Verbrechen und Tugend sind die beiden Pole der gesellschaftlichen Moral. Die Sitten sind die Strömungen zwischen beiden.
Nachmittags, als Jappes in Saßnitz ankam, lag das Meer lauernd wie vor einer großen Katastrophe. Der Wind, der gegen die Wellen blies, glättete die Wogen und ein körniger Rieselschauer überlief von Zeit zu Zeit die glatte Fläche. Er ging den Weg, den er einst mit dem Fremden gegangen – gegen Stubbenkammer, wo das Meer braust und die Felsen öde sind. Er konnte sein Lachen nicht deuten, als er an Calvandi dachte, der ihn zum zweitenmal ans Meer getrieben. Heute war er nicht vor ihm geflohen, keine Flucht vor einem Menschen, gegen welchen er nicht ankämpfen wollte, wie damals, als Armida ihm den Laufpaß gab.
Heute fühlte er sich frei, er wußte, daß er nicht feige war, er war friedlich von dem Toten gegangen, hatte ihm alles verziehen und das Röcheln seines Opfers als Sühne genommen. Er hatte ihm den größten Dienst getan und ihn aus Liebe getötet ...?! Er trank die frische Meerluft mit gierigen Lungen. Der herb-tote Meergeruch stärkte ihn und mit tiefen Zügen trank er den Atem des Meeres.
Bruder, ich liebe dich! er brüllte es laut, daß die Felsen erschauerten und das Echo in seine Seele warfen. Als die Abendschatten sich unter die schwindenden Lichter des Tages mischten, war das Meer eine unendliche opalisierende Fläche und das Grau bewirkte das Empfinden der krankhaften Ruhe des Wassers. Jappes ging den einsamen Pfad, zwischen den ragenden Sandmauern und dem lauernden Wasser. Saß an der Stelle, wo er mit dem Fremden gesessen, saß in Gedanken und starrte ins Meer. Da kam ein leises klirrendes Geräusch, wie von rollenden Kieseln, und der Fremde saß vor Jappes auf dem Stein. Er trug den grauen Mantel und die graue Tasche und grüßte: „Bruder, ich liebe dich, ich erkenne dich an deinem Blick, du hast aus Lust gemordet, wie ich aus Lust morden wollte. Du warst glücklicher als ich. Dein Opfer hat sich nicht gesträubt. Ich habe immer vom Glück der glücklichen Mörder geträumt. Doch mir will kein Mord gelingen. Vielleicht verstehe ich nicht, die Schuld meiner Opfer zu schaffen. Man erschafft die Schuld seiner Opfer, wenn man sich selbst zum Richter über sie setzt. Ich bin gekommen, von dir zu lernen, mein Bruder.“
Jappes wollte sich auf den Fremden stürzen, als er aber die Worte hörte, die er sprach, fühlte er, wie die Lähmung durch seine Glieder floß:
„Ich habe nicht gemordet, grauer Fremdling, ich habe getötet, den Widersacher meines Blutes habe ich getötet. Ich habe ihn aus Haß gegen mich getötet, weil er mein ruchlos stärkeres Wesen war. Mein Recht dazu kann ich in keine Form fassen, auf einmal war die Lust da und die Kraft und der Wille ... aber kein Gedanke an die Schuld, der ich dadurch hätte verfallen müssen. Sein Tod war Erlösung für mich und für viele, deren Sünden er trug. Er war rein wie der Heiland, nur durch den Umgang mit Menschen hatte er all ihre Sünden auf sich genommen. Ein Mensch begeht keine eigenen Sünden, er trägt nur die Sünden der anderen und kann nur durch andere Erlösung finden. Ein jeder ist Schächer, ein jeder Erlöser ...“
Da stockte Jappes und der Fremde gebot ihm: „Erzähle mir weiter von Sühne und Schuld.“
„Bruder, grauer Bruder,“ fuhr Jappes fort. „Vielleicht bin ich nicht ganz makellos, denn ich fühle, wie ich freier werde, wenn ich dir von der Schuld erzähle. Ich habe nie eine Sünde begangen, aber ich trage eine schwere Sünde. Die Sünde eines Mädchens, die Sünde einer Zukunft. Durch die Berührung mit Menschen gehen deren Sünden auf uns über und wir verfallen ihrer eigenen Schuld. Ich bin Christus und trage mein Kreuz und mich begleitet viel Volk, mit mir ihre Sünden zu töten. Christus war ein Mensch mit unendlichen Träumen, sonst hätte er die Menschheit nie erlösen können, denn die Menschen sind Träumer, ihre Verbrechen sind Träume und unbewußtes Geschehen. Vom Tode Calvandis bin ich frei, denn ich habe durch ihn meine Schuld gesühnt: Wäre er nicht zwischen mich und Armida getreten und hätte für mich sein Leben versündigt, wahrlich, ich hätte ihn nicht töten dürfen, so aber war sein Leben meine übernommene Schuld und sein Tod meine Sühne ...“
Der Fremde lachte mit unheimlich heiserer Stimme. „Du glaubst, daß die Menschen ein Anrecht auf Schuld haben ... und keiner eigenen Sünde fähig sind?“
„... Wir haben alle ein Anrecht auf Schuld, aber wir sind keiner Sünde fähig. Kein Mensch will sein eigenes Ich beflecken und weil er nicht will, kann er auch nicht. Christus hat keine Sünde begangen, konnte nicht fehlen, weil er nach göttlichem Willen nicht wollte. Und doch hat er seine Umwelt am Kreuze mit blutigem Opfer erlöst. Die Juden, die Christus töteten, wurden die Träger der ungeheuren Schuld und müssen sie durch die Jahrtausende schleppen. Eine Schuld ist erst gesühnt, wenn der letzte Träger derselben vernichtet ist und ohne die Kreuzigung hätte Christus die Welt erlösen können. So aber haftet der Fluch der Welt den Juden an. Erst wenn der letzte Jude vernichtet ist, kann die Welt frei von Schuld sein ...“
„Die Menschen sollten sich hüten, die Juden zu töten, weil sie sonst die Schuld nur verschieben. Du meinst die Vererbung der sittlichen Schuld, und du rechtfertigst dein Tun mit den Sünden der anderen! In was besteht denn deine Schuld?“
„... Einerseits rechtfertige ich mein Handeln und andererseits verdamme ich mein Tun durch ein und dasselbe. Meine Schuld ist zu groß, ich wage sie nicht auf andere abzuwälzen“ – dann zog er ein Zeitungsblatt hervor und las: „Baden-Baden. Ein Münchener Gelehrter, der seit zwei Tagen hier zur Erholung weilte, hat aus Versehen bei seinem Sohn, der als Arzt amtiert, eine giftige Alkohollösung in eine Tasse Kaffee gegossen. Da die Wirkung des Giftes fast blitzartig eintrat, waren alle Gegenmaßnahmen erfolglos. Die Tragik wollte es, daß der Sohn den sterbenden Vater in seinen Armen verscheiden sah, ohne ihm Hilfe leisten zu können. – Den trauernden Hinterbliebenen unser innigstes Beileid.“
Er faltete das Blatt sorgfältig zusammen und riß es in kleine flatternde Fetzen:
„Das ist das Verhängnis meiner Schuld,“ sagte er zu dem Fremden. „Ich kenne den Gelehrten, er hat ein Mädchen verführt und sich nun selbst als Opfer seiner Schuld gebracht. Er wurde ein Opfer der Vererbung der sittlichen Schuld. Das Mädchen war die Frucht einer Verführung und der Gelehrte hat die Schuld der Vererbung durch eine neue Verführung übernommen. Die Verführte büßt ihre Schuld und bringt dafür das Opfer ihrer Mutterschaft. So ist sie entsühnt. Der Verführer trägt die doppelte Schuld. Ich habe den Verführer vernichtet und er hat die dreifache Schuld auf mich abgewälzt. Die ungeheure Lage der Schuld gibt mir die Kraft, mit dir darüber zu reden. Du bist ein beruflicher Mörder. Erlöse mich! ... Töte mich!“
Da floh der graue Fremdling mit lachendem Abscheu.
Jappes erwachte aus seiner Betäubung und dem Winde, der übers Meer blies, streute er die Fetzen, die Fetzen.