Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 23

Ein Ton in deiner Stimme sagt mir, daß dein Wesen Lüge ist.

Professor Günther war ein überflüssiges Möbel, obwohl er eine kluge Glatze trug, wie einen Spiegel der Weisheit, in welchem der Gelehrtendünkel und der Professorenwahnwitz jener verschrobenen Kaste sich spiegelten. Er hatte den Tempel der Wissenschaft geplündert und sich zum vielfachen Doktor gekrönt. Er wußte, daß er eine Potenz war. Und das wurde sein Verhängnis, denn nichts ist schlimmer als das Bewußtwerden der eigenen Größe.

Zwei Seelen wohnten in seiner Brust: im Privatleben die Seele eines Schweines, im offiziellen Leben die Seele eines Berufspsychologen. Er hatte eine Kurve seiner Gemütsbewegungen gezeichnet, kannte die Grade der Verliebtheit von der errötenden Unberührten über das kanonische Alter hinaus bis zum fast begierdelosen Weibe. Er hatte seine Beobachtung nach empirischer Methode graphisch dargestellt, fand, daß die Kurve bei der Frau aus dem Unendlichen kommt und bis zum fünfundvierzigsten Jahre etwa mit regelmäßigen periodischen Schwankungen parallel zur X-Achse verläuft und von da langsam abfallend mit asymptotischer Annäherung an die Abszisse wieder ins Unendliche überspringt. Beim Manne beginnt die Kurve im Pubertätspunkte, dessen Abszisse das Alter, dessen Ordinate die Umgebung ist. Auch diese Kurve hat einen konstant-flachen, aber schwankungslosen Verlauf, fällt indes gegen siebzig Jahre steil ab. Die Flächen hatte er ausplanimetriert und wußte alles zahlenmäßig auszudrücken. Für ihn galt die Zahl, die Nummer. Jedes Gefühl hatte er in eine Formel gefaßt, die er für das einzelne Individuum mit der Variablen des Temperaments multiplizierte. Nach ihm war die Psychologie die Wissenschaft dessen, was man unter Seele versteht.

Seine privaten Vorlesungen waren interessant, weil er seltsame Widersprüche lehrte und dadurch das Staunen seines Auditoriums bis zur Verblüffung steigerte, so daß er am Schlusse seines Vortrages mit frenetischem Beifallstaumel hinausgetrampelt wurde. Der Einpauker Günther bereitete im Gegensatz zur Universität die Studenten für die praktische Seite des Doktor- und Staatsexamens vor. Jappes merkte sich den Mann, und während dessen Sprechstunde stand er dem Seelenkundigen gegenüber. Er platzte mit der Frage zur Tür hinein: „Ist Liebe ein Affekt oder ein Instinkt?“

Professor Günther rollte seine mausgrauen Augen eine Weile musternd, brachte die Glatze in Kampfstellung und kaute die Frage hervor: „Haben Sie keine Visitenkarte?“ Jappes stand vor ihm mit eingeknicktem Fuß wie ein Häuflein Elend. Von seinen Lippen schlotterte es demütig: „Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich bin immer etwas rasch und ich war so geblendet von Ihrem Wissen, daß ich wie ein Falter in das lockende Licht flatterte ...“ Hier überreichte er seine Visitenkarte:

Jappes Paul
cand. med. et. phil. et. cam.

Schlapphof Baden

„Sie sind sehr vielseitig, Herr Kommilitone Jappes Paul vom Schlapphof.“

Eigentlich nur Vorder- und Rückseite, dachte Jappes, letztere, na ... vielleicht würde der Herr Professor doch nicht von meinem Anerbieten Gebrauch machen. Dann verschluckte ihn ein Klubsessel auf eine einladende Handbewegung hin.

„Nun, Herr Kommilitone,“ spreizte sich Professor Günther vor Jappes, mit lohender Zigarre und paffte einen wirbelnden Dunst an die Decke, – „unterbreiten Sie mir Ihre Fragen, bitte!“ Hier machte er eine Geste mit der Hand, als biete er einen Präsentierteller an: Bitte, bedienen Sie sich!

„Meine Frage muß Ihnen doch lächerlich sein, Herr Professor, denn im Vergleich zu den Studenten sind Sie ja unendlich klug und Sie vergessen an einem Tage mehr, als unsereins in einem Jahre mühsam zusammenstoppelt.“

Professor Günther lachte sich Grübchen und der Stolz perlte aus seiner Stirne. Er wehrte mit der Hand ab. Jappes wiederholte: „Ist Liebe ein Instinkt oder ein Affekt?“

Die Frage löste bei Professor Günther die strenge Sachlichkeit des Gelehrten aus. Ein klassisches Räuspern leitete seine Erklärung ein: „Entschieden, die Liebe ist ein Affekt. Eine heftige Gemütserregung mit einer Reaktion auf den Körper. Jeder andere Bewußtseinsinhalt wird von den Affekten hintangestellt. Die Vernunft ist ausgeschaltet, und unser Handeln ist zwangsläufig und wir haben keine freie Ueberlegung, weder in der Wahl noch in der Anwendung fester Grundsätze.“

„Wer liebt, ist also unvernünftig, unzurechnungsfähig,“ schlußfolgerte Jappes, „es scheint doch eine Grenze zu geben, wo Affekte und Instinkte zusammenlaufen. Der Instinkt ist doch die dauernde Disposition des Nervensystems, den automatischen Ablauf einer komplizierten Handlung zu bestimmen. Nach der Affektentheorie ist die Vernunft doch auch ausgeschaltet und mithin wäre alles, was im Affekt geschieht, eine automatische Handlung. Wir denken doch nichts dabei, wenn wir lieben, es ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden, wir beten das Ritual der Liebe ohne den Glauben, automatisch. Die Liebe wäre also ein Instinkt und kein Affekt?“

Professor Günther streckte die linke Hand vor, Daumen und Zeigefinger in Schnabelstellung, die übrigen Finger gespreizt: „Distinguo! Wir unterscheiden, Freund, zwischen objektiver Wahrnehmung und subjektiver Empfindung. Denken Sie sich, Herr Kommilitone, zwei Liebende von einem Dritten beobachtet.“

„Das wäre sehr unangenehm für alle drei,“ bemerkte Jappes.

Professor Günther verschluckte ein Lächeln: „Für den objektiven Beobachter zweier Liebenden ist die Liebe unbedingt ein Affekt! ...“

Jappes entschuldigte eine Unterbrechung: „Es ist doch unmöglich eine objektive Beobachtung über die Liebe anzustellen, weil unsere Instinkte sich aus den einfachen Reaktionsvorgängen durch die äußeren Reize des Geschauten entwickeln. Sind wir aber selbst verliebt, so entzieht sich unsere Selbstanalyse der Kontrolle, weil durch den Affekt die freie Ueberlegung ausgeschaltet ist!“

„Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen,“ bejahte der Psychologe, „gerade das ist die Grenze, die Norm. Die platonische Liebe ist ein Affekt, die praktische Liebe ist ein Instinkt: Entschuldigen Sie die Frage, waren Sie schon verliebt?“

Und Jappes: „Platonisch noch nie, deshalb kam ich auf den Gedanken, die Liebe sei kein Affekt.“ Und er dachte, er müsse mit Pepy darüber reden.

Jappes entschuldigte sich, er müsse gehen, er habe eine Verabredung mit einer Freundin. Professor Günther drückte ihm die Hand: „Dann leben Sie wohl, Herr Jappes Paul vom Schlapphof, und kommen Sie mal zu uns, unser Haus steht Ihnen offen. Ihre Freundin können Sie mitbringen.“

Jappes entwich dankend dem Zigarrenqualm.

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