Junge Krieger pflegen sogar geräumte Festungen zu stürmen.
Ein Wagen fuhr vor. Jappes wurde aus dem Schlaf gerissen. Das hastige Rattern des Motors erstarb und er hörte Stimmen, laute, lachende, rufende Stimmen. Die Autolaternen warfen eine starke Lichtflut ins Zimmer. Jappes sprang aus dem Bett und ging zum Fenster: „Ach, ja! Armida und Arco Calvandi,“ im Lichtkegel der Autolaternen stand Arco. Jappes sah deutlich den breiten roten Streifen an seinem linken Arm. „Verlobt wie die Narren, die ihre Freude mimen!“ Er spuckte gegen den Schatten Calvandis, der an die Wand seines Zimmers projiziert wurde. Ida Telluren war es willkommen, die Erregung ihrer Erwartung mit der plötzlichen Erregung aus den aufgescheuchten Träumen zu decken. Armida küßte sie mit bewußter Zartheit und Calvandi erwies ihr eine umständliche Reverenz, weiche die Tante nicht unangenehm empfand.
„Gnädige Tante,“ sagte Calvandi, „wir hatten Eile, zu Ihnen zu kommen. Armida hat mir erzählt, daß Sie die Magie beherrschen und den Menschen die Zukunft entschleiern. Ich habe eine Hexe gekannt, die allen ihren Bekannten die Vergangenheit aus dem Kaffeesatz ihrer Enkel zu deuten wußte. Die Hexeriche waren ganz drollige Pausbäcke, die keine Väter hatten und nur Igelspeichel trinken durften. Die Hexe sagte, es sind Knaben, die ohne Vergangenheit leben müssen. Weil ich den Sinn ihrer Worte nicht verstand, war es mir leicht, ihr Glauben zu schenken.“
Tante Telluren setzte eine ihrer Gattung würdige Miene auf, rückte vor Verlegenheit eine Vase zurecht, zupfte die Tischdecke schief und wieder gerade, nahm ein Notenheft vom Flügel und stellte ein anderes hin. Sie tat alles so schnell, als sei sie in ihrem Boudoir überrascht worden, als versuche sie ihre diskrete Unterwäsche vor den spähenden Augen eines Eindringlings in Sicherheit zu raffen. Armida riß die Tante aus der fiebernden Verlegenheit. „Komm, Tante, gehöre uns, nestle an uns herum, wir werden uns freuen.“ Zu Calvandi: „Siehst du, Arco, wie Tantchen sich freut, eine Braut im Hause zu haben. Du mußt Geduld haben, Schatz, das Tantchen braucht lange, ehe es ausgeschwungen hat, wenn der Pendel der Erregung einmal bei ihr angeschlagen ist. Du entschuldigst, ich gehe hinauf zu Jappes. Tante Ida sagte mir, daß er schon aufgestanden sei. So, nun mach dir’s bequem,“ und sie stieß ihn nach rückwärts in einen Klubsessel.
Tante Telluren hatte sich die Schläfen in Eau de Cologne gebadet und beruhigt trat sie ins Zimmer. Die Zofe stellte ein dampfendes Kaffeetablett vor den bräutlichen Gast. „Sie lieben es, während der Nacht zu reisen,“ hub Ida Telluren an, „ich sitze seit zwei Nächten im Lehnstuhl und habe Sie erwartet. Jappes sagte, die kommen bestimmt zur ungelegensten Stunde. Ach, Herr Calvandi, darf ich mich bemühen, Ihnen eine Tasse Kaffee einzuschenken?“
Calvandi gähnte der Tante entgegen und sprach: „Bei guten Tanten trinkt man den besten Kaffee und bei den besten Tanten trinkt man den guten. Ich schmecke am Kaffee, daß Sie die beste Tante sind.“ – Gezwungene Pause, welche Herr Arco angenehm mit Schlürfen von Kaffee ausfüllte. Wischte sich den Mund und fuhr fort: „Ein Genuß in früher Morgenstund. Wenn ich mir eine Zigarre erlauben darf, bin ich wirklich in der angenehmsten Umgebung.“
Tante Telluren nickte bejahend und musterte Arco Calvandi. „Ich bringe den Göttern ein Rauchopfer,“ paffte der Gast und schloß die Augen, „so wohnlich hatte ich es mir bei Ihnen nicht vorgestellt. Sie wissen, wir sind nicht gekommen, Ihre Einwilligung zu holen, wir wollten einen Abschiedsbesuch von unserer jungfräulichen Jugendzeit machen und Sie, gnädigste Tante, sind Armidas einzige und liebste Verwandte. Eine leise Sehnsucht befällt einen doch, wenn man vom Schönsten des Lebens Abschied nimmt, um in schönere Tage hineinzuheiraten. Die Menschen nutzen sich ab auf die Dauer und müssen sich zusammentun, um weiterbestehen zu können. Die Frau ist das regenerierende Prinzip und der Mann ist die dynamische Kraftquelle. Ich glaube, die Türken betreiben die Vielweiberei, wie alle polygamen Völker, weil sie so früh erschöpft sind. Es ist nicht das Gesetz der Triebe, der sinnlichen Lust, es ist das Gesetz der gesteigerten Selbsterhaltung, das die Türken zwingt, ihre morschen Glieder an vielen Frauen zu stützen. Wehe dem Abendland, wenn die Masse der Männer so erkaltet, daß nicht mehr genügend Frauen zum Ausgleich vorhanden sind. Kurz völkersoziologisch gesprochen: Wenn Nachfrage und Angebot zwischen Mann und Frau keinen harmonischen Ausgleich mehr finden.“
„Ich stimme Ihren Ausführungen bei,“ sagte Ida Telluren, von gelehrtem Interesse geschwellt, „sehen Sie das Mammut, das Verhältnis zwischen männlich und weiblich ist nur eins zu drei. Daran mag das Mammut zugrunde gegangen sein. Aber es ist doch ein Jammer der Natur, daß sie nicht imstande war, die Tiere lebenskräftig zu erhalten. Gottlob! daß die Gigantenfossilien uns noch erhalten sind!“
Arco Calvandi machte eine huldigende Verbeugung:
„Gnädige Tante, ich sehe, Sie sind ganz recht im Bilde und reden wie der klügste Mammutologe. Die einzige Waffe, welche die Natur dem Menschen gegeben, ist der Kampf. Und wer die Psyche der Türken kennt, versteht auch, weshalb sie immer Krieg führen müssen. Sie kämpfen, um sich den nötigen Ueberschuß an Frauen zu sichern. Weil sie dem Brudermord abgeneigt sind, kämpfen sie gegen die umliegenden Völker. Es ist meine individuelle Auffassung, und die Geschichtsforschung schweigt darüber aus kirchlich-dogmatischen Gründen. Wie bei jedem Volk ist die Sitte der Türken das höchste Gesetz der Notwendigkeit. Nicht alle Türken wohnen im Reiche der alten Kalifen.“
Calvandi zog zwei Zigarettenetuis aus der Tasche und rauchte zwei Zigaretten zu gleicher Zeit: „Es ist schwer, mit seiner Zeit voranzugehen, weil wir so sehr in der Vergangenheit wurzeln,“ fuhr er fort, „ich bin Anhänger der Sekte vom ‚gemischten Aroma‘, ein Nichtraucher kann die Theorie nicht verstehen. Die reinen Genüsse sind uns vielleicht zu stark, vielleicht auch nicht mehr raffiniert genug. Ich bin es gewöhnt, eine Orientzigarette mit einer nikotinfreien zusammenzurauchen, das schwächt die Wirkung des Nikotins nicht ab, es verinnerlicht sie eher, und der größte Genuß ist das gedämpfte Aroma. Es ist wie eine ferne Musik, der Rhythmus bleibt und die Tonintensität wird nur gedämpft. Das Wesen der Musik ist der rhythmische Gleichklang mit unserem Gefühl. Gefühl und Rhythmus gemischt sind Harmonie, der Rhythmus gibt dem an sich neutralen Gefühl den Impuls, der sich in Reizempfindung wandelt. In Zigaretten und Frauen habe ich eine gute Routine. Ich bin fast so kühn zu behaupten, daß die männliche vitale Substanz fast ausschließlich durch die doppelte Narkose des Rauchens und der Ehe zerstört wird.“
Die Tante war Nichtraucherin und viel zu kurz verheiratet gewesen, um über den Ruin der körperlichen Substanz des Mannes ein erschöpfendes (erschöpfendes!) Urteil fällen zu können. Sie stand Arco Calvandi hilflos gegenüber und lauerte auf eine Gelegenheit, wo sie ihre Mammuts hätte anbringen können. Aber es bot sich keine. So ließ sie sich von der seichten Rede ihres Gastes einwickeln, sog die Worte ein mit dem Zigarettenrauch und verspürte ein leises prickelndes Gefühl im Kopf, als Aroma und Gedanken ineinanderflossen. Ein karnevalbunt gesprenkelter Gedanke flüsterte ihr zu: Tante, wenn du jung wärest, müßtest du das Rauchen erlernen und von Männern die süße Narkose. Ida Telluren stürzte aus dem Zimmer, und sie fühlte, daß etwas wie eine geschlechtliche Gedankensünde ihr Gewissen durchwühlte: Ich habe nicht genügend gelebt! Der beschämende Vorwurf des Alters.
Arco Calvandi trat ans Fenster und sah in die dämmernde Ferne. Ein Wind tat sich auf und griff in die Bäume. Draußen lockte ein Uhu: „Huhu! mich friert. Der Mond ist so kalt.“
Dann ging die Stille und spann die Nebelfäden.
Träume verraten uns manchmal, was uns im geheimen beschäftigt.
„Jeder bricht an sich selbst,“ rief Jappes, als Armida die Tür öffnete. „Ich freue mich, daß du gekommen bist, den Traum meiner Nacht zu hören.“
„Erzähle!“
Und er: „Höre:
Ich ritt über die Heide und war ein einsames Kind, und ich hatte ein Mädchen lieb. Da weinte mein Herz und das Pferd ging fürbaß. Eine Hexe sprang aus dem Gras mit Feuerrock und glühendem Haar. Sie scheuchte mein Roß und den Traum an das Mädchen. Ich wurde irr wie das Pferd und jagte über die Heide. Drüben winkte ein kühler Wald. Im Nacken spürte ich den feurigen Atem der Hexe. Das Roß stand still, an einen Baum gelehnt und war tot. Da mußte ich lachen, weil ich noch kein totes Pferd an einen Baum gelehnt sah.
Aber der Baum war der Ahorn, wo die Hexe wohnte. Da lachte auch die Hexe und sprach: ‚So hast du noch nicht Trauer genug, daß dich das Lachen befällt, vor Sehnsucht und Tod.‘ Ein schwaches Rinnsal gluckerte am Fuß des Ahorns und die Hexe fuhr mit glühendem Finger hinein, daß es zischte, rührte im Wasser und kreischte gebrochen:
‚Es rieselet und regelet kalte
In diesem grünen Walde.‘
Ein düster-fahler Blitz züngelte darauf und die Wolken rauschten und der Regen rann. Pilze standen und glühten und hatten Köpfe wie Menschen, die ich kannte. Auch ein Totenkopf war dabei mit offenem Hirn, das sich hob und senkte wie ein feuchter Froschbauch. Und das Hirn leuchtete so seltsam, wie phosphoreszierende Weiden um die Mitternacht. Eulen dolchten aus dem Dunkel mit glühenden Augen und der Regen rann, rann über das kalte Feuer der Augen und Pilze.
Mein Pferd kratzte mit dem Fuß und sprach: ‚Du hast mich zu Tode geritten. Ich danke dir für den überflüssigen Hafer meiner verdaulichen Tage. Nie wird ein Pferd einen besseren Herrn über die Heide reiten, das schwöre ich bei meinem Pferdeschweif.‘ Das Roß wußte nicht, daß die Hexe ihm den Schwanz ausgerissen hatte, um Wechselbälge daraus zu machen. Es lehnte wieder am Baum und bleckte die Zunge herfür und ich mußte lachen, weil es mir bei seinem fehlenden Schweif geschworen hatte.
Da trat die Hexe herzu und schlug ein Teufelskreuz: ‚In dreitausend Teufelsnamen, komm in meine warme Stube. Der Kessel siedet und die Kätzchen schnurren. Die Muhme zupft Werg und der Kater ist fort.‘ Da lachte ich wieder und sagte: ‚Ich mag deine Sippe nicht leiden. Ich liebe das Wetter, das durch die Wälder rast und meine Haut ist wasserdicht. Selbst der Hexenregen geht nur bis auf die Haut.‘ Da keifte die Hexe und zog den Pferdeschweif unter dem Rocke hervor, kehrte den Boden damit blank, blank von den Pilzen und Morcheln und stieß an den atmenden Totenschädel mit ihrem spitzigen Schuh, daß er wimmerte: ‚O Gibil, Böse der Sieben, mein leuchtendes Hirn.‘ Die Hexe zog einen Kreis, warf Kiesel gen Morgen und der Himmel ward trocken und still.
Ich lehnte mich ans tote Roß und sagte: ‚So, so!‘ Die Hexe lachte und zog ein Hahnenei aus dem Busen: ‚Das Ei stammt aus Hokus und wurde mit dem eigenen Pokus des großen Hahnes Krähokus gelegt.‘ Da sprang das Ei mit einem donnernden Knall entzwei und ein seltsam putziges Wichtelchen stand an Stelle der Hexe im Kreise. ‚Ich war ein Ei,‘ stellte es sich vor und schlug die Hacken zusammen, daß die Eierschalenschuhe klirrten. Das Wichtelchen zog ein Spinnweb aus der Tasche und wickelte es um seinen Kopf wie einen Turban: ‚Der Mond sticht,‘ hüstelte es, mit blecherner Stimme und zeigte nach oben und rückwärts. Und ich sah, daß das Phosphorhirn des Totenkopfes aus dem Baume herniederstach. Ein schwerer Traum flog am Totenmond vorbei und das Männchen sagte: ‚Die Kühle ist gut für ein Hahnenei.‘
‚Weshalb bist du hier,‘ fragte ich forschend, ‚wenn du ein Ei bist?‘ Da schüttelte es seinen Spinnenturban: ‚Ich weiß auch nicht, vielleicht, weil ich gelegt worden bin.‘
Da fiel das tote Roß mit einem Plumpser zu Boden. ‚Steigen wir auf den Berg,‘ rief das Männlein ganz fröhlich, ‚steigen wir auf den Totenberg,‘ und es schickte sich an, hinaufzuklettern. Es klammerte sich fest an den Haaren wie an Sträuchern, und als es an die Stelle kam, wo der Schweif fehlte, sagte es erschrocken stöhnend: ‚Der Berg ist hohl.‘
‚Das ist kein Berg,‘ gab ich zurück, ‚das ist mein totes schwanzloses Pferd, das deine Mutter zu Tode gejagt hat.‘ Ich faßte das Knirpschen mit zwei Fingern: ‚Jetzt bist du gleich oben.‘ Aber es hob sein Fingerchen und sagte ganz listig: ‚Du Riese, ein bißchen vernünftig, ich bin gar sehr zerbrechlich. Wir wollen eine Mücke braten und Abendmahl feiern,‘ sagte das Wichtlein und setzte sich auf dem Pferdekadaver zurecht. ‚Hol ein wenig Feuer vom Leuchtkäfer und melke ein wenig Fett von der Raupe, dann wollen wir das Flieglein braten‘ – hier holte es eine Fischschuppe hervor als Pfanne und zog eine Fliege aus einer ausgehöhlten Knospe.
Da lachte ich zum drittenmal und rieb ein Schwedenholz an einer Schachtel. Entsetzen packte das Männlein und es fiel seiner kurzen Länge nach über seine verstorbene Sitzgelegenheit. Ich hörte ein leises zischendes Weinen und ein Tränlein hing wie ein Tautröpfchen an einem Pferdehaar. Zwischen zwei Seufzern krabbelte es sich wieder hoch und nahm das linke Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger: ‚Schade, Riese, daß du alles so groß siehst.‘ Ich lachte nicht mehr und überlegte, ob ich oder das Wichtlein an Begriffsverwirrung litt.
Das Männchen krabbelte an meiner Hose und sagte belehrend: ‚Wir dürfen nur mit kaltem Feuer braten.‘ Ich spürte, daß seine Nägel wie Katzenkrallen in mein Fleisch drangen. Als ich jäh zusammenzuckte, pfiff sein trillerndes Stimmchen beglückt: ‚Fürchte dich nicht vor den kleinen Schmerzen, Riese, du bist ja so groß. Wenn du stillschweigst, will ich dir ein Märchen erzählen: Das Märchen vom. Leben. Ich habe es schon oft erzählt und weiß es genau.‘ Ich rief hastig: ‚Laß los!‘ Und biß die Zunge zwischen die Zähne vor Schmerz. ‚Ich lasse mein Märchen gleich los,‘ sang das silberne Stimmchen.
Der Zwerg krallte sein spitziges Nagelwerk tiefer ins Fleisch und erzählte: ‚Es war ein Zwerg und ein Riese. Der Zwerg war groß und der Riese war klein. Der Zwerg nahm den Riesen in Dienst. Zähl mir die Stunden, sagte der Zwerg und er gab dem Riesen eine Sonnen- und eine Monduhr, und ein Stundenglas mit Sand gefüllt dazu. Dann legte der Zwerg sich schlafen und schlief einen jahrhundertlangen Traum. Dann erwachte er und fragte den Riesen: Wie lange habe ich geträumt? Hundert Stunden, sagte der Riese und reichte dem Zwerg das Stundenglas. Gerade blieb der Mond im letzten Viertel stille stehen. Oh! weh, rief der Zwerg, er hat die kleine Zeit nicht gesehen, fuhr sich an den Bart und fühlte, daß er hundert Jahre lang war. Ich will dich nicht mehr als Schatzmeister der Zeit, denn ich habe meine Jugend verschlafen und du hast mich nicht geweckt.
Der Riese brummte ärgerlich: Zwergstunden sehe ich nicht, und dein Schnarchen habe ich nicht gehört. Auch wagte ich nicht, dich zu berühren, weil ich fürchtete, dein Leben zu zerdrücken.
Der Zwerg reckte sich eine Spanne nach oben und rief: Du zertrittst das kleine Leben und lebst doch selber keines. Geh in den Garten und säubere die Beete vom Unkraut. Da ging der Riese und riß die Wälder aus den Tälern und von den Hügeln, warf Felsen fort aus den Bergmassen und machte ein Donnergepolter bei der Arbeit. Da brausten die Winde über die ausgerodeten Wälder und heulten über die Heide, daß der Zwerg erwachte.
Der riß die Augen auf und sagte verwundert: Schlief ich nicht ein in einem tiefen Wald? Ja, ich schlief ein in einem tiefen Wald. Ein Windstoß fuhr gerade vorüber und der Zwerg gab ihm eine Bremse mit, den Riesen zu rufen. Der Riese kam und hörte den fröstelnden Zwerg: Meinen Garten solltest du pflegen, aber du hast meine Wälder zerstört. Ihr Riesen seid zu gar nichts nutz, doch sollst du den Frevel sühnen.
Der Riese wurde erbost: Moosaffe, schrie er, und trat mit seinem derben Schuh in die Richtung, wo das Stimmchen des Zwerges zirpte. Der Zwerg aber huschte zwischen den klotzigen Nägeln des Riesenschuhzeugs hindurch und lief zum Leben, ihm sein Leid zu klagen. Als der Riese das huschende Männlein erblickte, flog ein Rabe aus seinem zottigen Haupthaar, das Zwerglein zu schlingen. Der Zwergmann flitzte flugs in ein Mauseloch und klagte dem Leben sein Leid: Der Riese hat meine Welt zerstört, er denkt zu hoch über das Kleine, laß ihn einschrumpfen, daß er klein werde wie wir.
Da sandte das Leben eine Schrumpfkrankheit und der Riese ward kleiner und kleiner, klein wie ein Zwerg, aber er behielt seine großen Gedanken zur Strafe.
So ist mein Leben nichts, sagte der kleine Riese, und ehe er sich an einer Kürbisstaude am Narrenseil einer spinnenden Raupe erhängte, ging er zum Oberriesen: Du siehst, wie ich klein geworden bin, erhöre mein Gebet und laß wachsen den Zwerg, der mich verwünscht hat. Mache ihn so groß wie ich war, und laß ihm nur seine winzige Kraft.
Der Oberriese weinte, weil sich ein Mitriese an einer Kürbisstaude erhängen konnte, und er legte einen kleinen Riesenhefekuchen an die Stelle, wo der Zwerg zu speisen pflegte. Der Kuchen war süß und weiß wie Manna. Der genäschige Zwerg ließ seine Heuschreckenhaxe und aß vom Kuchen. Da quoll er empor und die Winde bogen ihn wie eine Pappel, aber er war zu schwach, um zu stöhnen, und der Wind blies ihm die Luft in die Lungen, auf daß er nicht sterbe.‘
Da konnte ich den Schmerz nicht mehr ertragen und knipste das krallende Männlein von meiner Hose fort. Ein Rabe, der gerade vorüberflog, biß es in den Kopf, streifte ihm das Zwergjäckchen herunter und verschlang es mit krächzendem Wohlbehagen.“
Jappes trat ans Fenster und hörte, wie Arco Calvandi den Uhu äffte. Armida nahm seine Hand: „Jappes, hat dein Traum eine Bedeutung?“
Und Jappes: „Wenn ich ein Zwerg bin, vielleicht, wenn aber ein Riese, sicher.“
Die Ereignisse der Nacht treffen nicht zu, weil es Nacht ist. Wer die Magie aber mit der Nacht vergleicht, tut seiner Erfahrung unrecht.
Frau Ida Telluren und ihre drei Gäste saßen am Tisch, welcher mit einem reich allegorisierenden Teppich überworfen war: Ein Papagei in Ketten, eine Dame vor einem offenen Grabe, ein lauschender Polizeidiener, eine Frau, welche einem Helden ein Schwert überreicht, welches in eine Schürze gewickelt ist. Zwillinge, Fische, Eber und Kälber, ein Storch, ein Kiebitz, ein Rabe. Und Blumen, seltene Blumen mit magischer Bedeutung: Lolch und Fuchsia, Blasenstrauch und Rittersporn, verblühter Safflor und Binsen, Jonquille, Ephemerum und Cobaea. Gänsefuß und Hahnenfuß in stilisierter Bedeutung. Mohn und Judasbaum und zwischen beiden ein lachender Engelsfuß. Der Untergrund des Teppichs war mit den Sternbildern übersät und die leuchtenden Figuren der siderischen Zeichen stachen gar seltsam zwischen den bunten und verschrobenen Arabesken und Schnörkeln der Pflanzen und Tiere hervor. Planeten und wunderkräftige Zahlen und Zeichen. Wassermann, Jungfrau und Krebs, Zwilling und Widder und Schütze und ...
„Ich bitte euch sehr ernst zu sein und aufrichtig an euer Schicksal zu denken, wenn auch nur an das vergangene,“ sagte Tante-Sibylle, „es wird eine sakrosankte Handlung von zukunftsicherer Bedeutung sein.“ Sie hielt die Karten fächerförmig vor sich hin und bat, mit weltferner Stimme, jeden der Gäste, eine Karte herauszuziehen, welche sie dann feierlich umwendete und mit entrückten Blicken über die antwortdurstigen Schicksalskinder sah.
Jappes’ Karte: Eckstein-Zwei – feierliche Stille und gespannte Erwartung. Ida Telluren breitete ihre seidenweiche Hand über die Karte und sprach, während ihre Augen sich schlossen: „Zweideutiger Lebenswandel, Knabe, du spielst mit einem Lamm. Ein Mädchen, das seiner Mutter den Rücken kehrt, ein schwangeres Mädchen weint. Hahnenfuß, gelbes Veilchen, Enzian. Du beweinst ein verschwundenes Glück und hoffst umsonst auf bessere Tage. Getäuschte Liebe, Reue, Tränen. Dein Zeichen ist der Fisch, das Meer, der Sturm. Dein Zeichen ist ein Wasserzeichen.“
Die Stube war still und der Kerzenschein legte sich wächsern auf die übernächtigen Gesichter. Sibylle-Telluren deutete die Zeichen der Karten. Sie wußte nichts von den Tagen, die um Jappes ihre zitternden Kreise zogen. Armida fragte: „Du hast doch keine Freundin, welche mit der Karte in Zusammenhang gebracht werden könnte?“ Sie stellte die Frage ernst und vernünftig.
„Nein,“ sagte Jappes, „ich hätte ja auch eine andere Zufallskarte treffen können.“ Aber er dachte trotzdem an Pepy und wurde still. Es quälte die Tante, den Freund nachdenklich zu sehen, und besorgt: „Die Karten muß man Verlobten schlagen, heben Sie ab, Herr Arco Calvandi.“
Und sie las ihm sein Schicksal aus den Karten:
„Pique-Neun zu Ihrer Linken bedeutet Untergang. Er wird von keinem guten Stern gelöst. Ich sehe sieben Pfeile und ein Essigrohr, die Nebenkarten trügen nicht. Ein Mene-Tekel-Upharsin. Ein Toter hängt an einem Weidenast, derweil ein Affe lachend mit dem Weihrauchfasse um die Leiche springt, um einem Krebse auszuweichen, der seine Scheren nach ihm zwickt. Der Talisman des Jupiter hat dich verlassen und die Gichtrose blüht auf deinem Haupt. Treff-Vier zur Linken deutet Ihnen, daß eine Dame mit Gewalt und Laune Ihren Stern zu lenken sucht. Ein Taxusbaum, ein Grab. Der Mond mit einer Ziffer Drei fällt jäh dem Horizonte zu, ich sehe Binsen, Hasen, eine Klapperschlange, ein Rad mit einer weißen Nabe, doch das ist alles so entfernt, drum öffne ich den Kreis und schließe meinen Spruch.“
Armida seltsam frohlockend: „Gottlob, Arco, daß die Karten fast immer das Gegenteil bedeuten von dem, was eintrifft; wir werden ja nach dieser dunklen Vorhersage eine glänzende Zukunft haben.“ Der Bräutigam saß still und ernst. Da legte die Tante seine gewählte Karte hin: Pique-Fünf, ihr Hauptbild, ein sterbender, verwundeter Mann. Seine Furcht wuchs zum Zynismus, und er wurde froh. „Komm, Armida, lassen wir Pique-Fünf, denn du bist meine Karte, ich nenne dich Piksüß.“ Und er warf Jappes einen Schimpf über den Tisch: „Uebers Jahr können wir unsere Karten wechseln. Wegen Armida kann ich Eckstein-Zwei dann zum Teil gebrauchen. Sie können meine Totenkarte haben.“
Da küßte Jappes der Tante ehrerbietig die Hand und verließ das Zimmer.
Arco Calvandi küßte Armida und blies die Kerzen aus. „Es sieht wirklich aus, wie wenn ein Toter im Zimmer wäre.“ Dann riß er die Fenster auf, und die Morgensonne beschien die weißen Fäden, welche sich von den Kerzendochten hinaus in die Morgenkühle zogen.
Aber der Totenkammergeruch war im Zimmer.