Es gibt drastische Wahrheiten, die wie Lügen klingen, aber viel gefährlicher sind.
Professor Günther stak in einer grauen Litewka mit braunen Kordeln. Ohne die Lorbeeren am Kragen hätte er wie ein Husar ausgesehen. Saß in seiner Bibliothek vor einem Stoß Manuskripte und rauchte aus einer aromatischen Ruhla. Ein russisches Windspiel lag auf einem Bärenpelzfetzen neben dem Spucknapf. Jappes hatte sich telephonisch angemeldet: Wenn es Herrn Professor genehm sei, komme er auf einen Sprung vorbei, ob es nicht störe, wenn die Freundin mitkomme? Im Gegenteil, hatte der Professor verbindlich gesagt. Kommen Sie ungeniert. Auf Wiedersehen! Jappes und Pepy wurden mit lebhafter Höflichkeit empfangen.
Es wurde Tee serviert und Frau Professor dazu. Ein schmuddeliges Weibchen, das ihrem Manne alles mit talmudistischer Ueberzeugungstreue glaubte und manch verworrene Ehekonflikte auf die unverständliche Gelehrsamkeit ihres Mannes zurückzuführen gewußt hatte. Sie hatte sich schon vom Leben zurückgezogen, weil alle ihre Wünsche erfüllt waren. Einen berühmten Gatten, einen berühmten Sohn und eine geordnete Häuslichkeit. Sicher war dieses ausgeglichene Wesen ein Werk des Psychologen. Frau Günther hatte sich in ihren Betrachtungen eingekapselt und lebte ihren Gedanken: von der Außenwelt um ihr Glück beneidet zu werden. Ohne Bedürfnis nach fremden Männern, fand sie keine Worte für Jappes außer den zeremoniellen Begrüßungsformeln:
„Wir haben allerliebste kleine Hunderl,“ platzte sie heraus, „ich liebe sie so sehr. Vielleicht hat gnädiges Fräulein Lust, die zappelnden Dingerchen zu sehen.“ Pepy warf Jappes einen fragenden Blick hin. Er kniff die Augen zu und schürzte die Lippen: Geh halt mit der Frau! Pepy und Frau Günther gingen zur Hundeschau.
„Die Frauen sind seltsame Dinge,“ begann der Professor. „Sie haben immer ein Steckenpferd und es ist das Glück der Männer, wenn sie sich sehr früh von ihnen abwenden: Der Instinkt vertritt bei ihnen den Geist und immer zum Vorteil der Frau.“
„Das könnte ich nicht gerade behaupten,“ sagte Jappes, um nicht zu schweigen. Und Professor Günther: „Wieso?“
Jappes: „Ich weiß auch nicht. Ich meine nur so.“
„Es gibt nur einen Glauben, das ist die Erfahrung. Glauben Sie mir, Freund, die Frau ist nicht mehr als ein Prinzip, eine Idee, das Prinzip der Zeugung, mehr strebt das Weib im Leben nicht an. Alles in der Frau ist Liebe und was dazu führen kann.“
„Das ist doch weiter nicht schlimm oder ...?“
„Bewahre, bewahre,“ fuhr Professor Günther fort, „wenn der Auerhahn balzt, versteckt er den Kopf. Er balzt nur in der Brunstzeit. Die Natur hat ein Exempel statuiert. Sie will zeigen, wie die Liebe das blinde Prinzip ist, das Lichtscheue.“
„Auch der Strauß versteckt seinen Kopf in den Wüstensand,“ warf Jappes ein, „wenn er verfolgt wird, aber aus purer Furcht.“
„Liebe und Furcht ist dasselbe,“ lachte der Professor, „sehen Sie, Freund, wenn das Mädchen verliebt ist, fürchtet es, keinen Mann zu finden und findet es einen, so fürchtet es, ihn zu verlieren – von anderer Furcht nicht einmal zu reden. Ergo, Liebe ist dasselbe wie Furcht. Quod erat demonstrandum!“
„Die Ableitung ist sehr gut, eine akademische Form. Sicher und logisch, aber das Weib muß sich doch seines Wertes auch bewußt sein, weil es mit den Männern spielt. Im Flirt, dem spezifisch-weiblichen Attribut, ist von der ‚lieblichen Blindheit‘ verdammt wenig dran.“
„Freund, Sie sehen etwas, aber nichts Genaues. Ich erkläre Ihnen den Vorgang. Um banal zu sein: Der Flirt beruht auf Gegenseitigkeit. Verstehen Sie mich recht! Sie haben eine Dame gefunden und wünschen ihre Bekanntschaft zu machen. – Ich spreche Ihnen soviel Geschmack zu, daß ich annehmen darf, die Dame hat noch viele andere Freunde. – Wenn Sie der Dame den Hof machen, fühlt sie sich geschmeichelt und hat sie auch Sympathie für Sie, so entwickelt sich der Flirt. Aus Courtoisie gegen die Dame geben die Männer gesellschaftlich zu: der Flirt gehe von den Damen aus. Unter uns gesagt, Freund Jappes, die Sachen liegen doch nicht gar so pantoffelartig für uns. Wir sind scheinbar die Mucker und Duckmäuser und doch führen wir die Frauen am Narrenseil!“
„Oh, das tu ich nicht und glaube nicht, daß man es tun kann mit selbständigen Frauen.“
„Alle Frauen sind abhängig,“ sagte der Professor gereizt, „und diejenigen, welche sich einbilden, am unabhängigsten zu sein, sind gerade die Unselbständigsten. Noch ein Wort, mein Freund, was bei den Frauen Koketterie ist, das ist es, womit wir spielen. Wir spielen also mit dem Wesen der Frau, weil jede Frau kokett ist und mit sich spielen läßt.“
„Das ist ein Sophismus,“ betonte Jappes, „meine Auffassung vom Wesen der Frau ist grundverschieden. Ich denke, die Frau ist das, was den Mann ergänzt und um so tiefer ergänzt, je unbewußter die Frau ist.“
„Wahr, wahr, Freund Jappes,“ beeilte sich der Professor zuzugestehen, „sehr wahr für schlappe Pantoffelritter, für Lappschwänze, aber für ganze Männer, nein. Die Frau ist da nur eine Begleiterscheinung der Größe eines Mannes, der Nebel, der den Kometen begleitet. Ein astroides Nebulargebilde.“ Dazu lachte er, daß das Zimmer wackelte. – „Sprechen wir praktisch. Wir renommieren soviel mit den Frauen, die wir uns kirre gemacht haben, wie es die Frauen tun, die uns den Kopf verdreht haben.“
„Eine Frau wird mehr umworben als ein Mann,“ stellte Jappes die Antithese.
„Pflichte Ihnen nicht bei, Herr Jappes,“ sagte der Professor wichtig, „nach der Ueberlieferung ist die Liebe beim Mann und bei der Frau eine Parallelerscheinung. Der okkulte Kult der Aegypter erzählt, daß Osiris und Isis sich schon im Mutterleibe geliebt haben. Die Aegypter haben uns wichtige Papyri über die Frauen hinterlassen. Sicher ist, daß die Liebe ein einträgliches Geschäft war. Einträglicher wie zu unserer Zeit, was doch beweist, daß die Frau wirtschaftlich bedeutend gesunken ist.“
„Die Anspielung verstehe ich nicht,“ entgegnete Jappes nachdenklich. Und Professor Günther belehrte ihn: „Als Cheops seine Pyramiden baute, geriet er in Geldverlegenheit und um ihr abzuhelfen, gab er seine Tochter den Edlen seines Hofes preis.“ – Und lächelnd fügte er bei – „Die Prinzessin fand soviel Geschmack an der Erbauung der Pyramiden, daß sie sich selbst eine Pyramide errichten ließ, alles von ihrem eigenen Gelde.“
„Sie wollen daraus die Werterniedrigung der Frau ableiten, ich bin eher der Ansicht, daß die Männer zur Zeit der Pyramide des Cheops noch nicht so ausgepowert waren wie heute.“
„Wenn Sie Ihre Bemerkung nicht ernst auffassen, verzeihe ich Ihnen die Wortklauberei recht gerne. Die Welt wäre längst mit den Gestirnen in Kollision geraten, hätten nicht Kepler und Newton und Laplace und die anderen siderischen Lokomotivführer ihre Bahnen und die Wege der Gestirne erkannt. Da finden Sie keine Frau. Keine Erfindung segelt unter der Flagge der Frau. Ueberall ist der Mann das Agens, die treibende Kraft. Nennt man heute den Namen einer Frau, dann ist es immer im Zusammenhang mit einem großen männlichen Namen.“
„Der Frau spricht man doch die Erfindung der Sünde zu, und all den hysterischen Zappelfritzen der Geschichte hätte man kein Kind bis zur Geburt anvertrauen können. Die Frau hat die Geduld, ein Kind zu gebären und sie würde es vielleicht noch länger als dreiviertel Jahr verborgen halten, wenn der Vorwitz danach bei ihr nicht so groß wäre. Das Monopol der Menschenerneuerung wollen Sie der Frau doch nicht absprechen? Die Frauen sind zu bescheiden, um den Ruhm für sich zu nehmen, deshalb setzen sie ihre Trabanten in die Welt, ihre geistigen Kulis, die Erfindungen zu machen und die Wissenschaften zu fördern. Jeder Gelehrte hat sein Leben von einer Frau geschenkt bekommen, und die Arbeit eines jeden Mannes ist Dienst zur Ehre des Weibes.“
Professor Günther wehrte mit der Hand ab. „Versuchskarnickel sind die Weiber, glauben Sie meiner Erfahrung, mein Freund, Versuchskarnickel!“
Die Gesellschaft ist ein Fünfuhrtee. Es wird leider meist Aufguß serviert.
Frau Professor und Pepy erschienen mit einem Körbchen junger, wippender Boxerhündchen. Das Windspiel heulte auf und schlug Alarm, weil es sich in seiner Hundeliebe zurückgesetzt fühlte. Frau Professor nahm es in ihren Schoß und tröstete es über die Eifersucht auf die jungen Hunde. Das Windspiel hatte einen russischen Namen: Duschitschko-Seelchen. Professor Günther, dem das Winseln verhaßt war, klingelte dem Zimmermädchen: „Bringen Sie den Hund Gassi-gassi, er möchte nach dem Wetter sehen.“ Frau Günther hob ein zitterndes Hündchen aus dem Korb, führte es mit einem jähen Ruck an die Lippen und knutschte es ab, spielte Fangball damit und nannte es Mollchen, Knäuelchen, Bubele. Der Herr Professor gab Aufschluß über die Eigenarten des deutschen Boxerhundes und die Frau wandte sich stolz an Pepy: „Mein Gemahl kennt sich aus in der Hundezucht.“
„Der Tee wird kalt, Mutter,“ beeilte sich Herr Professor Günther einzuschenken. „Belieben gnädiges Fräulein Rum oder Zitrone?“
„Danke, Herr Professor, ich erlaube mir ein Stückchen Zucker und etwas Milch.“ „Wie gnädiges Fräulein belieben!“ Und er reichte ihr das Gewünschte. Frau Günther reichte eine Dose mit petits fours und biscuits de Reims. Herr Günther servierte Himbeergelee: „Das Süße den Süßen,“ fügte er liebenswürdig und kavaliermäßig lächelnd hinzu. Er bediente Pepy und seine Frau – die Mutter.
Pepy sprach sich belobigend über die tadellose Einrichtung aus. Frau Günther nannte die Preise der einzelnen Möbel, nannte einen übertriebenen Preis für den gemusterten Smyrnateppich und fand ihn lächerlich billig für so ein Prachtstück. „Schöngeister“ – und sie zeigte auf Professor Günther, „brauchen eine luxuriöse Umgebung, das weckt die kühnsten Gedanken.“
Der Tee war alle und die Uhr ging auf zwölf. „Der Uhr geht die Zeit aus, und wir möchten uns heute noch verabschieden,“ sagte Jappes. Frau Günther geleitete die Gäste bis zur Tür: „Gelt, Fräulein Pepy, Sie schauen mal nach den Hündchen.“ Pepy versprach zu kommen.
Dann traten sie in die Nacht.
Vom Salon bis zur Küche ist oft nur ein Schritt.
„Eine liebe Frau,“ sagte Pepy, „ein glückliches Verhältnis, die zwei.“
„Sehr anständige Menschen,“ bemerkte Jappes, „die einem nicht sagen, daß man überflüssig ist. Aber es ist schön, die Rolle des Geduldetwerdens zu spielen.“
„Die Leute sind riesig nett,“ und Pepy hängte sich in Jappes’ Arm, „er ist ein entzückend liebenswürdiger Mensch. Siehst du, wenn du den Professor vom Katheder los machst, ist er auch ein Mensch ...!“
„Zu Hause ein Mordsvieh,“ unterbrach Jappes, „gewiß, aber immer noch furchtbar klug und sehr beschränkt. Mag sein, daß ich Vorurteile habe, für mich ist es eine Gesellschaft, die den Tee im Salon serviert, die Schwarte vom Schinken und die Rinde vom Käse herunterschneidet – sie aber in der Küche auffrißt, wenn der Besuch gegangen ist.“ Pepy zwickte Jappes in den Arm: „Jappes, du bist ein Kerl. Wie kommst du auf einmal auf den Gedanken? Mit dir kann man nicht reden. Sie waren doch sehr aufmerksam gegen uns, weshalb redest du das konfuse Zeug?“
„Ich meine nur so,“ sagte Jappes.
Das Pflaster warf die hallenden Schritte durch die Nacht. Polizisten drückten sich in die Ecken, in ihre blauen Pelerinen gehüllt. Sie sahen aus, als fürchteten sie etwas Polizeiwidriges zu sehen. Aus der Ferne rollte das dumpfe Gedröhne eines Eisenbahnzuges. Manchmal schlich eine Katze duckend übers Trottoir und verschwand in einer Kellerluke. Der Wind trieb die Wolken von Westen. Jappes brachte Pepy bis zur Pension, wo sie wohnte. Ein Kuß, und dann Abschied.
„Gelt Jappes,“ sagte sie, „die Hundchen waren doch nett.“
„Sehr nett, Pepy.“
Mitleid ist die letzte Form des Anstandes.
„Ich reise mit dem Frühzug nach Stuttgart,“ sagte Jappes zum Portier der Vier Jahreszeiten, „richten Sie das Frühstück und wecken Sie mich um fünf.“ In seinem Zimmer schrieb er an Pepy: Mein Rudibub, ich wollte Dir den Abschied ersparen. In der Früh, um sieben Uhr, bin ich nach Stuttgart gefahren. Schreib, wenn Du etwas, oder mich brauchst. Ich bin Dein Freund.
Herzlichst Dein Golliwog.
Er fügte eine Visitenkarte bei auf den Namen Doktor Golliwog. Er schrieb darauf: Ich lasse meine Visitenkarten in Zukunft immer mit dem Spitznamen drucken.