Fetzen : Aus der abenteuerlichen Chronika eines Überflüssigen (German) Chapter 44

Die Mystik ist eine geschlechtliche Depravation, man findet sie nur bei Enthaltsamen oder bei Ausschweifenden.

Jappes wohnte bei Ida Telluren. Sie waren sich gegenseitig ihr Fall. Er brauchte Ruhe und sie brauchte Leben. Sie wandelten die Nacht in Tag. Seine Worte flossen in Ida Telluren wie ein Bächlein in den Sand floß. Sie absorbierte seine hastige Rede und die drängenden Ideen. Die Nacht verging im Flug in der Glut der glühenden Lichter. Ida Telluren lauschte dem gesteigerten Leben, lauschte den fließenden Worten des Freundes. Hörte die seltsamen Kämpfe, die Folge der unglaublichen Widersprüche, horchte, horchte und horchte – ihre Seele trank von dem eilenden Rhythmus, trank sich trunken an der lohenden Eile, an der eilenden Hast. Trank den Becher zur Neige, den die schäumende Gegenwart reichte. Wie die Wolken des Alltags zerstoben! Wo blieben die lästigen Sorgen der irdischen Zeiten. Alles war Leben und nichts war Leben. Gesteigerte Kräfte, die sich zur Höhe türmten. Oh! Ihr Freund war groß. Sie sah sein Leben im Flug entgleiten, wie ein Spiel sah sie sein Leben entschweben. Sie dachte: Jappes ist groß und lauschte den Worten, die wie glühende Tropfen durch die Stille der Nacht gingen:

Leben! du Traum der unerlaubten Begierde. Gnade der Zeit! Sehnsucht der Nächte in Stille gehüllt. Lauernde Gluten zur Trauer geworden. Bewegung, die sich lärmend am Gestade der Nacht gebrochen. Weltflüchtige Begierde im Kreisel erschöpft. Leben in tanzenden Fetzen, Leben in wirbelnder Glut! Leben zum Wahnsinn gepeitscht, Leben, Leben, Leben, dreimal heilig-rotes Leben! Lüge der Zeiten, die Blößen zu hüllen. Schauer der Nacktheit in der Kühle der wallenden Nebel ... Ein Leuchtturm am Strand, umbraust von den wiegenden Fluten; ein Boot, von der Kraft der Ruder getrieben, zum Ziel, zum Turm, zur ewigen Leuchte. Der Leuchtturm wich in die Ferne, die Sehnen erschlafften, und ein Sturm trieb das schwanke Fahrzeug über Wirbel und Schlünde, dem Hafen entgegen, wo die Winde schliefen, dem Strande entgegen, wo die Wasser leckten, die Schiffe zerschellten ... Welt der pochenden Aengste, ewigwiederkehrende Fluten der Zeiten. Träume der dämmernden Nächte, Nichtigkeit der fiebernden Stunden. Hysterisches Bewußtsein der Größe der Welt, Rätsel des Kosmos durch ewige Bahnen gelenkt, rotierender Wahnsinn der schöpferischen Allmacht, Genie, in welchem Gott und Welt zum ewigen Zwecke verschmolzen, Geister erlöst von der Schwere des Leibes, Odem von Gott in den Dreck geblasen, zum Menschen erniedrigter göttlicher Hauch, Liebe des brünstigen Fleisches zur Hymne gewandelt, Halleluja der singenden Engel im ewigen Taumel der heischenden Freude erbebend. Selige Schauer! Gieren nach Lust der dienenden Triebe. Vorstellung und Welt, die eine der Pol, die andere die unendlich ferne Polare.

Mit der Nacht wuchs die Ferne, die Stille, und der Ernst trug die leichten Gedanken zu Grabe. Ida Telluren hörte das Geheimnis, das von den Lippen des Freundes floß, als draußen die Sterne in Gluten erbebten. Hörte, wie Jappes geworden im Spiel der Kräfte, im blinden Vertrauen der kühnen Gewalten. Staunte, daß er die Tage in Keuschheit verlebte, daß seltsam-tierische Kräfte die zwingenden Kreise um sein irrendes Leben zogen. Hörte die strenge Askese, die er in schwüler Umgebung übte, wie entsagende Abtötung ihm Spiel und ohne sittliche Größe ward, ein aktives Leben im Banne zynischen Widerstrebens, ein rätseltrunkener Geist, der dem Leben die Lösungen nahm und tändelnd die eilenden Tage verfolgte. War sein Leben nicht fremd? nur das Erbe vergangener Geschlechter: Liebe und Haß und Freude und Trauer, die ewig starren Attribute jahrtausendalter Seelen, die irgendwo im Leben standen, liebten, haßten, frohlockend, in Trauer sterbend, – das schwanke Erbe ausgelebter Tage. Das Bewußtsein war sein eigen, das Wissen um das Sein der angeerbten Dinge, das Bewußtsein, daß sein Ich der Träger altererbter Güter sei.

Jappes beichtete der Tante den Inhalt der entschwundenen Tage, alles war Umriß und Skizze, ein Nippen von allem in zäher Begierde, ein zerstörendes Genießen, ein Hungern der Seele in der genußvollen Fülle. Ihm fehlte die Kraft zur Lust und der Wille zur Freude, er war ein entsagender Dränger, ohne Hoffnung, im Leben etwas für sich zu gewinnen, kein Christ, kein Held und kein Sektierer moralischer Dogmen, er war, wie er war, bei allem dabei, wie ein starres Idol ohne fühlende Seele, ein Lachen zur Trauer, zur Freude ein skeptisches Grinsen. Ihm war nichts genug für seine weite Begierde. Weshalb ging er den Weg durchs Leben? Weshalb trat er die Erde geformt aus der Asche der Ahnen? Weshalb trank er den Hauch der atmenden Menschen? Weshalb bot die Erde dem einen so viel und weshalb war sie ihm so verschlossen? Sein Leben war reich an Erfahrung, an Befriedigung arm. Er war zu allen bereit, zäh auf der Suche, die Werte der Jahre zu finden. Auf seinem Weg lag die Zwittergestalt des Lebens, der Zwitter befriedigter Gier und enttäuschter Wünsche.

Jappes war die Straße gegangen, ohne daß sich der Zwitter regte. Ueberblickte er die wachsenden Jahre, so sah er die indifferenten Blüten der Lebensflora am Wege stehen: befriedigte Enttäuschung und enttäuschte Befriedigung, Blumen, die man nicht liebt und nicht bricht, Blumen, die nicht stören und weiterblühen; man möchte sie eben so lassen, weil es Blumen des Lebens sind.

Das Gleichgewicht ist die lähmende Kraft, die das aktive Leben zur Ruhe dämpft, zur nagend-kriechenden Ruhe.

Ida Telluren verstand den ganzen Sinn seiner Worte nicht. Auch die Worte waren nur Skizzen und drängende Hast. Jappes sprach, wie Menschen reden, wenn sie von intim-inneren Sachen erzählen, ein karges Wort, ein bedeutungsvolles Zeichen – – –

Sie fühlte sein Wesen in mimosenhaft-mütterlicher Ahnung. Was war ihr der Mann, der sein Leben erzählte? War er ihr Freund und noch mehr? War er ihr mehr als ihr Kind, das ein Objekt ihrer Träume geblieben? Seine Seele war Sehnsucht, wie ihre Seele, ein Bächlein zur großen fließenden Sehnsucht. Und Ida Telluren fand manchmal den Weg der träumenden Stunden, die wie schwebende Lichter die Jugend erhellten. Das schüchterne Sehnen des knospenden Mädchens, in Purpur erglüht, sich mit dem Ewiggeliebten des Geschlechtes zu einen. Sie fühlte die Trauer vom ewigen Scheiden der schwebenden Sehnsucht im Raume der Liebe. Sie erbebte vor der fahlen Oede ihrer abgeschlossenen Tage, die sie seit jener Zeit verlebt, als ihr Geliebter den schattigen Pfad der sterbenden Seelen betrat. Wie unendlich reicher wäre ihr Leben gewesen – sie fühlte, wie ihre Gedanken dem Abgrund nahten – die Frucht ihres Lebens war in der Blüte geblieben, sie ahnte, wie unendlich arm ihre lebhafte Seele dem Sturze entgegenging. Sie fühlte die schmerzliche Wonne ersterbender Liebe, die noch einmal im Fieber verklärter Bewußtheit erzittert. Wie kam ihr die Kraft, die schmerzliche Liebe zu tragen, die ersehnte Verheißung zu missen, der Lust zu entsagen, die zuweilen die Seele durchwühlte? Sie stand am Friedhof ihrer kalten Tage und ließ die lebendige Seele vom Hauche der Sehnsucht umwehen. Oh! schauertiefes Leiden der Frau. Oh! trauerlebendiges Herz. Du kannst den Schmerz nicht fassen, der in ewig-wiederkehrendem Rhythmus dein Blut durchkreist. Einsam stehst du in der Nacht der fernen Geräusche und harrst der Stunde, wo dir Erlösung wird. Du zählst nicht die Zeit, hast kein Maß für die einsam-tiefen Stunden, du harrst in der Nacht, bis die Sehnsucht stirbt im sengenden Odem des Geistes, der von Mitternacht über die Gräber weht. Frau! dein Kanon ist Liebe, dein Priester der Traum und du bist das Opfer der ewig-blutigen Rätsel.

Die Stille lag zwischen Jappes und Ida Telluren, lähmte die Zunge der keimenden Worte. Ihre Seelen lagen im Zwiegespräch und vermählten einander die wachsenden Gefühle der Einsamkeit. Draußen streute die Nacht die Ruhe und von ferne kam der junge Tag mit blutiger Lanze, die Träume zu scheuchen. Ihre Seelen griffen ineinander und ließen die Liebe werden, die Liebe der verbotenen Geschlechter. Tante Telluren erstickte ihre Trauer in einem Kuß auf Jappes’ Stirn. Er erhob sich mit elastischem Sprung und küßte der Tante die perlende Wimper.

„Tante, ich bin ein Flegel mit sanften Pfoten.“

Sprach’s und ging auf sein Zimmer.

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