Die Rätsel der Vernichtung sind so geheimnisvoll wie die Rätsel der Schöpfung. Beide münden ins Leben.
Der Ball war zu Ende. Jappes und Arco Calvandi begleiteten Armida nach ihrer Wohnung, welche in Steglitz lag. „Dann treffen wir uns vorläufig nicht mehr,“ verabschiedete sich Armida, „wir wollen unser Flitterjahr verreisen. Dein heroischer Verzicht gefällt mir. Du warst immer ein Meister der raschen Entschlüsse. Vielleicht treffen unsere Wege sich später, vielleicht sind wir auf ewig geschieden.“
„Wir wollen es hoffen,“ und Jappes ging mit einem Lachen.
„Sie haben viel Aerger mit mir gehabt,“ sagte Arco Calvandi, „und Armidas Abschied fällt Ihnen schwer, weil Sie so lachen. Ich kenne die Seele der Menschen. Ich weiß, daß Sie lachen, um nicht traurig zu scheinen.“
„Sie glauben, das Leben zu kennen, Sie kennen nur ein Leben; das einzige, was Sie bestimmt wissen, ist, daß alles um Sie heuchelt, und daß Sie mit allem heucheln. Arco Calvandi, Sie sind nicht der Mensch, Sie sind nur ein Mensch, den das Leben mit Wahnsinn behaftet hat. Wie unbeständig ist das Leben, wie kurz! Man kann das Leben hintergehen, und den Tod kann man zwingen, sein Handwerk zu üben.“
„Ich fürchte keinen Tod, ich habe dem Leben zu oft in die Augen geschaut. Aber ich empfinde Mitleid mit Ihnen, weil Sie so fröhlich scheinen. Ich möchte Sie diese Nacht nicht verlassen, weil Sie manchmal mein Weggefährte waren und ich an Ihrer Trauer den Wert Armidas erkannte. Wollen Sie von meinem Wagen Gebrauch machen. Wir fahren aus der Stadt. Die Menschen vergeuden so viele Geräusche.“
Jappes und Arco Calvandi stiegen in den Wagen und fuhren über den Hindenburg-Damm zu den Anlagen am Teltow-Kanal. Was für ein Zwang hatte sie diese Nacht zusammengeschmiedet? Waren es noch Menschen, die das Spiel verhaßt-gegenseitiger Unausstehlichkeit spielten? Waren es dämonische Kräfte, die sich gegenseitig maßen? Waren es Teufel, die in der Verruchtheit ihrer Wesen gegenseitig Halt suchten? Führt der Zufall nicht manchmal Menschen zusammen, um sie gegenseitig als Werkzeug ihres Untergangs zu gebrauchen? Ist die scheinbare Gesetzlosigkeit nicht oft der eherne Zwang, der gestaute Konflikte zur Entladung bringt? Ist nicht oft die Wahrheit der Zünder, welcher katastrophale Explosionen heraufbeschwört, wenn zwei Wesen aufeinanderprallen? Die zwei Menschen gingen durch die Nacht, am Kanal entlang. Sie waren sich gegenseitig Verbrecher und Richter. Ihre Anklage war Wahrheit, ihre Verteidigung war Wahrheit und ihr Wesen war Spiel. Zwischen beiden ging die Strafe, bereit, einem jeden ihr Bündnis anzutragen.
„Schade,“ sagte Arco Calvandi, „daß man einen treuen Gefährten wegen einer Frau, die man nun einmal durch die Tücke des Blutes liebgewonnen hat, im Stiche lassen muß. Ohne die Intrigen des Lebens wären wir zweifellos die besten Freunde. Es gibt doch eine Zeit im Leben, wo man die Liebe über die Freundschaft setzt.“
„Ich weiß nicht, ob die Freundschaft, von der Sie reden, wert ist, daß man sie lobe, um die Liebe, die Sie meinen, damit zu vergleichen. Es gibt eine Freundschaft des Blutes und eine Liebe der Gesinnung, welche beide verschwistert sind und das Wesen eines platonischen Hausfreundes ausmachen. Sie nennen mich Freund. Auch Judas hat Christus den Freundeskuß gegeben.“
„Und der allwissende Christus ließ sich von Judas küssen. Doch hören Sie, Freund, wir sollten uns vor der Trennung zu verständigen suchen. Armida war unser beider Schicksal und einer muß dem Schicksal immer weichen. Von zwei Thronprätendenten kann nur einer die Krone erhalten. Ich sehe mich als den Würdigsten an, weil Armida die Wahl zu meinen Gunsten entschieden hat. Die Ehe ist für fertige Männer und ich kann in der Ehe ein zweites Leben gewinnen.“
„Ich bin noch kein fertiger Mensch und habe bereits ein Leben verloren. Ein keimendes Leben habe ich der Gesellschaft geopfert. In einem Augenblick habe ich über ein Leben entschieden. Ich staune selbst, wie schnell ein Urteil sich zur Tat bildet. Ein Leben durchs Jawort des Triebes entstanden. Ein Leben durchs Jawort des Willens vernichtet ... Es ist wie die Synthese des Lebens.“
„Sie sind ein Mörder am frühen Geschlecht? Sind Sie der seltsamen Karte verfallen?! Eckstein-Zwei – und die schwangere Deutung.“ Er lachte. „Sie haben ein Leben vernichtet. Dann sind Sie ein Held. Nur Helden töten! Wer lebendig macht, darf auch töten. Ein Schöpferwort! Ein Vernichtungsurteil. Ich werde ein Apostel Ihrer neuen Moral. Ihre Thesen sind heilig durch die fatalkräftige Prophetie von Tante Telluren. Mir fällt ein, daß ich Lust empfand, die Tante zu einem Antiquar zu führen – doch keinen banalen Spaß. Es gibt Gelegenheit genug, über Ernstes zu lachen. Ihre überzukünftige Moral gefällt mir. Töten, wenn ich will; in einem Augenblick entscheiden, das ist ein Mann! Auch meine Karte hat mir Tod verkündet. Wie sprach die Tante ganz ulkig von meinem Tode: Ein Toter hängt an einem Weidenast, derweil ein lachender Affe mit dem Weihrauchfasse um die Leiche springt, um einem Krebse auszuweichen, der seine Scheren nach ihm zwickt. Wenn Ihr Gewissen nicht hinter dem Lachen verborgen läge, könnte ich es leicht mit dem zwickenden Krebse vergleichen. Sie wären der hüpfend-lachende Affe, der mich mit Weihrauch beräuchert. Die Totenopfer beräuchern, ist die höchste Tugend. Oh, gewiß! ich werde ein Apostel Ihrer neuen Moral.“
„Sie könnten auch ein Märtyrer werden! Ich liebe den perversen Teufel, der aus Ihnen spricht. Wir ergänzen uns würdig. Ich bin die verbrecherische Tugend und Sie das tugendhafte Verbrechen. Wir sind nur durch eine feine Nuance verschieden. Das Gewissen ziert keinen Kulturmenschen mehr, Verbrechen und Tugend sind die Früchte derselben Moral. Ich liebe Sie, Herr Arco Calvandi, weil Sie mein Wesen sind: nur mit der Brutalität der Empfindung behaftet. Ich hasse Sie, Herr Arco Calvandi, weil Sie mein Wesen sind: nur frei vom romantischen Hauche der Sehnsucht.“
„Wir fließen ineinander über und können uns doch nicht in Armida einen. Sie sind ein seichter, zielloser Strom und führen den Unrat des Lebens mit. Eine Last schwimmt mit Ihnen, und Sie reißen das Schiff in den Stromschnellen fort, aber das Schiff wurde leck, als es über die Untiefen raste und es sank im ruhigen Flusse des Stromes. Sie konnten das Sinken nicht hindern. Sie hatten die Schnelligkeit ohne die Tiefe. So ist Ihr Wesen ein verlorenes Sein. Ihr Streben ein zielloses Irren. Ihr Tun ein ruchloses Handeln – ich spreche von unserem gemeinsamen Wesen. – Der Haß ist Ihre Liebe zu mir: Der liebende Haß, die neue Moral. Sie stehen an meinem Wege und lachen ... Sie gehen mit meiner Leiche und singen, Sie stehen an meinem Grabe und grinsen ... Sie trinken auf mein Wohl und wünschen mir Gift in den Becher, aber ich weiß alles zu deuten – ich spreche von unserem gemeinsamen Wesen. Bruder, sage ich zu dir, wie Judas zu Christus, Bruder, ich liebe dich!“
„Ich bin Christus, der die Welt erlöst, um sterben zu können. Den Fluch, den er Ahasver tat, hat er am Kreuze durch Tod gesühnt und sein weltflüchtiges Wesen geopfert. – Ich entgegne deinen Bruderkuß und sage dir, Bruder, ich liebe dich.“
Da griff eine Hand aus dem Dunkel nach Arco Calvandi. Ein scharrender Fall, ein Keuchen wie fernes Saugen, dann lähmende Stille wie ein böser Traum.
Am Morgen trug man eine Leiche ins Totenhaus.