Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 26

Wer die Dämonologie studieren will, sollte mit der Frau beginnen, und – mit der Frau aufhören.

Mit dem Nachtschnellzug fuhr Jappes nach München. Er wollte Pepy sehen und Professor Günther einen Besuch abstatten. Armida fuhr zu ihrer Tante nach Stuttgart und stieg in Nürnberg um. Pepy erwartete Jappes am Bahnhof: „Nett, daß du gekommen bist,“ empfing sie ihn. Jappes küßte sie auf die Stirne: „Eine halbe Stunde Verspätung nach Bamberg und doch fahrplanmäßig angekommen. Darf man sich erkundigen, wie es dir geht, mein Rudibub?“ Pepy lachte: „Du bist der alte Golliwog, uns scheint es beiden sehr gut zu gehen.“

Der Autokutscher der Vier Jahreszeiten nahm sein Gepäck und öffnete den Droschkenschlag. „Ach, wir laufen das Stück,“ dankte Jappes und schmiß ihm ein Trinkgeld. „Du siehst ja glänzend aus, mein Golliwog, und hast Abenteuer erlebt, du mußt erzählen, o bitte, bitte!“ Jappes zog Pepy ins Café Arkadia, und in zwei Plüschsesseln saßen sie vor ihrem Tee. „Wenn du artig bist, erzähle ich dir von meiner Freundin Armida.“ Pepy setzte sich in horchende Stellung: „Ich werde sehr artig sein.“ Und Jappes erzählte:

„Armida ist ein Staatsweib. Kann alles, was die andern nicht können. Ist Wassermädel und Putzmacherin. Reitet das feurigste Berberroß bei Busch im Zirkus, trinkt wie drei Polen, frisiert sich à la vireloque und improvisiert die ulkigsten Couplets. Lenkt selbst den Phaethon und frißt die Entfernungen im Auto. Sie muß immer führen, immer eine Leistung, wenn sie etwas beginnt und alles gelingt ihr. Hat sicher ein Bündnis mit dem Teufel. Und Menschen kennt sie, kennt alle. Die Schuhwichser am Anhalter Bahnhof, die Maquereaux der Motzstraße, Zeitungsfrauen und Lohnkutscher, Ministerialbeamte, Räte, geheime und wirkliche und Kommerzienräte. Hat tausend Engagements, sagt zu und schreibt im letzten Moment ab. Wird immer wieder vorgemerkt. Ist überall Amateur und überall erste Geige. Kann keine Frau ausstehen und tritt am schroffsten für die Forderungen in der Frauenbewegung ein. Sie ist eine Maschine, man braucht sie nur auf das Gewünschte umzuschalten. Weiß Geld zu machen aus ihren Freunden, so daß die Geschröpften es noch angenehm empfinden. Das ist die Kunst unserer Tage! Wohnt im Edenhotel, wo nur Nietzscheaner Absteigequartier haben, und wohnt in den Spelunken an der Spree, wo ihre Antipoden hausen. Hat tausend Pläne und führt sie alle aus. Ehe ich wegfuhr, hat sie geäußert, sie wolle ein Asyl für heimlich Liebende gründen.“

Und Pepy: „Das Unternehmen wird Erfolg haben, ein pfiffiger Gedanke!“

„Eine Aktiengesellschaft mit beschränkter Haftung, alle Zahlungen im bargeldlosen Verkehr. Eine Größe im Film, spielt Charakter- und Titelrollen, spielt die Rollen der entsagenden Liebe und der hingebungsvollen Brunst. Hauptdarstellerin in den Oden von Horaz. Erste Pantomime. Ihr neuestes Projekt im Film: Homer. Spielt alle Heldenrollen und es gibt nur Helden in der Ilias und in der Odyssee. Alles aktive Rollen, nur die passive Rolle des hölzernen Pferdes liegt ihr nicht. Sino, dem man die Ohren abschneidet, will sie tragieren. Sie ist imstande, sich die Ohren abschneiden zu lassen, um die Rolle naturgetreu wiedergeben zu können. Bei Gott, es wäre schade, sie hat so schöne Ohren!“

„Und wohin würde man ihr die Ohrringe hängen?“ Pepy lachte ihn aus.

„Oh, das ist das wenigste, dafür fände sie einen Ausweg. Und ein seelenguter Mensch ist sie dazu, schleppt ganze Bündel Wäsche in die armseligsten Baracken, kauft Nestles Kindermehl und füttert die junge Brut, kocht es auf und pflegt die Wöchnerinnen, beglückwünscht den Vater; kauft ihm eine Flasche Schnaps, macht ihn hagelvoll besoffen, freut sich königlich an seinen wackligen Gebärden und bändigt die gröbsten Wüteriche, wenn der Alkohol sie zu sehr reizt. In der Havelgasse habe ich eine rührende Szene mit Armida erlebt: Eine Frau war niedergekommen und war eines putzigen Knäbleins genesen. Der Vater stand weinend am Bett und weinte wie Magdalena, weil es keine Zwillinge waren. Armida vertröstete ihn so liebevoll auf das nächste Mal, daß der Tränenquell versiegte.“

„Jappes,“ sagte Pepy, „du tust einen Griff ins Lateinische?“

„Auf Ehre, nein,“ schwor Jappes, „beim Nabel des Buddha, ich rede wahr. Ein seltsames Weib ohne Schlaf und ohne Rast. Die Nächte pflegt sie die Kranken. Leert die Urinflaschen und Spucknäpfe, führt die Kranken zu Stuhl, reicht ihnen Medizin und Essen und wischt sie sauber vom Schleim des Erbrechens. Säubert vom blutigen Gerinnsel mit Eiter vermengt, macht Kompressen und legt Eisbeutel auf. Kühlt den Phantasierenden die heiße Stirne und tröstet die Sterbenden in der Agonie.“

„Bist du begeistert von ihr,“ fragte Pepy, „willst du sie heiraten?“

„Sie heiratet nicht,“ beschwichtigte Jappes. „Sie ist keine Frau. Sie hat keine Nerven. Tee trinkt sie die Masse und Kaffee und Wein. Raucht spanische Zigarillos und ägyptische Zigaretten. Ohne Wirkung! Sie hat mir gesagt, nur ein Inkubus könne sie befruchten, ein Inkubus mit kaltem Samen.“

„Sie wird dein Verhängnis sein,“ warf Pepy dazwischen.

„Aber sie liebt das Leben, den Taumel, die Lust. Zersetzt und zerstäubt und wer sie liebt, den zieht sie in den Abgrund. Ich sage dir, Pepy, eine seltsame Frau. Beim Bakkarat hat sie eine fünfstellige Zahl verloren. An einen jüdischen Grafen. Hat ihr Scheckbuch verspielt und einen Kreditbrief dazu. Ohne Mucks hat sie alles hergegeben und ging lächelnd vom Tisch, fragte den Grafen beglückwünschend nach seiner Adresse und lud ihn ein für den Abend: ‚Wir machen einen Mitternachtspoker, wenn die Gespenster tanzen, Sie kommen! – Ja? Ich erwarte Sie!‘ Sie hing an meinem Arm und machte die tollsten Zicken. Verabschiedete mich und klingelte mich um drei in der Nacht aus dem Schlaf: ‚Meine Requisiten habe ich wieder.‘ Und sie zeigte das Geld, die Schecks und den Brief. So ist meine Freundin. Pepy, wir brechen noch einer Flasche den Hals.“

Sie tranken auf die Freundin Armida.

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