Der Gerichtstag ist eine spezielle Form der Selbsterkenntnis.
Die Nacht schrieb Jappes einen Brief an Doktor Seraph:
Doktor, auch ich habe aus dem dunklen Brunnen der Unabänderlichkeiten getrunken und ich weiss, dass der Trank das Lethe ist, welches das Grübeln über die Zukunft nutzlos macht. Die metaphysische Frage über den Apriorismus des Lebens ist ein Unsinn, deshalb kann man mit logischer Konsequenz nicht de jure über das Leben entscheiden, wohl aber de facto. Weil letztere Frage aktiv in meiner Lebenssphäre liegt und mein „visueller Plan“ merklich dadurch verdunkelt wird, wünsche ich in kurzmöglichster Frist mich mit Ihnen in einer sachlichen und konsequenten Aussprache zur Klärung und Abhilfe zu treffen. Ueber die Struktur der medialen Substanz ein weiteres in der Zwiesprache. Dies unter Schlüssel wegen etwaiger notwendiger Deckung. Mit einem Appell an Ihre vorläufige Verschwiegenheit grüßt mit dankender Hochverehrung
Jappes.
Morgens ging er in den Glaspalast, Pepys ausgestellte Arbeiten zu sehen. Obwohl die Ausstellung erst eröffnet worden war, trugen schon mehrere Zeichnungen und Holzschnitte ein kleines Schildchen: Verkauft. Zwei Herren interessierten sich sehr für einige Studien über Tänze in Rötel. Sie verglichen die Arbeiten Pepys mit denjenigen eines Künstlers, welcher Jappes unbekannt war.
„Die Kritik spricht sich sehr belobigend aus,“ sagte einer der Herren, „ja man vergleicht sie sogar mit dem Japaner Hokusai, wegen der Verwendung der vollen schwarzen Farben, durch welche die Künstlerin mit magistraler Gewalt das Problem der Verquickung des graphischen mit dem ornamentalen Zweck gelöst hat. Der Kritiker bewundert ihr feines Gefühl für Komposition und beglückwünscht sie zu ihrem glücklichen Griff in der Wahl der dekorativen Motive.“
„Man wird sich um sie reißen,“ bemerkte der zweite, „zudem soll sie eine Schülerin von Meister Geraldo sein, und böse Zungen bringen sie in Zusammenhang mit dem Aestheten und Psychologen Günther und behaupten, ihm müsse die geistige Vaterschaft ihrer Arbeiten zugesprochen werden. Es ist selbstverständlich Klatsch giftiger Neider, welche die Dame zum Werkzeug degradieren wollen. Kunst und Stänkerei sind viel zu eng miteinander verwachsen. Nun, sie hat die Befriedigung, das Lob ihres künstlerischen Schaffens zu hören.“
Jappes hörte das Urteil: sachlich, nüchtern, gerecht. Wie hätte er die Freundin verurteilen können?
Es gibt Seelen, die erschrecken, wenn sie beleuchtet werden.
Mit Günthers Selbstsicherheit war es vorbei seit jenem Morgen, als das Telephon ihm die befehlende Nachricht brachte: Seien Sie auf alle Fälle zwischen zwei und vier zu Hause. Ich habe unumgänglich mit Ihnen zu reden und warne Sie dringend davor, Ihr Haus zu verlassen. Unterwürfigkeit und Auflehnung lieferten sich einen wüst-wilden Kampf ... Wer sollte ihn, den Professor, zwingen, Wort und Rede zu stehen über sein Tun! Wer wollte Rechenschaft von ihm fordern! Wer wollte sich unterfangen, in seinem Privatleben zu schnüffeln? Wäre das kein Skandal! Kein Hausfriedensbruch! War die Freiheit der Person nicht gesetzlich gesichert! Und ein Schüler, ein grüner Junge, ein Kerl, dessen Vater er hätte sein können, wagte es, ihm telephonisch zu sagen: Ich warne Sie dringend davor, Ihr Haus zu verlassen. Das Telephon war eine öffentliche Sprechstelle. War er nicht schon kompromittiert, wußte nicht jedes Telephonfräulein, daß es bei Günthers einen Skandal gab! Eine Drohung ... ich warne Sie dringend! und das war die Parole der Unterwürfigkeit. In den Worten lag ein Zwang, eine Erniedrigung. Jappes hatte keine Ehrfurcht vor Gelehrsamkeit, er rechnete nur mit Menschen, hart auf hart, und rot auf rot.
Sicher ließe sich mit Jappes unterhandeln! Wenn er ihm mit kasuistischer Verschmitztheit von der Schwäche des menschlichen Fleisches reden würde, wenn er Jappes hintergehen könnte ...? ihm eine Komödie vorspielen, sich anklagen, seine Verwerflichkeit in zerknirschter Demut mimen, Jappes verwirren, machtlos machen ... erkünstelt stöhnen, sich in der Verzweiflung vor ihm hinwerfen, die Augen mit Speichel anfeuchten und ihn dann unter Tränen um Verzeihung bitten ...
... – Jesus hat der Maria Magdalena ihre prostituierte Prostration verziehen und Jappes würde seine vermeintlichen Tränen, seine Zerknirschung als Sühne nehmen ... – Er könnte sich allmählich beruhigen und mit Jappes über die Mittel und Wege beratschlagen, wie er sich und Pepy den Frieden der Seele und des Leibes wiedergeben könnte ...
Er fand Ruhe in der Komödie, welche er sich spielte. Die dritte Nachmittagsstunde war kaum verklungen, als die elektrische Klingel schrill durchs Haus bohrte. Oh! der Glocke schrille Stimme, das lange, doppelte, dreifache, das eindringliche Bohren. Jappes meldete sich an durch die Art, wie er schellte. Kein kurzes fröhliches Schellen: Bin da! nein, ein langes drohendes Schrillen: M–a–a–a–ch au–auf! daß die Vokale vibrierten.
„Es freut mich, Sie heute wiederzusehen, Herr Professor Doktor Gustav Günther, Sie werden sich Ihres Privatschülers wohl noch erinnern?“
„Pepys Freund,“ erwiderte Günther kühn.
„Pepys Freund!“ wiederholte Jappes und stieg hinter Günther die Treppe hoch, welche zum Atelier führte.
„Nehmen Sie Platz, Herr Professor Doktor Gustav Günther,“ wies Jappes auf die Ottomane. „Ich weiß, daß Sie mir nichts zu sagen haben, aber ich habe Ihnen um so mehr mitzuteilen. Sie wissen, daß Sie ein Kind in der Zukunft haben. Wissen Sie es?“
„Ja.“
„Sie wissen, daß Sie ein Betrüger sind, ein geschlechtlicher Lügner. Sie wissen, daß Sie einmal sagten: Versuchskarnickel sind die Weiber, glauben Sie meiner Erfahrung, mein Freund, Versuchskarnickel! Wissen Sie es?“
„Ja ... aber ...“
„... Dann kennst du mein Urteil, Hund,“ und Jappes bäumte sich ihm entgegen. „Schmutziger, ehrloser Hund, bist du so wenig Herr deiner geilen Triebe gewesen, daß du ein ehrbares Mädchen schwängern mußtest? Fluch deinem Geschlecht, du schmählicher Ekel, du liederlicher Auswuchs verhurter Gedanken. Hattest du kein Weib, keine Frau, die nach dir lechzte in geschlechtlicher Brunst. Warst du zu stolz, auf die Straße zu gehen und deinen ranzigen Samen in das Fleisch einer Prostituierten zu geilen. Du Schmach der Verworfenheit! Ein Mädchen hast du befleckt und ihr den Schimpf angetan, die Frucht deiner Schlüpfrigkeit zu tragen. Das ist eine Sünde wider den Willen, eine Sünde wider den Geist, eine Sünde wider das Blut, eine Sünde wider das Leben. Und auf dieser Sünde steht Tod! Weißt du, daß Tod auf dieser Sünde steht?!“
Günther war in sich zusammengefallen, saß irr wie ein Trunkener, warf sich plötzlich seinem Richter entgegen, lallte eine Antwort, ohne Sinn. Nur ein Wort stach grell und greisenhaft flehentlich aus seinem Stimmengestammel: Nicht töten ... Jappes zwang ihn zurück mit eisernem Griff, brach seinen Willen, lähmte sein Wesen: „Schwächling, Feigling, so bist du im Sturm, du Kraft ohne Richtung, du Drang ohne Halt. Ich habe geschworen, dir dein Handwerk zu legen, du bist unmöglich geworden, und ich sorge dafür, daß du zur Einsicht deiner Ueberflüssigkeit kommst. Zur – Einsicht – deiner – Ueberflüssigkeit – ...“ Da fiel sein Blick auf Meister Geraldos Skizze. Den Rahmen schlug er am Boden entzwei, und trat mit dem Fuß in die Leinwand, daß sie zerriß. Stieß einen Blick in die Fetzen, spreizte die Hände darüber und spuckte mit Abscheu zum Gruß.
In der Treppe reichte ihm Frau Günther die Hand – die Mutter: „Sie gehen schon wieder, Herr Jappes? Sie hätten zum Tee bleiben sollen. Grüßen Sie Fräulein Pepy, ich fahre morgen mit den Hunden nach Baden-Baden.“
„Was ist mit den Hunden,“ fragte Jappes, mit übereilter Erregtheit.
„Ach, Sie wissen es noch nicht, alle unsere Hunde kommen nach Baden-Baden, aber ich sehe, Sie haben Eile,“ und sie reichte Jappes die Hand zum Abschied. Hastig drückte er ihr die Hand: „Ja, ich habe immer Eile, immer.“