Der Zufall ist eine männliche Dirne, man kann mit ihm machen, was man will, und er ist für jedermann da.
Tante Telluren holte Jappes am Bahnhof ab. Sie hatte aufregende Nachrichten erhalten. Jappes’ unverhofftes Telegramm, eine Verlobungsanzeige.
„Armida – Arco Calvandi grüßen als Verlobte.“
Wo blieb Jappes, ihr Traum, der Freund Armidas? Nun war er gekommen. Sie stand vor ihm mit feuchter Wimper und wußte sein fröhliches Lachen nicht zu deuten. Sie dachte, er würde ankommen, geknickt, voll Liebesharm, bleich, unglücklich. Und nun sprang er lustig aus dem Wagen, warf ihr einen Blumenstrauß in den Arm, küßte sie auf die weiche Tantenhand, hastig, übermütig, sprudelnd, berauschte sich voller Entsetzen an seinen Worten – ja! sagte er nicht: „Tantchen, ich bringe gute Nachricht, Ihre ausgezeichnete Nichte ist verlobt, mit einem schönen, reichen, jungen Mann, mit einem witzigen Kavalier, jeder Zoll ein Gentleman.“ Alles ging so schnell. Er riß sein Portefeuille hervor und reichte ihr eine Photographie: Arco Calvandi, sprühend-listige Augen, schlanker, voller Wuchs, schmatzende Lippen, korrekte Gebärde und Drill in der Haltung.
Die Menschen wogten vorüber, pustend, keuchend mit schwerem Gepäck, Tränen und Lachen. Ida Telluren stand wie ein Pfeiler in der brandenden Flut des hastenden Gewoges: „Arco Calvandi!“ aber auch gar keine Aehnlichkeit mit Friedrich Schiller, keine Locken, keine klassische Nase, kein Typ, kein Charakter. Da brach Jappes das Schweigen, die bohrende Ueberlegung.
„Wie freue ich mich, daß ich Sie sehe, Tante Telluren!“
„Und ich! ... und ich!“
Er nahm ihren Arm und erzählte ihr vieles, was er von Calvandi nicht wußte, erzählte ihr die prickelnden Schauer der Saßnitzer Stunden. Brachte Grüße von Freunden, von entfernten Verwandten, einen Gruß von Armida und Arco Calvandi. Die Verlobten kämen in nächster Bälde nach Stuttgart, die Tante zu sehen. Ida Telluren erbebte; aus Freude, aus Sehnsucht, aus Vorwitz, wer weiß! Sie sprachen von den Plänen der Zeit, die in die Zukunft ging, sprachen vom Wetter, von den tückischen Launen der jagenden Winde, schwärmten von Helios, der drüben am westlichen Himmel die Rosse ins Feuermeer lenkte, sprachen und schwärmten und füllten die Pausen mit privaten Gedanken.
„Du mußt an dein Examen denken,“ begann Ida zu trösten, „dann wirst du die trüben Gedanken verscheuchen, welche dich seit Armidas Verlust umschwirren. Arbeit ist ...“
„Gut, wenn sie gemacht ist,“ fiel ihr Jappes ins Wort, „und ich habe keine trüben Gedanken. Uebrigens, wenn das Herz der Sitz der Liebe ist, müßtest du mir Ruhe verschreiben, weil Ruhe für kranke Herzen der einzige Balsam ist. Aber wie soll ich Ruhe finden?! Doch nein, Tantchen, behandeln wir mein Herz nicht, es ist noch nicht krank. Eine Freundin, welche heiratet, ist kein Verlust. Ein bißchen Vakanz schadet dem fleißigsten Herzen nicht. Die Leidenschaft hat ihre Gesetze und Rechte. Ich habe Zeit und bringe den Bruch meines Lebens auf einen Generalnenner: die Liebe, das Verhängnis, die Schuld, man kann das Leben durch alle teilen. Ich habe einen Weg und kein Ziel und die Zukunft ist eine weiße Steppe. Tante, in Saßnitz hat ein Fischer den Buhlen mit einer Freikugel zu töten geschworen, hat ein heilig-hohes Verbrechen begangen, die Hostie gestohlen in frommer Brunst und die Liebe in Rache gewandelt. Die seltsame Kraft des heiligen Blutes im gläubigen Herzen! Tut der Fischer unrecht im Herzen? Der Kirche hat er den Treueid geleistet, als sie ihm die Frau antraute. Nun hält er den göttlichen Eid mit einem teuflischen Schauer. Es ist kein Widerspruch in dem widerspruchsvollen Geschehen. Er sühnt die Schuld und verpfändet die Ehre auf Leben und Tod. Ich sah ihn vom heiligen Schauer getragen, als er seine Ehre zu rächen gelobte. Es gibt Verbrechen, die erhabener sind als die edelste Tugend.“
Sie traten in die Wohnung von Ida Telluren. Die Zofe brachte labende Atzung und eine feurige Flasche Lacrimae Christi. In Idas Zügen wechselten Lichter und Schatten in rascher Folge. Die Gestalten drängten sich und die Fülle der schnellen Gedanken. Der Fischer ... Armida ... Verbrechen ... Rache und Schwur ... Jappes ... Calvandi ... Sühne und Schuld und die geschändete Ehre des Mannes ... Kein Bissen berührte ihre Zunge. Tante Telluren dachte an den rächenden Fischer, dachte an die Freikugel und ihre blutige Bestimmung. Weshalb hatte Jappes sein Erlebnis erzählt? War sein Fall nicht ebenderselbe?
Ein Träumer kann nichts Geistreiches über den Traum sagen.
Es traf sich, daß Jappes am Empfangstage der Tante nach Stuttgart kam. Ida Telluren gab einen kurzen Tee und Jappes ging auf sein Zimmer, müde von der Reise und müde, fremde Gesichter zu sehen. Er stöberte in seinen Büchern und Zeitschriften, die Tante Telluren wie Kleinodien verwahrte. Fand einen Artikel von Doktor Seraph, der in einer dunkel-gelehrten Dissertation die Geburtenhinterziehung abhandelte.
Der Doktor verfocht die juristischen Thesen über das keimende Leben, betonte das verbrecherische Vorgehen der Aerzte, die ihre operative Praxis in den Dienst der Vernichtung der Leibesfrucht stellten. Bekämpfte die Ansicht, man könne vor der Geburt kein Leben vernichten, verwies auf die Mittel, die Empfängnis zu verhindern, warnte vor den Gefahren, welche die Mütter bedrohten, redete in menschlich-klinischer Sprache und abstrahierte von jeglicher moralischer Abschreckung. Vertrat die Ansicht, selbst wenn ein Kind nur statistisches Material sei, dürfe sein Leben nicht gefährdet werden, sei das Mädchen durch die uneheliche Geburt der Schande preisgegeben, an sich aber ein wertvoller Mensch, so müsse man im Prinzip die Hilfe verweigern, weil der Wert ein relativer Begriff sei und den Prinzipien absolute Gültigkeit zugesprochen werden müsse.
Er schloß seinen Artikel mit einem Aufruf an die Aerzte: Brüder in Aeskulap! Seien wir unserer hohen Verantwortung eingedenk. Die geringe Widerstandskraft des kranken menschlichen Körpers und die mißlungenen Operationen haben eine große Bresche in das Vertrauen zu uns gelegt. Verhindern wir, daß man uns wegen einer ehrlosen Praxis gegen das keimende Leben den Vorwurf freiwilliger Tötung entgegenhalte. Statt durch die Häufigkeit unserer Hilfe „in derartigen Fällen“ zahllose Mitwisser unserer verbrecherischen Schuld zu schaffen, statt Hehler und Mördernaturen zu fördern, treten wir geschlossen auf gegen das Vertrauen der schöpferischen Lust, das man uns entgegenbringt ... und, fuhr er fort, ist es nicht vernünftiger, dem Volk und der Gesellschaft die Freiheit der Zeugung durch die gehäufte Zahl der unehelichen Geburten zu predigen, als das ewig-verbrecherische Dunkel um das natürlichste Geschehen zu weben! Weshalb hat die Kirche die Barriere des Ehekontraktes zwischen Mann und Frau aufgestellt! Hat die dogmatische Tugend die Triebe besiegt? Nein! Weshalb gibt sie der Natur die Freiheit der Leiber nicht zurück? Weiß sie die Zwangslage der gegenseitigen Hingabe nicht zu lösen, weshalb schafft sie die Gewissenskonflikte und zwingt zu äußerer Ehrlichkeit auf dem Weg des Verbrechens. Was ist unsere Moral anders als die Umgehung der Natur der Dinge, nur Schein und Trug, ein Phosphoreszieren der faulenden Tugend!
Jappes las nicht zu Ende. Er hatte die Abhandlung gelesen, weil sie von Doktor Seraph war. Ein Gedanke hatte sich nicht losgeschält aus dem starren Satzgefüge. Er gab sich keine Mühe, über seine eigene Stellungnahme zu Seraphs Problem nachzudenken. Er las nur zerrissene Sätze, sah Stichwörter, verlor den Zusammenhang. Was sollte das theoretisierende Geschreibsel bedeuten? Was sollte ein Artikel ändern können?
Jappes war müde. Er setzte sich ins Sofa, blies Zigarette um Zigarette in den Raum, und die Stille tat ihm wohl und die bläuliche Wolke, die im Zimmer schwebte. Wie die Wolke wuchs, kamen seine Gedanken und unterhielten sich mit ihm. Sollte er Ida Telluren nicht heiraten? Es wäre ein lustiger Witz. Er würde die Tante glücklich machen und aus ihrem Glücke Zufriedenheit schöpfen. Die Idee war so kühn, daß er nicht lachte und noch eine Weile damit spielen wollte. Er würde sein Leben ändern, ihm eine andere Plattform schaffen, von wo aus er es beobachten könnte. Er würde nicht mehr der Insurgent Jappes sein, weit entfernt! Ein neues Operationsfeld, ganz andere Kräfte würden sich in ihm entwickeln. Er würde ein Mann, ein Gatte sein! ... Wer weiß, was noch!
Er trat ans Fenster, dann durchmaß er das Zimmer mit hastigen Schritten. Bekannte Gestalten erschienen: Calvandi voran, Herr Arco Calvandi am Arm einer Fischersfrau, die gleißenden Wogen, die brausenden Fluten, der Fremde am Strand und die graue Tasche, ein trockener Knall, ein Fischer, das Gewehr in der Faust, sprang in ein Boot und Armida rang die Hände am Ufer. Pepy trat herzu, legte ihren Arm um die weinende Armida und küßte ihr die Augen trocken, mit weichen glühenden Lippen. Wirbelnd kam der Sturm über die grollenden Wasser getanzt ... dann war plötzlich alles licht und heiter. Jappes griff sich an die Stirne: Leben, Leben, blutigrotes, ich tanze mit den wirbelnden Fetzen!
Die Türe ging lautlos auf und Ida Telluren erschien, im Blick eine hastige Frage: „Jappes, du darfst nicht allein bleiben. Gott! und der Rauch, du rauchst ja wie ein Aragonier. Du bist so erregt, du darfst dich nicht überreizen. Schone dich, Freund, die Nerven, die Nerven.“
Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und in seiner Pupille stand ein glühender Funken.