nasenflügel erbebten. Sie hielt die Augen geschlossen und die Locken tropften über ihre Stirn. Ihr leichtbrauner Teint, der sich unter den untern Lidern zum Halbbogen verdunkelte, diente dem kastanienbraunen welligen Gelock als Folie. „Gott, die Circe ist schön,“ dachte Jappes. So seltsam unruhig hatte er sie nie gesehen. „Die Galle muß ihr ins Blut gelaufen sein,“ phantasierte er weiter, „sonst ist sie weiß wie Alabaster und flaumig-rosig wie ein Pfirsich,“ aber von ihrem Gesichte kam er nicht mehr los.

Sie saß unbeweglich und ein blaugesprenkelter Reiseshawl wehte um ihren Kopf. Sie schien dem Poltern der Räder zu lauschen und ein rieselndes Vibrieren durchlief sie. Die eigenartige Wollust des stampfenden Rollens zeichnete zuweilen in ihren Zügen die Gier, sich von diesen drehenden Rädern zermalmen zu lassen. Jäh zuckte sie dann zusammen und ein Schauer krampfte in ihr. Ein Schauer, der ihr die Lider preßte. Sie riß die Knie aneinander und biß die Eckzähne zusammen, daß ihr Gebiß aus der klaffenden Muschel der Lippen leuchtete. Ein frostiger Schauer warf ihr die Schulter hoch und eine Sekunde oder zwei schien sie im Trancezustand, so entrückt war sie allem Irdischen. Wie das Meer war sie, im jähen Wechsel zwischen körnigem Gekräusel und brüllender Gier und glatter lauernder Ruhe.

Jappes liebte es, sie so zu sehen. Er wußte, dann gab es einen wilden Kampf in ihr. Sie haßte die Gleichgültigkeit, mit welcher er sich ihr gegenüber benahm und doch hatte sie ihm gesagt, er solle sich keine Schmeicheleien erlauben, denn sie halte ihn keiner fähig, er solle ihr nie den Hof machen und seine Aufmerksamkeiten nicht in eine überschwengliche Form kleiden. Er solle Jappes sein, hatte sie ihm befohlen, so wie sie sich ihn denke. Er liebte zu sprechen und als seine Bewunderung für Armida bis zu dem Grade gesteigert war, daß er ihre Stimme vernehmen wollte, lehnte er sich hinüber und flüsterte:

„Armida, heute möchte ich nicht Jappes sein. Heute ist es uns zu schwer, die Harmonie unserer Seelen richtig zu finden. Hat dich die Reise ermüdet?“

Armida hielt die Augen geschlossen und flüsterte zurück: „Ich ertrage schwer, daß du nicht bei mir bist. Hat dein Münchener Rudibub dich so fest umstrickt?“ Sie sagte es mit einem langgedehnten Satz, und ihre Frage klang bestimmt wie ein Ausruf.

„Du verstehst das nicht mehr, Freundin. Die naive Liebe und Pepys Jugendlichkeit haben meiner irrenden Seele viel Glück gebracht. Ich lache, wenn ich das Fremdwort meiner Seele höre. Pepy liebt mich nicht. Sie liebt etwas in mir, was sie ahnt und was mir nicht gehört, Pepy liebt Menschen aus Mitleid und mich liebt sie, weil ich mit dem Glücke spiele. Pepy ist das naive Verhängnis im Kampf mit den Urgewalten der Triebe. Ich bin zu feig, um mich über das Glück zu freuen und Pepy ist zu schwach, um das Glück zu genießen. Ich bin vermessen gegen das Glück meiner Jugend und das ist mein erstes tödliches Gebot.“

„Und das zweite?“ fragte Armida ... Jappes fürchtete sich vor dem Blick, der die drei Worte wie eine düstere Melodie begleitete.

„Das zweite in mir ist, mit Seelen zu spielen, wie wir es tun. Ich möchte sagen das böse Prinzip, das Dämonische. Aber beide Gebote schließen sich ein.“ Er sagte es mit einem fixierenden Blicke und betonte jedes Wort, was dem Satze das Gepräge eines Vorwurfs gegen Armida gab. „Ich bin müde,“ sagte sie, „meine Gedanken haben mich ermüdet. Erzähle mir von Pepy und von deiner Liebe, ich freue mich an eurem Glücke. – An eurem kranken, menschlichen Glück!“

Jappes erzählte ihr die uneheliche Geschichte der Mutter Pepys aus dem Tagebuch des Malers Geraldo und erzählte ihr die Pfandhausszene. Jappes liebte Pepy teils aus Mitleid, weil sie ein apokryphes Mädchen war, teils aus Stolz, denn die Welt sieht nicht gern, daß uneheliche Mädchen Verehrer haben! – Die Welt liebt es nicht, den Selbstmördern ein liebevolles Andenken zu bewahren. Selbstmörder und Uneheliche sind Menschen, denen ein apokalyptisches Zeichen anhaftet, das wir nicht zu deuten vermögen: „Ihre piksüße Innigkeit“, fuhr Jappes in seiner Erzählung fort, „und ihre schmiegsame Anhänglichkeit sind es, was ich an Pepy liebe. Sie hat Künstlerblut und einen regen Geist, es gibt noch vieles in ihr zu wecken, und viel Waches in ihr zu ergründen. Von Pepys Seele habe ich dir mehr gesagt, als sie selbst davon weiß, der Verkehr mit ihrer Seele ist mir kein Spiel. Mit einem Verhängnis kann man nicht spielen.“

„Ich glaube, du wärest imstande, Pepy eine Liebeserklärung zu machen.“ Sie warf ihm einen kätzchenpfotenweichen Blick zu, und Jappes bemerkte: „In einem süßen Blick liegt immer eine Schlinge.“

Armida: „Das Lächeln einer Frau ist eine Gunst, die sie dem Mann erweist.“

Jappes: „Wenn Frauen geben, haben sie immer einen Wunsch. Ich fürchte diese weiblichen Danaer.“

Sie: „Für mich ist es kein Grund zu trauern, wenn du eine gute Freundin hast.“

Jappes war gereizt: „Wenn Frauen weinen, sind ihnen alle anderen Waffen ausgegangen. Und du weinst nicht. Ich möchte ein wenig in deinem Arsenal herumstöbern und deine Angriffsrequisiten ansehen. Tante Telluren hat uns schon getraut. Wir sollen in der Ehegaleere durchs Leben schiffen.“

„Tanten vermischen oft Traum und Wirklichkeit,“ erwiderte Armida und lachte ihr seltsames Lachen.

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