Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 42

Die Gesetze der fallenden Wasser schließen die Wirbel nicht aus.

Professor Günther erwartete Pepy mit unruhiger Begierde. Ging im Atelier hin und wider, dachte an den weichen Fluß ihrer Glieder, an ihre quellende Ueppigkeit, fühlte die wohlige Nähe ihrer sprießenden Jugendlichkeit. Strich sich mit sieghafter Gebärde über die Glatze: Ja, sie war sein geworden. Sie hatte ihn begehrt, ihn, den alten Knaben, sie, die wogende Jugend. Sie würde noch oft kommen, immer, ihr blutiges Erstlingsopfer unblutig erneuern. Er wühlte sich in die Vergangenheit. Mit wollüstiger Inbrunst dachte er an die Freundin, die ihn in Jugend hatte aufleben lassen.

Ein hastiger Klingelzug riß ihn aus seiner Träumerei. Pepy stand an der Tür, reichte Professor Günther die Hand und trat zaghaft ein. Sie fühlte sich unfrei in diesem Tempel ihrer Schuld. Was lockte sie in dieses Haus, wo sie das Opfer ihrer Nacktheit gebracht hatte? Wie unruhig war sie seit jenem ersten Abend gewesen. Wie konnte die Besorgnis sie foltern, die Sorge um ein Kind? Hatte sie den Verführer nicht in der leidenschaftlichen Hingabe begehrt! Hatte sie die Sünde nicht aufgesucht! War sie nicht selbst verantwortlich für den Verlust ihrer Unschuld! Wie ungeheuer erhob sich die Anklage: Dirne, in den Armen eines verheirateten Mannes! Buhlerin um die eitle Gunst deines geschmeichelten Ehrgeizes! Was für ein Opfer hast du gebracht, um vom betäubenden Weihrauch des Ruhmes zu riechen! O Schmach deines Leibes! O Fluch deinem Verhängnis. Umsonst die Tränen, welche die Gewalten des Blutes bändigen sollten. Die erschlaffende Leere nach jener Nacht, die verlorene Mädchenehre und als Entgelt die düstere Schmach der verhängnisvollsten Verworfenheit. Nein! es konnte nicht sein, alles war Einbildung. Ein Kind von Professor Günther, unmöglich! nie würde sie wieder zu ihm gehen, nie, nie wieder. Pepy wagte nicht aufzuschauen. „Gehen wir spazieren,“ bat sie, „den ganzen Tag habe ich gearbeitet und möchte ein wenig ins Freie.“

Günther überlegte eine Weile: „Gut, gehen wir in den Englischen Garten, hinaus nach der Isar.“

Am Brunnhaus saßen sie am künstlichen Wasserfall. Das Rauschen umspülte die Ohren. Das seltsame Rauschen der fallenden Wasser. Weiden standen, nickend übers Wasser gebeugt, und der Wind raunte in den schattigen Bäumen. Günther nahm Pepys Hand. So saßen sie umkost von den rauschenden Wassern.

„Wir taten unrecht,“ flüsterte sie. Er blieb stumm und drückte einen Kuß auf ihre Hand. War das eine Antwort? eine Entschuldigung? eine Anklage? oder war es ein Ausweichen? Das zischende Quirlen der schäumenden Wasser riß die Antworten im Wirbel mit. Pepys Hand lag schlaff in der seinen, so zag, so weich, so versonnen. Günther steckte diese Ermattung an. Er kapitulierte vor der geschlechtlichen Geschlossenheit des Mädchens, dessen Sinne sich gegen den Mann wandten, dessen Gefühl aber noch auf seiner Seite war. Erhabenes Wunder der Mädchenliebe! Das Opfer der Nacktheit bleibt immer rein vom Makel des Hasses. Die Liebe verklärt jene erste Stunde zum Bild, zum gesteigerten Erlebnis. Geheimnisvolle Macht der Hingebung, der ersten Offenbarung, der hoffenden Erfüllung!

Die Kontraste türmten sich in Pepy. Hier Liebe, dort Schmach. Hier Leben, dort Schande!

Jeder würde um ihre Tat wissen, ihr Kind würde unehelich sein. Sie dachte an Jappes: „Die in der Gemeinschaft der Begierde Gezeugten sind nicht unehelich!“ Taten nicht tausend dasselbe in der Ehe im liziten Verhältnis der gemeinsamen Zeugung! Die Gesellschaft würde sie verurteilen, wie sie jede Ausnahme verurteilt, die kurzsichtige Gesellschaft mit der Massenmoral, mit ihren Massenbegierden. Ihr Leben flackerte auf in greller Einsamkeit – ihre Mutter! – Was war ihr jene unglückselige Stunde gewesen, der sie mit verhaltener Empörung fluchte? Ein schauervoller Schmerz, ein schmerzlicher Schauer. Das Warten auf die Entscheidung würde nur graue neblige Qual sein, manchmal durchzuckt vom grellen Schein der Lust, der ersten gesteigerten Lust. Und die Geburt würde Qual sein, eine markzerreißende, erschütternde Qual. Drunten quirlten die schäumenden Fluten und lockten, lockten ... lockten ein Leben und zwei.

Günther hielt die tote Hand, verlor den Kontakt mit den Instinkten des Mädchens, brütete starr vor sich hin, ohnmächtig im Kampf gegen die Natur der Dinge. „Wir taten unrecht?“ ... dazu die grollenden Durakkorde der fallenden Wasser. Die Oede berührte ihn mit den saugenden Händen der Leere. Die Ueberlegung lähmte seine Empfindung. Fort von der narrenden Fratze der Sorge! Er dachte an ein Gespräch mit Pepy: „Die Tochter des Malers Geraldo ist verdammt, den Weg ihrer Mutter zu gehen. Von Schuld kann man nicht reden und Sühne kann niemand verlangen. Das Rätsel der Vererbung der sittlichen Schuld ...“ Wer war dieses Mädchen, das seine Gier des Geschlechtes wieder aufgeweckt hatte? War sie vielleicht eine Uneheliche wie Geraldos Tochter? War sie in ihm zum Verhängnis gereift? Er durfte keine Schuld an Pepy haben, er, der starke Mann der Seelenleben. Könnte er nicht eine Unschuld schaffen, wie er die Schuld erschuf? Konnte er Pepy nicht verleugnen? Sie erneut in seinen Bann zwingen? „Nur sittliche Kräfte können der sittlichen Schuld begegnen ... Die sittlichste Rechtfertigung ist, die Schuld durch Ueberredung des Geistes zu tilgen durch Abstraktion von der Wirklichkeit.“ Wie bequem, von der Wirklichkeit zu abstrahieren. Ein leichtes, wenn Jappes nicht wäre, der Hitzkopf, der brutale Draufgänger.

„Haben Sie Nachrichten von Ihrem Freunde Jappes?“ fragte er forschend.

Pepy erbebte. Großer Gott! Jappes? Sie dachte an Golliwog und die glückdurchbebten Tage in seiner vulkanischen Nähe: „Er ist in Stuttgart. Es geht ihm gut, ich habe viele Briefe erhalten aus Berlin, vom Meer. Jappes ist der beste.“

„Wann fahren Sie in die Ferien zu Ihren Eltern?“

Ein jäher Aufschrei der marterdurchzuckten Seele, ein schriller Schrei durch die Nacht: „Geraldo!“ Pepy lag erschlafft an Günthers Arm gelehnt, kein Laut, kein Schluchzen, kein Atemzug. In Günther tanzten die Gespenster den verwirrenden Reigen und drunten quirlten die schäumenden Fluten und lockten, lockten ... lockten ein Leben und zwei – – – und lockten ein drittes.

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