Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 37

Niemand glaubt gern die Erlebnisse: der andern, und es gibt Erlebnisse, die man nicht für einen anderen erleben möchte.

„Jappes,“ sagte Armida, „ich brauche Calvandi allein. Tu mir den Gefallen und fahre nach Saßnitz. Das Meer wird dich entschädigen und du wirst deine Ueberflüssigkeit vergessen. Arco Calvandi reizt mich, und du weißt, was das bedeutet.“

In Stralsund wartete das Schiff, das den D-Zug auf seinem starken Buckel nach dem Eiland hinüberbrachte. Jappes saß in seinem Abteil mit der Gleichgültigkeit eines Weggeschickten, der kein Ziel hat, auf alle Fälle aber acht Tage auf irgendeine Weise totschlagen muß. Der scharfe Wind, der von der See dem fahrenden Schiff entgegenblies, riß den Zigarrenrauch jäh in den feuchten Morgen. Schwarze Fischerbarken mit gelbgrauen Segeln trieben auf den schlecht gekämmten Wellen. Ein Eiland reihte sich ans andere und alle grüßten mit ihren Laubwäldern herüber.

Auf dem Wasser gibt es keine Jahreszeit.

Kaputte Fische trieben mit der Strömung, die weiß-tote Bauchfläche nach oben. Der Tod kehrt das Unterste nach oben, das ist das Wesen des Todes. Jappes zielte mit einer halben Zigarre nach einem toten Hering, und die beiden Leichen schwammen friedlich nebeneinander. Ein erloschener Hering und eine tote Zigarre tun sich gegenseitig nichts. Er warf sich in die Polster, brach Schokolade aus der Tasche in den Mund und rauchte eine Zigarette dazu. Ihm gegenüber saß ein Reisender. Sonst war niemand im Abteil. Eine graue Handtasche nickte vom Netz herunter: Merkwürdig, daß Menschen graue Handtaschen haben, dachte Jappes, die Farbe der Scheinlosigkeit, der Unauffälligkeit, die Farbe des Nichts, der unausstehlichen Ueberflüssigkeit, des Elendes. Ich muß mir eine graue Handtasche kaufen. Seine Züge sprangen vom Netz herunter und wühlten sich in die Züge des Reisenden. Zuckerbäcker! schoß es Jappes durch den Kopf. Schwammig-verwaschene Züge wie Zuckerbäcker, Zuckerbäcker sind nie Charaktere.

War überhaupt ein Anhaltspunkt vorhanden vom Aeußeren auf das Innere dieses Menschen zu schließen? Die Konturen des Kopfes waren nicht scharf geprägt. Graumeliertes Haar oder blond? Man konnte nicht genau unterscheiden. War der Mann unrasiert oder überpudert? Die Augen verrieten nichts und sandten nur zufällige Blicke hinaus. Ein Mann, der zu allem unendlich viel Zeit zu haben schien und dann noch warten konnte, wenn diese schon abgelaufen war. Die staubigen Stiefel, der verschlissene Mantel, die Hände ... sollte er ein Philosoph sein? Auf keinen Fall paßt das zum Fahrpreis, fiel es Jappes ein. Uuiih ... da ist etwas nicht in Ordnung! Gibt es nicht in uns allen jene odische Lohe, mit deren Hilfe wir den sympathischen oder unsympathischen Nimbus unseres Gegenüber durchforschen können? Gibt es nicht in uns allen jene undefinierbare Kraft, die uns vor den Gedanken der Umgebung warnt, in uns die widerstrebende Regung wachruft, nichts von uns preiszugeben, ja! stehen wir nicht unverrückbar fest unter dem dunkel-machtvollen Gesetz der Dämonologie! Liegen die Geister, welche von unserem Körper Besitz ergriffen haben, nicht beständig auf der Lauer, sich gegen die Einwirkung von außen zu schützen! Wir sterben nicht, die aktiven Geister müssen den Totengeistern weichen, die ihren Raub in der Erde bergen, wo er ihnen von den Lebensgeistern wieder langsam Stück für Stück entführt wird, um irgendwo in der Ferne die neue Wohnung alter Geister zu sein. Weshalb hätten wir sonst den Traum und die Sehnsucht nach der Ferne?

Der Fremde saß unbeweglich, in sich abgeschlossen. Kein Gedanke verriet sich nach außen. Sein huschender Blick trug irgend etwas von Jappes in die Denkmaschinerie, verarbeitete es zu einer Hypothese, ein Schluß entstand und wieder eilte der Blick, eine neue Partikel zu holen. Die Unbeweglichkeit des verschossen Gekleideten in der Ecke störte Jappes, er fühlte, wie die Blicke ihn umklammerten, wie die Augen an ihm leckten. Es widerte ihn an, mit diesem abgefeimten Wesen zusammenzusitzen. Ueber Altefähr hinaus rasselte der Zug wieder auf den Rädern, und Jappes fühlte sich unbehaglich in dieser zweideutigen Gegenseitigkeit, in dieser rollenden Ruhe. Er fühlte, wie die Spannung sich in ihm vorbereitete, wie das Mißtrauen wuchs, wie es sich innerlich in ihm aufbäumte, sich diesem verrucht Ruhigen und gleichgültig Beobachtenden zu entziehen.

War es Furcht? ... War es die Wehrlosigkeit gegen das Unbestimmte? ... Da erwachte der Teufel in ihm: Der in der Ecke war ein Schurke! Huh! ... seine bohrenden Blicke stachen in jede Pore ... berührten mit frecher Gebärde sein Ich ... auflösend, zerstörend. Nichts war diesem Blicke heilig ... er bohrte und berechnete ... Stellte das Verhältnis der gegenseitigen Muskelkraft auf ... Maß die Schulterbreite ... studierte die Bewegungen ... berechnete kühl, ob eine Ueberrumpelung die Kräfte lähmen oder stärken würde ... hatte Zweifel, wie sie Mörder haben, ehe sie fähig sind zum Mord.

Jappes erbebte, als ihm die Gewißheit wurde, was in dem Fremden vorging. Die Erregung schüttelte ihn wie ein jäher Frost und mit der Rechten griff er in die Tasche und umklammerte seine Pistole. Der Reisende sagte mit ruhig-sicherer Stimme: „Sie frösteln, es ist etwas kühl, vielleicht schließen wir das Fenster.“ Die Worte kamen wie ein Verhängnis durch die schadhaften Zähne. Jappes hörte eine mahnende Stimme: Gib dir keine Schwäche, befolge seinen Willen nicht. Laß ihn keine Kraft in dir festsetzen. Er hörte die Stimme schwach, wußte nur, daß sie widerriet, fühlte, daß es gut sein mußte, wie sie gebot.

„Danke, nein,“ gab er zurück, „es ist nicht kalt.“

Der Fremde ließ nicht mehr locker, und Jappes war es angenehm, durch die Rede Gewißheit über seine Zweifel zu erhalten:

„Der Zug hat Anschluß an den Dampfer nach Trelleborg?“ fragte er Jappes. „Wann kommen Sie in Trelleborg an?“ und sein Blick lauerte, die Wirkung zu haschen.

„Ich fahre nicht nach Trelleborg,“ erwiderte Jappes, „ich steige in Saßnitz Hauptbahnhof aus, der Zug fährt bis zum Hafen weiter.“

„Sie kennen Saßnitz wohl gut, vielleicht können Sie mir ein Hotel empfehlen.“

„Ich war nie dort, deshalb kann ich Ihnen gut alle empfehlen, Hotels, die man einmal besucht hat, pflegt man nicht gerne zu empfehlen.“

„Ach so, Sie kennen Rügen nicht.“

„Nein, nur einmal bin ich von Stralsund herübergekommen, um am Strand zu bummeln.“

Jappes überdachte die Fragen, inquisitorisch waren sie nicht, nicht einmal verfänglich, vielleicht nicht einmal neugierig, vielleicht nur Gelegenheitsfragen? – Der Schaffner kontrollierte die Fahrscheine. „Ich zahle einen Zuschlag zweiter ab Stralsund,“ erklärte der Fremde und überreichte sein Billett.

„Der Fahrschein ist am Stettiner Bahnhof gelöst, Sie müssen die Uebergangskarte von Berlin nach Saßnitz nachlösen.“

Der Fremde zog eine Karte aus der Westentasche: „Ich dachte anfangs nur bis Stralsund zu fahren und habe den Zuschlag nur bis Stralsund bezahlt. Heute habe ich mich entschlossen, weiterzufahren.“

Jappes horchte auf, klang das nicht verdächtig? Hatte er den Mann nicht schon gesehen? Jappes war einen Tag in Stralsund geblieben. Sonderbar? Der Kontrolleur überreichte die Scheine: „So sind wir schon in Ordnung.“

„Herr Schaffner,“ bat Jappes und bot ihm eine Zigarette an, „ist der erste Tunnel vor Bergen oder nach Bergen?“

„Es gibt keinen Tunnel auf dieser Strecke,“ dankte der Schaffner für die Zigarette. „Dann ist mein Reiseführer nicht genau,“ sagte Jappes.

Es war kein Zweifel, der Fremde war ein Verbrecher und es reizte Jappes, mit ihm zu spielen. Er empfand die lebhaft brennende Gier, diesem Fremden seine Ahnungslosigkeit zu zeigen, und er redete mit der verschwenderischen Offenheit und mit der sprunghaften Erzählerlust, wie sie Freunde befällt, die lange nicht mehr zusammen waren und ihr Programm überhastend entwickeln, um Fragen auszulösen, und alles möglichst schnell anzudeuten suchen, um die Reichhaltigkeit ihrer Erlebniskarte darzulegen.

„Ich steige im Strandhotel ab,“ begann er, „es ist jedenfalls das vornehmste in Saßnitz, vielleicht wohnen wir zusammen? Vielleicht haben Sie auch keine Zeit, keine Lust, na, jedenfalls können wir zusammen Mittagbrot essen und eine Flasche leeren. Ich werde baden und um zwei Uhr können wir uns treffen. Ich hole noch ein paar postlagernde Telegramme; ich erwarte auch einen Scheck von der Dresdener Bank. Nachmittags können wir ja einen Spaziergang am Meere entlang machen, vielleicht über den Hafen gegen Stubbenkammer, wo das Meer braust und die Felsen öde sind. Ich habe mich sehr aufs Meer gefreut. Das Meer lockt mich immer mit starker Kraft. Die letzten Tage haben mich niedergedrückt ... doch das ist eine subtile Affäre, ich will Sie lieber damit verschonen.“

Der Fremde fühlte eine große Sicherheit und seine Gedanken wimmelten um sein neues Ziel: – gegen Stubbenkammer, wo das Meer braust und die Felsen öde sind, wiederholte er für sich und laut: „Ja, gut, das können wir tun, es wird mich freuen, den Spaziergang mit Ihnen zu machen. Bis zwei Uhr habe ich noch geschäftlich zu tun. Ich glaube, ich traf Sie einmal an der Dresdener Bank, als Sie einen Scheck abhoben. Ich glaube, hunderttausend Mark?“

„Ich erinnere mich nicht,“ sagte Jappes, „ich habe ein schwaches Personengedächtnis, aber hundert Mille habe ich einmal abgehoben.“

Der D-Zug hielt. Saßnitz Hauptbahnhof. Jappes stieg aus und der Fremde fuhr bis zum Hafen. Vom Meer blies ein scharfer Wind: „Das gibt Sturm,“ sagten zwei Reisende und deuteten auf den westlichen Himmel.

Christus und der jüdische Schächer: Als Tatsache unmöglich, als Symbol unglaublich, als Märchen wertvoll.

Jappes hatte sich unter dem Namen Dr. Golliwog ins Fremdenbuch eingetragen. Er ließ sich und seinen grauen Gast in einem Separatzimmer bedienen: „Wünscht Herr Doktor jetzt schon zu zahlen?“ dienerte der Kellner, erstaunt, weil Jappes ihn um die Rechnung bat.

„Ja!“ scherzte Jappes, „ich liebe es nicht, mit einer Schuld ans Meer zu gehen, man weiß nie, wo man bei einer Seefahrt landet. Das Essen und den Wein zusammen, bitte.“ Der Fremde und der Kellner lachten zu dem Scherz. Jappes zog eine schwergefüllte Banknotentasche hervor, blätterte durch die braunen und blauen Scheine, warf die Tasche nachlässig zur Seite und langte nach einem kleinen Maroquintäschchen, faltete ein großes Trinkgeld für den Kellner zurecht, zahlte die Zeche, brannte eine Zigarre an und ging mit dem eilfertigen Fremden zum Strand.

Wer ein Stück Wegs am Meer entlang auf Lohme zugeht, merkt bald, wie der Weg zum Pfade wird und zwischen den massigen Kieselklötzen eingeengt kaum Platz für einen Strandläufer bietet. In fremder Begleitung ist es gefährlich im Gänsemarsch zu gehen, dachte Jappes und hüpfte nebenher von Stein zu Stein wie die Springflut. „Oh, ich liebe es, über die Steine zu springen,“ wehrte er der Einladung des Fremden, im Pfade zu gehen, „das Meer, das Meer, es macht mich ganz trunken, ganz toll. Drüben ist das Meer wilder, da lagern wir uns in der windgeschützten Tannenpflanzung hart am Wasser.“

Der Fremde trug seine graue Handtasche und schritt vorsichtig an den ragenden Kieseln vorbei: „Sie sind ein Schwärmer, mich hat das Meer auch immer begeistert.“ Die ewigen Wellen schluckten über die Kiesel und die Möwen zogen ihre schreienden Kreise tangierend an die wogende Fläche. Vom Hertha-See herüber ragt eine weiße Kreidenase ins Meer. Spült eine Welle heran, dann zerschellt sie an der kahlen Wand, sonst ist der Boden sandig und ein eilender Fuß kann bis zur nächsten Welle jenseits des eckigen Felsens sein.

„Sie warten die Welle ab und laufen hinüber,“ rief Jappes, „ich komme noch rechtzeitig hin und ein kleines Fußbad schadet nicht viel.“

Der Fremde lief mit steifer Bewegung und kam trocken hinüber. Jappes plätscherte durchs Wasser der antreibenden Welle und setzte sich auf einen abgerundeten Felsblock, der auf dem Trockenen lag.

„So stelle ich mir die Predigt am See Genezareth vor, erhaben auf einem Stein und mit dem Wellengang um die Wette brüllend. Setzen Sie sich einen Augenblick, fremder Freund, die Sonne malt die Wasser gerade rot. – Seltsam, heute früh haben wir nichts voneinander gewußt und schon flanieren wir zusammen am Strand. Wenn das Meer so rieselnd blutig ist, reizt es mich, peitscht mein Blut, mich ins Wasser zu stürzen, einen Menschen umzubringen und dazu zu brüllen, damit ich sein heilig-letztes Röcheln nicht vernehme. Die Wassergeister haben eine geheimnisvolle Kraft, die Undinen, Elfen, Nixen – der Meermann, das ganze Heer der Nebelmänner. Mich überläuft es kalt. Heiiih ... die ewig schwebenden Wellen, der lockende Wassertanz, das Spiel der tanzenden Geister.“ Er riß seine Pistole aus der Tasche und feuerte sie ins Meer. Der Fremde fuhr zusammen und kauerte auf einem Stein. Jappes krallte seinen Blick in die irrenden Augen des Gegners: „Meine Pistole trage ich immer bei mir. Meine siebenmal treue Freundin – einmal in Westerland auf Sylt – doch nein! weshalb die Stimmung verderben durch eine Raubmordgeschichte, die ich dort mit einem Fremden ... Puh, heiih ... keine Grillen! unsere Opfer sind uns alle sicher.“ Ein zweiter Schuß rollte übers Meer und Jappes sprang vor den Fremden.

„Ich bin ein Mörder!“ brüllte er im Sprung und zielte mit der Pistole in das aschfahle Gesicht. „Wie du, bin ich ein Mörder! Geh deinen Weg zurück. An mir kannst du dein blutiges Handwerk nicht üben! Heb deine Hände hoch, du verstehst die Parole ja: Hie Geld, hie Blut! Beim Mord geht es von rot auf rot!“ – Zog dem Fremden einen kleinen vernickelten Revolver aus der Westentasche, öffnete dessen graue Reisetasche: Ein Rock, Charpie und Watte, eine Mütze, ein Dietrich, Seife, Taschentücher und ein massives Brecheisen. Der Fremde starrte mit verlorenem Blick und eine wutverhaßte Linie zog sich um seinen Mund. Jappes warf ein paar Kiesel in die Tasche und schleuderte sie ins Meer. Machte dem Fremden ein Zeichen, daß er vor ihm hergehe.

Sie warteten zwei Stunden am Bahnhof und der Fremde fuhr mit dem Nachtschnellzug nach Berlin. Jappes löste ihm einen Fahrschein zweiter Klasse und reichte ihm die Hand bei der Abfahrt: „Ich hoffe, Sie brauchen keinen Zuschlag für die erste Klasse nachzulösen.“

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