Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 35

Die Magie ist ein Kompendium tierisch-wertvoller Naturen.

Doktor Seraph war ein maskenhafter Mensch, wie eine verwischte Skizze zum Leben. Seine Stirne, die blutleer schien, war mattgrau wie plastischer Fensterkitt und von zwei Linien durchfurcht, die an den beiden Enden zusammenliefen und ein Schifflein bildeten. Der Mund war wie zugeklebt und ohne Lippen. Runzeln von den Augen fächerförmig über die intelligent mageren Backen sich verlierend, bargen die Bitternis einer hartverlebten Jugendzeit. Die schmalen gepreßten Schultern verrieten die bückende Haltung bei grübelnder Beschäftigung. Die unruhig flackernden Augen schienen beständig eine Gefahr erspähen zu wollen. Der Prototyp jener telepathischen Vorführungskünstler, die in ihrer zuckenden Ueberreiztheit ihre abgrundtiefen animalischen Kräfte betätigen. Seit seiner Geburt hatte er nicht gelebt – und seltsam – er war wie eine versteinerte Figur, mit den bedeutungstiefen Runen diabolischer Rätsel. Mit ruhigen verglasten Augen stierte er mit weitausholendem Blick in die Ferne, wie ein Somnambule, der plötzlich durch eine unglaubliche Macht erschreckt, ins Endlose starrt. Etwas schwebend Taumelndes in der Erstarrung.

Trug an dem mager-langen Ehefinger einen schwarzen Ring, der alles Licht auftrank. Ein Pfand des Teufels, das sich in der Familie weitererbte. Ein Stein, der den Schlaf raubte, und alle, die ihn trugen, in Verbindung mit Toten brachte. Doktor Seraphs Ahnen waren Aerzte und Totengräber. Ein Großonkel war katholischer Pfarrer gewesen, hatte sich am Vorabend seiner Primiz verachtend von seinem Ring getrennt und ihn in ein Kästchen eingeschlossen. Ein unruhiger Traum hatte ihn gequält. Etwas Grausiges war geschehen und doch konnte er sich nicht entsinnen, was es war. Er amtierte kein Jahr in seiner fetten Pfründe, da kam Freund Hein, um ihm den Ring zu kündigen. In der ganzen Pfarrei hatte niemand einen schöneren Herren gesehen und die Trauer war groß, als er so plötzlich starb. Nach der Weissagung einer Wahrfrau sollte Doktor Seraph der letzte Träger des Ringes sein und in seiner Hand war eine übermäßig große Lebenslinie.

Am Zeigefinger der rechten Hand trug er den Pesach, einen Blutstein in Platin gefaßt. Der Stein hatte die Kraft, den Blutfluß zu stillen. Wenn eine Frau ihn bei der Entbindung in die Hand nahm, gebar sie ihr Kind ohne Schmerzen. Die trübrote Farbe war wie ein Blutfleck auf dem Finger des Doktors.

Er war erschrocken-naiv wie ein Medium im magnetischen Schlaf. Sein lautloser Katzentritt und die vorgehaltene Rechte wie bei einem Wünschelrutengänger ließen an das Wahngebilde eines Spukes denken. Mitschüler erzählen, daß er vieles wußte, was er nie gelernt hatte, und niemand erinnerte sich, den schwarzen Doktor je lachen gesehen zu haben. Er hatte nie Freunde gehabt, und seine Wirtsfrau hatte ihn nie zu Gesichte bekommen. Alle Aufträge schrieb er mit fadendünner englischer Steilschrift auf ein Konzeptpapier, in höflich-geschraubter Form, als richte er eine untertänige Bitte an die durchlauchtigst allmächtigste Majestät.

Der schwarze Ring hatte eine merkwürdige Herkunft. Eine ganze Legendenwelt war drum gedichtet worden. Alle dreihundert Jahre sollte der Ring nach Californien zurückkehren, an den Ort seiner Herkunft. Der Stammbaum der Seraphs trieb seine Aeste ein halbes Jahrtausend aufwärts, und es schien wie ein sonderbarer Zufall, daß alle den schwarzen Stein trugen, oder war es durch die Kraft des Steines, daß der Stammbaum bis auf den ersten Inhaber zurückging? Ende des vorigen Jahrhunderts erhielt Doktor Seraph plötzlich in Heidelberg, wo er studierte, ein Päckchen mit dem seltsamen Ring aus Californien, wo ein entfernter Verwandter, der Millionär Eduard Bain in Pasadova gestorben war. Bain war dreiviertel Jahrhundert alt und die letzten sechzehn Jahre hatte er nicht geschlafen. Man erzählte sich im geheimen, weil der Zufall den Stein von dem Toten getrennt habe (denn Bain verkehrte nur mit lebenden Leichen, für welche der Stein keine Affinität zeigte), habe der Tod auch den Schlaf, seinen dunklen Bruder, von ihm gerissen ...

Der Millionär konnte nur in Theatern und geräuschvollen Lokalen einnicken.

Doktor Seraph saß oft stundenlang in träumerischer Betäubung vor einem Kästchen aus dreifachem Holz, Taxus, Kreuzdorn und Hollunder. Legte den Blutstein hinein und geriet in eine schlaflose Erschöpfung. Sein scheinbar erloschenes Leben flackerte mählich auf, steigerte die Kräfte bis zum magneto-elektrischen Prozeß. Seine Gesichtszüge wurden von einer unendlich verzückten Beseligung beschienen, seine mattgebeizte Fleischfarbe nahm ein leichtes hauchiges Rot an und mit einer bis zum Paroxysmus gesteigerten Aufmerksamkeit schien er berauschender Musik zu lauschen, schien das Farbenspiel eines Festgepränges zu verfolgen, schien von ambrosischen Düften umfächelt, geriet in Ekstase, bis zum Wahnsinn gesteigerte Begeisterung, machte keine Bewegung, alles bildete sich in seinen plastischen Wachszügen. Die Ermattung warf den leuchtenden Ausdruck plötzlich aus seinem Gesicht und die Totenstarre malte den gelben Ton über sein Fleisch. Er schien von einem unendlichen Leiden gefoltert, von ungeheueren Krämpfen zerrissen, von stechender Qual zermürbt.

Mechanisch griff er in das Kästchen. Steckte den Blutring an den Finger und legte den Teufelstein lautlos hinein ... Sprach mit eintönig hölzerner Stimme – die Worte wie Bewegungen eines Hypnotisierten, eckig und zäh – sagte Sätze mit unheimlicher Bedeutung und mit schleichend dürrem Tonfall: „Tödin-Tod ihr bejaht das Gegenteil! – Geist von Mitternacht furchtbarer als das Leben! – Schauerjungfern fliegen aus und säen Kindersamen auf die keuschen Mädchenäcker. Ungetauft sind sie im Tod erlöst. Weilen ohne Gut und Bös am seltenen Ort, in Nobiskraten. Legt eine offene Schere auf – die jungen Wiegen sind dann erlöst vom Nachtgejaid. Wechselbälge – Haare – Beine. Schwefelhölzer – Spinnen – Molche – Kröten – Echsen. Aeugig eins der Hase, Beine drei, ist Loki nicht der Feind vom Morgen? Gehenkte klappern schon am Galgenholz. Im Sturm nimmt Wodan die gehängten Seelen mit. Geborsten und verflucht – naht der Gesell mit Dreispitz schon, mit Feuerstein und läßt die Funken stieben.

Zottig zottig Hühnerei

Hahnenkamm im Wirbelwind

Reicht ihm schnell den Hexenbrei

Beule – Warze – Narbe – Grind

Schafriri, friri, riri, zi – –“

Dann änderte sich seine Stimme plötzlich, wurde weich, schwebend, melodisch; er griff in das Kästchen und tanzte mit den Ringen durchs Zimmer, singend schien er einem Trugbild zu folgen.

Tod mit Muck

In jähem Lauf

Leg Spuck auf Spuck

Und spucke drauf.

Wer Herr seines Schicksals ist, ist selbst das Opfer einer großen Kraft, die aus der Ferne wirkt.

So war sein Schlaf, seine Träume. Träume ohne Schlaf sind seltsame schwebende Gebilde, und wer Bilsenkraut oder Nachtschatten in der Walpurgisnacht durch einen hohlen Totenknochen schlürft, kann eine schaurige Fahrt machen.

Armida wußte um das geheimnis- und verhängnisvolle Dasein des schwarzen Doktors. Ihre Weiberlist, ihn des Ringes im Schlaf ledig zu machen, war nicht anwendbar – er schlief nie. Seraph hatte ein höllisches Laster, er trank den Totenhauch der Sterbenden ... Das stechende Feuer seines düster-fahlen Blickes gab seinen Augen etwas Ausgehöhltes, etwas Feucht-Kühles, Unterirdisch-Nächtliches. Doktor Seraph empfand sein Leben nicht als Verhängnis. Es war für ihn eine Tatsache, ein So-sein-müssen, Sich-nicht-denken-können wie anders sein. Er war schön wie der Tod im Leichenhaus. Kein Mitarzt wußte um ihn, allen war er der Totenkopf, der nur die Operationen vornahm, die vom Aerztekollegium als unmöglich erklärt worden waren. Trotzdem waren nicht alle unter seinem Messer geblieben, und das Staunen war groß im Operationssaal.

Armida kannte ihn aus seiner Studentenzeit von Heidelberg her. In der Anatomie saß er neben ihr, schaute sie nie an und gab ihr jeden Tag einen kleinen Würfel weißen Zuckers. Im dritten Semester hatten sie sich plötzlich gegenseitig und zu gleicher Zeit angeredet: „„Weshalb reden wir eigentlich nichts??““ Eine Woche waren sie nicht aus dem Lachen gekommen, beim Anblick befiel beide ein hysterisches, konvulsivisches, unstillbares Lachen. Das übertolle Lachen brachte das Semester dazu, Armida „Gluckerchen“ zu nennen. In dieser Zeit des erotischen Frühscheins wollte Seraph der Medizin entsagen. Er bereitete sich vor, die leichttönende Leier seiner Muse in würdigen Empfang zu nehmen, schrieb fleißig Rezensionen und Skizzen, schlief ganze Tage und die Nächte dazu, ließ die medizinischen Vorlesungen im Stich, schwänzte die Uebungen, schaffte sich alle möglichen und unmöglichen Romane an, besang „seine befreite Armida“ und kündigte seinem Professor seine Promotionszusage. Schrieb ihm einen Brief voll Hohn auf die Quacksalberei: Plötzlich habe er sie satt bekommen, um sich auf das Feuerroß der Begeisterung zu setzen, das mit der Phantasie, dem Hafer der utopischen Begabung gefüttert, den Olymp des Ruhmes erstürmt. In Knüttelversen hatte er seine Umsattlung angedeutet:

Mein Doktor wartet unentwegt auf die Geburt,

Doch fehlt die Amme, ihn zu säugen,

Wenn so ein Knabe literarisch hurt,

Kann er doch keinen Doktor zeugen ...

Er hatte seine medizinische Bibliothek an einen Trödler losgeschlagen und mit Ekel an sein Leichenschinder-Leben zurückgedacht; voller Ekel dreimal vor dem Namen Arzt ausgespuckt, wie schwäbische Bauern tun, wenn sie einem Schwein begegnen, verlebte mit Gluckerchen sanfte Tage gegenseitiger Ergüsse in lyrischer Umarmung, dachte an Familienleben, geordnete Zukunft, eine gesicherte Tracht Ruhm, vor den Kritikern, den Prügeljungen der Literatenkaste, noch rechtzeitig gerettet. Da kam plötzlich der schwarze Ring und mit ihm der freudelose Pflichteifer an seinem eklen Handwerk.

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