Wer viel vom Leben spricht, nimmt es nie von der ernsten Seite. Wir nennen die Flöhe Ungeziefer, weil sie uns jucken, ein Flohologe hat allerdings zwei Namen dafür, den wissenschaftlichen und den vulgären.
Sie machten einen Ausflug mit der Wannseebahn, Jappes, Armida und Arco Calvandi. Stiegen in Schlachtensee aus. Es war irgendeine Zeit. Vielleicht warm, vielleicht kühl – ein angenehmes Halbdunkel in den verschlungenen Pfaden, die sich durch den Wald am See entlang schlängelten. Die spezifisch ewige Stimmung, wie sie einen befällt, wenn man einen schattigen See entlang bummelt. Die breite, gleißend-ruhige Fläche des Sees mit abwechselnd dunklen und weißen Einkerbungen am Ufer, lag in dem schweren Holzrahmen der umragenden Wälder. Herr Arco Calvandi, der bewußt-verrückte Franzose, der schäkernde Lebemann, mit einem freien Knabengesicht. Ein leichtes, zugestutztes flaumiges Bärtchen, wie hingeklebt in das milch-rosige, gutmütig-offene Muttergesicht. Mit den Privilegien der Reichen hatte er von seinem Vater jene Offenheit und Gutmütigkeit derer in den Zügen, die nie jemandem Rechenschaft abzulegen haben und von frühester Jugend durch toleranteste Erziehung daran gewöhnt sind, über die intimsten Angelegenheiten des Lebens mit gentlemanreifer Bravour zu reden, ohne zu erröten. Ein bezaubernder Mensch, der kein Hehl daraus machte, daß Menschen seiner Ansicht nach zu gegenseitiger Lust geschaffen sind, und es so schnell wie möglich einsehen sollen. Sein wiegend sicherer Gang und seine Kleidung verrieten den Autofahrer, der daran gewöhnt war, sich bei den schaukelnden Bewegungen sicher und ohne Anstrengung zu äquilibrieren.
Armida hatte eines ihrer ungezählten aber gutgezahlten Cover-coat-Strapazierkleider an. Kragen und Schlips und Reitgerte. Eine deplacierte englische Miß mit der ungeduldigen Spannung eines Walter Scottschen Romanes auf das Abenteuerlichste gefaßt und, was für Armida charakteristisch war, zu naivst-mädchenhaften Kapitulationen vor starken Männern bereit. So war sie heute.
Jappes war die dritte Seite dieses ungleichseitigen Dreieckes. Er schien überflüssig, wie für den Geometer die dritte Seite eines rechtwinkligen Dreieckes, die man leicht mit der Hypotenuse Calvandi, der Grundlinie Armida und aus dem Verhältniswinkel beider bestimmen konnte nach dem Lehrsatz: sagt mir, wer ihr seid, und ich sage euch, mit wem ihr umgeht.
Von seiner sportlichen Praxis her war Calvandi gewöhnt, das Tempo anzugeben. Das knabenhaft listige Feuer seiner lüsternen Augen wußte die Ironie seiner Worte ohne das Mienenspiel zu markieren. Seine unsicher-stockende Ausdrucksform gab seiner Sprache etwas Hastendes, als habe er Eile, eine gedachte Pointe durch die Lebhaftigkeit der Rede über die Lücken der fehlenden Wörter hinwegzuheben. Er faßte seinen Besuch bei Armida sehr ernst und für sich ausschlaggebend auf. Calvandi und Jappes musterten sich mit der ruhigen Unruhe zweier Menschen, die in derselben fatalen Lage sind: Bei einer Frau und zwei Männern gibt es immer eine doppelte Intrige, denn eine Frau hat immer einen Schimmer von Aufmerksamkeit für einen dritten, der in ihr Leben hereinspielt, sei es in der Hoffnung, einen Freund zu gewinnen durch die Maske ihres Interesses, sei es, ihren Mann durch die Eifersucht fester an sich zu schmieden. Eine doppelt umworbene Frau hat unfehlbar die stärksten Trümpfe in der Hand und kann ruhig Jeu ansagen. Sie wird selten verlieren.
„Wir nehmen die Direktion am See entlang,“ begann Calvandi zu Armida gewandt, „wir werden einen charmanten Abend haben, ein reizendes Hors-d’oeuvre für die pikante Nacht. Liebespärchen pflegen nicht zu dritt zu gehen, wir werden also auffallen.“
„Wir sind nicht mehr im Alter, wo man verliebte Mondscheinbummel macht,“ lachte Jappes, „Verlobte pflegen sich nicht mehr öffentlich und vorlaut in der Liebe zu betätigen. Ich hätte dem Sittenrichter einen Vorschlag zu machen: Einen roten Crêpe am rechten Arm für Verlobte, damit man sie erkennt wie die Trauernden am schwarzen Flor.“
„Eine Idee!“ baute Calvandi aus, „eine deliziöse Idee! Wenn die Verlobten ihre Verliebtheit nicht mehr durch gegenseitige Anhuldigungen nach außen betätigen, sollten sie den roten Crêpe tragen bis zur Ehe, dem Gesetz der zwangsvoll-gegenseitigen Hingabe.“
Armida verzog die Lippen zu spöttisch-fragender Grimasse und bewegte die Reitgerte mit gelenkigen Fingern. „Sonderbar, die Männer reden immer über Frauen und denken dabei an Liebe, oder sie reden über Liebe und denken dabei an Frauen, – ob ein Mann aufrichtig liebt, persönlich lieben kann ...? na, ich wollte die Frage nicht entscheiden.“
„Verzeihen Sie, Madame; meine erste größte Dummheit wäre es gewesen, wenn ich mich nicht sterblich in Sie verliebt hätte,“ sagte der Blaubart, „für Sie allein habe ich mehr Dummheiten begangen, als für meine übrigen Eintagsfrauen zusammen. Madame, mein Herz hat sich in glühender Liebe für Sie verzehrt ...“
Armida wehrte: „Freund, keine Flausen, die uns kompromittieren könnten. Mir scheint das größte Uebel für einen jungen Mann, wenn das Gerücht über sein wildverbraustes Leben schlimmer ist als die Wirklichkeit.“
„Madame,“ fiel Arco hastig ein, „heute bedauere ich zum ersten Male in meinem Leben, kein Tagebuch geführt zu haben, ein persönliches Bändchen Casanova, ein paar schwüle Kapitel Paul de Kock. Meine Sprache stört Sie wohl am meisten. Die Form ist ungelenk, meine Calembours kann ich nicht richtig anbringen.“
Jappes machte eine Bewegung voll graziöser Koketterie: „Ich glaube, wir langweilen uns so agréable als possible.“
Die grössten Schweiger waren Philosophen und umgekehrt.
Schade, dass sie geschrieben haben.
Mit nachlässig-nebensächlicher Gebärde bot Calvandi Zigaretten an und hielt das Etui, aus getriebenem Silber mit massivem Wappen und verschnörkelten Initialen, spielend in der Hand. Jappes dankte, sein Geschmack gehe nach einer Zigarre. „Die Liebe ist die einzige Religion, in welcher es keine Renegaten und keine Sektierer gibt,“ – Arco Calvandi unterbrach – und reichte Armida Feuer. „Die Leidenschaften muß man bis zur Gewohnheit abschwächen. Sehen Sie die Zigarette, ein einzelner Massengenuß. Die einzelne Zigarette verraucht und Kenner halten sich nicht an eine Marke. Die Namen vergißt man, vielleicht erinnert man sich, daß man einmal ein wunderbares Kraut verdampft hat. Das Rauchen an sich ist das große Beständige, das Bleibende, der Reiz am Rauchen. Eine einzelne Zigarette macht das Rauchen nicht aus, wir brauchen mehr, viel, nur keine Spezialitäten. Allmählich stellen wir den Geschmack auf ein besonderes Aroma ein und bleiben dabei. Es genügt, daß wir rauchen. So ist die Liebe, eine Gewöhnung an die Frau, bei einer Marke dauert es zuweilen länger, – vielleicht ist die Marke eines Tages ausverkauft, wir finden eine andere, nicht schlechter, nicht besser –, das Wesentliche ist, daß die Leidenschaft unterhalten wird, dann erst werden die Gefühle seßhaft und lernen an der alten Scholle kleben. Der Vergleich ist mir so eingefallen in rauchender Damengesellschaft.“
„Möglich, daß der Vergleich stimmt,“ eiferte Armida, Calvandi zu unterstützen. „Mancher verbrennt sich an der Zigarette, kriegt Kopfweh, verpulvert sein Vermögen für Luxuszigaretten. Sie haben mich überzeugt, Herr Arco, habe ich richtig verstanden, eine Frau ist Gift in brennender Hülle?!“
„Darf ich noch einmal um Feuer bitten,“ bettelte Jappes, „die meine scheint schief gewickelt – und ist doch keine Gewohnheitszigarre zum Hausgebrauch für die besten Freunde. Die Gewohnheiten sind die erloschenen Krater der Leidenschaft; die Leidenschaft ist ein Spiel, das Spiel unserer Instinkte mit den Kräften. Wir werden gespielt, wie wir gelebt werden – irgendein großer Lebenskünstler hat das Leben so geprägt.“
Arco Calvandi dachte an die Tage von Monte Carlo, wo er sechs Millionen im Roulett verjeut hatte, dachte an seine Auferstehung, die er durch Armida erhoffte, dachte an die Wiedergeburt des Sünders aus dem Pfuhle zügelloser Verschwendung, dachte, daß Berlin sein Damaskus werden sollte. Er hatte Gründe genug, ein ernstes Wort zu reden, aber der Zwittergeist von Witz und Ironie diktierte ihm:
„Manches Leben endigt in einem Spiel und manches Spiel in einem Leben. In der Ehe hält die Frau die Grillen eines Mannes warm. Für einen Roman ist sie die Hauptperson, weil sie für die Spannung sorgt. Die Frau ist zäh und wird auf Seite 313 in Romanen erst getötet oder in der Ehe unschädlich gemacht.“
„Schau ihn, den Weisheitsstengel,“ und Armida klopfte ihm mit der Reitpeitsche auf die Finger, „er spricht wie ein ergrautes Ehesemester. Dümmer als die Rede eines Weisen klingt es nicht. Die Frauen haben alle eine Grille, nennt mir sie schnell – nanu, wie still! Wie heißt die Grille, Freunde?“
„???“
„Ihr schweigt, wohlan, die Grille ist der Mann. Ein Mann ist eine kleine Welt. Das Feuer einer Frau ist viel zu groß, um so ein Einzelgrillchen alleine daran zu wärmen. Nicht nur Frauen heiraten in Romanen – Wie könnten sie allein die Tragik schaffen! Romane, wo eine Frau und viele Männer sind, kann man zum Ueberdruß noch lesen. Wo nur ein Mann und viele Frauen vorkommen – bei Gott! – da hält der Mann den letzten Akt nicht aus. Er zappelt hin und her und stirbt aus Ueberdruß. Ist er ein Kavalier, schießt er sich eine Kugel vor. Ist er ein Lump, tut er desgleichen. Und ist die Frau allein im Prunkgebäude des Romans, dann wird gekämpft, bis nur der Stärkste übrigbleibt – und der gehört dann noch der Frau.“
Arco Calvandi dankte für die Belehrung. „Mein Exempel hat diesmal nicht recht gestimmt. Es ist nicht schwer daneben hauen, denn das Beispiel trifft den Fall ganz einfach oder trifft ihn nicht.“
Jappes stellte sich beiden in den Weg, kreuzte die Arme über der Brust: „Es wär vernünftiger, das Leben nach einem Roman zu leben, als einen Roman nach dem Leben zu schreiben. Alle berechenbaren Zufälligkeiten würde man miterleben, während das Pikante der Romane nur der Treppengeist des Lebens ist. Im Leben fällt uns immer erst später ein, was wir hätten tun sollen. Würde einer von Jugend auf nach einem gegebenen Roman leben, dann käme wenigstens eine unglaubliche Spannung hinein. Romane soll man für die Jugend schreiben, aber die Romane nicht aus dem Hinterhalt aufs Leben loslassen, wie eine zahnlose Meute mit dem Schaum der Moral in dem lüsternen Maul. Treppengeist! Die vernünftige Jugend lacht die meisten Romanhelden aus, sie würde heute ganz anders gehandelt haben: Keine langen Intrigen, um etwas zu erhaschen, was man viel leichter im Laden nebenan haben kann. Alle Helden und alle Heldinnen verschenken dasselbe. Die Romane müßte man von rückwärts schreiben. Sie würden verblüffend kurz und auch ...“
„Wir sind vom Leben abgekommen,“ unterbrach Calvandi, „die Romane der Armen werden viel zu oft gelebt, um geschrieben werden zu dürfen, und die Romane der Reichen werden viel zu oft geschrieben, um gelesen werden zu sollen. Die Ehe ist die schweinslederne Ausgabe unserer sterilisierten Gefühle. Das Kind ist eine Dichtung zu zweien. Die Dichtung ist das fidele Handwerk, das die Liebe mit der Welt versöhnt. Setzt Frau statt Liebe, Mann statt Welt, und der Vergleich ist fertig, wenn ihr Kind statt Dichtung setzt. Ihnen, gnädige Frau, will ich mein Herz zu Füßen legen ...“
Jappes lachte laut auf: „Ihr Herz hat sich in glühender Liebe für sie verzehrt – – oder wie sagten Sie erst kurz? – und jetzt wollen Sie es ihr zu Füßen legen. Selbst Armida kann zurückdenken.“
Armida lachte Arco spöttisch an: „Rückfällige Kranke sind die undankbarsten Patienten. Ich danke, Freund, für Ihre edle Herzenssache. Ist die Glut zu groß in Ihrem Herzen, dort ist der See, die Glut zu kühlen.“
Da fiel das Lachen auch Calvandi an: „Verliebte sind immer lächerlich, Madame, Sie wägen die Worte auf der feinen Wage, weh! ich habe schon verlernt, die Komplimente gut zu drechseln.“
Und Jappes: „Wir sind schon daran gewöhnt, die Menschen nicht mehr ernst zu nehmen.“ Vor Wannsee ließ der Pfad den See und kroch zum Bahnhof. Vom See sprang ein kühler Wind und rüttelte die Bäume aus dem Schlaf, weil der Mond schon aufgegangen war und neidisch auf die elektrischen Lichter hernieder sah.
„Kommt, Freunde,“ rief Armida, „ich sollt von mir auch etwas haben.“ Sie riß beide an ihre Seite und hängte sich ein. Sie hüpfte zwischen den beiden dunklen Gestalten und wunderte sich über die Männer im allgemeinen und über die ihren im besonderen.