Wenn ein Herr ein Tagebuch schreibt, will er etwas preisgeben. Wenn eine Dame ein Tagebuch schreibt, will sie etwas vertuschen.
„Ueber Nippsachen kann man immer etwas Spaßiges sagen,“ scharwenzelte Jappes vor Armida; „heute siehst du aus wie eine Teepuppe. So weich und flaumig und warm und duftig und prickelnd und ...“
„Zu Dummheiten bin ich heute nicht aufgelegt,“ fiel ihm Armida ins Wort, „da, geh zur Bank und hole das Geld von Arco Calvandi.“ Sie gab ihm einen Scheck. Er küßte ihre Hand und verließ ihr Zimmer.
Sie wohnte seit zehn Stunden in der Pension Ethos, ordnete ihre Briefschaften, schrieb Forderungen, ihre Außenstände einzutreiben, bot anderen große Summen zur Hilfeleistung an, ohne irgendwelche Verpflichtungen. Redigierte ihr Tagebuch. Sie schrieb: Doktor Seraph, ein verlorener Mensch, weil er seinen Beruf ernst nimmt, wohnt mit seinem Schicksal zusammen, aber er gewöhnt sich nach und nach an die Frau. Er freut sich, wenn ich komme und noch mehr, wenn ich gehe. Im Grunde doch ein glücklicher Mann. In seiner Brautnacht wird er sicher zu einem Sterbenden gehen. Heiraten sollte er nicht, denn er ist nicht fürs Leben geschaffen. Der Tod hat ihm sein Siegel schon aufgedrückt: die grauen, bohrenden Augen, der gramdurchsetzte Blick, das starre Paragraphengesicht. Alles an ihm schreit Pflicht, Pflicht, Pflicht und Dienst. Ein wertvoller Mensch, der uns zeigt, wie wir das Leben nicht verleben sollen.
Es gibt zweierlei Gedanken: Gedanken, die wir denken und solche, die wir schreiben oder sprechen. Korrupte Gesellschaft! Wir sitzen an einem Tische, in feinster Umgebung, geschmackvoll präparierte junge Damen, Schlangen im Blick, zischende Schlangen als Sinnbild des Geschlechts. Sie kennen alle unsere Mängel und wissen unsere Vorzüge klug zu verleugnen. Männer, außen Knigge und innen Canaille, legen ihre geistreichelnde Unterhaltung ins Schaufenster und ihr Laden ist leer. Trifft man sie oft, so merkt man den Staub auf den Ladenhütern. Ihre Gefühle, die Ladenschwengel des Instinkts! Sagen garnierte Liebenswürdigkeiten und denken die nacktesten Gedanken dabei. Kulissen überall und Attrappen. Aber man macht mit, weil man vom Fach ist. Oh! der Kitzel, sich hinter den Kulissen beobachtet zu wissen. Die Menschen sind nur Zitate der Vergangenheit und stehen in den Gänsefüßchen der Gegenwart. Taumelnde Gebärde ohne Kraft, Versteckspielen der Rede, blinde Kuh der Gesellschaft. Das ist der Kitzel, daß man sich und die anderen wissend betrügt! Der menschliche Geist ist ein Kolibri, leuchtend-schillernd wie Changeant-Seide – kehrt man das Kolibri um, dann ist es matt, schal, grau wie ein Zaunkönig, nur noch kleiner. Der Mensch macht sich müde über sich nachzudenken. Das Leben eine große Verdauungsübung, ein Fangballspiel mit den hüpfenden Tagen. – ––
Da war die Tinte zu Ende.
Ein roter Radler brachte einen Brief von Jappes:
„Sternchen,“ schrieb er, „zum Abendbrot mußt du auf meine gefräßige Gegenwart verzichten. Ich weiß, Du entschuldigst mein Ausbleiben, denn es gibt sogar Fälle, in denen Damen galant sein dürfen. Um zehn Uhr hole ich Dich ab mit achtzig Prozent Sicherheit. Unterweilen sage ich Dir auf Wiedersehen und wünsche Dir angenehme Empfindungen.“