Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 46

Wer es versteht, über Dummheiten nachzudenken, findet meist einen tiefen Sinn darin.

Armida und Arco Calvandi kehrten halbwegs Berlin-Stuttgart um. Sie hatte ein selten schön geschliffenes Parfümfläschchen aus Onyx vergessen, in welchem sie Fleur de Nice zu kolportieren pflegte. „Ich kann den Geruch der Menschen unmöglich vertragen, diesen fürchterlichen Hauch der atmenden Leiber. Ihren Blicken bin ich leichter gewachsen. Wie fallen die Nasen der Menschen mich an, gerade, als ob sie die Duftwolke durchbohren wollten. Ich hasse die schweißige Masse mit den staubzerfressenen Fratzen ...“ Sie schüttelte sich vor Unbehagen.

Arco stand fröstelnd am Perron und starrte in das Räderwerk einer Lokomotive. Das Warten machte ihn frösteln, obwohl die Sonne ihr Feuer noch sandte. Er kehrte sich zu Armida, pflückte das Monokel aus dem Auge und sagte mit runzeligem Blicke: „Die Masse hat dich nicht immer empört und es ist noch nicht lange, seit sich Liebe in Haß gewandelt hat. Du solltest die Masse nicht schimpfen, sie ist wie das Meer, welches das Elend des Grundes bedeckt und uns nach einem alten Gesetze trägt. Mir fällt nichts Geistreiches ein, darum mache ich Vergleiche: Das Meer und die Masse des Volkes. Viel unnütz Getier, manchmal ein leckerer Bissen, ein wertvolles Objekt für ozeanographische Museen. Obenauf schwimmen die Klugen, die Schlauen, alle fischen in dem großen Bassin, der eine den Hering, die Perlen der andere, Korallen der dritte, und so treiben die Barken oben mit den hungrigen Netzen und fischen die Massensubjekte. Zuweilen fordert die Masse ein Opfer, das Opfer sinkt nieder und die Wasser breiten den Schleier darüber. Andere schwimmen mit Luxusbooten und schauen die Ferne der schillernden Massen, träumen die Rätsel der fließenden Weite; jagen der Masse die Schönheit ab, steigern den Rausch zum Taumel, zum herrschenden Wahnsinn. Ihr Flaggenwort lautet: Wir sind die Herren der Meere! Ruhm trägt schnell über glatte Meere, doch wehe dem Boote, wenn es die Strömung trifft oder ein Spielzeug der wirbelnden Charybde wird. Dann nimmt die Masse Revanche und zeigt, wieviel Platz sie im Schoße für Größe birgt.“

Armida legte ihm die Hand auf den Mund: „Still, mein Freund, sonst machst du mir noch ein politisches Glaubensbekenntnis. Du glaubst an die bewußte Kraft der Masse, du schwörst auf den Terror, ich sage dir, Arco, die Massen sind unbewußt wie die Wasser, sie gehorchen den siderischen Gesetzen, nur Ebbe und Flut, Trägheit und Auftrieb! Die Segler sind die Herren des Abgrundes. Der Abgrund ist die einzige Kraft des Wassers. Die Stürme und Riffe sind Launen und Possen. Kluge Schiffer kennen die Zeichen der lauernden Wasser. Mir ist das Meer verhaßt, weil es brüllt, wenn es zerstören will. Wäre die Masse des Volkes lauernd, sie wäre die Herrin der Welt, aber sie tost gegen sich selbst, brüllt im Rausche der bluterstickten Emeuten und frißt an sich selber im schäumenden Gischt, durchwühlt die Tiefen der tierischen Triebe und besudelt sich selbst mit dem Schlamm der schlummernden Tiefe. Hast du das Meer schon bei Sturm gesehen? Es ist ein Chaos von wirbelndem Schmutz!“

„Ich unterbreche dich, Freundin, ich habe dein Urteil gehört. Du siehst zu genau, ich glaube, du bist zu nahe am Strand. Ich begrüße mit großer Freude, daß wir Meinungsverschiedenheiten haben, das wird die ehelichen Verhältnisse klären und die Fesseln stählen.“

„– oder zertrümmern.“

„Es gibt auch interessante Trümmer. Das Ganze ist nicht immer harmonisch. Weshalb willst du eigentlich zu Ida Telluren? Täten wir nicht besser, unser Glück ganz einsam zu hegen, statt die Neugier der Tante zu füttern. Die Tante ist ein erloschener Krater und er kann nur von fremdem Feuer rauchen.“

„Der Rauch ist nicht das Wesen des Feuers. Ich gehe zur Tante, damit sie mir die Zukunft aus den Karten deute. Unsere Zukunft hängt von den Weissagungen der Tante ab. Sie hat mir manches richtig vorhergesagt.“

„Und wenn die Tante eine schwarze Zukunft deutet?“

„Schwarz oder weiß! Die Karten entscheiden die Zukunft. Und Jappes ist auch ein Magnet. Nicht schwächer denn du, wohl mein ich, ist er noch stärker und schneller, nur überwacht er das Tempo, er hemmt seinen Lauf, er bedient sich der Bremse, die Kurven nimmt er mit Vorsicht, er überdenkt seinen Weg. Das ist es, was mir Sorge macht; er will die Eile, ohne die Katastrophe zu wollen. Stets hält er die Hand am rettenden Hebel. Die einen nennen es Klugheit. Ich sage, Jappes ist feig. Drum ließ ich ihn gehen, daß er in der Einsamkeit den Schlüssel zur Lösung finde. Er hat mir zehn Worte geschrieben: ‚Armida, ich bin einsam wie der Wind in den Lüften!‘ Die Deutung der Worte ist einfach. Er wünscht mit dem Strome zu schwimmen, ich soll ihm wieder die Planke zum Sprunge sein. Ich begrüße die Worte, ich sehe, ich habe einem Mann zum Willen verholfen. Hüte dich, Arco, jemals dein eigener Herr zu werden.“

„Ich bin ein Stück deiner eigenen Herrin,“ grinste Arco Calvandi, und mit dem Stock schrieb er Armidas Namen in die ölige Schicht der Kolbenstange der Lokomotive. – „Willst du, daß ich dir ein Opfer bringe?“ Er klebte sein Monokel ins Oel der Stange, tippte Finger für Finger seiner Hände, die mit weißen wildledernen Handschuhen bedeckt waren, ins Oel, drückte die Innenfläche der Hände gegen die schmierige Stange: „Du siehst, wie ich allem entsage,“ – und er zog die Handschuhe von den Händen – „es ist ein Geschenk von dir, das du mir machtest, als wir meinen unbestimmten Geburtstag begingen. Es ist für mich die größte Qual, ohne Handschuhe zu sein, dir bringe ich das Opfer mit Freuden.“ Er ließ die ölbeschmierten Handschuhe, den Stock entlang, vor die Räder der Lokomotive auf die Schienen gleiten.

„Du hast einen sonderbaren Begriff von Opfer. Es ist einfach à la Arco Calvandi. Wann wird der Tag kommen, an welchem du deine letzte Dummheit begehst?“

„O sicher nicht an dem Tag, wenn ich dich verlassen werde. Du bist noch nicht zur Dummheit geboren, denn dumm werden, heißt, zu sich selbst kommen. Ich kann dir auch ein anderes Opfer bringen und mich selbst vor die Räder werfen. Herrin, du darfst nur befehlen, das Opfer ist immer bereit, dir den Tribut seiner Liebe zu zollen.“

„Ich glaube, du würdest es tun?“ sagte Armida und öffnete die Augen zur Frage, „doch mein Spielzeug will ich noch nicht zerbrechen und ich will nicht, daß dein Opfer so tragisch sei. Bleibe nur knetbar, dann bin ich zufrieden. Ich spiele immer à la baisse mit den Menschen und hasse die titres fixes. Ich glaube, du wirst stets eine Marionette mit freien Bewegungen bleiben, solange ich die Drähte halte. Willst du mir immer untertänig sein, Arco Calvandi?“

„Ich sage nicht nein.“

„Willst du mich nie verleugnen, Arco Calvandi?“

„Ich sage nicht doch!“

Armida überlegte eine Weile: „Und wenn ich Jappes an deine Stelle setze?“

Arco Calvandi legte den Finger an die Stirn: „Da muß ich die Antwort erst überlegen. Auf keinen Fall bin ich zu Kompromissen entschlossen und du weißt, meine Freundin Armida, Verrücktheit ist ein Privilegium der Reichen. Du bist meine letzte Leidenschaft und ich werde sie auch zu nähren wissen ...“

Ein Zeitungsjunge lief am Zug entlang: Simpel, Jugend, Lustige Blätter, Brummer, Raddatsch – eine Atempause – Zeitungen, Frankfurter, Berliner, Kölnische, Münchener, Stuttgarter – Simpel, Jugend – Handkarren rollten vorüber, Träger drängten sich, eilende Menschen, Rufen, Hasten, Kohlendampf in stinkigen Schwaden; Dröhnen und Poltern und Stoßen und Rollen. Ein D-Zug spie Massen aus, verschluckte andere, puffte Rauch in wirbelnden Wolken gegen die Wölbung der Halle, die nächste in die freie Luft und draußen entschwanden die Schlußsignale. Arco Calvandi warf seine Stirne in Falten und deutete mit dem Zeigefinger auf Armida: „Du sagst also, die Karten entscheiden, – es wäre möglich, daß die Karten trügen.“

Dann summte er zu einer bekannten Melodie: „Les jours d’antan sont loin! hélas!“

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