Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 33

Christus hat uns sein Reich gepredigt, aber er hat uns keinen Fingerzeig gegeben, wie wir es erkennen können, deshalb ist unser Irrtum Unwissenheit und schuldlos.

Bei Kommerzienrat Winterstein drängten sich die Gäste. Die Zeit webte den Abend am westlichen Himmel. Lässige Paare schlenderten raschelnd durch das Laub der Parkwege der Villa in Tempelhof. Leicht erregte Gestalten, in animierter Stimmung, im Gespräche, von Tee und Wein und Kaffee, von Zigarren- und Zigaretten-Wirkung diktiert. Leicht fröstelnde Damen mit übergeworfenem Shawl, gütig gelangweilt der Unterhaltung lauschend. Die Kavaliere interessiert erzählend. Ein wohliger Rhythmus schwebte durch die Abendschatten, und taumelnd sanken dürre Blätter nieder. Ueber den spärlich nackten Baumgipfeln grinste der Mond, gelb wie eine Kunsthonigscheibe, auf die gesellschaftlichen Feinschmecker. Der Abend streute herbstlich herbe Gerüche in die steigenden Nebel.

Frau Kommerzienrat in ihrer leichtgerafften Robe redete ihrem Gemahl eindringlich zu, und neben seiner geschwollenen Fleischigkeit sah sie aus wie die geschmackvolle Garnitur einer appetitlichen Platte. Armida und Jappes sprachen über Calvandis Brief. Herr Arco Calvandi wurde für den Abend erwartet, auch Doktor Seraph war geladen.

Das Kicksen der Billardbälle sprang aus einem offenen Fenster in den Park: „Die Leute drinnen arbeiten tüchtig am Billard,“ begann Jappes, eine Zigarette inhalierend, „arbeitsames Volk, muß immer den Bizeps betätigen und Gehirngymnastik machen im Zusammenzählen der Pointen ...“ Armida im eleganten Ballkleid mit übergeworfener Mantille ging nachdenklich und achtete nicht auf das, was Jappes sagte. Ihre Gedanken weilten in der Welt ihrer Träume, Bekannten lachte sie ein automatisches Lächeln im Vorübergehen, oder sandte einen zeremoniellen Gruß hinüber. Jappes trat Kastanien entzwei, welche am Boden lagen und schnalzte zu dem knirschenden Platzen der aufspringenden Stachelschalen. Stieß hie und da einen unzufriedenen, einsilbigen Ruf aus: „Pf! ... Blöd! ... Puh! ... Hm ... Uuuh! ...“

„Du illustrierst deine Langweile,“ spöttelte Armida, „du hast nur ein Ohr für Lächerlichkeiten, auch deine Art, dich zu benehmen, treibt manchem die Galle auf. Meide die Gesellschaft, wenn sie dich ärgert. Auch in deiner Welt ist nichts wahr. Nichts ist originell, alles ist Gegenteil, Geist oder Widerspruch, Täuschung und Betrug an dir selbst. Dein Leben ist Ichsucht und Verleugnung der bestehenden Ordnung ohne Ersatz für dich. Deine mitleidlose Sittlichkeit ist für deine eigene Bequemlichkeit zugeschnitten, und der ätzende Humor mit der hingeluderten Ausdrucksform ist kein Beweis von Geist. Jappes, du bist mein größter Irrtum!“

„Mäßige deinen göttlichen Eifer,“ begegnete ihr Jappes ironisch, „der Narr ist mir noch nicht geschnitten, solange ich warm bin, hast du noch Aussicht, daß ich mich bessere. Bei allen neunundneunzig Namen Gottes! ja, ich bin ein großer Lump und will kein Hehl daraus machen. Sei dreimal verflucht, du Weib, weil ich dir folge, keinen Anteil an dir habe und doch nicht von dir loskomme. Wie willst du, daß ich dich liebe, wie in einem Roman, wie in einer Novelle, wie in einer Zote?“

Armida drehte sich mit einem unwilligen Ruck jäh um. „Flegel!“

Jappes pflanzte sich breit vor sie hin: „Freundin,“ sagte er demütig, „deine Nerven sind heute nicht für die Maximalbelastung berechnet. Wenn ich ungenießbar bin, so will ich mich erziehen. Gewiß, um Schönheit zu genießen, darf man mit keinem Mann vertraut werden. Ich bin noch nicht klug, nur kühn bin ich, und das ist keine Tugend. Der Mann ist ein gefährliches Prinzip. Ich bin durch eine Ironie der Natur geschaffen. Die Taten sehe ich nicht, ich sehe nur Zwecke und die Beweggründe der Menschen, und deshalb bin ich so geworden. Du wolltest mich für deine Bedürfnisse ausschlachten, und deine Vorwürfe gegen mich sind nichts als Erkenntnisse deines Irrtums. Wo ist deine große Toleranz, die manchmal dein Wesen bestimmt, alle Menschen zu entschuldigen? Mein Herz kriegt schier eine Gänsehaut, wenn ich die abgeschöpften Moralpauken aus deinem Munde höre ...“

Armida ließ Jappes stehen und eilte durch den Park der Villa zu. Jappes stand eine Weile still und paffte die blauen Kringel einer Zigarette in den Abend. Dachte nach über den plötzlichen Umschwung bei Armida und ging mit sich zu Gericht. Er richtete eine sich selbst verspöttelnde Anklage gegen den Bummler Jappes: Weshalb soll ich mich mit der trüben Neigung herumbalgen und zahm werden! Mensch, du bist ein lachender Fetzen im Wirbel deiner Gewohnheiten. Weshalb soll ich mich in die allzu engen Grenzen des Lebens zwängen? Ich tummle mich jenseits der Barriere, mache Kapriolen wie ein tolles Zicklein und ergötze mich am Feiglingsgewimmel, das nach Genüssen lechzt, sie aber nicht befriedigen kann, weil es sich müde an seinen Prinzipien und Moralparagraphen schleppt, unfähig, die huschenden Freuden zu haschen. ... Der Wert des Lebens steckt im Sittlichen? dann hat mein Leben keinen Wert. Abseits vom Leben geht ein dunkler Pfad, der Pfad der Isolierten, den soll ich gehen und mich zur korrekten Sittlichkeit erniedrigen? Was ist Sittlichkeit? Pilatusfrage! – Zum Schlagwort erniedrigte Lebensnorm, Thema einer kapitelweisen Abhandlung eines Lehrbuches der Ethik, Tummelplatz der Relativisten. Oh! die Sittlichkeit ist erhaben in den Lehrbüchern, in den Erziehungsanstalten, auf den Kanzeln, in der Gesellschaft. Sittlichkeit ist das Mutabor der Erziehungskalifen – sich damit zur Welt des Scheins zurückzulügen. Was ist Sittlichkeit? frage ich in den Zuchthäusern und Bordellen, was ist Sittlichkeit? frage ich in den Klöstern, in den Tiergärten und was ist Sittlichkeit? frage ich die kriechenden Legionen der Unterdrückten auf dem Wege nach Paria. Alle antworten mir im Chor: Knute und Knebel und Maske! Wiederum frage ich: Wer hat euch eure Sittlichkeit gelehrt? Im Chore fallen sie ein: – Unsere Sittlichkeit ist die Lüge, die vom Willen, sich im Leben behaupten zu müssen, vernichtet wurde. Unser ganzes Sein war Lüge, unser Glaube, unsere Hoffnung und unsere Liebe war Lüge, die Lüge an uns! Der Storch bringt die Kinder, der Weihnachtsmann die Geschenke, der Wauwau ist das böse Prinzip. Die junge Seele wird reif für die Lüge gemacht. Haben die materiellen Geister mit ihrer Freigebigkeit keine Zugkraft mehr, dann kommen die geistigen Kobolde und Wichtelmännchen, Engel und Teufel, Vergeltung und Sühne ... Der Löwe legt seine Pranken an das Gitter des Zwingers, die sittliche Barriere, die Freude und Freiheit umklammert, und brüllt in die Nacht U-u-u-a-h! ... Der tierische Schrei nach Freiheit, nach sittlicher Gerechtigkeit, nach der bestmöglichen erschaffenen der Welten. Der Appell des Instinktes an die Vernunft, die im Zwang der Erniedrigung in wollüstiger Selbstanbetung ihre Macht bewundert. Elend Gekreuch, den Ekel meiner Verworfenheit spucke ich dir in die lachende Fresse!

Eifersüchtige sind tragische Figuren, die eine komische Rolle spielen.

Der Abend schwieg im lauernden Dunkel und in Jappes kochte die Wut der Empörung. Er stieß einen gellenden Pfiff in die Nacht, riß ein paar Immortellen von einem Beete: „Narr sei klug!“ warf er hervor und lief dem Lichte entgegen.

„Soll ich dich lieber mit meiner Abwesenheit beehren?“ fragte Jappes und reichte Armida die Immortellen. „Die Unterwürfigkeit ist die legitime Tochter der Erziehung, ich will die Tochter adoptieren und pflegen.“

„Bleib,“ sagte Armida, und dankend nahm sie die Blumen, „ich bedauere, daß du so bist, und wünsche doch, daß du so bleibst. Unterhalte dich gut und referiere mir über den Abend. Herr Calvandi kommt erst um elf Uhr an. Am Potsdamer Bahnhof. Such mich morgen auf.“ Reichte Jappes eine Karte, hielt ihm die Hand zum Kuß hin und verließ den Saal. Jappes dachte an Pepy und die Sehnsucht krampfte sein Herz zusammen. Mit verstörter Miene schritt er durch den Saal und trat an ein Tischchen, wo Erfrischungen für die Gäste bereit standen. Begrüßte ein paar Bekannte, wechselte gleichgültige Worte mit ihnen und suchte den Dämon zu töten, der in seiner Seele wühlte, seit Armida den Namen Calvandi gesprochen.

Fräulein Flavia Winterstein konzentrierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf Jappes. Sie war ein wundervollbusiges Mädchen, entzückend und weich wie die geträumte Begierde. Voll kecker Grazie und übersprudelnder Tollheit, wie ein taumelnder Schmetterling, der auf die leuchtende Blüte flattert. Sie liebte den bittersüßen Honig, den Jappes barg. Sie war geschaffen, die verwirrten Sinne des Gastes zu ordnen. Er stand mit unheiliger Braue wie ein grollender Gott: „Nanu,“ lächelte Flavia, „allein auf dem Ball? Einen Tanz habe ich für Sie reserviert. Sind Sie schon für den ganzen Abend vergeben?“

„Der Teufel tanzt heute mit mir den höllischen Reigen und die Geister der trüben Gedanken spielen dazu. Verflucht und zugenäht! Ich bin in einer verrückten Stimmung. Heute tanze ich nicht, kommen Sie später, wir verplaudern die Pause bei einem Gläschen Chartreuse.“

„Ich werde kommen,“ sagte sie entschwebend, und im Gehen ließ sie ihr schönes Lächeln zu ihm spielen: Cakewalk und Czardas, Pas-de-deux und Walzer, Foxtrott und Steps wechselten in rhythmischer Folge. Française artete aus in Cancan. Jappes entdeckte die lüsternen Blicke, verfolgte die lohende Brunst, die nach einer Umarmung geilte, kippte Glas um Glas, und die Sehnsucht folterte ihn. Er wünschte mit Pepy zu tanzen, wünschte sich an ihrem lodernden Jubel zu berauschen, wenn sie mit fliegenden Locken und erhitztem Fleisch dem Tanz ihre Hingebung weihte. Dachte an Armida, und eine Blutwelle schoß ihm jäh in die Schläfe. Verließ den Saal und trat in die Stille. Lehnte sich an einen Baum und lauschte dem Huschen der Schatten, horchte dem Schritt der Einsamkeit, die lautlos durch die Nacht ging und seine Seele mit weichen Händen berührte. Die jagende Hast der vergangenen Tage flog vorüber, seine Zeit, seine nutzlos verbrachte Zeit. Er hörte eine Stimme flüstern: Jappes, du bist noch nicht weit, du hast erst das Bewußtsein zum Tier. Du kennst erst den Schein und verfolgst das Trugbild, den Wahn. Kehre um, der Inhalt des Lebens liegt hinter dir! – Seltsame Kämpfe, die dich zur Qual der Erkenntnis führen! Du hast den Weg zum Leben verloren. Deine Träume sind schleichende Einsamkeit und deine Freude ist Qual. Trug ist dein Wesen und Sorge. Schleune den Schritt und lasse den Wahn des irrenden Dunkels. Dein Weg geht nach rückwärts zur dämmernden Sphinx.

Jappes stand mit geschlossenen Augen: Irgendeine Landschaft sah er in drehender Bewegung, die zum Wirbel wuchs, fühlte sich emporgehoben, von der Erde gelöst, schwebend, drehend, machtlos. Fühlte, daß er einer Ohnmacht nahe war, einem Wahnsinnsanfall, daß der Taumel ihn ergriff, daß er ein Spielzeug war und die Macht über sich verlor ... Teilte die Augenlider und tastete sich an den dunklen Umrissen der Gegenstände zur Wirklichkeit zurück. Sagte die Namen des Geschauten ... ein Baum, der Weg, ein Beet, orientierte sich in der Umgebung, hob die Blicke hinüber zu den Walzertakten, die von der Villa kamen, sah die tanzenden Schatten an den verhangenen Fenstern – gab sich einen Ruck mit der Schulter, schritt über den knirschenden Rieselkies und dachte an das verwirrende Spiel der Dämonen.

Die Pause war längst vorüber. Fräulein Winterstein hatte sich am Serviertisch beim Diener nach Jappes erkundigt. Der Diener kniff ein Auge zu und sagte mit vertraulicher Geste: „Der Herr hat eine Halbe Kognak binnen,“ und er wies auf die Flasche, „er ist benebelt und paßt in die Nacht.“

Doktor Seraph hatte sich entschuldigen lassen. Frau Kommerzienrat brachte der Tochter die Nachricht: „Der Totenkopf kommt wieder nicht. Er muß eine Leiche massieren.“

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