Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 39

Es gibt Menschen, bei denen der Fortpflanzungstrieb stärker ist, als der Selbsterhaltungstrieb.

„Es reizt mich, dich zu heiraten mit allem Formelkram und allem Jirimiri. Dein angetrautes Weib! Ein Jahr vergeht im Flug, bis dahin bin ich dieses Abenteuers überdrüssig. Die Welt dreht bunt zu unseren Füßen, wir täten unrecht, uns nicht mitzudrehen. Wo ist der Weg, den diese Welt durchmißt? Sie dreht und dreht um Sonne, Mond und Sterne, und übers Jahr ist sie am selben Fleck. Vergiß nicht, daß die Drehung rasch ist und daß der Taumel uns die Richtungswerte nimmt.“

So sprach Armida und Calvandi grinste:

„Es wird ein seltenes Paar, und Seltenheit ist selten auf dem Torkelglobus. Ich werde dir am Tage treu und nachts dein Diener sein. Die Familie beruht auf Beischlaf, und das Glück des Kindes hängt vom Vatersegen ab. Mein Täubchen, komm, sei meine süße Maus. Die Ehehälften müssen sich zu einem Ganzen schlagen. Wir gehen los: zum Schöps, zum Paternoster, kehren heim in unsere trauten Brautgemächer. O holder Engel du! In meinen Tränendrüsen herrscht die ewige Ebbe, heute wär ein Tag, dem Glücke von der salzigen Flut zu spenden. Wie ist der Brauch allhier: darf man die ungeweihte Braut mit einem Kuß versehen?“

„Tu wie du willst und laß den Brauch für die Gebräuche.“

„Du honigsüße Lorelei. Laß mich den Inhalt deiner Waben pressen und meine Muskelkraft mit dir in der Umschlingung üben. Die Schnute fix! Wie feierlich die Gegend schweigt – – – Deine Fresse ist recht appetitlich, noch einen Kuß für deinen Lippenzwilling, bei Ehr, das ist der beste Liebesschilling.“

„Laß mich schnaufen, Arco, du bist grob.“

„Ich bin nie grob, manchmal stürmisch galant. Die Last der Ehe wird die Glut schon dämpfen. In Flittertagen darf man nicht empfindlich sein. Bist du nicht Mutter übers Jahr, dann sterben meine Vaterträume, die in der heißen Brust gehegten. Wie schön, von einer Frau geliebt zu sein! Arme Freundin, das kannst du nie erleben und mußt mit eines Mannes Liebe fürliebnehmen. Du hast mich doch lieb? Verzeih, wenn du dein Denken durch die Ueberlegung schändest.“

„Ich glaube ja und du?“

„Ich habe mich nicht lieb.“

„Und mich?“

„So lieb, wie wir uns beide gegenseitig lieben. Ich habe Sehnsucht nach den Hügeln meiner Träume, nach dem Tale meiner Sehnsucht. Treten wir ins Eden, ins Dorado, dein Michael ist abgereist, der am Garten der Armida Wache stand. Du bist die Schlange, ich der Apfel und der Teufel wird beim Pflücken geigen.“

„Jappes ist am Meer mit seinem Flammenschwerte und das Dorado steht dir offen. Vergiß nicht, daß der Teufel Kolophonium zum Fiedeln braucht. Die Schlange häutet sich noch nicht. Jappes-Michael muß sein Nein zum Ja für dich verwandeln. Das Jawort ist die Klausel der Geschlechter, und Michael ist eine Großmacht, die mit zähem Wall mein Ich umschlossen hat.“

„Weh mir der Qual, den Terminus noch abzuwarten!“

„Denk, daß du ein Mann und ein Franzose bist und einer Dame ritterlich entgegenstehst. Der Rittersinn soll nicht allein im Rosse liegen. Ich denke, deine Ahnen waren Ritter?“

Perversität und Genie treiben zum selben Ziel: dem Wahnsinn.

„Von meinen Ahnen soll ich dir erzählen, dem Stammbaum meiner Ritterschaft, mein Pedigree ... Vom: Hausgeist derer, die sich meine Väter nannten, von der Kette meiner Uren, die sich zum Gedeih des Stammes der Calvandi zeugten. Frankreich steht und fällt mit dem Geschlechte der Calvandi! Unsere ersten Streitrosse standen unter Ludwig dem Frommen, le Débonnaire. Nach dem Normannenzug ritten sie zum Grafen Eudes, als bei Karl dem Kahlen keine Wolle mehr zu scheren war. Der Stammbaum reitet durch die Wirren treu an königlicher Tafel seinem Glanze nach. Meine Ahnen waren kühne Zeitgenossen aller großen Taten; mit den Königen standen sie auf du und du, mit der Reihe derer, die man Ludwig nennt, auf geldvertrautem Fuß. Meine Phantasie illuminiert mir die Taten aller Louis, wenn ich an die Namen denke, die von ihrem Wesen Kunde geben; Ludwig der Fromme, der Dicke, der Junge, der Löwe, der Heilige, der Zänker, der Elfte, der Vater des Volkes, der Unglücksziffrige, der Sonnenkönig, der Namenlose, mit Maria Leszczynska ins Ehebett getraut, der Sechzehnte, den man vom Denken suspendierte. Die Philipp, Karl und Heinrich, die in den Ludwigslücken glänzen, haben meiner Ahnen Tätigkeit am eigenen Leib erfahren und sie für ihren Raub geadelt.

Seit der große Korse die Ländertafel anders malte, leben meine Väter vom Goldstaub der Jahrhunderte. Mein Vater war korrekt und zäh in der Verfolgung eines Zieles. Es soll kein Tadel sein: Drei Jahre ritt er an der Bahn entlang mit einem Terzerol, den Führer eines Zugs, der ihn zu spät aus der Provinz zu einer Freundin in die Stadt gebracht, zur Rechenschaft zu ziehen. Mit verhängtem Zügel hat er sein Roß am Zug entlang gepeitscht ... Da dämmerte im dritten Jahr in seinem geistverwirrten Sinn, daß er nicht wußte, wie der Führer war. Die Jugendtage hat er in heilig-augustinischer Versunkenheit verliebt, die Kirche wurde sein Refugium. Zur Vesperzeit sah man ihn mit einer Koppel Hunde und mit seinem Jagdgewehr im kühlen Raum der Kirchenwölbung, mit unverwandtem Blick die Frauen äugend ... Seltsam, keine lachte.“

„Die Ehrfurcht ist um die Ehre länger als die Furcht. Dein Vater war ein Feuergeist. Sein Hitzkopf ist dein Erbe. Ich liebe Männer, die sich Opfer bringen.“

„Ich nutze meine Zeit, eh auch der Wahnsinn mich befällt. Der Geist, der die Calvandi lenkt, wird müde nach dem ersten Drittel ihres Lebens. Kein Edelstein ist erblich in der Familie, der den dunklen Geist des Hauses bannt und seine Kraft für den Ruin des Trägers ins Spiel der Zeiten wirft. So sterben wir durchs Blut, das unserem Leben seinen Rhythmus leiht. Der letzte unserer Art wird nie geboren werden. Der Wahnsinn ist der starke Geist, das Absolutgesetz, das willenlos den freien Willen zwingt. Die transzendente Kraft des Wahnsinns schafft den Uebergeist. Und Priester dieses Geistes sind wir alle vom Geschlechte der Calvandi!“

Armida nahm seinen Arm und sie verließen Calvandis Zimmer.

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