Die Tiefe einer Frauenseele liegt in ihrer leidenschaftlichen Aufopferung, die Zähigkeit liegt in der Verteidigung ihrer Ehre.
Pepy ging über die Straße, ging durch die Anlagen, unruhig, unsicher, verwirrt. Die Ferne zog sie an mit unendlicher Sehnsucht. – Am Horizont ihrer lichten Tage ballten sich die Rätsel der dunklen Gewalten, die Macht über sie gewonnen hatten. Da standen die Bäume in strotzendem Laub und träumten der Höhe entgegen, die Blüten, die unter den saugenden Küssen der Bienen erstarben, da standen die Gräser im Spiele der Winde. Was ist eine Blüte, ein Baum, ein Gras im spielenden Wind? Was ist die Sonne im kreisenden All, die unendliche Glut der schöpfenden Zeiten? So ging ihr Traum in die Ferne, die Antwort zu suchen, das Glück und die Ruhe zu finden.
Welche Macht hat dem Menschen doppeltes Sehnen in die Brust gelegt: die Sehnsucht nach der Lust und die Sehnsucht nach dem Paradies? Die beiden Sehnsüchte töten den Menschen, weil sie Kräfte sind, die unabhängig voneinander wirken und deren Kraftrichtungen in den Tod gehen. Der jahrtausendalte Mythos von Kalvaria ist eine Wiederbelebung des Sehnens nach dem verlorenen Paradies. Christus hat die Menschheit nicht am Kreuze erlöst, er hat ihre Sehnsucht neu belebt, die Sehnsucht nach den Bildern unserer erträumten Verheißung. Die blutige Theatralik auf Golgatha! Gott als das absolut inaktive Wesen am Querholz haftend, appelliert an sein höheres Ich, an seine potenzierte Väterlichkeit, jammernd, klagend, verzweifelt: Eli, Eli, lama asabthani! Verzweiflung, welche die Lust besiegte, dem Leib entsagte, durch den Tod die Freiheit schuf, den Traum der Sehnsucht nach dem Paradies erfüllte. Ein Gott, der durch Verzweiflung an sich selbst die Welt erlösen wollte?! ... ein neuer Traum!
Am Himmel zogen die Vögel ihre Kreise, flogen nieder in langen, gleitenden Spiralen. Die Stadt lag hinter Pepy, die Anlagen des Englischen Gartens breiteten ihre Wiesenflächen aus, breiteten sie hin ins fließend-goldige Sonnenlicht. Der Kleinhesseloher See mit seinen schattigen Inseln lag in der Fläche wie ein dämmernder Traum. Am Ufer spiegelten sich zitternde Türme und wehende Bäume. Ein Schwan trieb durch den spiegelnden Abend. Eine geräuschvolle Reihe quakender Enten schwamm aus dem Riedgras und ihre Bewegungen zeichneten große Wasserkeile, in deren Spitzen je eine Ente schwamm. Pepy setzte sich auf eine Bank, zitternd, zagend, erbebend. Weshalb war sie gerade nach dem See gegangen? Es war nicht die lockende Kraft des Wassers, die sie anzog. Irgendeine Sehnsucht trieb sie hinaus, irgendeine lauernde Unruhe scheuchte ihr Wesen, gebot ihr, ins Freie zu gehen, ins Unbegrenzte, gebot ihr, die Seele von der Lüge der Umgebung zu lösen. Das Mädchen empfand die brutale Kraft, die sie jagte, als eine schmerzliche Erniedrigung, sie fühlte, daß sie nichts gegen die Ohnmacht vermochte. Sie fühlte, daß ihre Ohnmacht eine Kraft war, die sich in ihr nach innen betätigte – die ermattende Kraft der überflüssigen Einsamkeit!
Pepy entfaltete einen Brief, den ihr Jappes von Stuttgart geschrieben. Sie las die hastige Schrift und die Fülle der sanften Gedanken.
Rudibub, mein lieber!
In Stuttgart sitz ich am Nesenbach und wohne bei Ida Telluren. Du weißt, sie ist von der Gattung der Tanten. Tanten sind von Gott geschaffene Apparate, den Ruhm der Dichter zu fördern. Ich habe meinen Beruf doch gänzlich verfehlt, sonst könnte ich unmöglich die Kollegien alle schwänzen. Wäre meine Schrift besser, ich wollte Aktuarius werden und die Wonnen des Alters erwarten: Pension und Rheuma. Oh! süßer Klang der süßen Namen. Mein Fenster geht auf die Straße, ich höre, wie drunten einer das Lob der Stockfische preist: Die beste Qualität zu den niedrigsten Preisen. Für einen Stockfisch muß es doch ehrenvoll sein, öffentlich angepriesen zu werden. Anzeige und Reklame sind die unglücklichsten Sündenböcke und der literarische Geschäftsgenius der Händler bürdet ihnen die gröbsten Schnitzer auf. Gestern – ach, es ist schon so lange her – habe ich einen Ausflug mit der Tante gemacht, du wirst leicht erraten, wohin. Wir sahen eine Anzeige in einem feinen Lokal:
Landwein aus hiesiger Gegend, direkt vom Besitzer auf Flaschen gezogen!
Verzeih mir, Pepy, wenn es mich an die Urinflaschen meiner Patienten (!) erinnert. Es ist jedenfalls ein seltenes Phänomen, ein Mann-faß zu finden, aus welchem man Wein auf Flaschen ziehen kann. Aber der Wein war sehr gut und hat mich zu einem großen Konsum veranlaßt. Die Tante hat mein Wesen beruhigt. Als ich ankam, war ich in Aengsten und Sturm und mein Geist war in steter Revolte. Ueberall, wo ich hinkomme, ist der Reiz für das Leben verschwunden, der Schmelz ist verwischt und ich finde immer die fertige Frucht, ohne den lockenden Hauch der Reife. Ich finde Häuser und keine verschlossenen Türen, die Pforten sind klaffend, und ich sehe die Wirklichkeit durch die Spalten grinsen. Ich habe zu viel gesehen, um zufrieden zu sein. Vielleicht ist es die Frau, die uns jagt und die wir jagen, und welche das weibliche Rätsel in tausend Formen variiert, um sich und uns die Sinne im Banne zu halten. Mein Leben hat keine Zukunft, weil ich keine Rätsel sehe. Hinter alle Türen habe ich geschaut, hinter alle Kulissen und Fenster. Mein Blick ist von allem leer geblieben. Darum weiß ich immer, was ist. Es gibt kein Rätsel außer uns. Wir sind unser eigenes Verhängnis –
Mein Rudibub, ich freue mich, Dich wiederzusehen. Es wird eine Wendung in meinem Leben werden. Ich lasse die grauen Reflexionen, um Deine Stimmung nicht auch noch zu unterminieren.
Manchmal muß ich den Flegel wecken, damit er die bösen Geister vertreibe. Er peitscht sie immer alle hinaus. Und das ist mein Trost, denn Flegel sind stark und die seichten Geister der nagenden Qual sind feige. Ja! feige Qual der schleichenden Sorgen – wo Kraft ist, ist Glück! und Pepy, – wir wollen in Zukunft einander vertrauen. Wir wissen um die Kniffe des Lebens, wir kennen die Zicken und Schrullen der Tage. Mein Rudibub, Du siehst, ich schreibe mich immer ledig vom Krame der Sorgen. Bald sehe ich am Leben die mürbende Qual, bald sehe ich die lachende Fratze. Januskopf der bittersüßen Zwittergestalten, wo sind die Pole des Leids und der Freude, die eure unendlich fernen Blicke erwarten? Wir wandern die Bahnen, die zu den Polen führen und wir bleiben alle am Wege liegen, die einen näher, die anderen ferner. Ich halte Einkehr in mich und bin auf dem Weg, ein Franziskus zu werden. Die Gloriole der Heiligen wird langsam gewoben. Wir sind allzumal Sünder, doch ist die Gnade der Vergebung unendlich. Wem Gott die Gnade der Sünde gab, dem wird er die Gabe der Tränen nicht wehren.
Pepy, wenn ich nach München fahre, müssen wir ernste Gedanken tauschen. Du siehst, ich habe meine Seele ein bißchen abgestaubt. Ich bin dem Einfluß Armidas entgangen, wenn ich mit mir auch noch nicht ganz im reinen bin. Sie will eine Probeehe eingehen. Armida ist stärker als ich, und es ist mein erstes ungelöstes Rätsel, weil ich nicht weiß, wie ich zu diesem Weibe kam – und mein zweites: wie ich wieder von ihm kam. Kurz, ich bin fort und erwarte den Tag, an welchem ich Dich wiedersehe. Vielleicht hast Du auch ein Rätsel für mich, denn Du schreibst mir ja von sonderbaren Dingen, die in Dir vorgehen.
Rudibub, es freut mich, Deine tüchtigen Arbeiten im Glaspalast zu sehen. Du kannst Dir Glück wünschen, daß Du Professor Günther auf Deiner Seite hast. Entschuldige, wenn mein Brief zu tantenhaft klingt, ich erzähle Dir, in welcher Verfassung und in welcher Umgebung ich ihn geschrieben habe.
Deinen Lippen sage ich meinen Gruß und denke Dein als
Golliwog.
Schwester, mein Gebet sind Tränen, die ich in deinem Tempel weine, aber du hörst es nicht. Vor deinem Tempel steht ein Leierkastenmann, er singt dir, daß niemand außer ihm zu dir betet, und deshalb weine ich.
Pepy weinte, als sie den Brief gelesen hatte. Es war so viel Jappes drin und sie wußte das am besten. Sie würde ihm ihr Geheimnis anvertrauen müssen. Er würde es anhören und noch ein gutes Wort finden. Sie hatte Professor Günther einen Besuch versprochen. Die Zeit war längst vorüber. Aber sie mußte zu ihm, zu irgend jemand, reden, weinen. Sie ging den Weg zurück, ging an Günthers Garten vorbei, ging um das ganze Viertel, stand an seiner Türe still, sah die Klingel und ging wieder fort ... noch einmal bis ans Ende der Gartenumzäunung, dann würde sie schellen. Sie fand keinen Mut dazu ... bis zum nächsten Viertelglockenschlag. Auch der verklang im fallenden Abend. Die Nacht kam mit den schleichenden Nebeln, die sich um die Häuser legten und die fernen Geräusche dämpften. Pepy wurde das Warten zur Qual und doch empfand sie eine Wollust, die Zeit hinauszuschieben ... noch zehn Schritte, dann würde sie klingeln, bis fünfzig zählen, warten, bis drüben das elektrische Licht erlosch, das einen Hausgang eine Minute lang erhellte. Sie maß die zehn Schritte, zählte bis fünfzig, das Licht erlosch und Pepy wagte nicht, an die Klingel zu rühren. Sie lehnte an der Tür, und die Sehnsucht trug ihre Aengste der Ferne entgegen.
Schritte kamen übers Pflaster, Schlüssel rasselten. Professor Günther schrak an der Tür zusammen, dann raffte er sich auf zu einem flüchtigen Wort: „Fräulein Pepy, Sie haben wohl lange gewartet? Ich bin kurz nach unserer verabredeten Stunde gegangen.“
„Ich hatte mich verspätet und bin zufrieden, daß ich Sie treffe. Sie müssen mir helfen, ich verlebe schreckliche Tage in Sorge und Bangnis.“
Günther zog Pepy fort von der Türe, übers Pflaster am Garten entlang und sagte ihr leise forschende Worte: „Einbildung! Du quälst dich mit unnützen Sorgen. Weshalb nimmst du das Schlimmste an, du weißt nichts ... Warte erst ab ... du kennst ja die Zeichen.“ Professor Günther sah Pepys erschrocken-büßendes Gesicht, das zu ihm durch den Schleier blickte und ihm mit starrer Pupille in die Seele drang. Er sah, wie ihre Lippen die Worte brachten: Die Blutwoche ist zum zweiten Male ausgeblieben!
Das war mehr als ein Urteil. Er war dem Verhängnis nicht gewachsen, für Mitleid war er nicht geschaffen. Er wollte fort, allein sein, das Kommende vorbereiten. Er ging neben Pepy, abgeschlossen, berechnend, verachtend. Sie ging ihren leichten, wiegenden Gang und fand nicht die Kraft, einen Gedanken zu denken. Und beide wurden durch seine Worte erlöst: „Entschuldige mich, Pepy, ich werde zu Hause von einem Kollegen erwartet, du kannst ja morgen am Vormittag bei mir vorbeikommen.“
Kein Gruß, kein gutes Wort. Eine „gute Nacht“ so kühl wie der Nebel, der in den Straßen lag. Ein paar hastige Schritte, eine Türe, die ins Schloß fiel, ein freudiges Bellen, das sympathische Quieksen der jungen Boxerhunde. Dann wuchs die Stille wieder in die unendliche Weite.
Pepy las Jappes’ Brief wieder im fahlen Licht einer zwinkernden Straßenlaterne.