Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 49

Wer Worte bedarf, um den Zustand seines Freundes zu erraten, weiß wenig von dessen Seele.

Jappes schickte die Zofe mit einem Telegramm zur Post, verabschiedete sich von Ida Telluren und fuhr mit dem Nachtschnellzug, Pepy zu besuchen, nach München. Er sprang aus dem Wagen, noch ehe der Zug hielt, und lief wie besessen über den Bahnsteig, wie wenn er einem lauernden Verhängnis entronnen wäre, so raste er, als wolle er eine Gefahr vergessen durch die Eile der Flucht. Pepy schrak zusammen, als sie ihn im Sturmschritt daherkommen sah. Ihr Wesen duckte sich in Unfreiheit. Ihre Erwartung, ihr tötendes Sehnen wurde durch die plötzliche Erscheinung gelähmt. Sie hielt dem Freunde kaum die Hände entgegen, blieb einen Augenblick regungslos stehen, als wolle sie erst den Namen, der von Jappes’ Munde kam, in sich aufnehmen, ihn verarbeiten, ihn in Zusammenhang bringen mit den Erinnerungen, die sich daran knüpften.

Rudibub! – Sie war es nicht mehr, und Jappes fühlte, daß seine Pulse sich gegen das Mädchen bäumten, daß die keusche Jugendlichkeit ihrer bebenden Anmut unter einem Wust von sündbarer Erregung begraben lag.

Pepy war erschrocken-freudig und durch ihre blonden Gesichtszüge jagte ein dunkler Schatten wie ein fernes Zucken. Wie bei lächelnd schlafenden Kindern, wenn die Heiterkeit ihrer Puttengesichter von einem düsteren Traum durchhuscht wird, der am Horizont ihrer Kinderwahrnehmung drohend steigt. Jappes fühlte, daß seine Blicke nicht mehr in die Seele des Mädchens drangen, und fühlte, daß er an ihrem Wesen abprallte. Die Hydra der Erregung reckte die züngelnden Köpfe, ein Gedanke in ihm warf sich hoch, ein jäher, schriller Gedanke. – Jemand hat an ihr gefrevelt! Den Schimpf Calvandis empfand er mit neuer bohrender Vernichtung: Eckstein-Zwei kann ich übers Jahr zum Teile brauchen, seine schwangere Karte! Pepy sah, wie er kämpfte und verwirrt war und sie hörte, wie ihre Stimme lallte: „Jappes, ich bin nicht mehr froh!“

Er griff sie bei der Hand und wie Kinder gingen sie durch den Abend, wie Kinder, die keine Eltern haben und in die Welt gehen. Sie gingen lange und nährten die Spannung. Und die Spannung wuchs in die Nacht und griff in die Sterne, so hoch, daß sie zum Taumel ward, zum Traum. Der Abend lag lauernd mit den sprühenden Lichtern, betäubt von den roten Geräuschen des Tages. Die Bäume standen wie Hymnen und flehend mit erhoben-erhabenen Händen zum Himmel. Die Stille war wie ein leises Gebet, das sich in den Schatten der Häuser hüllte. Die Menschen trugen ihre Geheimnisse vorüber, führten ihre Sehnsucht zur Lust, ihr Leid in den Reigen der taumelglühenden Farben. Die Straße lief zu den vielen Häusern und legte sich müde vor die vielen Türen. Und die Menschen gingen vorüber, sie dachten nicht an die Träume, welche die Nacht ihnen streute.

Eine Menschensäule flutete aus einem gähnenden Tor. Zwei Mädchenstimmen wurden laut: „Gelt, das ist aber doch keine richtige Verführung gewesen?“ fragte die eine mit forschender Spannung. „Dummes Ding, eine richtige Verführung kann man doch nicht filmen,“ belehrte die zweite, und die erste mit milchigem Entzücken: „Aber so war’s ganz schön, gelt?“

Pepys Blicke hingen an dem riesengroßen Plakat: Die Verführte. Da stand Jappes still und las den gelben Streifen:

Die Verführte!

Hochdramatische, spannenerregende und nervenkitzelnde Begebenheit. Die Geschichte eines Mädchenlebens, gleichsam aus dem lebendigsten Leben gegriffen. Zeigt in photobildlich-getreuester Form die progressive Versumpfung eines Mädchens, welches vor Gott und Menschen das Opfer ihres Geschlechtes wurde, durch die ruchlosen Manipulationen eines derb-moralischen Freundes, welcher sie mit der pervers-lasziven Attrappe moderner Eheemanzipation in seine Netze lockte ... nebst herrlichen dazupassenden Natur- und Landschaftsaufnahmen.

Der zweite Teil des Films: Der Verführten Wieder-Geburt, bei Programmwechsel.

Der Druckfehlerteufel grinste Jappes aus dem gelben Plakatstreifen entgegen:

Der Verführten Wieder-Geburt!?

Pepy faßte ihn am Arm und sah ihm in die Augen: „Jappes, ich bin auch eine Verführte. Professor Günther ...“ Aber ihre Worte erstarben, als Jappes die Freundin bei der Hand nahm und sie hinter sich herzog.

Am Wasserfall saßen sie beide im Englischen Garten und suchten nach Worten, welche zu den gurgelnden Symphonien der rauschenden Wasser passen sollten. Im fallenden Wasser sah Pepy ihr Leben fallen; der Gischt, das quirlende Tosen, die nassen Schatten und Lichter, die fallende Bewegung, welche in Staub zerstob, der drehende Wirbel der verstäubten Atome, wie die Wasser sich den kreiselnden Kräften zum Trotz sammelten, fremde Atome zu Tropfen und fremde Tropfen zur Masse der fließenden Wasser wurden und – noch taumeltrunken vom Rauschen des Falles, weiterflossen.

Jappes saß heute an Günthers Stelle und hielt ihre Hand wie jener, er fühlte sich mitschuldig, weil er Mitwisser ihrer Schuld war. Er war selbst ein Mann. Weshalb fand er keine Worte, die Brücke zwischen sich und der Freundin zu schlagen. Sollte er sie einsam lassen mit der Frucht ihrer Jugendkraft? Da fluchte er der Frage. „Rudibub,“ sagte er mit unendlich weicher Stimme, daß das Mädchen weinte, legte seine Hand auf ihre glühende Stirn, „Rudibub, ich werde dir helfen.“ Sie hörte das prophetische Gnadenwort und ihre Antwort floß in Tränen.

Frage kein Leben, wo es herkommt, du könntest es stören.

Jappes’ Träume zerschellten an der Wirklichkeit. Der Groll fraß sich in sein fieberndes Leben, die Dämonen bauten ihr Narrenschloß und krönten ihn mit der Dornenkrone höhnischen Ueberdrusses. Bekleideten ihn mit dem Purpurmantel spöttischer Ueberhobenheit. Er fühlte, wie er über sich wuchs, wie er über das Leben hinausragte, wie er seinem Wesen fremd wurde. Seine Tage erhoben sich gegen ihn wie Schergen und schlugen seine Seele blutig. Aber weshalb höhnten sie ihn? Ihn, den Narren! Er ließ die anderen mit sich spielen und spielte selbst mit sich, lebte seine Tage ohne Kontrolle im Ueberbewußtsein seiner suchenden Kräfte, die sein Wesen zur Erlösung treiben sollten. Doch statt der Erfüllung ward ihm Empörung und Kampf.

Seine Gedanken türmten sich um ihn und marschierten auf in geschlossenen Kohorten. Das Leben bot seinen Heerbann auf und kam, dem Narren den Tribut der Botmäßigkeit zu zollen. Die schwer-moralischen Hopliten beugten sich waffenklirrend, die spitz-kasuistischen Lanzenträger senkten ihre Lanzen vor dem roten König der Narren, die locker-schwirrenden Schleuderer opferten ihm die Steine ihrer verwirrenden Kunst. Sie verneigten sich alle vor dem Narren im Purpurkleid und riefen: Heil sei dir Narr! Wir bekennen uns machtlos und beugen uns vor der Tat! Die Liebe zog gefesselt vorüber und die weinende Freude, in Blumen erstickt, beugte sich vor ihm und sprach: Purpurpriester, die Liebe ist in Fesseln und ich muß weinen, weil es keine Erlösung gibt. Der Schmerz trat herzu und lachte: So habe ich wieder, einen Freund gewonnen, dessen Seele von meinen Liedern tönt. Die Ideale schickten ihre Wortführer: Wir sind der Traum der Kinder und der Geschlechtslosen. Wir wollen mit diesem Mädchen sein, weil der Traum seiner Lust ein Kind ist.

Ich danke euch, erwiderte der König der Narren, ich danke euch und werde dem Mädchen sagen, daß seine Lust ein Traum und daß sein Traum ein Kind ist.

Pepy antwortete dem träumenden Narren: Meine Lust war eine traurige Sünde und ein großer Schmerz.

Das Rauschen der Wasser wuchs in die Schatten der ragenden Bäume und ein müder Wind tastete sich mit weichen Händen durch die sinnenden Dinge, welche von Traum und Leben sangen.

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