Zwei Krieger aus feindlichem Lager können sich zusammen ans Biwakfeuer setzen, dürfen aber nicht dabei einschlafen.
„Sie kommen so selten, daß man Sie richtig anstaunen muß, wenn Sie mal da sind,“ empfing Frau Winterstein den dunklen Doktor.
„Ist Jappes schon gekommen?“ fragte Molo Seraph und warf einen forschend-flüchtigen Blick auf seinen schwarzen Ring. „Gnädige Frau, ich bin nicht immer fähig, soviel Licht aufzunehmen. In Ihrem Salon ist es zu hell und die Menschen sind zu fröhlich nach außen, deshalb möchte ich euren Frieden nicht stören. Der Ring fordert immer ein Opfer, weil er im Zusammenhang mit Toten stehen muß. Der Stammbaum des Steines ist ein ausgedehnter Nekrolog. Er steht nicht nur in der natürlichen Art der Kapitulation des Organismus mit dem Tod in Verbindung, sondern auch durch die gewaltsame Art, durch den Mord. Darum hüte ich den Stein, und für meine Umgebung ist es immer gefährlich, wenn ich ohne den Gegenstein, den Pesach, der das Blut stillt, ausgehe. So muß ich umkehren und auch den Blutstein anlegen, um die Wirkung des Teufelsteines zu isolieren ...“
„Das ist selbstverständlich ein vorbereiteter Kniff von Ihnen, uns auszukommen. Nun bleiben Sie schon ruhig hier, ich übernehme die Verantwortung für den Abend und für den wunderlichen Stein. Gehen Sie zu den Damen, dann hat er seine magische Gewalt schnell verloren.“
„Ach verzeihen Sie mir,“ bat Doktor Seraph, „ich vergaß, Sie zu grüßen, als ich kam,“ und er führte die Hand der Dame an seine kalten Lippen. Frau Winterstein dachte: Der Totenkopf hat aber wirklich einen Vogel und lachte über ihre gut fundierte Selbstsicherheit, welche ihr das beste Amulett gegen jeden Zauber schien. So empfand sie ihre Verantwortung für den Zauberstein an dem Abend als eine süße Last.
Die Damen waren im Begriff, die ruhigen Bewegungen eines Rundtanzes zu üben, als das Quittengesicht in die Türe trat. Mit erschrockener Ueberraschung hielten sie in ihrem Reigen inne und wie aus einem Munde: „Oh! Doktor Seraph!“ Armida trippelte auf ihn zu im zierlichsten Menuettschritte, und Molo Seraph seinerseits war einen Augenblick verwirrt, als die Dame in dem absonderlichen Aufputz vor ihn trat. Armida mit angemalter Wetterbräune und keck-grünem Lodenhütl, reichte dem perplexen Freunde die Hand: „Nanu Molo, was stierst du mich so an, wie wenn ich ein Meerwunder und du ein Mondkalb wärest?“
„Ich habe oft Wahngebilde, so daß ich gar nicht mehr über die Wirklichkeit zu urteilen wage,“ entgegnete der Doktor. „Tirol liegt nicht außerhalb meines Visionsradius,“ und dabei musterte er Armidas Tracht; der lebhaft bunte Ueberwurf, das Mieder, der weite Rock und die Zwickelstrümpfe.
„Ach Doktorchen, du mußt mit uns üben, so, hier schau, den Tritt, im Dreivierteltakt.“ Der Doktor aber machte einen Knicks und bat Armida um einen Tanz. Tanzte mit ihr die Tirolienne und erregte respektvolle Verwunderung bei den Gästen und Freunden.
„Das Bild könnte einen Maler inspirieren,“ wagte Fräulein Winterstein zu bemerken, „sieht es nicht aus wie der tanzende Tod mit dem tanzenden Leben?“
Arco Calvandi und Jappes trafen sich im Erfrischungsraum: „Wie fühlen Sie sich als Bräutigam, mein Herr?“ „Oh, Dank der Nachfrage, ich bin zu Tode glücklich verliebt. In Liebesangelegenheiten pflegte ich nie über die Verhältnisse der anderen hinauszuleben. Das Geschlecht der Calvandi wußte stets aus seiner Umgebung Nutzen zu ziehen. Für mein Herz beginnt nun das goldene Zeitalter der Ruhe, und es ist keusch im Dauerofen der ehelichen Liebe erglüht. Ich bin Ihnen darin verwandt, weil es eine Zeit gab, wo auch Sie Geschmack an meiner Braut fanden. Und Sie sehen, ich bin Ihr Freund, weil ich Ihnen die süßen Stunden, welche Sie mit Armida verlebt, in die Erinnerung rufe. Ihnen vertraue ich das letzte Geheimnis meines bewegten Junggesellentums an: Meine Frau wird nur eine angenehme Episode in meinem Leben sein, und weil Sie Armida, kennen, verstehen Sie auch den Sinn meiner Worte. Doch da kommt der Totenkopf, und weil ich wußte, daß er heute bestimmt kommen würde, habe ich mich mit einer krausen Chrysantheme bewaffnet, denn der herbe Atem der Blume paßt zu der Friedhofsstimmung, die er um sich zu verbreiten pflegt.“
Jappes erhob ein leeres Glas und maß den „Freund“ mit einem leeren Blick. „Ich weiß nicht, welche Flüssigkeit ich auf Ihre Gesundheit trinken möchte,“ dann begrüßte er Doktor Seraph, welcher hinzugetreten war. „Ich verspürte ein sinnfälliges Zucken des Ringes,“ betonte dieser mit einem gesetzten Akzent in der Stimme, „aber ich sehe, die Herren sind in bester Laune der Säfte. Vielleicht ist es Ihre Blume, die an den Tod erinnert,“ wandte er sich an Arco Calvandi. „Sie belieben scheinbar mit dem Tode zu spielen, im Uebermut der bräutlichen Tage. Sie sollten nicht mit dem Tode spielen!“
„Wie sollte ich nicht! Ihre maskenhafte Erscheinung gemahnt eher an den Tod als eine Totenblume. Wissen Sie nicht, daß die Gesellschaft es liebt, mit den Toten in Verbindung zu stehen, daß sie Geister materialisiert? Die Gesellschaft will Fleisch. – Sie lachen, Herr Jappes. – Ja! die Gesellschaft will das Fleisch der verstorbenen Geister, will eigentlich das verstorbene Fleisch der Geister, und Sie, Herr Doktor, fühlen sich sicher im angenehmen Kitzel Ihrer magischen Kraft. Frau Winterstein hat mir über die Befürchtungen, Ihren Ring betreffend, gesprochen. Sie sind ein wunderlicher Kauz, Herr Doktor Seraph, und unterhalten die Gesellschaft auf Ihre Art. Ich empfehle mich und danke Ihnen, weil Sie durch Ihre Erscheinung das Gefühl des spaßhaften Gruselns geweckt haben. Ich spiele nur auf meine Art mit dem Tod. Herr Jappes kann Ihnen die Prognose von Ida Telluren erzählen.“ Er zog die Schultern und ging zu den Damen, als der Doktor ihn warnte:
„Ihr Wesen ist Leben und mein Wesen ist Tod. Sie glauben nur zu spielen, Herr Arco Calvandi. Sie sollten nicht mit dem Tode spielen – auch Sie, Herr Jappes, scheinen zu spielen, aber Sie spielen mit dem Leben, mit dem aktiven Leben, oder habe ich den Sinn Ihres Briefes nicht klar gedeutet?“
Du glaubst zu zwingen und wirst gezwungen.
Jappes zog Doktor Seraph in eine ruhige Nische, in welcher die gedämpfte Brandung, des Abends spielte. Die Wellen der Musik fluteten in breiten, geschwungenen Akkorden heran, fluteten zurück im Widerhall, lösten sich auf, krochen an den Wänden hoch, als suchten sie einen Ausweg, diesem qualmenden Getön zu entrinnen. Wogten um die gleißenden Lichter in fieberndem Tanz und fanden den rhythmischen Tod im Verklingen der Töne. Auch die Lichter erstarben in elektrischer Glut. Die Freude ward Chaos und Wirbel ... So trank Doktor Seraph die sterbenden Lichter und Töne. So genoß er den Abend mit bewußt-dämonischem Reize und trank aus den sterbenden Dingen die Kraft für sein dunkles Wesen ...
Als Jappes zu sprechen begann, schloß der Doktor die Augen und lauschte: „Herr Doktor, ich weiß nicht, ob es Ihren Prinzipien widerstrebt, ein Leben zu vernichten, aber ich bitte Sie, mich anzuhören, denn es handelt sich um ein Leben, um ein ungeborenes Leben. Mir fällt die Rolle eines Advocatus diaboli zu. Ich soll etwas Böses um des Guten willen verteidigen. Es ist eine sonderbare juristische Privatthese. Doch ich will klarer reden.
Meine Freundin geht mit einem Kinde schwanger, das in geschlechtlicher Ueberrumpelung gezeugt wurde. Sie hatte den Willen zur Begierde, aber nicht den Willen zum Kinde. Nach dem Recht der Ungeborenen hat ihr Kind ein Anrecht auf das Leben. Und doch bitte ich, dem Recht des Ungeborenen zum Trotz, um Ihren klinischen Beistand zur Unterbrechung der Schwangerschaft. Für die Antithese will ich die furchtbare Einseitigkeit des gesetzgeberischen Moralempfindens nicht verwerten, will die Unmoral der verdammungswütigen Gesellschaft nicht ins Feld führen, will die Unzulänglichkeit allzu menschlicher und fehlbarer Juristerei nicht etablieren. Tötet nicht der Krieg in Massenschlachtungen Tausende von Menschen, zu Ehren des Staates, des Staates, welcher das Gesetz der sozialen Fürsorge und mit ihm das Recht der Ungeborenen promulgiert hat. Von all dem leeren Wortgeklingel will ich abstrahieren – das Mädchen ist in seiner künstlerischen Entwicklung begriffen und darf durch die Geburt und durch die Pflege ihres Kindes keine Hemmung ihres künstlerischen Schaffens erfahren. Ich verbürge mich für sie, daß sie ein künstlerisch wertvoller Mensch ist. Ich habe ihre ersten stilsicheren Arbeiten in einer Ausstellung gesehen, und Sie müssen verhindern, daß das Talent von der Gesellschaft in den Kot gezogen wird ...“
„Sind Sie der Vater dieses zukünftigen Kindes,“ fragte Doktor Seraph.
„Nein.“
„Dann ist Ihre Ausführung ein objektives Plädoyer zugunsten eines Mädchens. Durch die Geburt des Kindes wird sie künstlerisch nicht gehemmt. Ihre Kräfte werden eher gesteigert. – Und wenn sie Künstlerin ist, wird sie nicht durch das Urteil der Umwelt leiden, wenn sie ein Talent ist, wie Sie versichern, wird sie sich auch der Umgebung zum Trotz durchsetzen. Meine Mithilfe muß ich Ihnen versagen, nicht weil ich Kompromisse mit der Gesetzgebung zu schließen bereit bin, sondern weil die Meinung der Gesellschaft kein Lebensopfer wert ist. Jüngst habe ich in einer medizinischen Zeitschrift meine Stellungnahme zu dem Problem klargelegt und den Standpunkt vertreten, daß es vernünftiger ist, dem Volk und der Gesellschaft die Freiheit der Zeugung durch die gehäufte Zahl der unehelichen Geburten zu predigen, als das ewig-verbrecherische Dunkel um das natürlichste Geschehen zu weben.“
„Sie verweigern die Hilfe, weil der Wille zur Geburt Ihr Freiheitsdogma ist,“ unterbrach Jappes. „Wollen denn Sie die dunklen Kräfte des Blutes leugnen, die jahrhundertlang das Wesen der Individuen fortpflanzen, Kräfte, die unabhängig vom Willen sind, ja, die selbst den Willen zwingen oder isolieren. Kräfte, welche das Wesen verwirren, zur Fortpflanzung drängen, im Unterbewußten das Erotische aktivieren, uns mit elementarer Wucht befehlen, uns zu Werkzeugen der starren Gesetze des Blutes stempeln. Das Mädchen ist die illegitime Tochter eines medial veranlagten Künstlermodells. Nun ist ihr Leben dem Konflikt des Blutes mit der Geschlechtsnorm erlegen. Diese Frucht ist eine Regelwidrigkeit der geschlechtssoziologischen Ordnung. Der Fatalität der Vererbung der sittlichen Schuld war das Mädchen nicht gewachsen, denn ihr Geschlecht war zu schwach und die Begierde des Blutes zu groß. Darum bitte ich, setzen Sie dem blutigen Fluch durch ihre Hilfe ein Ziel. Unterbinden Sie die Wirkungsmöglichkeit der dämonischen Kräfte, Sie sind ja berufen, die Geister zu bannen, deshalb schließen Sie diesen fatalen Ring, unterbinden Sie die schaffende Wirkung der tätigen Geister.“
Ein flüchtiger Schein huschte über Doktor Seraphs Gesicht, wie ein Wetterleuchten über eine matte Mondlandschaft.
„Sie muten mir Grausiges zu. Ich will das Kind nicht morden. Aber ich will den Erbgeist des Blutes bannen, wenn Sie mir die Zukunft des Mädchens freigeben. Dann kann ich die Geister bannen, indem ich ihr die Mutterschaft nehme und sie fürs Leben unfruchtbar mache. Ist Ihnen der Preis nicht zu hoch? Den Geistern muß man die Basis des Wirkens nehmen. Ueberlegen Sie gut, das ist die Bedingung, und ich will gleich darüber entschieden wissen. Ist das Verhängnis der würdige Gott, daß man ihm das Opfer der Mutterschaft bringt ...?“
Jappes blieb im Banne der Frage. Pepy würde kein Opfer scheuen. Wie hatte sie gesagt und mit verzweifelter Hand ins Wasser gedeutet? Sie würde den Fluch ihrer Sünde nicht tragen wollen, und die Verantwortung für die Kämpfe ihres Kindes würde sie nicht tragen können. Nicht-wollen, Nicht-können. Das waren die Postulate, die ihren Selbstmord begründeten. Und er hatte ihr zu helfen geschworen.
„Sei’s drum,“ sagte Jappes: „sie will kein Opfer scheuen, und das Höchste ist auch eines.“
Da drehte der Doktor den Ring um den Finger:
„Schicken Sie das Mädchen und meiden Sie mich. Ich werde ihr Arzt sein und ihr Geschlecht aus der Zukunft heben.“ Reichte Jappes die Hand und lautlos verließ er den Saal.