Wäre die Kunst Gemeingut, man könnte den Sinai abtragen.
„Sie haben den reinsten Kunstsalon,“ sagte Pepy zu Professor Günther, „das muß ich mir mal alles ansehen.“
„Oh, bitte, bitte,“ dienerte Herr Günther, „gnädiges Fräulein soll sich ungeniert umsehen. Originalkopien und Originaldrucke!“ – „und wunderbare Rahmen in passender Ausführung,“ ergänzte Pepy. Der Geschmack des Professors fühlte sich angenehm gekitzelt. In der Sammlung gab es nur feinste Kultur und höchste Rasse: Aus der oberdeutschen Schule die leckere Frau Venus mit dem putzigen Cupidobuben von Cranach dem Jüngeren. Von seinem künstlerischen Namensvetter, Lukas dem Alten, der Untergang Pharaos. Zwei Originalkopien der holländischen Schule: eine kranke Ziege von Du Jardin und ein seltsam juckendes Bild von Dou, eine greise Mutter, welche junge Läusebrut auf einem Bubenkopf zerstört.
Pepy dachte, das ist höchste Rasse, würde Jappes sagen, weil sie obenauf krabbeln.
Der Professor deutete ihr Lächeln auf das komische Motiv. Der Barberinische Faun, in einer feuchten Nische von lebendem Efeu umrankt, grinste sein übermütiges Satyrlachen im Schlaf. An der Wand die seltsame, rätselumlauerte Medusa Rondanini, und des großen griechischen Meisters Boethos Gans mit den ringenden Knaben. Der Kopf des phantastisch-phantasierenden Homeros, mit einem Auge die olympischen Ueberfreuden schauend, mit dem anderen das Tosen der Feldschlacht verfolgend. Demosthenes, der klassischste Kopf Athens, der Kieselstein-lutschende Bürger der Polis. Die große Allegorie mit den Triumphen Petrarcas, aus der Schule von Andrea Mantegna: Ruhm und Zeit, Ewigkeit, Keuschheit und Tod. Murillos Betteljungen, Trauben und Melonen verspeisend.
Ein paar Gelegenheitsbilder, teils Geschenke, teils zufällige Ankäufe – modern chaotische Farbenagglomerationen, sprühend witzige Farbensynthesen, kraß grollendes Geschehen, hysterisch zusammengeschweißte Koloraturen, taumelnde Bewegung, pointilliertes Gestoppel auf schreiender Leinwand, drängend stoßendes Genie, im Ruck des Zufalls Unverdauliches prostituierend, visionäre Gestalten, apokalyptische Gebilde, hingerülpst, Unflat hingespuckt – da! – Linienwelle, Punkt, strebende Fläche, Strich, Klecks, ein Name: Dada im Bilde. Irrende Pinsel, und lachendes Niesen. Ein Stolpern der Farbe, geile Fetzen im Traume der Lues, Krüppelwesen in verquetschten Formen, krötige Brunst im Schlamme der Zeit, kreiselnder Drang und flatternde Lappen.
Klassik: Meine Eisstücke kühlen dein siedendes Hirn.
Moderne Kunst: Meine fliessenden Wasser treiben deine Mühlen.
„Die Modernen machen sich das Handwerk leicht,“ begann Professor Günther die Unterhaltung, „sie schöpfen nicht, sie erschöpfen sich, aber sie scheinen ihre Kunst wirklich ernst zu nehmen.“ Pepy zog ihre Augen von einer kolorierten Zeichnung von Paul Klee und zu Herrn Günther gewandt: „Ist es nicht das erhabenste Opfer, sich im Dienste der Kunst zu erschöpfen? Unsere Künstler leben im raschen Wirbel der Zeit und dürfen nichts Ausgeglichenes schaffen. Sie müssen die Fetzen der Eindrücke gobelinartig zusammensetzen, um nicht fremd zu erscheinen. Sie wollen los von der Natur, von der Materie, sie wollen los von der klassischen Form, von der geraden Gebärde. Die Antike ist überwunden. Der beschleunigte Schritt der Zeit erlaubt nicht genau hinzusehen, sie wollen Seelen malen und wandelbare Eindrücke. Die Körper sind alle gezeichnet und das war nur ein Vorstudium für die Kunst der Gegenwart. Die Kunst hat nie eine Vergangenheit, die lebendige Kunst. Ein Moderner kann sich nicht an die Antike anlehnen, nicht an die Renaissance, nicht an das Barock. Gesetzt, die moderne Kunst sei eine Krankheit, auch eine Krankheit muß man ernst nehmen. Ein Künstler muß Lebendiges schaffen und das Vergangene ist tot.“
Professor Günther: „Die Pflanze und das Tier bauen ihre Gewebe aus dem Verfall ihrer Ahnen. Es ist die ewige Kette des Geschehens, in welchem jedes Lebende nur ein auslösbares und ein einschaltbares Glied bedeutet.“
Pepy: „Die Zeichentechnik ist das formhaft Kompakte, was der Moderne braucht, aber sein Erlebnis ist die vitale Substanz. Das Erlebnis kann so verschieden gedeutet werden, um den Ausgleich zwischen Außen- und Innenwelt herzustellen. Wir sind alle etwas Künstler geworden und unser Schaffen ist das Ringen unserer Seele, uns nach außen zu erleben. Unsere Kunst ist das romantisch-ironische Spiel, unser Selbst vor uns zu behaupten. Die Alten hatten das Monopol in ihrem künstlerischen Schaffen, sie waren die Träger der Idee, des Absoluten. Die wenigen Olympier hatten die Möglichkeit, ihre Träume nach eigenen festen Gesetzen zu gestalten, es gab nur Mensch und Tier und Pflanze und Träume. Ihr Betätigungsfeld war begrenzt. Sie schufen ihre Werke, um sich über die Nöte der Zeit hinwegzuhelfen. Sie schufen ihre Werke, um ihrem Ideal näher zu rücken. Aber sie schufen kein Leben, sie schufen Natur durch getreue Kopie des Gegebenen. Die Deutung ihrer Werke hat ihrem Schaffen den Inhalt gegeben.“
Professor Günther: „Ueber Ansichten kann man nicht streiten. Die künstlerische Objektivität hat den sittlichen Relativismus geschaffen, aus welchem die Gesetze unserer sozialen Entwicklungsrichtung geflossen sind. Die Idee mußte in einer Form auskristallisiert werden und die alten Meister vollführten die Sublimation in der Retorte ihres Geistes. Das wortgewordene Prinzip hat die Richtlinien für unsere ethische Entwicklung gezogen.“
„Die Modernen verleugnen die Antike nicht. Sie erkennen sie stillschweigend an. Sie schaffen auf einem neuen Boden. Das neue Prinzip in der Kunst ist die Anklage der Zeit, der Schrei der fiebernden Zeit, das Sichhineinbohren in den Charakter der kino-dramatischen Zeit; deshalb werden die Thesen der Kunstgelehrten zu schwindsüchtigen Dogmen. Die Kunstideologie der führenden Männer fußt in der Tiefe des Irrtums des individual Geschauten, und weil sie jedes Paktieren mit dem Geschmack der Masse ablehnt, muß sie abseits und fremd dastehen wie jede Utopie. Von ein paar Anhängern geglaubt, von ein paar Eingeweihten zum Popanz erhoben, sind die Kunstideen in klassischer Fassung unverdaulich für die praktische Sucht der Allgemeinheit. Der starre Dogmenglaube hat in der Philosophie den Skeptizismus geschaffen; so weckt auch die bedingungslose Unterwürfigkeit der kompromißlosen Klassik die Skepsis gegen das stereotyp-traditionelle Artistentum, gegen die Regel, die Schablone, gegen die Prinzipien.
Kunst ist ein Lavieren zwischen Geist und Materie. Kunst entsteht in der Siedeglut der keimenden Jahre, und unsere Zeit ist zerfetzt. Ein ewiges Fließen und Wirbeln in zügellosem Rasen der Zeit. Wir sind alle mehr Künstler denn je, die Bewegung, die Fläche und die Linie stehen in einem anderen Verhältnis zwischen Anschauung und Wirklichkeit. Der Idee kommt man näher durch Schaffen illusorischer Typen als durch die Methode des naturgetreuen Konterfeis. Wie könnten die Klassiker unsere dröhnende Zeit malen! ... Wie gelänge es den größten, die stampfende Eile zu bannen ... Wie würde Goethe die bebende Hast der keuchenden Industrieapparate besingen ...? Die Alten verstehen die klassische Gebärde, aber nicht die wogende Bewegung der Seele. Die Antiken zeichnen ingenieurmäßig die verdauliche Behäbigkeit der hämmernden Mittelpunkte, aber die Bewegung fehlt, die weltflüchtige kämpfende Gier.
Das Bestreben der Modernsten ist das Loslösen der Bewegung von der Form, und die Kritik will ihnen das Suchen verbieten. Die Kleinen sind die Vorläufer, die Verheißer der neuen Epoche, unwürdig im Vergleich zu dem, der da kommen wird, die Seele der pulsierenden Kräfte zu fassen. Die vielen suchenden Künstler im drängenden Sturm sind die Steine zum Aufbau der mächtigen Pyramide, auf deren Spitze der Große erscheint, um den Anachoreten der Wüste zu predigen ...“
Pepy war erschöpft von der langen Tirade, und Professor Günther stand bewundernd vor der jungen Kampfnatur, die ihm ihr unausgeglichenes Wesen zur Schau stellte. Er staunte den Willen des Mädchens an, weil sie die Tradition verleugnete und sich eine neue Welt zu schaffen gesonnen war. Ihre wirren, brandroten Locken über der pochenden Schläfe reizten ihn, und ihre junge lebende Fülle lockte wie die zittrige Glut ihrer Ausführungen. Ihre Begeisterung hatte ihn einen Augenblick gebannt, dann kam es ihm wieder ins Bewußtsein, daß er dieses junge Mädchen nicht zu sich geladen hatte, um Kunstprobleme mit ihr zu erörtern ...