Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 38

Die Sünde ist eine Erbschleicherin, die auf den Tod der Tugend lauert.

„Meine ganze Mappe wird im Glaspalast ausgestellt,“ rief Pepy freudestrahlend und hob ihre Hand graziös an Professor Günthers Lippen. „Ich bin sehr glücklich und ich danke Ihnen vielmals, mein Freund.“

„Schön, schön, für seine Freunde muß man immer etwas Angenehmes tun können und es wird zur Pflicht, wenn man ein Talent fördern kann. Wir gehen ins Atelier hinauf, da können wir ungestörter plaudern. Gestört werden wir sowieso nicht, meine Frau ist mit einer Freundin ins Residenztheater.“

Sie stiegen die Treppe hinauf und die Läufer dämpften ihre Schritte. Professor Günther ging hinter diesem jugendbebenden Wesen. Sein Blick umfaßte die vollen geschweiften Hüften des Mädchens, die prall-molligen Waden, in gemusterten durchsichtigen Strümpfen gerundet. Er umfing ihre Bewegung, trank den Rhythmus, der von ihr ausströmte, berauschte sich an seinem glühenden Verlangen. Sein wild pulsierendes Blut trieb ihn, dieses rothaarige Kind zu berühren, ihr in lodernder Brunst seine Sehnsucht zu klagen, in ihrem weichen elastischen Busen zu wühlen, ihr heißes Fleisch zu küssen, jede Fläche, einzeln, lange, lange ... Er stolperte die Treppe hinauf, von der Begierde gepeitscht, von der Unsicherheit gefesselt.

Wer könnte die geheimnisvolle Macht des Fleisches bezweifeln! Sind die mystischen Verzückungen der Heiligen etwas anderes als erotischer Taumel? Sind die devoten Verzückungen der Klosterfrauen etwas anderes als saugende Erschöpfung im Andenken an das liebeglühende Herz des Erlösers? Ewige Gesetze des Blutes, die uns die Sinne verwirren, die uns im Rausch der kreisenden Säfte zum gesteigerten Leben führen. Göttlicher Funke der Empfindung, der du das Leben zur Wonne machst! Oh! die Wollust der schlingenden Arme. Oh! die Nähe der rieselumrauschten Umarmung. Oh! der Zauber der müden Gestalten. Taumel, Wirbel, Glut und Beben und selig still Versinken in sich selbst.

Günther und Pepy sahen keine Staffelei, keine Bilder. Ihre gegenseitigen Gedanken waren Wirklichkeit. Sie gehörten sich, von Mund zu Mund, von Fleisch zu Fleisch. Das Mädchen in erschrocken-erregter Erwartung erzitterte, als Günther ihr das gekräuselte Gelock löste, ihr glühendes Gesicht an seine pochende Schläfe drückte, ihr Stirn und Auge streichelte und in langer Umarmung ihre Lippen preßte. Sie begehrte diesen Mann, wie er sie begehrte. Ihre köstlich-reifen Brüste quollen aus dem gelösten Mieder, und Wonne durchschauerte den willenlosen Körper, als er seine Lippen zum Kuß hinunterneigte. Löste ihre leuchtende Unterkleidung und ihr Fleisch quoll hervor, perlend, blendend weich. Wundersam samtige Knie, die Fülle der flaumigen Beine, die Wölbung des bebenden Leibes, der dunkle Schatten der männlichen Sehnsucht. Günther hüllte sie ein mit den Blicken. Umschmeichelte streichelnd die lockenden Reize und seine Sinne stöhnten von der Marter des flutenden Blutes. Biß seine Zähne in das saftige Fleisch, das sich wehrlos dem Drängen entgegenspreizte, zuckend in betäubender Lohe.

Worte sind schwache Trabanten, wissen nicht von den Lüsten der Menschen zu sprechen. Und Taten sind stumm ...

Heilig ist die Lust, welche die Sinne berauscht, welche die Begehrenssehnsucht nach dem Tempel der Freude weckt. Mensch! entsprossen aus dem Mutterleib, ewig zieht es dich zum Mutterschoß zurück. Der Traum vom Kind, der Traum vom Weib wird nie so schön geträumt als unbewußt. O heilig-weicher Schoß! du birgst das Wunder einer Welt in Seligkeit aus nichts erschaffen. Fluch dem Schöpfer, daß er die Begierde nackter Zweisamkeit bei Tieren schuf! Ward der Mensch erniedrigt? Ward das Tier erhoben? Das Leben ist aus Lust geworden nach einem heiligen Schmerz im Mutterleib. Liebend hegt die Frau die Frucht, die ihr mit schmerzlich-banger Qual die Mutterschaft zerriß. Geheimnisvoll Gefäß der schmerzlich-süßen Lust! O Litanei der süßen Namen! Nicht Fleisch ist Schöpfer – Heiliger Geist aus jenem Wunderland, das die Erlösung in die Welt gesetzt. Marter ist dein Traum von Lust und alle träumen wir die martervolle Freude. Kelch der Gnade, du Labung des begierdevollen Opfertums. O Mater lacrimosa, hast du auf Golgatha das Wunder deiner Ueberschattung nicht verzückt beweint, als mit dem Sohnesblut das Mutterwort vom Kreuze tropfte? Weh deiner heiligen Ohnmacht, daß du den Tabernakel glückverklärter Herrlichkeit nicht künftiger Erlösung weihen durftest. Löwenmutter, die nur einen Sohn der Wüste schenkte, wende deine Huld den Armen zu, die deine Leiden in der Mutterwürde büßen.

Kunst und Leben: Traum und Wirklichkeit; Erwachen liegt dazwischen.

Pepy kannte kalte Marmormänner, die mit ihren toten Reizen keine Sinne kitzeln. Gips und Stein! so war die Kunst, kalt und tot. In dieser Nacht sprach der erste warme Mann zu ihr, den sie wie einen Traum erlebte. Fleisch und Blut! so ist das Leben warm und schaffend.

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