Wer früh über seine Jugend urteilt, tut seinem Alter leicht Abbruch.
Arco Calvandi hatte drei Viertel seines Vermögens in Monte Carlo beim Roulette verspielt. Zur Erholung von seiner entnervenden Anstrengung war er nach Chamounix gefahren und von dort schrieb er einen Brief an Armida:
Hochgnädige Teuerste, mein Vermögen ist bis auf ein Viertel den Lauf alles Rollenden gegangen. Ueberzeugt, daß meine Kinder eine würdige Nachkommenschaft sein werden, habe ich mich entschlossen, zu heiraten und meine Rolle als Vater sehr ernst zu nehmen. In den Alpen ruhe ich mich aus von den zukünftigen Strapazen. Einen Onkel, der auf dem Mars gestorben ist, gilt es zu beerben. Ich verstehe es, zu erben. Die Zuzugsbedingungen zum Mars sind sehr erschwert. Vorläufig bewerbe ich mich um den Prix Montyon, denn tugendhaft können meine Vorsätze alle genannt werden. Meine Kinder, oh, ich küsse die lieben Dingerchen in zärtlicher Vaterumarmung, werde ich davor warnen, Glückspiele zu üben. Quarante-et-un und Poker und Pharao und Roulette und Bakkarat sei die verfemte Fünf, die nicht in ihr heilig-junges Leben spielen darf. Das sind die fünf Laster der Reichen, werde ich ihnen sagen und heute bete ich: Gott schütze meine Kinder vor Reichtum.
Hochallergnädigste Fraue!
Mein Leben ist ein Zickzack mit zwei Pfeilen. Darf ich zu Ihnen eilen, den Balsam Ihrer Nähe zu trinken und mich an der Gleichgültigkeit erbauen, mit welcher Sie meine Anwesenheit dulden. Darf ich zu Ihnen kommen? Ich habe Ihnen so vieles zu verschweigen. Ich hoffe, Gnade bei Ihnen zu finden, weil ich überzeugt bin, daß Sie ohne mich kaum unglücklich werden könnten. – Sonst erschieße ich mich über sieben Tage ab heute courant um 4.45 nachmittags in meinem Schlangenkabinett, auf daß niemand mehr sage, kein Mensch weiß, wann und wo er stirbt.
Ihr alleruntertänigster hochfraulichen Wünschen lauschender
Arco Calvandi.
P. S. Meine Wahl habe ich getroffen, die Braut sollen Sie sein.
Es gibt Fakultäten, für welche gewöhnliche Professoren zu klug sind.
Arco Calvandi war Doktor der sportlichen Fakultät und beehrte die Vie Sportive mit gelehrten Artikeln über den Hürdenlauf. War Amateurreporter der meisten sportlichen Veranstaltungen, setzte Preise aus in Auteuil, Chantilly und Vincennes. Konkurrierte in Longchamps und in den Maisons-Laffitte. Geschah etwas Verrücktes bei einem Rennen, so murmelte man unwillkürlich den Namen Calvandi. War gewissenhaft wie ein Beichtkind, verließ beim Sechs-Tage-Rennen das Velodrom keine Sekunde, um alle Wechsel zu notieren. Ließ sich, während er schlief, von seinem Diener vertreten, der bei Gott nicht wußte, weshalb die Rennfahrer stundenlang Ellipsen fuhren.
Der Diener händigte Arco Calvandi den Notizblock unbeschrieben aus: „Sie haben immer gewechselt, die Rennfahrer, und jetzt fährt nicht einer mehr von den alten. Ich schrieb nichts, weil ich nicht wußte, wie schnell auch die andern verschwinden würden.“ Arco Calvandi gab ihm ein Trinkgeld so hoch, daß selbst der Diener sich schämte, es zu nehmen. Er liebte es, die Dummheit zu bezahlen. Bei Ehre, er gab oft Trinkgelder, weil er viel mit Menschen zusammen war.
Innenleben hatte Calvandi nicht, seine ganze Seele war mit erlebten Tatsachen gepolstert. Zum Nachdenken hatte er keine Zeit, für die Zukunft hatte er keine Berechnung. Er lebte dem Augenblick in maßloser Verschwendung. Reiche Naturen sind verschwenderisch nach außen und nach innen, leben das Leben der anderen und sind immer der Mittelpunkt, um den sich ihre Umgebung dreht. Wenn ein Augenblicksmensch mit seiner spontanen Handlungsentschlossenheit von der berechnenden Vernunft überrumpelt wird, setzt es immer eine Katastrophe. Er war eine von den seltenen Ausnahmen, die, wenn die Liebe über sie kommt, vernünftig werden, weil die meisten Menschen, so die Liebe sie durchglüht, reif für den Affenstein sind – und Arco Calvandi war unter normalen Verhältnissen verrückt. Sein Benehmen war verrückt, obwohl seine Neigung zu Armida sehr vernünftig war. Kaum hatte er den Brief abgesandt, als er zur Post eilte und ein dringendes Telegramm aufgab: „Armida, laß dir zwei Millionen und mich antrauen. Es wird mein Glück sein.“
Herr Arco war ein fünfundzwanzigjähriger Junggeselle, der mit dem Leben abgerechnet hatte und darüber nachzudenken pflegte, wie er sich bei einer zukünftigen Krankheit verhalten würde. Wenn er sich von seinem Mittagsschläfchen erholt hatte, ließ er den Tee an den Diwan bringen und seufzte: Armida.
Es ist schwer, die Psyche eines Junggesellen zu ergründen und sich in den abgrundtiefen Schächten ihrer Junggesellenwelt zurechtzufinden, im Gewimmel grinsender Schrullen und hüpfender Steckenpferde. Junggesellen pflegen, wie der allmächtige göttliche Hagestolz, ihren eigenen Werken die größte Bewunderung zu zollen, pflegen ihre Lieblinge mit der Gunst ihrer Freigebigkeit zu beehren und den infamsten Groll über ihre Widersacher zu entladen. Sie treiben ihre Liebe bis zur Entselbstung und kommen dadurch meistens wieder zur Originalität zurück, die sie durch den Mottenfraß ihrer Zurückgezogenheit in sich selbst eingebüßt haben.
Herr Arco Calvandi hatte seine Steckenpferde alle zu Tode geritten, und was blieb ihm noch übrig, als seine aktiven Kräfte in der Narkose der Ehe einzuschläfern?